Osterfeuer auf dem Tönsberg

Arbeit für die Jugend: Ein Fichtenstamm wurde gebraucht, um in der Mitte des Stapels aufgerichtet zu werden.

Wer seinen Osterspaziergang so einrichtet, daß er beim Dunkelwerden auf einer unserer Bergkuppen steht, hat fast überall in unserem Gebiete ein prächtiges Bild vor sich: Sobald es anfängt zu dämmern, leuchtet ein Feuer auf, bald folgt ein zweites, ein drittes. Und wenn wir unseren Standpunkt richtig gewählt haben, so können wir schließlich die lodernden Holzstöße kaum noch zählen. Einige dieser Feuer fallen besonders auf, das sind die Großen im Lande. Das auf dem Tönsberge bei Oerlinghausen gehört dazu. Ein alter Oerlinghauser erzählt aus der Zeit vor 1900.

„Nur wer groß war, durfte ausnahmsweise schon mit neun Jahren -schlürn- (schleppen).

„Ja, ja, früher waren wir nicht so üppig wie heute. Mit Traktoren das Zeug anfahren und dann mit Benzin begießen, das gab’s nicht. Früher waren wir froh, wenn wir vom Krämer 1 Liter Steinöl hatten; und das war noch dazu mitunter mit Wasser verdünnt! Aber schöner war es früher doch!“
Wollen Sie uns davon nicht mal etwas erzählen?“ Ja, proste Mahlzeit! Daß ich in die Zeitung komme!“ „Na, das wäre am Ende doch nicht das erste Mal! Als Sie sich verlobten, haben Sie doch auch drin gestanden.“
Da mußte er lachen und in dieser Stimmung gab er allerlei zum besten, was hier zum Nutz und Frommen des geneigten Lesers abgedruckt steht.

Früher mußte man 10 Jahre alt sein, ehe man sich an dem Zusammentragen von Reisig, Bäumen, Teertonnen und wie die Herrlichkeiten alle hießen, beteiligen durfte. Die jüngeren waren eben noch nicht flink genug und ließen sich möglicherweise ertappen. Nur wer besonders groß und kräftig von Gestalt war, durfte ausnahmsweise schon mit 9 Jahren „schlürn“ (schleppen). Zu diesen Glücklichen gehörte ich auch. Zuvor wurden wir einigen Proben im Laufen unterzogen. Klappte dabei alles, dann konnte die Geschichte losgehen, wobei mancherlei Verhaltensregeln verzapft wurden. Wenn z. B. der Gendarm kam – „M-frittken“ von uns genannt -, galt es, sich eiligst nach allen Himmelsrichtungen zu zerstreuen, damit er keinen erwischte. Auf keinen Fall durfte dabei die Richtung nach dem elterlichen Hause eingeschlagen werden.
Und woher bekamen wir das Holz? Nun, die Stellen, wo nach unserer Meinung das Holz nutzlos war, gab es überall! Diese waren schon im Frühjahr ausgekundschaftet. Etwa 6 Wochen vor Ostern wurde dann mit dem „Schlürn“ begonnen, und zwar an einem Sonntage, da dann alle Jungen Zeit hatten. Die Eltern sahen übrigens unser Treiben nicht gern, vor allen Dingen dann nicht, wenn die jüngeren noch einen guten Anzug besaßen und die größeren mit dem Konfirmationsanzug bekleidet waren. Mein Freund Karl zog deshalb mit Vorliebe über die Konfirmationshose eine alte Maurerhose, die er von seinem älteren Bruder ohne dessen Wissen entliehen hatte.

Neben dem Windmühlenstunmpf auf dem Tönsberg wird das Osterfeuer aufgeschichtet.

Ein großer Braken diente als Wagen, und man türmte soviel, wie eben möglich obendrauf. Wenn dann alle ihren „Wagen“ bepackt hatten, zog die Karawane los, eine mächtige Staubwolke hinter sich lassend. Aber nicht immer kam man glücklich bis zur Osterfeuerstelle. Wir mußten nämlich durch Gegenden hindurch, wo andere Jungen ebenfalls im Begriff waren, sich ihr Feuer zu machen, und die interessierten sich merkwürdigerweise außerordentlich für unserer Hände Arbeit. Anfangs fielen nur leicht beleidigende Äußerungen, wie „dat es jo blaut ’n Kreiggenschitt!“, bis die Plänkelei in reguläre Tätlichkeiten überging. Wir Jungen fürchteten uns vor den großen Kerlen, aber unsere Vierzehnjährigen verteidigten sich und uns wie die Löwen. Wer dabei weinte, durfte nicht wieder mit! Einmal überraschte uns auch der Gendarm. Ein Großer war gerade im Begriff, einen Überständigen, den er abgesägt, auf seine Schulter zu heben. Wie der Wind waren wir nach allen Himmelsrichtungen auseinandergeeilt und gelangten auch wohlbehalten am Feuer an; und, siehe da, am Montagmorgen war richtig auch der Baum da! So ging es bis Palmsonntag. – Vom Gründonnerstag bis Osterabend herrschte gewöhnlich Hochbetrieb. Dann gaben auch wohl die älteren Leute ihr Scherflein, meist 1 Pfg., wenn’s hoch kam auch wohl 2! Auch Bundholz, alte Bretter, Teerpappe und Reisig waren willkommene Gaben. Zudem erhielten wir vom Dachdecker als höchsten Schatz eine Teertonne, die, auf einen Baum gestellt, die Krone des Feuers bildete.
Unsere Kriegskasse enthielt meist 24 Pfennige, die gerade für 1 Liter Petroleum reichten. Manchmal waren wir aber auch üppig und kauften für 2 Pfennige Bolchen. Die bekamen aber die Großen. Am 1. Ostertage und am Ostersonnabend mußten wir mächtig auf der Hut sein. Dann lag einer besonders starken Mannschaft die Bewachung des Feuers ob. Kam es doch nur zu häufig vor, daß Jungen eines Nachbarfeuers bei uns Umschau hielten, ob nicht dieser oder jener Baum aus ihrem Reviere stammte, den wollten sie dann merkwürdigerweise immer wieder holen. Das führte dann mitunter zu Plänkeleien, die nicht immer zur Zufriedenheit der Beteiligten abliefen. Selbst in den Mittagsstunden des Ostertages konnte das Feuer nicht unbewacht gelassen werden, ein betrübliches Zeichen, wie tief die Moral bei unseren Nachbarn gesunken war.
Fiebernd vor Sehnsucht erwarteten wir nun den Hereinbruch der Dunkelheit. Doch mit dem Abbrennen des Holzstapels hatte es noch gute Weile. Niemand wollte der erste sein. Das war Ehrensache. Um die Nachbarn zu täuschen, besorgten wir uns in der Dunkelheit noch schnelle sehr trockenes Reisig vom kleinen Tönsberge, und, wenn der Haufen groß genug war, wurde er abseits vom großen Feuer angezündet. Lichterloh schlugen die Flammen gen Himmel. Nun glaubten die Nachbarjungen das große Feuer brenne und zündeten auch das ihrige an, zu unserer großen Freude. Unser Holzstapel wurde erst zu vorgerückter Stunde, etwa gegen 9 Uhr abgebrannt und zwar folgendermaßen: Nachdem das eine Liter Petroleum von Sachkundigen untersucht war, ob der Krämer nicht etwa dem Steinöl Wasser zugefügt hatte, kletterte ein Junge auf die Spitze des Haufens und goß es gleichmäßig über den Stapel. Das Recht, diesen anzuzünden, nahm Teide, ein älterer Mann, ohne weiteres für sich in Anspruch. Die ganze umstehende Jugend sang dazu immerfort nur eine inhaltschwere Strophe: „Das Feuer, das brennt so sehr!“
Um ein allzu schnelles Erlöschen des Osterfeuers zu vermeiden, fingen wir Jungen wieder an von den benachbarten Teilen Holz zusammenzutragen, bis dann endlich, gegen Mitternacht nur noch ein Haufen Holzkohle übrig blieb. Dieser gehörte rechtsmäßig dem Besitzer des Grund und Bodens. Doch schien die Holzkohle auch von andern Leuten als Düngemittel geschätzt zu sein; denn es ist einmal vorgekommen, daß ein großer Teil derselben entwendet wurde, und das in der Osternacht!

Rektor Hermann Diekmann, 1930