Kupferschmied Tille aus Horn. Quelle: Lippe Anno dazumal

Kupferschmied Tille aus Horn. Quelle: Lippe Anno dazumal

Es war wohl einer der letzten lippischen Kupferschmiede, den Bruno Wittenstein gemalt hat, wie er am Amboss einen Kessel hämmert. Der Amboss ist im Gegensatz zum Amboss der Hufschmiede hochgereckt, damit der Kessel beim Hämmern leicht hin und her bewegt werden kann, und ein uralter Amboß gleicher Form ist in der Heimatsammlung des Lippischen Landesmuseums zu sehen. Er stammt aus dem Jahre 1593 und stand in der Werkstatt des Böttchermeisters Walter in Schötmar.

Vor hundert Jahren gab es in Lippe 14 Kupferschmiedemeister mit 14 Gesellen; elf Meister hatten ihre Werkstatt in den Städten, drei auf dem Lande. Der Bedarf an kupfernem Hausgerät war damals noch groß: Wasserkessel, die man über dem offenen Herdfeuer an den Kesselhaken hängen konnte, riesige Wurstkessel, Kochtöpfe und kunstvoll gehämmerte Kuchenformen — das alles gehörte damals zu einer wohl ausgestatteten Küche, und als der erste Weltkrieg kam, wurde dieser Urväterhausrat opferwillig für die Metallsammlung hergegeben, so dass heute derartige alte Kupfergeräte schon sehr begehrt im Antiquitätenhandel geworden sind. Zur Ausstattung des Brautwagens von einem Vollspänner-Gute wurde 1804 im Amte Sternberg „noch von einigen ein kupfern Kessel zu 1 oder 1/2 groß gegeben, aber nicht durchgehends von allen.“ Kupfergerät gehörte anscheinend nur zum Hausrat wohlhabender Bevölkerungsschichten. Die sehr eingehende Taxordnung vom Jahr 1655 schreibt zwar in allen Einzelheiten die Löhne der Huf- und Eisenschmiede vor, erwähnt aber noch nichts von Kupferschmieden. Auch dieses alte Handwerk ging im Zuge technischer Neuerungen zurück. Das Lippische Landes-Adressbuch vom Jahre 1926 verzeichnet nur noch sechs Kupferschmiede: A. Schmidt und J. Schmitz in Detmold, K. Ferke in Lemgo, H. Wolff in Lage, K. Tille in Hörn und W. Kreft in Oerlinghausen. Und das neueste Fernsprechbuch unseres Regierungsbezirkes erwähnt in Lippe lediglich einen Kupferschmied: Heinrich Wolff in Lage, der aber zugleich — ein typisches Zeichen unserer Zeit — sich dem „Apparatebau“ widmet.
Über diese Entwicklung eines alten Handwerks dürfen wir aber nicht vergessen, dass in Lippe eines der gewaltigsten Werke handwerksmäßiger Kupferschmiedekunst steht: die Figur des Hermanns-Denkmals. Ihre Herstellung hat Ernst v. Bändel viel Sorge bereitet, denn er geriet mit dem Lemgoer Kupferschmied Trebbe deswegen in einen heftigen Streit, der bei dem Zusammenstoß zwischen dem temperamentvollen Süddeutschen und dem „sturen“ Lipper zum dramatischen Spektakel ausartete. Ernst v. Bändel erzählt darüber in seinen Lebenserinnerungen:
„Ich gedachte, schon während der Arbeit am Denkmals-Unterbau die Arbeit am Standbild gleichen Schritt gehen zu lassen, und da ich in Behandlung des Kupfers noch gänzlich unerfahren war, so wandte ich mich an den mir als den besten Kupferschmied im Lande empfohlenen Herrn Trebbe in Lemgo und übergab diesem die Arbeit, unter der Bedingung, dass meine Angaben in künstlerischer Hinsicht genau befolgt werden müssten und dass der Gang der Arbeit von mir abhängig bleiben müsse. Trebbe wollte sich nach Beginn seiner Arbeiten sofort als Meister stellen, und gab ich ihm deshalb den Auftrag, vor allem zu zeigen, was er leisten könne. Trebbe schmiedete ein Gesicht, in dem kein Punkt richtig und alle Tiefen voll Löcher waren; er behauptete, das sei kupferschmiedehandwerklich richtig, und so müsse man und wolle er arbeiten. Nachdem ich erklärte, dass ich solche Arbeit nicht gebrauchen könne, bat er mich, ein zweites Gesicht schmieden zu dürfen.

Kupferschmied, historische Darstellung aus dem 16. Jahrhundert. Quelle: Wickipedia

Kupferschmied, historische Darstellung aus dem 16. Jahrhundert. Quelle: Wickipedia

Dieses zweite wurde noch fehlerhafter. Ich ersah daraus, dass ich auf diesem Wege nicht nach meinem Wunsche zum Ziele kommen könne, und kündigte die Arbeit auf. Nun fing eine wilde Wirtschaft an; überall war man gegen mich und für Meister Trebbe, der, da Armin den Varus geschlagen, nun Armin dafür schlagen solle. Der Denkmal-Verein hielt eine Sitzung, in der stundenlang beraten und bestimmt werden sollte, dass ich dem Lipper Meister Trebbe die Arbeit weiter überlassen solle. Ich hatte wenig zu sagen und sagte auch wenig. Als man mich endlich aufforderte, mich zu erklären, was hierin geschehen solle, erklärte ich, dass ich Trebbe als meine Hilfe nicht gebrauchen könne und ihm deshalb die Arbeit abgenommen hätte und dass ich, da Trebbe fortarbeitete, selbst die Werkstatt, die fürs Denkmal gemietet, schließen werde. Tags darauf schickte ich meine zwei stärksten Arbeiter nach Lemgo in meine Werkstatt, mit dem Befehl, ruhig in dieselbe zu gehen, wenn darin gearbeitet werde. Als ich die Werkstatt betrat, stund Meister Trebbe in kühner Stellung in Mitte, und um ihn hämmerten die Schmiede ohrenzerreißend. Ich schrie, Ruhe und den Schluss der Arbeit befehlend. Trebbe: „Sie haben nichts zu befehlen.“ Ich erklärte den Arbeitern, dass sie nicht bezahlt werden würden. Da sah ich über meinem Kopfe einen Schatten und dass zugleich einer meiner Leute zusprang und den mir zunächst stehenden Schmied an der Handfessel packte und ihm den Hammer entriss, mit dem er nach mir schlagen gewollt. Nun öffnete ich die Türe und ließ der Geschichte durch den Polizeibeamten ein Ende machen und die Werkstatt schließen. — Ein paar Tage darauf übernahm ich mit gerichtlicher Hilfe, was dem Denkmale gehörte und schaffte alles zum Denkmale auf den Berg.“
Ernst v. Bändel blieb nichts anderes übrig, als sich nun selbst im Kupferschmiedehandwerk zu versuchen. In Hannover baute er sich eine Werkstatt, und am 25. September 1863 erklangen darin die ersten Hammerschläge, mit denen das Hermannsstandbild aus den dicken Kupferplatten in Teilstücken getrieben wurde. Bändel war damals 63 Jahre alt, als er diese schwere Arbeit auf sich nahm. „Ich bin jetzt Großdeutschlands Kupferschmied und hoffe, daß meine Hammerschläge noch nach Jahrhunderten zu deutschen Herzen klingen, viel, viel gewaltiger, als ich sie führe“, so schrieb er seinem Bruder in jenen Tagen. Obwohl er sein ganzes Vermögen für den Bau des Denkmals geopfert hatte, wollte er auch seine Arbeitskraft ohne Entgelt der großen Aufgabe zur Verfügung stellen. Erst als er die Kunst der Kupferschmiede vollkommen beherrschte, folgte er dem Rate seiner Verwandten und zeichnete sich als „Kupferschläger Bändel“ mit einem Taler Tagelohn in die Wochenrechnungen ein.

Als das Hermannsdenkmal am 16. August 1875 in Gegenwart des Deutschen Kaisers eingeweiht wurde, stiegen noch einmal in Bändel die Erinnerungen an seine unermüdliche Arbeit in der Kupferschmiede auf: „Ehe der Kaiser kam“, schrieb er seinem Sohne Roderich, „sah ich meine Arbeiter unten vor meinem
Häuschen mit neuen Röcken und kleinen Hämmern. Da holte ich meinen großen Handhammer und zeigte ihnen diesen und sagte, sie hätten ihre Schurzfelle und großen Hämmer nehmen müssen. Kaum hatte man mich mit meinem Hammer gesehen, da erscholl ein Sturm-Hurra hoch; da konnte ich’s nicht lassen, ein paar mächtige Lufthiebe mit meinem Hammer zu führen, und nun war der Lärm erst recht los; ich gönn’s meinem Hammer, er hat treu ausgehalten.“

Quelle: Lippe Anno dazumal