Schalensteine in Lippe und kultische Steinbohrungen der Vorzeit

Schalenstein am Bennerberg bei Brakelsiek, Schieder-Schwalenberg, Kreis Lippe, Nordrhein-Westfalen.By Grugerio (Own work), via Wikimedia Commons

Als Schalenstein oder Näpfenstein bezeichnet man Steinblöcke von wechselnder Größe, einzeln liegend oder anstehend, die auf der Oberfläche oder an den Seiten kreisrunde Eintiefungen aufweisen1). Die 5 bis 10 cm weiten und 2 bis 6 cm tiefen Schälchen sind nicht auf natürliche Weise etwa durch Auswitterung — entstanden, sondern offensichtlich von Menschenhand geschaffen worden, und zwar durch Auspicken oder Bohren.
Neben den mitunter in Reihen angeordneten oder gar durch Furchen verbundenen Schälchen findet man gelegentlich noch andere Eintiefungen: ein vierspeichiges Rad, paarweise
Handbilder, einen Fußabdruck u. a. (Abb. 1). Die Schalensteine treten bereits in der Jungsteinzeit — also vor mehr als 4000 Jahren auf, haben dann aber in der Bronzezeit eine weltweite Verbreitung erfahren. Sie begegnen uns im Orient, in den Mittelmeerländern, in der Schweiz, in Frankreich, auf den britischen Inseln, in Skandinavien bis hinauf nach Finnland.

Abb. I: Schalenstein von Klein-Meinsdorf, Kr. Plön, mit Schälchen, einem vier speichigen Rad, Hand- und Fußdarstellungen (nach Schwantes)


Abb. 2: Schalenstein aus Restrup, Krs. Bersen­brück (nach Novothnig)


Auch in Norddeutschland hat man eine ganze Anzahl dieser merkwürdigen Steinblöcke festgestellt, so z. B. in dem uns benachbarten Kreise Bersenbrück2) (Abb. 2). Seit einiger Zeit sind nun auch in Lippe Schalensteine bekannt geworden, und zwar verdanken wir den ersten Hinweis einem vor Jahren in Schieder zur Kur weilenden Hamburger, dem Oberingenieur Oeljeschlager.

Im Staatsforst Schieder, Distrikt Bennerberg, liegt hart an einem Waldwege ein flacher Stein mit drei fuß- bis kopfgroßen Eintiefungen, die vielleicht auf natürliche Weise entstanden sind. Dieser Stein, an den sich eine Sage knüpft, ist in den benachbarten Dörfern als Teufels oder Hexenstein bekannt (Abb. 3). Unfern dieses Steines, etwa 50 m nördlich, findet sich heute von Jungholz umgeben — ein mächtiger, 3,50 m langer und 0,80 m hoher Steinblock, der auf seinem schildförmigen Rücken mehr als ein halbes Hundert Schälehen der eingangs beschriebenen, etwa apfelgroßen Art aufweist, unddie z. T deutlich Reihung erkennen lassen. Dieser Felsblock heißt in Brakelsiek und Lothe Richterstein oder auch wohlRichtstein (Abb. 4, 5, 6).
Bei einer Ausgrabung fand Verfasser an der Westseite dieses Steinblocks in einer Tiefe von 25 bis 30 cm vier vorgeschichtliche Tonscherben, die ihrem Charakter nach in die Jungsteinzeit bzw Bronzezeit zu datieren sind. In der Nähe des Richtersteins liegen noch mehrere Felsbrocken, die jeweils einzelne oder zahlreiche Schälchen tragen (Abb. 7) und die zumeist auf einer von Süden nach Norden verlaufenden Linie zu finden sind. Bei diesen und anderen am Südhang des Bennerberges einzeln liegenden Steinblöcken handelt es sich um sog. Findlinge aus Rätquarzit, die in der Eiszeit, vielleicht auf einer Schlamm-Moräne, von benachbarten höheren Bergen nach hier verfrachtet wurden. Beiderseits der Schalensteinreihe wurden am Hange des Berges niedrige Terrassen beobachtet, die sicherlich von Menschenhand geschaffen worden sind.

Über die Bedeutung der Schalensteine ist man viele Jahre im unklaren geblieben. Man vermutete zwar seit langem, dass die Teufelssteine, Hexensteine, Richtersteine irgendwie mit heidnischen Kulten in Verbindung zu bringen seien, war doch bekannt, dass bei der Christianisierung die Missionare und Priester alles das als Teufelswerk verdächtigten, was bei der Bevölkerung das Andenken an heidnische Bräuche wachhalten konnte. Man suchte die heiligen Statten der Heiden nach Möglichkeit gründlich zu „entteufeln“, indem man an ihrer Stelle christliche Kapellen errichtete oder wenigstens dort ein Kreuz oder ein anderes christliches Symbol anbrachte3) (Abb. 8). Gregor d. Gr., Papst von 590—604, läßt dem Bischof Augustinus sagen, nach reiflicher Überlegung sei er, der Papst, zu der Überzeugung gekommen, man solle zwar die heidnischen Kultbilder zerstören, die Tempel selbst aber sofern sie sich dafür eigneten in christliche Kirchen umwandeln-1). Schon vorher waren auf mehreren Konzilien die Bischöfe angewiesen worden, dafür zu sorgen, dass auf ihrem Gebiet die Verehrung von Bäumen, Quellen und Steinen ausgerottet würde.

Dass auch die Schalensteine zu diesen heidnischen Kultstätten, denen man so eifrig zu Leibe ging, gehören, ist in überzeugender Weise von Oskar Montelius, Gustav Schwantes und Carl Schuchhardt nachgewiesen worden. Gründliches Studium der zahlreichen, insbesondere in Skandinavien verbreiteten vorgeschichtlichen Felszeichnungen erbrachte den Beweis, dass die Schalchen mit der Verehrung des Sonnengottes zusammenhängen5). Schwantes verweis auf andere, bereits aus der Steinzeit bekannte Steinbohrungen, die an sich keinerlei praktischen Zwecken dienen konnten. So etwa bei Steinäxten, die im Bereich des Schaftloches in zwei Teile zerbrochen waren, dann aber neue, jedoch nur angefangene Bohrungen auf-v/eisen, die selbst wenn zuende geführt niemals einen Schaft hätten aufnehmen können, also symbolische Bedeutung haben müssen. Das gilt auch für die Beile mit sanduhrförmiger Durchlochung10) (Abb. 9).

Das Steinbeil war heiliges Symbol des blitzeschleudernden Himmels- oder Sonnengottes, es wurde daher auch Donnerkeil = Donarkeil genannt. Man trug gern als glückbringendes Amulett kleine, mitunter aus Bernstein gefertigte Miniaturbeil-chen in seiner Kleidung. Die Herstellung des Steinbeils, dem Attribut des Sonnengottes, war sicherlich ein feierlicher Akt von kultischer Bedeutung, insbesondere die Durchbohrung für den Schaft, eine gewaltige technische Errungenschaft für eine Zeit, die noch keine Metalle kannte. War so das Bohren oder auch nur Anbohren des Steins zu einer heiligen Handlung geworden, so konnte min jetzt Schälchen auch auf von Natur aus beilähnlichen oder gar gänzlich formlosen Gerollen anbringen (Abb. 10). Schließlich erkor man als Träger dieser heiligen Schälchen einzeln liegende größere Steinblöcke oder anstehende Felswände.

Dass die Schälchen auch mit dem Ahnenkult in Zusammenhang stehen, ergibt sich aus der Beobachtung von Näpfchen, die sich manchmal auf den Trag- oder Decksteinen der jungsteinzeitlichen Megalithgräber finden7).
Über den symbolischen Charakter einiger anderer Einmeißelungen auf den über den gesamten indogermanischen Raum verbreiteten Schalensteinen unterrichten uns auch die Sagen der Alten. Bei den „Händen mit gespreizten Fingern“ erinnern wir uns der „rosenfingrigen Eos“ im alten Griechenland; bei der „Fußspur“ gedachte der gläubige Inder des Gottes Wischnu, der — wie ihm die Legende meldete — mit drei gewaltigen Schritten von der Erde zum Himmel aufstieg (Abb. 11).

Die Sonnenverehrung erreichte ihren Höhepunkt zur Zeit der Sommersonnenwende, wenn das licht- und lebenspendende Gestirn im Jahreslauf zum höchsten Stand am Firmament aufgestiegen war. Als Symbol dieser Hoch-Zeit findet man auf den nordischen Felszeichnungen häufig das auf ein Pfostengestell erhobene vierspeichige Sonnenrad. Das gleiche Sinnbild trägt eine prachtvolle Kultaxt aus dem Kreise Alfeld/Leine, in Gestalt der auf einem Gestell ruhenden Sonnenscheibe. Das Bild ist auf allen vier Seiten der Waffe in erhabener Manier herausgearbeitet. Das einzigartige Stück hatte seinen Platz in dem von Ruß geschwärzten Rauchfang eines alten Bauernhauses. Man glaubte, so würde der Donnergott Haus und Herd in seine sichere Obhut nehmen (Abb. 12). Der erfolgreiche Kreisheimatpfleger Wilhelm Barner in Alfeld konnte an zahlreichen Beispielen aus seinem Arbeitsraum nachweisen, dass der Beilzauber im Leinegebiet noch heute in vielgestaltiger Form durchaus lebendig ist.

Rückblickend stellen wir fest, dass die merkwürdigen Schalensteine jetzt für uns keine unlösbaren Probleme mehr bergen, ihre Rätsel wurden durch die umfassenden Arbeiten von schwedischen und deutschen Forschern gelöst: Ein gerader Weg führt von den nordischen Felszeichnungen über das Steinbeil als heiliges Gerät im Brauchtum des Volkes, über die rituellen Bohrungen auf zerbrochenen Steinäxten und selbst formlosen Gerollen hin zu den Näpfchen auf den großen Schalensteinen. Der Südhang des Bennerbergs im Staatsforst Schieder mit seiner Häufung von Schalensteinen und den künstlichen Terrassen muss demnach als eine vorgeschichtliche Kultstätte von hohem Rang gewertet werden. Dieser Bedeutung entsprechend wurden die Schalensteine am Bennerberg auf Antrag vom 2. April 1964 in die Liste der geschützten Denkmäler eingetragen.

Heimatland Lippe: Von Leo Nebelsiek 1967

Quellen: 1) Ebert, Max: Reallexikon der Vorge­schichte, 11. Bd., S. 225. 2) Novothnig, Walter: Der Teufelsstein von Restrup. In: Osnabrücker Mitt. 67 (1956) 3) Forrer, Robert: Reall. der Altertümer, S. 687/88, Taf. 191, 6. Berlin und Stutt­gart 1907. 4) Clemen, Carolus: Fontes historiae religionis Germanicae, S. 30, Berlin 1928. 5) Schwantes, Gustav: Vorgeschichte Schles­wig-Holsteins, S. 255 ff. Neumünster i. H. und Ders.: Deutschlands Urgeschich te, S. 193 ff. Stuttgart 1952. 6) Lehmann, E.: Rituelle Bearbeitung von zerbrochenen Steingeräten. In: Mannus 24 (1932) 7) Schwantes, Gustav 1952: a. a. Ort, S. 194/ 95. 8) Barner, Wilhelm: Von Kultäxten, Beilzauber und rituellem Bohren. In: Die Kunde NF 8 (1957)