Sachsen und Franken in Lippe

Rekonstruiertes Merowingerzeitliches Sachsenhaus im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen. By Grugerio (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Die Sachsenkriege Karls des Großen, die mit der für die deutsche Geschichte so wesentlichen und folgenreichen Einbeziehung des sächsischen Stammes in das christliche Frankenreich endeten, waren eine Folge der sächsischen Ausdehnung nach Westen. Im 6. Jahrhundert verteidigte sich der Frankenkönig Chlotar I. gegen sie, im 8. Jahrhundert waren es Karl Martell und König Pippin, die in Feldzügen bereits vor Karl in das sächsische Gebiet vorstießen. Bonifatius begann seine Missionstätigkeit bei Fritzlar im fränkischen, aber noch heidnischen Hessenland 719 in einem durch wiederholte sächsische Einfälle heimgesuchten Gebiet. Seit dem 7. Jahrhundert gemachte Versuche, das Christentum den Sachsen nahezubringen, hatten keinen Erfolg. Der Lebensbeschreibung eines dieser Missionare, des Angelsachsen Lebuin, verdanken wir die Nachrichten über die innere Verfassung des sächsischen Stammes am Vorabend des großen Krieges mit den Franken.

Der karolingische Königshof Altschieder zu dessen
Vorburg ein älterer sächsischerRingwall benutzt wurde.

Im Gegensatz zu den Franken, bei denen sich infolge ihrer Kämpfe mit den Römern eine monarchische Spitze ausgebildet hatte, gab es oberhalb der Gaufürsten nur eine Stammesversammlung zu ,,Marklo“ an der Weser, zu der jedoch nicht nur diese, sondern auch je 12 Vertreter der drei Stände des Adels, der Freien und der Liten aus jedem Gau erschienen. Zu erwähnen ist, daß eine sächsische grundbesitzende Oberschicht im Siedlungsbefund bisher nicht nachgewiesen werden konnte, und ebenso ist es eine offene Frage, ob die grundherrlichen Meier- oder Schultenhöfe1Der Meier oder Schulte (regional und zeitlich unterschiedliche Bezeichnung z.B. Amtmann, Amtschulze, Bauervogd, Drost) betrieb für den Grundherren einen Bauernhof, beaufsichtigte die ihm unterstellten Hörigen und zog von ihnen die Abgaben für den Grundherrn ein. über die fränkische Zeit hinaus in die sächsische Periode zurückreichen (Wrede). Träger des erbitterten Widerstandes gegen die Franken ist ein zäh am Hergebrachten hängendes sächsisches Bauerntum gewesen, das sich im Kriege einem Herzog unterordnete.

Dem ostwestfälisch-lippischen Gebiet kam in diesem Kampfe eine besondere Bedeutung zu, da die entlang der Lippe und dem Hellweg nach Osten bzw. vom Main her durch Hessen nach Norden geführten fränkischen Vorstöße auf die mittlere Weser und das ihr vorgelagerte, zur Verteidigung gut geeignete Bergland (,,Weserfestung“) zielten.

Von den prähistorischen Befestigungsanlagen sind von den Sachsen wieder benutzt worden die Herlingsburg und der Tönsberg, der auch noch fränkische Befestigungsanlagen erhalten hat. Kleine sächsische Rundwälle sind der von Altschieder und vielleicht auch die sogen. Polackenschanze bei Sternberg. Ein karolingischer Königshof, der die erwähnte kleine sächsische Burganlage als Vorburg mit einbezogen hat, liegt bei Schieder. Ins 9./10. Jahrhundert sind der Kleine Hünenring auf halber Höhe der Grotenburg und die seit dem 19. Jahrhundert historisierend sogenannte ,,Uffoburg“ bei Bremke datiert worden. Bei der Siekholzer Schanze hat man dagegen erst an einen mittelalterlichen Gutshof gedacht.

So wie zur Römerzeit in diesem Raum die genannten Schlachten im Teutoburger Wald 9 n. Chr., bei Idistaviso und am Angrivarierwall in der Nähe der Mindener Pforte im Jahre 16 n. Chr. geschlagen wurden, hat auch wieder eine Fülle wichtiger historischer Ereignisse des Sachsenkrieges Orte des Regierungsbezirks Detmold zum Schauplatz, angefangen 775 mit der Einnahme der Brunsburg bei Höxter, über die verschiedenen Reichsversammlungen bei Lippspringe und Paderborn, bis zum Besuch des Papstes Leo III. 799 in Paderborn und der Heeresversammlung in Lippspringe 804 beim letzten Sachsenzuge. Auch die Erinnerung an Widukind als den überragenden Führer im Kampf für die Freiheit und den alten Glauben des Sachsenvolkes hat hier (Enger) bodenständig Wurzeln geschlagen.

Von den historischen Schauplätzen des Sachsenkrieges läge auf lippischem Boden Medofulli (Midufulli), wenn die Beziehung auf Salzuflen erlaubt wäre, was Zweifeln unterliegt. Karl unterwarf 779, von der Lippemündung her kommend, alle Westfalen, rückte zur Weser vor, nahm ein Standlager in Midufulli, hielt sich dort einige Tage auf und empfing die Unterwerfung der Engern und Ostfalen. Es meldet keine Quelle, daß Karl die Weser überschritten hätte, was erfolgt sein müßte, wenn Uffeln bei Vlotho gemeint wäre. Auch aus sprachlichen Gründen wird diese Deutung bestritten; die Lokalisierung muß offen bleiben.

Die eine der beiden großen Feldschlachten des Jahres 783 fand statt bei einer Örtlichkeit Theotmalli neben dem Berg ,,Osneggi“, wo die Sachsen sich zum Kampf bereitgestellt hatten; die fränkische Überlieferung spricht von einem Siege Karls, doch auch davon, daß er nach der Schlacht das Heer nach Paderborn zurücknahm. Die Erwähnung des Osnings und Paderborns und die Übereinstimmung des Namens Theotmelli mit Detmold lassen keinen Zweifel, daß der Schlachtort bei Detmold zu suchen ist. mag er nun im Tal von Heiligenkirchen oder an anderer Stelle gelegen haben. Fragwürdiger ist die erst aus dem 16. und 17. Jahrhundert (Krantz, Stangefol) stammende Nachricht von der angeblichen Kapelle ,,Zur heiligen Hülfe“, die Karl zum Dank für den Sieg auf dem Osning erbaut habe. Der Paderbomer Historiker Schaten (t 1676) wollte diese in der Tönsbergkapelle bei Oerlinghausen wiedererkennen, und der Detmolder Archivar Clostermeier (1816) in einer vermuteten Vorgängerin der Kirche von Heiligenkirchen, die auf dem Königsberg zu suchen sei.

Sogenannte Hünenkirche hei Oerlinghausen, wohl Antoniuskapelle des 14.(?)15. Jahrhunderts, die dem ,, Tönsherg” den Namen gab. Getuschte Federzeichnung (von E. Zeiß) in der Landesbibliothek

Diese Nachrichten sind unbeglaubigt und zu sagenhaft, als daß man Gewicht auf sie legen dürfte.

Die Weihnachtsfeier Karls bei der sächsischen ,,Skidrioburg“ 784 war der erste Winteraufenthalt des fränkischen Königs in Sachsen überhaupt. Die fränkischen Reichsannalen haben in ihren beiden Fassungen die Örtlichkeit sehr umständlich und genau beschrieben: in einer Befestigung bzw. im Dorf Lügde (villa Liuhidi), an der Emmer im Gau Huettagoe (Waizzagaui) neben der sächsischen Befestigung Skidroburg (Skidrioburg). Man wird sich vorzustellen haben, daß in dem großen Waldgebiet an der Emmer damals Lügde der einzige besiedelte Ort gewesen ist. Einen befestigten karolingischen Königshof hat Nebelsiek in Altschieder nachweisen können, darüber hinaus, wie schon erwähnt, den besonderen Umstand, daß die kleine Vorburg ursprünglich eine selbständige sächsische Befestigungsanlage gewesen ist, die dann mit der karolingischen Hauptanlage verbunden wurde. Man kann also schwanken, ob die Ortsangabe ,,neben der Skidrioburg“ auf diese kleine sächsische Burg oder nicht doch auf die gut 4 km in Richtung Lügde entfernte Herlingsburg zu beziehen ist, die zwar schon aus älterer Zeit stammt, aber auch von den Sachsen wieder benutzt worden ist. Zuletzt hat sich W. R. Lange im Handbuch der Historischen Stätten für letztere Deutung entschieden. Auch dabei wäre nicht auszuschließen, daß Karl das Weihnachtsfest in Altschieder gefeiert hat und nicht in Lügde, was nach dem Wortlaut der Quellen ebenfalls vertreten wird. Solange die Prähistoriker es nicht ausschließen, daß der Königshof Schieder schon auf Karl zurückgeht, wird man sich ihn auch als Aufenthaltsort Karls Weihnachten 784 vorstellen dürfen.

Die in der Mitte des 12. Jahrhunderts auf Grund guter urkundlicher Quellen abgefaßte Lebensbeschreibung des Paderborner Bischofs Meinwerk (1009—1036) berichtet wörtlich zum Jahre 1023: Am 2. Januar weihte er (d. i. der Bischof Meinwerk) eine Krypta in seinem neuen Kloster (d. i. Abdinghof) zu Ehren des hl. Erstmärtyrers Stephan, stellte in ihr einen vom Papst Leo geweihten, von der Kirche Thietmelli (Detmold) herbeigeschafften Altarstein ansehnlicher Größe auf und legte verehrungswürdige Reliquien dieses Erstmärtyrers mit anderen Reliquien vieler Heiliger in ihm nieder. — Man hat Bedenken getragen, die Notiz auf Detmold zu beziehen. Aber Bischof Meinwerk verfügte auch noch in einem weiteren Falle über das Eigentum der Kirche in Thietmelli, bei der die Deutung Detmold nicht zu beanstanden ist, so daß auch kein Anlaß besteht, in Zweifel zu ziehen, daß im ersten Falle Detmold gemeint ist. Eine innere Unmöglichkeit liegt nicht vor, wenn sich auch, offenbar ausgehend von dieser einen alten Nachricht, ein ganzer Legendenkranz um den Papstbesuch gewunden hat mit mehreren weiteren angeblichen päpstlichen Altarweihen.

Übergangen haben wir bei diesem Überblick die Zerstörung der Irminsul im Jahre 772. Ihre Verknüpfung mit den Externsteinen ist eines der merkwürdigsten Beispiele für Entstehung und Dauerhaftigkeit moderner Legenden im hellen Tageslicht der Gegenwart. Gotthilf August Benjamin Schierenberg (1808—1894), ,,früher Kaufmann und Bürgermeister in Horn bei Detmold“, begeisterte sich für die reiche wissenschaftliche Ernte, die das 19. Jahrhundert als Frucht der Romantik auf den Gebieten der Germanistik und germanischen Altertumskunde einbrachte, und veröffentlichte von den 60er bis in die 90er Jahre eine Reihe von Schriften mit kauzigen Titeln wie etwa diesem: Die Götter der Germanen oder vom Eddarausch der Skandinavier und ihrem Katzenjammer (eine Stimme vom Teutoburger Walde), Detmold 1894. Er wurde der Schrecken der Philologen und der historischen Vereine seiner Zeit und hat sich seinerseits bitter über die ihm widerfahrene Behandlung beklagt im Schlusskapitel der genannten Schrift: Das Martyriumeines Dilettanten. Scherenberg hatte den Wunsch, bemerkenswerte Tatbestände der germanischen Altertumskunde um Hom und Bad Meinberg zu versammeln, und so wurden denn die Externsten zum Mittelpunkt der Eddalieder und Sitz Odins (,,Deutschlands Olympia“), zum Standort der von Kaiser Karl zerstörten Irminsul, ihre Grotte zu einem Mithrastempel des Varus, der Norderteich zum Schauplatz des von Tacitus erwähnten Nerthuskults, Baldurs Sitz war Bellenberg, auf Freias Kult weist der Name Freismissen hin, Marklo als große Malstätte der Sachsen lag zwischen Detmold und Meinberg usw.
Dieser herzhafte Unsinn erlebte, getragen von der völkischen Bewegung der 20er Jahre, durch Wilhelm Teudt eine Wiederauferstehung in seinen wesentlichen Teilen, und die lippische Landschaft wurde durch ihn mit weiteren angeblichen ,,germanischen Heiligtümern“ ausgestattet, die Externsteine mit Gestirnheiligtum, Kultstätte der Wintersonnenwende und Mysterienkult der Grablegung. So schön es wäre, so etwas auf lippischem Boden zu haben, so muß doch leider gesagt werden, daß keine dieser zum Teil grotesken Erfindungen nüchterner Kritik standhält. Um einen Teil von ihnen ist es still geworden, nur die Externsteine sind bis zum heutigen Tag ein Tummelplatz unbelehrbarer Schwarmgeister geblieben, die sich durch die Phantastin verblüffender Behauptungen gegenseitig den Rang ablaufen zu wollen scheinen.

Dabei bleibt es der Phantasie unbenommen, sich vorzustellen, daß die ragende Wucht der Steine im Dunkel des Waldes auch auf den Menschen der Frühzeit nicht ohne Wirkung geblieben sein wird, so daß er hier die Anwesenheit der Götter ahnen und ihnen Opfer darbringen mochte, nur durch irgendwelche Spuren nachweisen ließ sich dies bisher nicht. Was Menschenhand hier um die Mitte des 12. Jahrhunderts gestaltete, sollte die auf der Fernstraße von der Lippe her über die Egge zur Weser Reisenden an die seit dem 1. Kreuzzug in christlicher Hand befindlichen Grabesheiligtümer in Jerusalem erinnern. Das ist jedenfalls die vor allem durch das Relief der Kreuzabnahme und das Felsengrab nahegelegte Deutung, die am besten der Gesamtsituation gerecht wird. Auf reiner Willkür beruht die Lokalisierung der von Karl dem Großen 772 zerstören Irminsul an den Externsteinen. Die fränkischen Reichsannalen berichten, daß Karl die Eresburg einnahm, zur Irminsul kam, das Heiligtum zerstörte und die dort gefundenen Schätze fortnahm. Während des Aufenthaltes trat durch Trockenheit Wassermangel für das Heer ein, bis plötzlich eine Quelle hervorbrach.
Karl zog dann weiter zur Weser. Eine Chronik des 11. Jahrhunderts bezeichnet die Peterskirche in Obermarsberg, der alten Eresburg, als Standort einer Irminsul. Nach den Chroniken des 8. und 9. Jahrhunderts läßt sich nur sagen, daß die zerstörte Irminsul zwischen Obermarsberg und der Weser gestanden haben muß. Auf denselben Raum verweist die Beobachtung einer intermittierenden Quelle, die nach der wundergläubig ausgeschmückten Überlieferung im Zusammenhang mit diesem Zuge erfolgt ist; sie ist geologisch am Südhang des Teutoburger Waldes und Eggegebirges möglich wie etwa der in diesem Zusammenhang gern genannte ehemalige ,,Bullerborn“ bei Altenbeken. Damit muß man sich begnügen, für die Annahme der Externsteine als Standort spricht außer dem Wunsche, die Irminsul dort zu wissen, nichts, insbesondere nicht die angebliche geknickte Irminsul im Relief der Kreuzabnahme an den Externsteinen aus dem 12. Jahrhundert: der gebogene Baum, auf dem Nicodemus steht, hat mit seinen famartigen gerollten Blättern Parallelen in romanischen Blattdarstellungen.

Ausgrabungen der Externsteine 1934/35. Im Vordergrund die leider dann beseitigten Fundamente der Befestigungen des 17. Jahrhunderts.

Irminsäulen hat es im übrigen im sächsischen Bereich mehrfach gegeben, und was über ihr Aussehen und ihre Bedeutung überhaupt bekannt ist, findet sich in einem Bericht des 9. Jahrhunderts von Rudolf von Fulda. Er erzählt, daß die Sachsen belaubte Bäume und Quellen verehrt hätten, und fährt fort; Sie verehrten auch einen aufgerichteten Holzstamm beträchtlicher Größe im Freien und nannten ihn in heimischer Sprache Irminsul, was Weltallsäule heißt, die gewissermaßen das All trägt. — Über den Sinn dieses einen Satzes ist viel nachgedacht worden. Wir wollen uns hier begnügen mit der Bemerkung, daß die Verehrung dieses kosmischen Symbols, die man über die Sachsen hinaus in besonderer Weise mit den Cheruskern oder auch Engem (Giebelzier der Säule?) hat in Zusammenhang bringen wollen, sicherlich auch im später lippischen Bereich heimisch gewesen ist.

Bleibende Spuren

Fragen wir nach dem, was aus sächsisch-fränkischer Zeit lange nachgewirkt oder sich in Spuren bis zum heutigen Tag erhalten hat, so wäre zunächst auf die Gaubezeichnungen hinzuweisen, die bis ins 11. Jahrhundert in Gebrauch waren. Unter einem Gau versteht man eine natürliche Siedlungseinheit, mit der auch gewisse politische Funktionen verbunden sind. Schwierigkeiten bereitet das Nebeneinander von Bezirken recht unterschiedlicher Ausdehnung, deren man — zum Teil etwas willkürlich — durch die Annahme von ,,Untergauen“ zu begegnen sucht. ,,Gau“ war offenbar eine etwas schillernde Gebietsbezeichnung, der nicht immer eine politische Siedlergemeinschaft entsprochen hat. Die für das lippische Gebiet in Betracht kommenden Gaue zeigt die beigegebene Karte. Nur für wenige lippische Orte ist überhaupt eine Gauangabe urkundlich überliefert. Als untergeordnete Gebietsbezeichnungen (,,Untergaue“) sind ohne Zweifel aufzufassen der ,,Aaga“ um den als ,,Aa“ bezeichneten Nebenbach der Werre bei Herford, der ,,Haverga“ um den Haferbach, dessen Name in zwei Kolonaten ,,Havergo“ in Wellentrup und Müssen erhalten ist, und der ,,Limga“, dessen Name mit dem der späteren Stadt Lemgo identisch ist und wohl auch im Ortsnamen Lieme wiederkehrt. Zur Lageangabe eines Ortes ist keiner dieser als Gebietsbezeichnungen vorkommenden Namen benutzt worden.

Karte der lippischen Gaue auf der Grundlage der Gaukarte im Geschichtlichen Handatlas Niedersachsen.

Beim Thietmelligau haftet der Name nach dem Vorkommen in Ortsangaben nur an einem sehr kleinen Gebiet südöstlich von Detmold, nämlich an Hornoldendorf, Schönemark (Brockmeierhof, Bannenberg), Schmedissen und Remmighausen. Da diese Feldmarken der Werretalung durch die bei Heiligenkirchen in die Berlebecke fließende Wiembecke mit dem Tal von Heiligenkirchen-Berlebeck verbunden sind und auch die beiden Vorwerke des Paderbomer Haupthofes Heiligenkirchen in Hornoldendorf und Schönemark lagen, wird man auch Heiligenkirchen und Berlebeck mit dem Namen des Thietmelligaues in Verbindung bringen dürfen. Der Name ,,Theotmalli“ bedeutet Volks-Gerichtsstätte, und da jeder alte Gau seinen Dingplatz hatte, ist es nicht sehr sinnvoll, einen ganzen Gau nach ihm zu bezeichnen. Es ist möglich, daß erst die Franken die nähere Umgebung eines wichtigen Dingplatzes (am Fuß der Grotenburg bei Heiligenkirchen?) nach diesem benannt und damit diese Gebietsbezeichnung erst geschaffen haben. Das Gebiet liegt zwischen dem Wehsigau (Wessaga), zu dem das lippische Aspe gehörte, und dem Wethigau (Waizzagawi), zu dem von den lippischen Orten nach der Überlieferung Schieder, Billerbeck und Horn gerechnet worden sind. Man neigt dazu, beide so auffällig ähnlichen Gaunamen für identisch zu halten, für nieder- und oberdeutsche Schreibweisen des gleichen Namens (Weizengau?). Dazu würde gut passen, wenn man den Thietmelligau nur als Untergau wertet; der Dingplatz an der Grotenburg würde dann ein zentraler Dingplatz dieses großen Gaues gewesen sein. Für den an der Weser gelegenen Augau steht schließlich die Zugehörigkeit von Niese und Hummersen fest, für den Padergau die von Kohlstädt, Oesterholz und Schlangen. Aus dem lippischen Norden mit dem Tilithigau und dem Osterburggau um Möllenbeck liegen Ortsbezeichnungen mit Gauangaben nicht vor.

Da es sich bei den Gauen um Gruppen von Siedlungen handelt, deren Zusammengehörigkeit auf den natürlichen Bodenverhältnissen, den Begrenzungen des noch kleinräumigen Ackerlandes durch Wald-, Heide- und Sumpfgebiete beruhte, hat bei der Gaugeographie die Siedlungsgeographie ein entscheidendes Wort mitzusprechen. Leider ist die Forschung, die neben den Flur- und Ortsformen auch die Flur- und Ortsnamen zu berücksichtigen hat, für unser Gebiet trotz wertvoller Ansätze noch nicht so weit, um sagen zu können, welche der bestehenden Orte in sächsische oder gar germanische Zeit zurückreichen. Man neigt heute dazu, die inselartig in Wald und Heide eingestreute sogenannte Eschsiedlung mit Langstreifenflur und lockerer Gruppe von drei bis sechs Höfen als älteste Siedlungsschicht anzusprechen, die in die Zeit vor 800 zurückreicht und vielleicht die Urform westgermanischer Siedlungsweise darstellt. Zu den Siedlungen mit Langstreifenfluren gehört die älteste Ortsnamen- und Flurnamenschicht. Als jüngere Ausbaufluren erscheinen die Block- und Kampfluren mit Einzelhof- und Weilersiedlung. Hier gehen die Meinungen auseinander, wieweit man sie, besonders bei günstigem Boden im Bergland, auch in ältere Zeit zurückdatieren darf.

Für das Osnabrücker Gebiet ergab eine Untersuchung eindeutig, daß Orte auf -hausen nicht zu den Eschsiedlungen mit Langstreifenflur gehören, sondern sich in die Leerräume zwischen die Verbreitungsgebiete der Langstreifenfluren einschieben und vor allem das waldige Vorgelände des Wiehengebirges und Teutoburger Waldes besetzen. Sie gehören somit zweifellos einer jüngeren Periode der Landnahme an und haben als charakteristische Flurformen Kurzstreifen sowie Block- und Blockstreifengemenge. Dasselbe gilt für die Orte auf -heim, -loh und -läge.

An solchen Orten auf -hausen (-issen, -sen) hat man in Lippe allein 131 gezählt, an -trup-Orten (gleich -dorp), die im Osnabrücker Land teils älter, teils jünger sind, zählte man 83. Nimmt man hinzu, daß es auch eine Anzahl erst mittelalterlicher Waldhufenfluren gibt, die in geschlossen hinter dem Gehöft liegenden Streifen gerodet sind (Ehlenbruch gehört dazu und kann auf das Jahr 1237 datiert werden), so wird man sich dem Eindruck nicht entziehen können, daß das berg- und waldreiche lippische Land seine jetzige Kulturlandschaft in weitem Maße erst jüngerem Ausbau verdankt. Zur ältesten Schicht darf man Orte mit dunklen und kurzen Namen rechnen wie etwa Ripen, Biest, Stemmen, Erder, Spork, ferner Orte mit den Endungen -ithi (z. B. Bellethe = Belle, Lesede = Leese), -aha, -a (z. B. Haspa = Aspe, Schidara = Schieder), -mar (Horstmere = Hörstmar, Scutemere = Schötmar).

Ein bis zur Gegenwart erhaltenes oder doch unmittelbar nachwirkendes Erbe aus fränkischer Zeit ist schließlich noch die kirchliche Gliederung des Landes. Um 800 sind die sächsischen Bistümer eingerichtet worden, nachdem bis dahin älteren fränkischen Institutionen die Mission übertragen worden war. Das Bistum Würzburg hat in Paderborn missioniert und Reliquien seines eigenen Heiligen dorthin gegeben: So erklärt es sich, daß St. Kilian auch Hauptheiliger Paderborns war bis zur Überführung des heiligen Liborius von Le Mans im Jahre 836. Man hat von jeher die Paderborner Kilianskirchen zum Bestand der ältesten Pfarrkirchen gerechnet, wenn sie auch keineswegs noch aus der Zeit der Würzburger Missionstätigkeit stammen müssen und auch noch nach 836 geweiht sein können, da St. Kilian auch neben und nach St. Liborius Paderborner Heiliger geblieben ist. In Hameln und Minden ist die Mission vom Kloster Fulda getragen worden.

Die kirchlichen Bauwerke selbst verraten nichts mehr von dem absoluten Alter der betreffenden Pfarrei, da die erhaltenen Bauten nirgends in die Anfangszeiten zurückreichen. Erfreulicherweise konnten aber in den letzten Jahren in mehreren Fällen durch Grabungen in den Kirchen selbst älteste noch vorromanische Kirchenfundamente freigelegt werden. In keinem Falle handelt es sich dabei um primitive Holzkirchlein, wie man in nicht zutreffender Verallgemeinerung gern anzunehmen bereit war, sondern bereits um Steinkirchen, denen — so in Heiden, Heiligenkirchen, Stapelage — an Ort und Stelle profane Siedlungen vorausgegangen sind, deren Ausgehen man in den beiden letzteren Fällen ins 9., wenn nicht 8. Jahrhundert datieren möchte. Die ältesten Kirchen bestehen danach aus einem kleinen einschiffigen ungewölbten Saal mit eingezogenem rechteckigen oder zur Apsis abgerundeten Chor. Nach dem bisherigen Stand des Wissens scheint der rechteckige Chor im rheinisch-niederländischen Raum, der Apsidensaal im paderbomisch-hessischen Gebiet zu überwiegen. Der rechteckige eingezogene Chor wurde im hiesigen Bereich zuerst als ältester Bau in der Paderborner Abdinghofkirche ergraben und bereitete unter der Bezeichnung ,,Abdinghof A‚ der Datierung (schon 777?) und damit ersten Zweckbestimmung der Abdinghofkirche einige Schwierigkeiten. Von verblüffender Übereinstimmung mit dem Typ Abdinghof A erwies sich der älteste Kirchenbau von Stapelage. Nach dem, was bisher bekannt wurde, hat auch die innerhalb der Stadtkirche von Lage gefundene älteste Saalkirche einen eingezogenen rechteckigen Chor (mit später angesetzter Apsis?) besessen. Vorromanische Saalkirchen mit Apsiden fanden sich dagegen in Heiligenkirchen, Schlangen und Heiden. Während die ihnen folgenden romanischen Bauten der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zugewiesen werden können, bereitet die Datierung der vorromanischen ältesten Bauten noch größere Schwierigkeiten. Die mit Vorbehalt gewagten Datierungen lauten bei Heiligenkirchen und Stapelage ins 9., bei Schlangen, Heiden und Lage ins 10. Jahrhundert. Das sind Altersansätze, die man früher kaum gewagt hätte und die z. T. ältere Vorstellungen von der Entstehung dieser Kirchen über den Haufen werfen.

Vorromanische Iippische Kirchengrundrisse. 1. Heiligenkirchen 10. Jahrh. – 2. Schlangen 1O/11. Jahrh. – 3. Heiden 10/11. Jahrh. – 4. Wüste Kirche h. Schwalenberg etwa um 1000. – 5. Lage (im Mittel- schiff des schwarz gezeichneten heutigen Kirchengrundrisses) 10. Jahrh.? – 6. Stapelage 10. Jahrh.

Die romanischen Pfarrkirchen der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, gewölbte einschiffige Bauten mit eingezogenem rechteckigen oder quadratischen Chorjoch und mit Turm, entsprechen dann der Epoche der Bildung der Territorien und der ersten Städtegründungen, sie sind Ausdruck einer kraftvoll expandierenden, sich neue Ziele setzenden Zeit. Die gotischen Kirchen des 14. und 15. Jahrhunderts zeugen von der Wirtschaftskraft der Städte, der gotische Ausbau der dörflichen Kirchen vom Anwachsen der Bevölkerung. Die historische Überlieferung nennt lippische Pfarrer erst seit dem 13./14. Jahrhundert.

Bezüglich der ältesten Pfarrkirchen bleibt man somit auf Rückschlüsse angewiesen aus der Größe des Kirchspiels, seiner siedlungsgeographischen Lage, dem Namen des Heiligen der Kirche, aus Zehntverhältnissen, der Stellung in der kirchlichen Organisation (Archidiakonatssitz), aus Filial-, Patronats- und Besitzverhältnissen. Die ersten Kirchen (Urpfarreien) haben einen sehr großen Sprengel gehabt, ein Radius von etwa 15 km und mehr bedeutete für die Randbewohner einen Tagesmarsch zum sonntäglichen Gottesdienst einschließlich Rückweg. Eine Verkleinerung der Bezirke war also unbedingt geboten, und so folgten den Urpfarreien die jüngeren Kirchen, deren ältere Schicht man als ,,Stammkirchen“ zu bezeichnen sich angewöhnt hat; man pflegt um 900 etwa die ältere Gründungsperiode als abgeschlossen zu betrachten. Nur ist, worauf neuerdings (Leesch) wohl mit Recht aufmerksam gemacht wurde, die Entwicklung nicht in der Form einer rational fortschreitenden Verdichtung des Pfarmetzes, sondern nach Art einer Selektion aus einem historisch gewachsenen und sehr unterschiedlich strukturierten älteren Zustand vonstatten gegangen. In sehr alte Zeit reichen offenbar auch grundherrliche Eigenkirchen mit Pfarrecht zurück.

Ich möchte außer Schieder (s. u.) hierzu Stapelage und Heiligenkirchen rechnen. Stapelage war, bevor die Grafen von Schwalenberg hier Besitz ergriffen, zu Anfang des 11. Jahrhunderts Fronhof des Klosters Werden mit Quartierverpflichtungen für den Verkehr der beiden unter einem Abt stehenden Klöster Werden und Helmstedt. (Neuere Feststellung von K. Hauck, vgl. Westf. Zeitschr. 120, 466.) In Heiligenkirchen befand sich dagegen nach der Gründungsurkunde von Stift Busdorf 1036 ein bischöflicher Haupthof, bei dem es sich um älteren Paderbomer Grundbesitz gehandelt haben wird. Er dürfte schon früh Anlaß zum Bau einer Kirche zunächst für die Hintersassen der bischöflichen Grundherrschaft gegeben haben, die dann ihrerseits zu dem schon für die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts bezeugten Ortsnamen „Heiligenkirchen“ führte. Für das Bistum Paderborn ist es noch von Bischof Meinwerk (1009—1036) überliefert, daß er zur Abkürzung der weiten Kirchwege auf Teilung der Pfarreien oder doch wenigstens den Bau von Kapellen bedacht war. Nach ihm ist es dann vor allem als Folge der Städtegründungen des 13. Jahrhunderts noch einmal zur Errichtung einer Anzahl neuer Pfarreien gekommen. —

Betrachtet man die Karte der lippischen Pfarrsprengel, wie sie am Ende des Mittelalters ausgesehen haben mögen und sich auf drei Archidiakonate des Bistums Paderborn und zwei Archidiakonate des den lippischen Norden noch mit umfassenden Bistums Minden verteilten, so fallen im Westen des Landes zunächst die drei großen Kirchspiele von Detmold, Schötmar und Oerlinghausen auf, desgleichen durch seine merkwürdige, einen Restbestand verratende Form St. Johann vor Lemgo. Detmold (St. Stephan?, später St. Veit) hat, wenn wir der Nachricht über die Altarweihe durch Papst Leo III. 799 Glauben schenken, eine bis ins 8. Jahrhundert zurückreichende Überlieferung. Kirchenpatronvon Schötmar ist der heilige Kilian, die Kirche reicht danach in die älteste Zeit zurück und darf als Urpfarrei in Anspruch genommen werden. Es ist möglich, daß nur Detmold und Schötmar (vielleicht noch neben Heepen bei Bielefeld) als Urpfarreien dieses Gebietes anzusprechen sind. Oerlinghausen hat ein Alexanderpatrozinium, die Gebeine dieses Heiligen sind 851 von Rombnach Deutschland (Wildeshausen) gebracht worden, so daß Oerlinghausen den Stammpfarreien zuzuzählen ist.

Grenzen des Landes Lippe ⟷ der Bistümer ⟷ der Archidiakonate ⟷ der Pfarreien

Dasselbe wird für die bei Gründung der Stadt Lemgo außerhalb der Stadtmauern gelassene Kirche St. Johann d. Täuf. gelten, deren Sprengel man es ansieht, daß aus ihm der Bereich der beiden städtischen Filialkirchen St. Nicolai und St. Marien herausgeschnitten wurde. Man wird ihm in älterer Zeit vielleicht auch noch zurechnen dürfen Brake (St. Nicolaus), Hillentrup (Catharina) und Talle (St. Petrus). Die Pfarreien Talle und Hillentrup. Grenzparochien zur Mindener Diözese, fehlen auffallenderweise im Archidiakonatsverzeichnis von 1231, woraus aber doch wohl keine weitergehenden Schlüsse zu ziehen sind. Von der Urpfarrei Detmold könnten außer Heiligenkirchen (die Heiligen Cosmas und Damian) noch Hom (Johannes der Täufer) und die von Corvey abhängige Pfarrei Meinberg (Glocke S. Maria erst 1438 aus Schieder?) abgetrennt worden sein, die im 13. Jahrhundert offenbar zu einem selbständigen Archidiakonat Detmold gehört haben. Dasselbe gilt für Lage (St. Johann), Stapelage (St. Maria) und das bisher zu Unrecht erst ins 12. Jahrhundert datierte Kirchspiel Heiden (St. Petrus u. Paulus). Die Verselbständigung aller dieser Pfarreien muß nach den oben erwähnten Grabungsergebnissen schon im 9. und 10. Jahrhundert erfolgt sein.

Im Südosten ziehen Liigde mit seiner alten Kilianskirche und der alte Archidiakonatssitz Steinheini, dessen Patronin Maria man unmittelbar mit dem Bistum Würzburg und damit der ältesten Sachsenmission hat in Verbindung bringen wollen (Homberg), den Blick auf sich; sie werden die ältesten und ursprünglich einzigen Kirchen dieses Raumes gewesen sein. Erinnern wir uns, daß die um 788 abgefassten Reichsannalen den Königshof Schieder zur villa Lügde rechneten. Wenn der Ort Hiddensen am Ende des Mittelalters zur Pfarrei Schwalenberg (Johannes der Täufer) gehört hat, so muß Schwalenberg die Nachfolge der früh eingegangenen Stammpfarrei Schieder (Laurentius?) angetreten haben. Erst im 13. Jahrhundert trat das Kloster Falkenhagen (St. Maria) in Erscheinung; Elbrinxen hat im Mittelalter wohl nur eine Kapelle ohne Pfarrecht gehabt. Die Zahl der restlichen Pfarreien im lippischen Anteil des Archidiakonats Steinheim verringert sich zunächst, wenn die Stadtpfarrkirchen von Blomberg (St. Martin) und Barntrup zu Reelkirchen bzw. Beta (Abtrennung von Barntrup 1317) gerechnet werden. Cappel (Johannes der Täufer), dem Namen nach ursprünglich nur Kapelle, ist der Grenzziehung nach sicherlich aus Reelkirchen hervorgegangen, Kirchdonop (St. Paulus) als kleine Eigenkirche aus dem Kirchspiel Bega. Wir kämen somit zu den beiden alten Pfarreien Reelkirchen (St. Liborius) und Bega (St. Petrus). — Die auf Gut und Dorf Wöbbel beschränkte kleine Pfarrei (St. Johannes, der Täufer?) ist eine von Steinheim unmittelbar abgetrennte Eigenkirche. — Da Schlangen (nach neuester Feststellung auch mit Liborius-Patronat) nicht zum Archidiakonat Steinheim gehört hat, sondern stets nach Paderborn tendierte, wird seine frühe Verselbständigung von dort aus geschehen sein.
Abgesehen von dem merkwürdig vorgeschobenen Kirchspiel Hohenhausen (St. Paulus) des Archidiakonats Rehme, von dessen Urpfarrei es abgetrennt worden sein muß, war der zum Bistum Minden gehörende nördliche Teil Lippes Bestandteil des Archidiakonats Kirchohsen an der Einmündung der Emmer in die Weser. Es überschnitten sich in diesem Raum Fuldaer (St.-Bonifatius-Stift in Hameln!) und Würzburger Mission, auf die das ursprüngliche Kilianspatrozinium (später Costas und Damian) von Exten hinweist. Von diesen beiden Urpfarreien aus und damit von der Weser her ist ohne Zweifel das Christentum und die kirchliche Organisation in das nordlippische Gebiet hineingetragen worden; auch der Ortsname Varenholz = Vor dem Holze verrät für den Gang der Besiedlung den Blick vom Fluß her auf die bewaldeten Höhen des Weserberglandes.

Die ehemalige Kirche zu Hillentrup. Getuschte Federzeichnung von E. Zeiß

Im einzelnen ist der Lauf der Dinge kaum mehr erkennbar. Von Kirchohsen aus könnte als Stammpfarrei Bösingfeld (St. Maria) gegründet worden sein, von dem sich das um die spätere Burg Sternberg gelegene Gebiet mit den Pfarreien Almena, Lüdenhausen (St. Pancratius) und offenbar erst am Ende des Mittelalters Alverdissen (St. Maria) abgetrennt haben. Aber auch Beta könnte ursprünglich eine zentrale Bedeutung gehabt haben. Bei Sonneborn (,,Maria“ auf einer Glocke von 1527) scheint es sich um eine Abzweigung von der Stammpfarrei Ärzen zu handeln. Langenholzhausen (St. Helena), neben dem es im 13. Jahrh. eine Kirche mit eigenem Leiter in Varenholz gegeben hat, und Silixen (St. Maragaretha) werden von Exten unmittelbar bzw. von der Stammpfarrei Möllenbeck (Kanonissenstift 896) abgespalten worden sein. Für Silixen ist die Abhängigkeit von Möllenbeck überliefert. Sie scheint aber auch für Bösingfeld vor dessen Umformung zur Stadt Vorgelegen zu haben, so daß möglicherweise das gesamte nordlippische Gebiet von Exten-Möllenbeck aus kirchlich erschlossen worden ist. Im übrigen dominiert im Mindener Bereich im Gegensatz zum Paderborner das weltliche Patronat, und zwar das des Landesherm (überliefert für das spätere Bösingfeld und Alverdissen) oder eines Pfandinhabers (so wohl bei den Grafen von Everstein für Hillentrup zu erklären) bzw. von Lehnsträgern. Die von Kalldorf bzw. als ihre Erben die Wend verfügten über die Kirchen zu Langenholzhausen, Hohenhausen, Lüdenhausen und offenbar auch Talle, während für Sonnebom die Kerßenbrock als Patronatsherren erscheinen. Als sichtbare Zeichen dieser Rechtsverhältnisse findet man die drei Eisenhüte der Wend in Gewölbeschlußsteinen der alten Kirchen von Langenholzhausen, Hohenhausen und Talle, während über dem Portal der Sonnebomer Kirche der Kerßenbrocksche Schild in Stein gehauen ist. Die Kerßenbrocks waren die Erben der von Molenbeck.

Mit diesem Überblick, der aus Mangel an unmittelbarer Überlieferung in durchaus hypothetischer Weise die Entstehung einer der wesentlichsten Fundamente des mittelalterlichen Lebens darzulegen versuchte und dabei auch schon verschiedentlich auf die folgenden Jahrhunderte zu verweisen hatte, darf die Frühgeschichte unseres
Gebietes beschlossen werden. Wir stehen mit dem Ende des Karolingerreiches am Beginn der deutschen Kaiserzeit.

Quelle. Heimatchronik des Kreises Lippe 1978

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