REELKIRCHEN — Gegenwärtige Vergangenheit

Eingang zum Wasserschloss in Reelkirchen. Von Nikater (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Es gehört sicherlich nicht zum Alltäglichen, daß sich „Neugierige“ in Reelkirchen1Reelkirchen (700 Einw.), durch d. Gesetz z. Neugliederung des Kreises Detmold v. 2. 12. 1969 mit 18 anderen Gemeinden zu einer neuen Gemeinde mit der Bezeichnung „Stadt Blomberg“ zusammengeschlossen. sehen lassen! Was sollte wohl auch zu einem Besuch dieser heute noch (!) stillen Siedlung an den nördlichen Ausläufern des „Beller Holzes“ anregen? — Die alte Kirche, so wird den Kurgästen im nahen Bad Meinberg von den rührigen Wanderführer Hubertus Brennig immer wieder versichert, sei sehenswert; aber, deren gibt es ja, wie wir wissen, viele landauf, landab; vielleicht sogar schönere und auch solche „von höherem geschichtlichen Rang“. Und, was das D o r f b i l d angeht, so sind sich auch die Einheimischen im klaren darüber, daß Reelkirchen nicht zu den „Schönen unter den Töchtern des Landes“ gehört.

(Wobei rasch hinzugefügt sein mag, daß diese kluge Einsicht dem Zugehörigkeitsgefühl der Ortsansässigen zu ihrem „Reelkerken“ erfreulicherweise nicht den geringsten Abbruch tut!)

Wer sich nun aber doch in Reelkirchen umsehen möchte — mit der Frage etwa, was es mit dem einstigen „Relinkerke“ (zuzeiten auch „Reylenkerken“ genannt!) auf sich hatte und was heute noch, im ausgehenden 20. Jahrhundert, an frühere Epochen erinnert, der sollte cs sich mit der Antwort nicht allzu leichtmachen! Er darf also nicht mit einem flüchtigen Gang durch die Mittelstraße und einem Blick auf die schon erwähnte Kirche der cvang.-reformierten Gemeinde Reelkirchen zufrieden sein, sondern muß versuchen, wenigstens an einigen Stationen des langen Weges durch die Jahrhunderte haltzumachcn und dabei auch das eine oder andere über die „Anfänge“ zu erfahren. — Daß die ortsgeschichtliche Forschung zur Frage der ersten Siedlungs-Ansätze nicht mit verläßlichen Daten aufwarten kann, braucht bei dem Alter Reelkirchens nicht zu überraschen.

Blick in das Innere der Kirche zu Reelkirchen

Ob also die kirchlicherseits für die Zeit um 900 n. Chr. hier vermutete Errichtung eines „christlichen Stützpunktes“2„Die Katholische Kirche in Lippe“ (Festschrift 1952 — Paderborn) an eine bereits vorhandene Siedlung geknüpft war, oder ob die Geburtsstunde unseres Reelkirchen mit seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1194 zutreffender angegeben ist, wird kaum zu klären sein. — Umso wertvoller waren die Bemühungen Heinrich P l ö g e r s3Heinrich Plöger, Lehrer in Reelkirchen von 1927 bis 1964., der in langwieriger Arbeit alles erreichbare ortsgeschichtliche Schriftgut zusammentrug und ordnete, um, so könnte man sagen, „zu retten, was noch zu retten war“, in eine Zeit hinüberzuretten, deren Menschen zu sehr von Gegenwarts- und Zukunftsproblemen „erfaßt“ sind, als daß ihnen dabei nicht die Verbindung zum Gewesenen immer mehr verloren ginge. So ist cs für den, der über dieses „Gewesene“ mit den Älteren im Ort ins Gespräch kommen möchte, erfreulich zu beobachten, daß im „Bedarfsfälle“ der „PLÖGER“4H. u. B. Plöger, REELKIRCHEN. Geschichte eines lippischcn Kirchdorfes. (1967) zur Hand genommen wird. Keine nüchterne Ortschronik, die sich in der Aufzählung von Daten erschöpft!

Ein Spiegel vielmehr, der alle Lebensbereiche trefflich reflektiert. Da erscheinen also einige der ersten Siedler, wie de aule Jacob oder de lütte ke Bernd ebenso wie die Pfarrherrcn, die Küster und die Lehrer; und sie alle sind mit ihrem Wirken, ihren Verdiensten, aber auch wohl mit weniger lobenswerten Eigenschaften aufgeführt. — Zum rechten Verständnis dessen, was die Plöger-Chronik auf über 230 Seiten vor uns ausbreitet, gehört es wohl, daß sie a n Ort und Stelle gelesen wird; daß sec da gelesen wird, wo uns die Nachfahren eines Falken Hermann oder eines Hans Caspar Krugküster im „Alten Krug“ über die Schulter sehen, wo Werner Dux (80) und Wilhelm Deppe (66) dem Besucher gern mit ortsgcschichtlichen Auskünften zur Verfügung stehen. So war es auch, als wir uns an der Straße nach Tintrup auf dem E h l e r t ’schen Hofe nach dem 300 Jahre alten Gebäude umsahen, das sich seiner Baufälligkeit zu schämen scheint und sie — nach der Straßenseite — durch einen dichten Efeubewuchs verdecken möchte. Immerhin: In der Balkeninschrift über dem Toreingang sind unter einem erbaulichen Sinnspruch die Jahreszahl 1680 sowie die Namen Hans Arend und HS Brökers ohne besondere Schwierigkeiten lesbar. — Die beiden Ortskundigen (wir haben sic schon vorgestellt!) sind mit diesem unserem „Fund“ offenbar nicht recht zufrieden und beeilen sich denn auch, auf ansehnlichere Gebäude aufmerksam zu machen:

Auf das Haus Nr. 12 etwa, ein freundliches Fachwerkhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert, dessen umfängliche Balkeninschrift von der tiefen Religiosität seiner Erbauer, Simon Jobst E y l c r t und Anna Maria Alberts, zeugt; oder auf das Haus Nr. 13, mit der Jahreszahl 1785 und dem Namen seines Erbauers, Tönies Obertopp. — Die Chronik belehrt uns darüber, daß Meister Obertopp eine vielseitig begabte, fortschrittliche Persönlichkeit war. Nicht nur als Zimmerer und Stellmacher, auch als Berater in kirchenbaulichcn Angelegenheiten ist er hervorgetreten und wird seinem Pfarrherrn Johann Heinrich Friedrich Schönfeld manche wertvolle Hilfe geleistet haben, wenn es darum ging, dessen Planungen mit dem Sachverstand und dem Blick des Praktikers zu prüfen.

Mit der Erwähnung des Namens Schönfeld sind wir unversehens im kirchlichen Bereich Reelkirchens angekommen. Genau genommen, ist das, was wir hier den „kirchlichen Bereich“ nennen, kaum gegen einen anderen Bereich abzugrenzen! Das gilt einmal für das Gotteshaus und seinen weiträumigen Kirchhof (sie sind beide im wahrsten Sinne des Wortes in das Dorf „eingebettet“), zum anderen aber gilt es für das Wirken der Ortsgeistlichen: Es beschränkte sich nicht auf die Seelsorge „von der Kanzel aus“, sondern wurde auch im Alltag, im sehr nüchternen Alltag, spürbar und — dankbar aufgenommen. An diese enge Verknüpfung des kirchlichen Amtes mit der tätigen Teilnahme an den familiären und wirtschaftlichen Sorgen der Gemeindcglicdcr zu erinnern — cs ist in besonderem Maße ein „IN MEMORIAM I. H. SCHOENFELD“! Mit der in Reelkirchen nach ihm benannten Straße und dem Gedenkstein an der Nordseite der Kirche „lebt“ der verdienstvolle Pfarrherr weiter in seiner Gemeinde, die er 6 Jahrzehnte hindurch so vielfältig betreute. — Wenn wir uns schon an mehreren Stellen unseres Weges durch Reelkirchen einer immer noch sehr gegenwärtigen Vergangenheit bewußt wurden, so trifft das gewiß auch auf diese Begegnung mit dem „alten Schönfeld“ zu, wie man ihn in seinen letzten Lebensjahrzehnten zu nennen pflegte.

Umgeben vom Wassergraben und starken Mauern: Das Herrenhaus

Mit einem hellen Stundcnschlag vom Turm meldet sich nun die Kirche zu Wort; als Seniorin unter den Baulichkeiten des Ortes hatte sie wohl zu lange auf unseren Besuch warten müssen! — Leider weiß sie ihr Alter nicht genau anzugeben, aber wir dürfen annehmen, daß sie mit ihrem Turm, dem wohl ältesten Bauteil, bereits im 14. Jahrhundert die Funktion einer Wehrkirche wahrgenommen hat. Und so wurde erst bei Eintritt ruhigerer Zeiten aus dem „(ver-)bergenden Raum“ — im wörtlichen Sinne — eine Stätte der Geborgenheit, an die sich die christliche Gemeinde zum Gottesdienst zurückzog. Dieser Weg von den „unruhigen“ zu den „ruhigeren“ Zeiten war ein weiter Weg; er war kein gradliniger Weg; immer wieder wurde er in schlimmen Kriegszeiten unterbrochen, und es ist hier an jene Epochen zu denken, in denen die Reelkirchencr die Stille ihres Gotteshauses suchten, um hier in inbrünstigem Gebet eine Linderung ihres Leides zu erflehen; ihres Leides, das ihnen von ungezügelter Soldateska während des Dreißigjährigen und des Siebenjährigen Krieges mit Plünderungen und Brandschatzungen zugefügt wurde.

Durch das Nordportal, über dem in einem Bogcnfcld (sog. „Tympanon“5Tympanon (griech.) = Bogenfeld eines Portals. (die Fläche zwischen dem Türsturz und dem darüberschwingenden Halbbogen)) der einstige Schutzheilige LIBORIUS mit Bischofsstab und Evangelienbuch dargestellt ist6Der Hl. Liborius, Bischof von Le Mans, 4. Jahrh., Patron des Domes zu Paderborn; dort: seine Reliquien. (Liborifest im Juli), sind wir in das Kirchinnere eingetreten und wissen uns hier sogleich mit all’ denen einig, die der Schlichtheit des „bergenden Raumes“ gegenüber der „ablenkenden“, ja, oft verwirrenden Vielfalt im optischen Angebot so vieler Sakralbauten den Vorzug geben. Wohl wissen wir um die überwältigende Wirkung prachtvoller Kathedralen, in denen ein Michelangelo, ein Raffael oder ein Balthasar Neumann mit ihrer genialen künstlerischen Gestaltungskraft zu Wort kommen; hier aber — in der bescheidenen Dorfkirche zu Reelkirchen sind wir auf ganz andere Art angesprochen: Hier sind wir aufgefordert, uns der Stille anzuvertrauen und den Blick auf Altar, Kanzel und Taufstein ruhen zu lassen. — Mit den Jahreszahlen an Taufstein und Kanzel (1607 und 1667) erfahren wir nicht nur das Alter der beiden Kostbarkeiten, es verbindet sich mit diesen Daten zugleich die Erinnerung an eine für Reelkirchens Geschichte bedeutsame Epoche: Mit Adolf Latomus stand zum ersten Male (1602/ 1643) ein reformierter Pfarrer auf der Kanzel, und mit ihm hatten die Reelkirchener die längste Zeit des Dreißigjährigen Krieges durchzustehen. Wenn dieser Krieg mit den Friedensschlüssen im Jahre 1648 endete, so bedarf es eigentlich keines besonderen Hinweises darauf, daß sich seine

Nachwirkungen noch Jahrzehnte hindurch in der Lebenshaltung einer gequälten Bevölkerung bemerkbar machten. In der nüchternen Geschichtsschreibung liest sich das sehr einfach: „Verwüstung Deutschlands und Verarmung des Bürger- und Bauernstandes“. — Umso bemerkenswerter ist da die chronikale Aufzeichnung aus 1667: „. . . und stiftete eine neue Kanzel“. Von Amelung Grothus (en) ist hier die Rede, Pfarrer zu Reelkirchen von 1660 bis 1687! Die Stiftung einer neuen Kanzel, 19 Jahre nach Kriegsende — wir dürfen es wohl als den sichtbaren Ausdruck eines zuversichtlichen Neubeginns werten, nach einer Zeit, die den Glauben an ein göttliches Walten zutiefst erschüttert hatte. — Von geradezu „jugendlichem“ Alter ist da der Abendmahlstisch; erst seit 20 Jahren übt er seine einladende Funktion aus. Im wahrsten Sinne des Wortes ein „altarc fixum“, unverrückbar feststehend in der Mitte des Chorraumes, respckthcéischend und — einladend zugleich!

Philippine Freifrau von Mengersen

Wappen des Geschlechts von Mengersen

Die eingangs gestellte Frage, was heute noch, im ausgehenden 20. Jahrhundert, an das einstige „Relenkerke“ erinnert, hätte eine erschöpfendere Antwort verdient, als wir sic im Rahmen dieser ortsgeschicht- lichen Betrachtung geben können. Das kommt uns so recht auf dem Wege zu Reelkirchens Wasserburg zum Bewußtsein, wo Philippine Freifrau v. Mengersen7Philippine Freifrau v. Mengersen, geb. Gräfin Deym, Ww. d. i. J. 1971 verstorbenen Dr. jur. August Frh. v. Mengersen im alten Herrenhause „residiert“ und wohl mit Recht erwartet, daß immer dann, wenn über Reelkirchen gesprochen oder geschrieben wird, der Name von Mengersen den ihm zustehcnden Platz findet. Mit Takt und einem Schuß Wiener Charme („Ich pendle zwischen Reelkirchen und Wien!“) weiß die Baronin die Wissenslücken ihres Gesprächspartners zu überbrückcn und „wandert“ mit ihm ins frühe 16. Jahrhundert, genauer: in das Jahr 1521, als der Bischof von Paderborn die Lehnsanwartschaft auf Reelkirchen an Hermann v. Mengcrsen erteilte. Wir erfahren, sozusagen „aus erster Hand“ und überdies an historischer Stelle (!) vom vielfältigen Wirken derer von Mengersen; sei cs, daß sie im Dienste der Kirche standen, sei es, daß sie einflußreiche Stellungen in landesherrlichem Auftrag wahrnahmen, sei es, daß sie hohen Offiziersrang bekleideten. — Philippine v. Mcngersen spürt, daß wir uns auf unserem familiengcschichtlichen Streifzug mittlerweile zu weit von Reelkirchen entfernt haben, und so kehren wir denn von der Donau, wo Johann Moritz v. Mcngcrsen im Jahre 1717 unter Prinz Eugen bei Belgrad als Oberst gegen die Türken gekämpft hatte, auf den „Meierhof Reelkirchen“ zurück! Und damit sind wir wieder d a angekommen, wo Hermann v. Mengersen im Jahre 1550 für seinen Wirtschaftsbetrieb eine Fachwerk- Scheune errichtete, von der heute noch der Torbalkcn erhalten ist. Dessen Inschrift „Ao. Dni. 1550 vir strenuus Hermannus de Mengersen me fieri fecit “ kennzeichnet den Erbauer mit „vir strenuus“, was wir wohl mit „betriebsam“, „unternehmerisch“ oder „entschlossen“ zu übersetzen haben. —

Reelkirchen. — Gegenwärtige Vergangenheit? Denen, die sich die Mühe machen, die Vergangenheit in Reelkirchen zu entdecken, ist cs wie wir gesehen haben, gar nicht so schwer, diese Frage zu bejahen! Sie möchten ihre Eindrücke aber gern mit dem Zusatz ergänzen, daß Reelkirchen auch eine sehr lebendige Gegenwart anzubieten hat; sic stellt sich dem Besucher in einer Reihe moderner Straßenzüge vor, die sich mit einer Vielzahl ansprechender Neubauten gleichsam „schützend“ um den Ortskern gruppieren. Auch hier, in „Neu-Reelkirchen“ (wenn wir cs einmal so nennen dürfen!), ist noch ein Stück, wenn nicht alten, so doch älteren Reelkirchens anzutreffen: Wir meinen die Wiemannstraße, benannt nach August Wiemann (✝︎1951), dem verdienstvollen Lehrer und kundigen Wegweiser im heimatkundlichen Bereich.

Seiner auch an dieser Stelle, beim Abschied von Reelkirchen, zu gedenken — eine angenehme Pflicht!

Quelle: Heimatland Lippe 1979 – Von Konrad Küppers

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