Das heute wiedergegebene Gemälde „Gerberwerkstatt“ von Karl Henkel unterscheidet sich in verschiedener Hinsicht von den bisher veröffentlichten Darstellungen aussterbender Handwerksberufe: Der Böttchermeister Brand in Detmold, der Leinenweber Blanke in Oerlinghausen und der Kupferschmied Tille in Hörn waren buchstäblich die letzten Vertreter ihres Berufes und standen zu diesem Zeitpunkt im vorgerückten Lebensalter. Man sieht ihnen förmlich an, dass sie bald die Arbeit aus der Hand legen werden. Bei dem Bilde der Gerberei Stecker in Hörn, das kurz vor dem zweiten Weltkriege entstanden ist, hat man nicht so das Gefühl, als sei auch hier bald für immer Schluss mit der Art der Tätigkeit, doch der Schein trügt auch hier. Etwa zehn Jahre später wäre eine solche Werkstatt vom Künstler nicht mehr angetroffen worden. Zwar besteht auch heute noch diese Gerberei, aber sie wird nun mit modernen Maschinen betrieben.
Zunächst scheint es notwendig festzustellen, dass es seit dem Mittelalter dreierlei Arten von Gerbung gibt, und zwar den Loh- oder Rotgerber, den Alaun- oder Weißgerber und den öl- oder Sämischgerber. Die Tätigkeit, das Gerben, hat zu bewirken, dass die Faserbündel, aus denen die Lederhaut besteht, nicht zusammenkleben und verrotten. Die Lohe der Eichenrinde soll auf die Faser niederschlagen, die Poren der Haut füllen, sich mit der leimigen Substanz der Haut verbinden und die Eiweißstoffe in der Haut „fällen“.
Beim Alaun oder Kochsalz werden die Fasern durch den Gerbstoff aufgelockert, gleichzeitig wandelt sich der Gerbstoff um (Alaun in Schwefelsauretonerde) und verbindet sich mit den Fasern.
Bei der Fett-Öl oder Sämischgerberei sind die Trane und Fette die wirksamen Gerbstoffe, die teils beim Aushängen der Häute, teils bei ihrer Aufschichtung in der Wärmekammer in die Lederhaut eindringen.

Der Gerber -Bilder aus dem Handwerkerleben. Quelle Wickipedia: Winckelmann 1880.

Der Gerber -Bilder aus dem Handwerkerleben. Quelle Wickipedia: Winckelmann 1880.

Wie sah es nun in unserer lippischen Heimat mit dem Gerberberuf aus? Die Gerber hatten keine eigene Zunft. — In Lippe war die Bezeichnung „Amt“ für Zunft oder Gilde gebräuchlich. — Sie bildeten in allen Städten des Landes mit den Schuhmachern und Sattlern zusammen ein Amt. In der Stadt Lemgo bestand (nach Sauerländer) um 1500 das Schuhmacher- und Löheramt und erst 1836 gab es ein Amt der Weißgerber und Riemer. In Salzuflen allerdings gehörten (nach R. Günther) von den Gerbern nur die Weißgerber zum Krameramt, da sie mit Leder handelten. Wer nicht in ein Amt aufgenommen war, durfte sein Handwerk nicht selbständig ausüben. Den Schuhmachern der Stadt Hörn zum Beispiel war am 10. Oktober 1329 vom Grafen Simon I. ein Privileg verliehen worden, das bis zur Auflösung des Amtes im Jahre 1869 Gültigkeit hatte und fast von allen Regenten des Landes bis zum Fürsten Leopold IL wieder bestätigt worden ist. Hierin heißt es u. a.:

„Erstlich wollen wir, daß welcher das Schusteramt nicht hat, derselbe sich dessen, samt allen denselbigen zubehörigen Handtierungen und Kaufmannschaften nicht gebrauchen soll Drittens wer das Amt nicht hat, soll binnen der Stadt einige Felle oder Häute nicht kaufen oder lohen . . .Viertens, so jemand von Außen hereinkommt und das Amt gewinnen wolle, soll uns (der Landesherrschaft) 2 Goldgulden, dem Amt aber 4 Goldgulden, nebst einem Dreiling Biers, acht Pfund Schinken, acht Pfund Käse benebst so viel Brot als dazu nötig geben.“ . . .
Hieraus wird klar ersichtlich, dass alle Personen, die mit Leder oder Häuten gewerblich zu tun hatten, also außer den Schuhmachern selbst die Gerber und die Sattler oder Riemer, das Schuhmacheramt „gewinnen“ mussten. Die Dechen (Vorsteher) der Ämter und die Zunftgenossen wachten streng darüber, dass nicht jemand unautorisiert ihr Handwerk ausübte.
Als nach Aufhebung des sogen. „70jährigen Privilegs“, das die Niederlassung von Handwerkern in den Dörfern untersagt hatte, im 18. Jahrhundert und bis zur Auflösung der Schuhmacherzunft in Hörn, sich Schuhmacher in Schlangen, Bad Meinberg, Brüntrup etc. niederließen, gab es Beschwerden bei der Regierung in Detmold, falls diese im Amtsbezirk Hörn wohnenden Handwerker nicht in das Schuhmacheramt der Stadt Hörn aufgenommen worden waren.
Eine Statistik aus dem Jahre 1788 gibt uns Auskunft über die Anzahl der Gerbereibetriebe in den Städten des Landes.
Es ergeben sich folgende Zahlen:
Einwohnerzahl Rotgerber Weißgerber Schuhmacher
Detmold 2188 3 1 29
Salzuflen 1170 6 25
Lemgo 3050 7 8 53
Blomberg 1691 2 72
Horn 1294 5 26
Schwalenberg 576 1
Barntrup 798 4 14

Die durch diese Statistik gewonnenen Zahlen dürften auch für die vergangenen Jahrhunderte, abgesehen von Kriegs- und Pestzeiten, ihre Gültigkeit haben. Im Jahre 1861 zählte man23 Gerbereien in den Städten, die 30 Gehilfen beschäftigten 2 Gerbereien auf dem Lande mit 6 Gehilfen Im gleichen Jahre gab es in Lippe 510 Schuhmacher mit 310 Gehilfen.Nach dem Bericht der Handelskammer für das Fürstentum Lippe zählte man 1907 noch 13 Gerbereien, die 61 Personen beschäftigten; gleichzeitig bestanden 599 Schuhmachereien mit 797 Beschäftigten. Heute bestehen noch zwei Gerbereien in Lippe. In der Taxordnung vom 8. August 1654 sind zwar die Gerber nicht besonders erwähnt, bestimmt wurde allerdings, daß keine Häute außer Landes verführt noch verkauft werden sollten, um den Gerbern das Rohmaterial nicht zu entziehen. Gerade in diesem Punkt der Taxordnung gab es zur Zeit des Grafen Simon August, sowohl von Seiten der Metzger und Wrasenmeister (Abdecker) immer wieder Beschwerden. Im Staatsarchiv zu Detmold ist noch ein Formular von 1700 „Taxordnung in der Stadt Detmold” leider unbenutzt und daher ohne Preisgabe, erhalten. Es zählt die bei den Loh- und Weißgerbern entstehenden Produkte auf:

Eimwohnerzahl Rotgerber Weißgerber Schuhmacher
Detmold 2188 3 1 29
Salzuflen 1170 6 25
Lemgo 3050 7 8 53
Blomberg 1691 2 72
Horn 1294 5 26
Schwalenberg 576 1
Barntrup 798 4 14

Im Jahre 1785 forderte die Lippische Regierung im Zuge der Bestrebungen des Grafen Simon August zur Förderung der Wirtschaft von den Städten einen Bericht über den Zustand der Weiß- und Rotgerbereien. In der Antwort der Stadt Hörn vom 17. 4. 1785 heißt es da wörtlich:
„ die Weißgerber behaupten, daß sie sonst 15-1600 Häute jährlich bereitet hätten in letzten Jahren aber einen Abgang jeden ohnegefähr von 600 Stück verspühret, die Rotgerber aber, daß sie unter die Hälfte ihres sonstigen gewöhnlichen Trafiks herabgesetzet waren indem sie sonst 300 große und 100 kleine Häute leicht erhalten können, jetzt aber nicht kriegten durch die Bank. . . .”
Als Grund für diesen Ausfall an Rohmaterial wird der Aufkauf der Häute durch den Juden Michael Isaac zu Detmold angegeben.
In Detmold wurde von dem Lohgerber Schmuck am 5. 4. 1785 zu Protokoll gegeben, daß der Schutzjude Michael Isaac, der sehr reich sei, überall in Detmold und der weiteren Umgebung die Häute aufkaufe, alsdann aber nur pro forma im „Intelligenz-Blatt” annonciere und darauf die ganze Ware außer Landes verkaufe.
Isaac Michael selbst bestätigt, dass er Häute aufkaufe und da sich auf seine Anzeige im „Intelligenz-Blatt” niemand melde, er die Häute anderweitig verkaufen müsse.
In Salzuflen behaupten die drei Loh-und sechs Weißgerber, dass sie die Häute meist außer Landes kaufen müssten, da in der Stadt nicht genügend anfalle. Die Metzger, Wrasenmeister und Juden behaupten dagegen, dass die hiesigen Loh-und Weißgerber das hier anfallende Leder bei weitem nicht alle verarbeiten könnten und daher nur das Beste nähmen.
Im Jahre 1788 richtete die Regierung wieder eine Anfrage an die Städte über die Anzahl der Gerbereien und die dort Beschäftigten.
Die Stadt Detmold meldete eine Lohgerberei (Gebr. Schmuck) und zwei Weißgerbereien (Witwe Stecker und Bürger Blankenburg) und bemerkt bei dieser Gelegenheit, dass die Regierung doch wegen der seit längerer Zeit ausstehenden Eheerlaubnis für den aus dem „Auslande” stammenden Weißgerber Wind aus Lübbecke, beim Konsistorium vorstellig werden möge, damit der Wind die Tochter der Witwe Stecker heiraten und die Gerberei übernehmen könne.
Die Stadt Lemgo meldete als Lohgerber: 7 Meister, die 5 Gesellen und 2 Lehrjungen beschäftigen. Als Weißgerber:
7 Meister mit 3 Gesellen und 3 Lehrjungen. In Salzuflen beschäftigten
4 Lohgerber 5 Gesellen und 6 Weißgerber 2 Gesellen In Blomberg gab es nur zwei Lohgerber. Einer Bittschrift wegen des zeitgemäßen Schlagens der Eichen wegen der anfallenden Lohe vom Jahre 1815 entnehmen wir auch die Namen der in Lemgo ansässigen Lohgerber:
Franz Schmuck, Arnold Schmuck, Witwe Schmuck, Witwe Losch, Wilhelm Bornhardt, Adolf Heringlake, Gottlieb Hempelmann, Wilhelm Hempelmann, Heinrich Karl Hempelmann Auch im Jahre 1831 mussten die Lohgerber nochmals eine Bitte wegen des unzeitgemäßen Schlagens der Eichen und Verbot der Ausfuhr zur Behebung des Mangels an Lohe an die Regierung richten.
Interessant ist es festzustellen, dass unter den Lohgerbern in Lemgo 1815 dreimal der Name Schmuck und dreimal der Name Hempelmann auftaucht und dass auch in Detmold 1788 Gebr. Schmuck als Lohgerber nachzuweisen sind. Es waren in den alten Handwerker-Familien Brauch, daß mindestens ein Sohn dem Vater im Beruf folgte.
Von der eingangs erwähnten Weißgerberfamilie Stecker in Hörn läßt sich ein ununterbrochener Nachweis der Übernahme des Handwerks vom Vater auf den Sohn von 1676 über 13 Generationen bis auf den heutigen Tag verfolgen. Dem Stammvater Cord Stecker 1620-76 folgten in Hörn zwei Söhne Johann und Heinrich Hermann 1652-1701, in Detmold ein dritter Sohn Christoph 1660-1701, dessen Gerberei drei Generationen in Detmold bestanden hat, von wo die Familie sich nach Lübbecke, Bünde und Oldenburg ausbreitete und dem Gerberberuf treu blieb.
In Hörn folgte Henrich Hermann dessen Sohn Joh. Cord 1687-1755, der wiederum zwei Söhne hatte, die beide Weißgerber in Hörn waren, nämlich Johann Herrn. Christoph, dessen Sohn sich in Bielefeld als Lohgerber niederließ, und Johann Henrich 1717-1799. Ihm folgte Johann Christoph 1757-1801, von dem wiederum zwei Söhne, Johann Heinrich 1792-1872 als Weißgerber und Handschuhmacher und Simon Conrad 1797-1870 als Weißgerber in Hörn wirkten. Der Sohn Johann Heinrichs, Heinrich Christoph 1824-1883, verlegte die Weißgerberei Stekker aus der Stadt in eine frühere Ölmühle, wo sie noch heute existiert.

 Quelle: Lippe Anno dazumal

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