Längst ist in Lippe die alte Nachtwächterherrlichkeit dahin, denn das, was heute bei uns mit den Nachtwachen betraut wird, ist von viel zu schneidigem Auftreten und nüchternem Aussehen, als dass man etwas Nachtwächterpoesie damit in Verbindung bringen könnte. Und doch ist erst kurze Zeit vergangen, daß diese mythischen Gestalten mit Hellebarde, Blendlaterne und Hörn in unseren Dörfern mehr und mehr vermisst werden, die ulkigen Kerle, die, trotzdem sie zu den äußeren Organen der Polizeigewalt gehörten, ihrem Außenmenschen jenen Anstrich von Gemütlichkeit bewahrten, der nächtlichen harmlosen und nicht harmlosen Wanderern so äußerst wohltuend ist.
Dieser Außenseite entsprachen auch die inneren Qualitäten. Unsere Nachtwächter in der guten alten Zeit waren durchweg Gemütsmenschen, die den menschlichen Schwächen und Gebrechen Rechnung zu tragen wussten und nicht jeden nächtlich Heimkehrenden misstrauisch mit ihrem elektrischen Scheinwerfer beleuchteten, nicht jedes nächtliche Stelldichein mit rauher Hand störten und auch nicht jeden, der der lieben Abwechslung halber der von ihm angebeteten Maid ein Ständchen widmete, als Ruhestörer in sein Pensionat brachten, dessen Annehmlichkeiten mit den damit verbundenen Kosten in einem greulichen Missverhältnisse stehen.
Um 9 Uhr begann der Nachtwächter sein „Tagewerk“, und ein lang gezogener Ton verkündete den zur Ruhe gehenden Einwohnern, dass der Alte auf dem Posten war. Um 10 Uhr abends entlockte er seinem vorsintflutlichen Instrumente einen kurzen und einen langen Ton, um 11 Uhr zwei kurze und einen langen Ton, und wenn’s Mitternacht war, gab es drei kurze und einen langen Ton. Von 1 Uhr nachts ab richtete er sich nach der Uhr und gab nur einen lang gezogenen Ton ab. Seine so geschilderte Tätigkeit setzte sich bis morgens 4 Uhr fort. Der Nachtwächter war also die wandelnde Uhr, und das war eine große Wohltat für die Dorfbewohner zu einer Zeit, als die Uhren zu einer Seltenheit gehörten und alles Licht noch mit dem „Tüntelpott“, dem Zunderkasten, auf umständliche und lästige Weise entfacht werden musste. Manchem dienstbaren Geiste war die Pünktlichkeit nun keineswegs gerade angenehm, wenn er sich beim Schatze verspätet hatte und das Wächterhorn ihn zum „Imbtdreschen“ rief, nachdem er kaum seine Glieder zum wohligen Schlummer ausgestreckt hatte. Unsere Hauschroniken könnten von mancherlei kleinen Bestechungen reden, wenn mal gerade „etwas Besonderes los“ gewesen war und der Alte versehentlich statt der dritten Stunde die zweite abgeblasen hatte.
Jeder Nachwächter war natürlich der beste auf dem ganzen Erdenrund, und selbst der bescheidenste unter ihnen behauptete das mit dem Zusätze, dass nicht jeder berufen sei zum Nachwächter. Ich habe nicht den geringsten Zweifel an der Richtigkeit dieser Behauptung, habe ich doch einen solchen Hüter der Ordnung auf seinen Rundgängen begleitet und mich dabei entsetzlich gelangweilt.

Der letzte Nachtwächter von Bega. Um 1900. Quelle: Lippe Anno dazumal

Es wird kein Nachtwächter geboren, dachte ich im Stillen und fast voll Ehrfurcht schaute ich auf meinen Begleiter, der voll Stolz behauptete, dass sich niemand über ihn beklagen könne. Seine menschenfreundliche Gesinnung ging sogar soweit, dass er keinem Menschen Unbequemlichkeiten bereitete, am allerwenigsten sich selbst. Freilich hatte seine Freundlichkeit nicht zu verhindern vermocht, dass kurz vorher in dem stillen Dörfchen einige Beweise von Begriffsverwirrung zwischen dem Mein und Dein geliefert worden waren, aber das war immer zu einer Zeit gewesen, wo er sich zufällig „am anderen Ende des Dorfes“ befand.

Es war eben gefährlich, mal ein Nickerchen zu wagen, zumal unverantwortlicherweise die Spitzbuben gerade dann ihr einnehmendes Wesen offenbarten, wenn der getreue Hüter zur Pflege seiner für die Sicherheit des Ortes so wichtigen Gesundheit für ein Weilchen in die Stille sich zurückgezogen hatte, um ernstlich darüber nachzudenken, wie man dergleichen Ungebührlichkeiten wohl am nachdrücklichsten begegnen könne. Es war eigentlich unerhört, wenn sich die Spitzbuben gerade diese Zeiten aussuchten. Die Leidtragenden und die Behörden aber wetterten über die Nachtwächter, die es wohl mit den Worten des Psalmisten hielten: Den Freunden gibt’s der Herr schlafend!
Ihr Gehalt war auch danach. Nach einem vorliegenden Verzeichnis erhielt solch treuer Hüter der Nacht um 1830 sechs Thaler und 4 Silbergroschen pro Jahr.

Quelle: Lippe annodazumal

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