Wilhelm Büxe (geb. 1872) und Adolf Flake (geb. 1902) haben Fabrikschornsteine gebaut. Sie haben ihren Beruf zu einer Zeit ausgeübt, als noch niemand von einer „Politik der hohen Schornsteine“ sprach. In einem anderen Zusammenhang waren allerdings Politik und hohe Schornsteine im Leben Adolf Flakes von erheblicher Bedeutung. Die „große Politik“ hat ihn in dem denkwürdigen Jahr 1933 von einem behördlichen Schreibtisch vertrieben und Fabrikschornsteinbauer werden lassen. Im Dezember 1945 wurde Adolf Flake zum Bürgermeister der Gemeinde Holzhausen-Externsteine bestellt. Er gehörte von Dezember 1945 bis Ende 1969 dem Gemeinderat ununterbrochen an und hat besonders in seinen Amtszeiten als Bürgermeister die Geschicke Holzhausens entscheidend mitbestimmt. Als dem erfolgreichen Kommunalpolitiker 1977 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, würdigte Landrat Wegener auch Adolf Flakes Tätigkeit im Kreistag. So könnte der nachfolgende Beitrag die Überschrift „Politik und hohe Schornsteine“ erhalten, wenn es uns nicht in erster Linie um das Handwerk des Fabrikschornsteinbauers ginge. Adolf Flake hat Heinz Wiemann im März und April 1983 aus seinem Berufsleben berichtet. Letzterer führte Protokoll und konnte auch Ergänzungen der Ehefrau Anna Flake geb. Büxe einbeziehen.

Die Fotos wurden von Heinz Wiemann aufgenommen bzw. aus seinem Archiv zur Verfügung gestellt

Wilhelm Büxe — Schornsteinbauer und Hausschlachter

Wenn von dem Fabrikschornsteinbau und mir die Rede sein soll, muß zuerst an meinen Schwiegervater Wilhelm Büxe erinnert werden. Er wurde 1872 in Holzhausen geboren, ist nach der Schulzeit zur Ziegelei gegangen und hat sich dann das Maurerhandwerk angeeignet. Von einer regelrechten Lehre kann man nicht sprechen. Um auch im Winter das tägliche Brot verdienen zu können, ließ er sich in der Metzgerei Dierksmeier in Berlebeck all das beibringen, was man als Hausschlachter können muß. Oft hat er erzählt, wie er mit Fritz Dierksmeier auch nach Holzhausen gekommen ist, um hier Wurst und Fleischwaren zu verkaufen. Als Verkaufsfahrzeug diente ein großer Handwagen, der von einem kräftigen Hund gezogen wurde. Eine Schelle brauchte man nicht. An den verschiedenen Stellen in Holzhausen bellte der Hund laut und vernehmlich, und das hörte sich an wie „Wost! Wost!“ — ins Hochdeutsche übersetzt: „Wurst! Wurst!“ Ich selber kann mich noch an ein großes Schild erinnern, das vor dem Laden der Metzgerei Dierksmeier hing. Es trug die Aufschrift: „Ochsen, Kühe, Kälber, Schweine / haben Knochen und auch Beine. / Darum muß beim Fleischabwiegen / jeder etwas Knochen kriegen!“ 1897 hat mein Schwiegervater geheiratet und sich wahrscheinlich im gleichen Jahr als Hausschlachter in Holzhausen selbständig gemacht. Die Gründung des Schornsteinbau-Betriebes geht auf das Jahr 1902 zurück. Wieder muß man sagen: eine Lehre und entsprechende Prüfungen waren nirgendwo absolviert worden. Wilhelm Büxe verstand sein Handwerk, das Maurerhandwerk, und hat sich auf den Bau hoher Fabrikschornsteine spezialisiert. Niemand verlangte ein schriftlich fixiertes Zeugnis. Die in den Himmel ragenden Kamine waren Zeugnisse seines Könnens. 1902 hatte mein Schwiegervater das Gerüst des Berlebecker Unternehmers Welge gekauft. Welge hatte Reparaturen an Fabrikschornsteinen ausgeführt und war tödlich verunglückt. Wenn es im März mit dem Hausschlachten auf das Ende zuging und sich der Frühling ankündigte, wurde mein Schwiegervater unruhig. Dann mußte er hinaus, dann stieg er auf sein Fahrrad und besuchte Ziegeleien, Möbelwerke und sonstige Fabriken mit hohen Schornsteinen. Er sah sich die Kamine an, sprach mit den Besitzern über Reparaturmaßnahmen und Neubauten, erhielt Aufträge und führte sie aus. Er machte seine Arbeit gut. Und das sprach sich herum. Das brachte Aufträge auch aus Orten weit jenseits der lippischen Landesgrenze. Sogar im fernen Österreich hat er einen Schornstein errichtet.

Fabrikschomsteinbauer Wilhelm Büxe (links), sein Sohn August (auf der Leiter) und „Hiesige“ im Jahre 1928 auf einer Baustelle bei Bielefeld

Zu weit gelegenen Baustellen fuhren mein Schwiegervater und seine Mitarbeiter natürlich mit der Bahn. Gab es im Umkreis von rund 30 Kilometern etwas zu tun, stiegen die Schornsteinbauer in aller Frühe auf ihre Fahrräder. Oft kamen sie erst spätabends nach Hause; nicht selten waren sie unterwegs von einem Regenschauer überrascht worden. Einen Achtstundentag gab es nicht. Die Witterung schrieb sozusagen die Arbeitszeit vor. Waren Geräte und andere Dinge zu transportieren, die schwere Seilwinde und Gerüstteile zum Beispiel, geschah das mit dem Pferdewagen.

Übrigens haben wir erst um die Mitte der dreißiger Jahre eine elektrische Winde angeschafft. Vorher mußten Mörtel, Steine und was sonst gebraucht wurde, im Handbetrieb nach oben gekurbelt werden. Wenn ich sage „wir“, muß ich hinzufügen, daß meine Frau und ich 1930 geheiratet haben und ich 1933 Mitarbeiter im Betrieb meines Schwiegervaters wurde. Das erste Auto, ein Opel P 4, rollte seit 1938 für die Firma, und mit einem Telefonanschluß machten wir uns im gleichen Jahre weiter die Errungenschaften der modernen Technik zunutze. In Lippe gab es bis zum Zweiten Weltkrieg keine weitere Firma, die Fabrikschornsteine baute. Vor etwa 40 Jahren ist in Lemgo ein Kaminbau-Unternehmen entstanden, das heute noch existiert.

Unter der Überschrift „130 Kamine und 10.000 Schweine“ berichtete die „Freie Presse“ am 5. Dezember 1957 unter anderem: „Wenn heute die Diamantene Hochzeit des weithin bekannten und überall beliebten Ehepaares Wilhelm Büxe und Frau Sofie, geborene Hense, gefeiert wird, wird die gesamte Gemeinde daran lebhaften Anteil nehmen Im Laufe seiner langen Praxis baute er über 130 Fabrikschornsteine. Bis vor zwei Jahren nutzte der Jubilar außerdem noch den Winter, um als Hausschiachter zu arbeiten. Im Laufe von sechs Jahrzehnten dürfte er, grob geschätzt, 10.000 Schweine geschlachtet und zu Hausmacherwurst verarbeitet haben. Aus dem Schornsteingeschäft stieg Opa Büxe erst 1950 im Alter von 78 Jahren aus Oft sieht man das bejahrte Ehepaar mit dem Handwagen in den Wald ziehen und Holz sammeln. Wilhelm Büxe steht dann noch stundenlang am Sägebock, um es zu zerkleinern Als ihm eines Tages — es war im 1. Weltkrieg — seine geliebte Pfeife in Wilna in einen Brunnen gefallen war, gab er kurzerhand das Rauchen auf “ Dafür, so kann ergänzt werden, ließ er Schornsteine rauchen. Und noch 1952 legte er beim Bau des Künnemeyer-Schornsteines tatkräftig mit Hand an. Wilhelm Büxe ist 1962 im Alter von 90 Jahren verstorben.

Vom Ziegler zum „Staatsfeind“

Als sechstes von acht Kindern wurde ich am 24. Dezember 1902 in Berlebeck geboren. Hier bin ich auch zur Schule gegangen. Meine Lieblingsfächer waren Geographie und Rechnen. Wenn der Schulrat Schwanold zu Besuch in der Klasse war, holte mich der Lehrer jedesmal nach vorn an die Landkarte, und ich mußte Städte, Länder und Flüsse zeigen. Mein Vater arbeitete im Winter als Holzhauer und im Sommer als Ziegelmeister. Und als ich 1917 aus der Schule kam, war es fast selbstverständlich, daß ich mit zur Ziegelei ging — obwohl Superintendent Lamberg aus Heiligenkirchen meinen Vater des öfteren zu überzeugen versucht hatte, mich Lehrer werden zu lassen. Schon einen Tag nach meiner Konfirmation waren wir unterwegs nach Niederbrechen bei Limburg an der Lahn. Ich mußte zuerst die „Blitzkarre“ schieben, dann die Steine aus dem Ofen herausfahren und wurde später als zweiter Brenner eingesetzt. Der Berlebecker Ziegler Micke und ich haben bis in den Dezember hinein Steine gebrannt. Als ich am 24. Dezember, dem Tag meines 15. Geburtstages, nach Hause kam, war ich krumm- und schiefgearbeitet, hatte aber einen schönen Batzen Geld, in meine Westentasche eingenäht, mitgebracht. Da mein Vater während der Kampagne erkrankt war und die Heimfahrt antreten mußte, war es meine Aufgabe gewesen, mit dem Ziegeleibesitzer Adolf Becher die Abrechnung vorzunehmen.

Bereits Anfang Januar 1918 erhielt ich die Aufforderung, in den Fürstlich Lippischen Staatswerkstätten an der Hornschen Straße in Detmold zu arbeiten. In dieser ehemaligen Stuckfabrik wurden Granaten hergestellt. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges habe ich als 15jähriger im wöchentlichen Wechsel von Tag- und Nachtschicht wöchentlich 60 Stunden an Kopfform- und Unterstechbank gestanden und an der Produktion von Granaten mitgearbeitet.

Es folgte eine Tätigkeit in der Postexpedition der Temmler-Werke in Detmold. Abends nahm ich an Stenographie- und Schreibmaschinenkursen teil und gehörte bei einem Stenographen-Wettbewerb in Minden mit zu den Siegern. Als die Lippische Vereinsdruckerei, in der die „Lippische Tageszeitung“ erschien, einen Volontär für das Büro und die Redaktion suchte, bot sich mir endlich die Gelegenheit, eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Ich habe sie am 31. März 1922 abgeschlossen und bin dann mit dem Direktor nach Sachsen gegangen. Weitere Stationen meines beruflichen Weges waren Köln und Dorsten. Es war schwer, in den zwanziger Jahren Arbeit zu bekommen. So habe ich die verschiedensten Tätigkeiten aufgenommen, und es hat mir nicht geschadet. Dazu gehörte das Hereinholen von Anzeigen für das „Adreßbuch des Landes Lippe“ ebenso wie der Verkauf von Himbeeren auf dem Detmolder Markt und die Übernahme von Aushilfstätigkeiten bei Behörden. Meine Beschäftigung seit 1930 beim Arbeitsamt in Detmold hätte von Dauer sein können, wenn Adolf Hitler nicht auf der Bildfläche erschienen wäre.

„Wenn Hitler an’s Ruder kommt, gibt es eine Katastrophe“, habe ich jedem gesagt, der es hören wollte. Und wenn von den Autobahnen gesprochen wurde, habe ich offen die Auffassung vertreten, daß sie eines Tages zur Flucht viel zu schmal sein würden. Als der Reichstag brannte, konnten viele in der Straßenbahn und wo auch immer meine Meinung hören, daß der Brand das Werk der Nazis gewesen sei. Kurz und gut: Ich habe meinen Mund nicht gehalten, bin natürlich auch nicht in die NSDAP eingetreten und wurde am 6. März 1933 als „Staatsfeind“ aus dem Dienst entlassen. Daß ich hier in Holzhausen von NSDAP-Leuten Prügel bezogen habe, sei noch am Rande erwähnt.

Der neue Beruf: Fabrikschornsteinbauer

Das Ende meiner Behördenlaufbahn war der Anfang meines beruflichen Weges als Bauhandwerker. Mein Schwiegervater hatte sozusagen schon auf mich gewartet und nahm mich mit Freude in seinen Betrieb auf. Der Fabrikschornsteinbau war für mich nichts Neues. Zum ersten Male hatte ich 1930 auf recht eigenwillige Weise Höhenluft geschnuppert. Diese Geschichte will ich kurz erzählen: Der Geselle Albert Harte führte an einem Schornstein bei Lünen die letzten Arbeiten aus. Es war verabredet worden, daß er den Blitzableiterdraht und die Stange gebracht bekäme. Nun war aber mein Schwiegervater durch einen anderen Auftrag verhindert, und ich erbot mich, die Blitzableiteranlage nach Lünen zu bringen und Albert Harte zu helfen. Mein Schwiegervater war äußerst skeptisch, schickte mich dann aber doch los. Albert Harte sah mich von der Höhe des Schornsteins aus und rief: „Bring den Draht hoch!“ Er hatte nicht damit gerechnet, daß ich ihn beim Wort nehmen würde. Steigeisen für Steigeisen kletterte ich an der Außenseite des Kamins empor. Auf halber Höhe hatte ich das Gefühl, daß der Schornstein schwankte. Ich hielt an, blickte nach unten und sah, daß die Welt recht groß geworden war. Mir kam die Sache nicht mehr ganz geheuer vor. „Steigst du nach oben oder kletterst du wieder abwärts zur sicheren Erde?“ ging es mir durch den Kopf. Ich biß die Zähne zusammen und stieg aufwärts. Der Draht hing an meinem Gurt und wurde immer schwerer. Unter dem Kopf des Schornsteines bemerkte ich, daß das Mauerwerk noch recht frisch war. Mir kamen Bedenken. Ich rief: „Albert!“ Der blickte über den Schornsteinrand und sagte nur: „Bist du verrückt!“ Er zog mich dann herüber auf das Gerüst im Inneren des Kamins. Daß man normalerweise im Schornstein hochkletterte und nicht an der Außenwand und daß der Blitzableiterdraht gewöhnlich mit der Winde hochgezogen wird, wußte ich damals noch nicht. „Wie oft bist du schon auf einen Schornstein geklettert?“ fragte mich Albert Harte in 30 Metern Höhe. Als er erfuhr, daß ich gerade meinen ersten Aufstieg hinter mir hatte, meinte er: „Geh* zum Alten und sag, daß du bei ihm anfangen willst.“ Ich habe den Draht auch noch an den Schellen befestigt. Die Blitzableiterstange wurde dann allerdings mit der Seilwinde emporgezogen.

Im Jahre 1930 habe ich auch beim Schornsteinbau der Gebrüder Künnemeyer, damals noch in Detmold, und der Cherusker-Sperrholzwerke in Nienhagen mitgeholfen. Aus Nienhagen ist mir noch gut eine Begebenheit mit dem Landrat Tasche in der Erinnerung geblieben. Er forderte mich eines Tages auf, nach Abschluß der Arbeiten an der Spitze des Schornsteines eine Tanne zu befestigen.

Adolf Flake und Ehefrau Anna Flake, geb. Büxe im April 1983. Auf dem 1946 von Thomas Grochowiak gemalten Bild: Fabrikschornsteinbauer und Hausschlachter Wilhelm Büxe

Mit dem Milchwagen wurde der Baum antransportiert, und ich habe dann den Wunsch des Landrates ausgeführt. Gegen Mittag erschien der hohe Herr am hohen Schornstein und verlangte, daß die Tanne wieder nach unten geholt werden sollte. Landrat Tasche war ein alter Deutschnationaler und hatte schwarz-weiß-rote Bänder mitgebracht. Mit ihnen wollte er den Baum geschmückt sehen. Ich aber wollte zuerst das zugesagte Geld zu Gesicht bekommen. Der Landrat weigerte sich. Und so kam es, daß die Tanne fast ein Jahr lang die Stellung oben auf dem Nienhagener Schornstein hielt — ohne deutschnational flatternde Bänder.

Wie gesagt: 1933 begann mein regulärer Aufstieg aus der Enge des Büros in die Weite der höheren Regionen. Ich habe diesen erzwungenen Wechsel nie bereut. Mein Schwiegervater war ein guter Lehrmeister, und die Zusammenarbeit aller klappte vorzüglich. Gerade bei den Fabrikschornsteinbauern muß sich einer auf den anderen verlassen können. Ob mir Angstgefühle zu schaffen gemacht haben? Ich wußte, daß es in anderen Betrieben hin und wieder vorkam, daß sich Gesellen Mut antranken. Das gab es bei uns nicht. Natürlich habe ich auch Angst gekannt. Das Mittel dagegen war, Umsicht und Überlegung bei der Arbeit walten zu lassen. Danach richteten sich auch die anderen. Deshalb hat es bei uns nie Unfälle gegeben. Das heißt: so gut wie nie. Einmal bat mich Ziegeleibesitzer Berhenke in Billerbeck, den heruntergefallenen Blitzableiterdraht des Maschinenhaus-Schornsteines wieder oben an der Fangstange zu befestigen. Leider waren an dem rund 20 Meter hohen Bauwerk außen keine Steigeisen angebracht worden. So kletterte ich vorsichtig an den inneren, von Rauchgasen bereits „angegriffenen“ Eisen hoch. Die Sache ging gut — zunächst jedenfalls. Ich kam ohne „Zwischenfall“ oben an. Als ich die Leine zum Hochziehen der Leitung gerade abwerfen wollte, brach das Steigeisen unter meinen Füßen.

Links: Bau der „Pyramide“ und des Fuchses für den Schornstein der Möbelfabrik Tepe in Detmold 1949 Rechts: So wird’s gemacht! Zur Demonstration hat Adolf Flake den Verband der Schornsteinwandung aus Radialklinkern gelegt. Die normalerweise rund fünf Meter hohen Trommeln haben hier die Höhe von zwei Ringziegeln

Ich sauste im Schornstein herunter und landete — mit dem Hinterteil zuerst — unten in der Flugasche. Glücklicherweise hatten wir dieses etwa einen halben Meter hohe „Polster“ noch nicht entfernt. Während des Fallens in dem 60 bis 70 Zentimeter engen Kamin hatte ich versucht, in Hockstellung zu gehen. Meine Arbeitskleidung war an Ellenbogen und Beinen durchgescheuert, und auch ein Teil meiner „Pelle“ war weg. Ich kroch aus der Fuchsöffnung, und mein Gehilfe fragte: „Bist’e schon wieder unten?“ Ich befühlte meine Knochen, merkte, daß noch alle an ihrer Stelle waren, kletterte wieder nach oben und brachte die Arbeit zu Ende.

Zurück zu meinen Lehrjahren! Abends drückte ich wieder die Schulbank und nahm in der Handwerkskammer an Kursen teil, die mir das kaufmännische Rüstzeug für das Handwerk des Kamin- und Feuerungsbauers vermittelten. 1938 wurde ich in die Handwerksrolle eingetragen. Das war bei meiner Einstellung den Nationalsozialisten gegenüber nicht ganz einfach. Obwohl ich eine Reihe von Befähigungsnachweisen vorlegen konnte, hielt man im Amt des Reichsstatthalters die Zugehörigkeit zur NSDAP zunächst für unerläßlich. Außerdem konnte ich statt der geforderten fünf nur drei Gesellenjahre nachweisen. Das war ein langes Hin und Her, bei dem ich schließlich erklärte: „Sie haben die einmalige Chance, aus mir vielleicht einen Nationalsozialisten zu machen. Wenn ich die Handwerkskarte nicht erhalte, werde ich nie einer!“ Als ich vier Wochen später wieder zur Regierung in Detmold zitiert wurde, kam mir ein „Verantwortlicher“ entgegen: „Herr Flake, ich gratuliere Ihnen, der Herr Reichsstatthalter will Ihnen die Gelegenheit geben, Nationalsozialist zu werden. Sie erhalten eine Ausnahmegenehmigung!“ Im gleichen Jahr wurde ich Teilhaber im Betrieb meines Schwiegervaters.

Während der Kriegsjahre ruhte die Arbeit bis auf eine Ausnahme. Ich wurde als erster meines Jahrgangs hier in Holzhauseh eingezogen, 1943 allerdings für ein Jahr als „unabkömmlich“ in die Heimat entlassen. Bei der Lippischen Eisenindustrie in Remmighausen mußte die Umstellung von Ol- auf Kohlenstaubfeuerung durchgeführt und ein 35 Meter hoher Schornstein gebaut werden. Im September 1944 wurde ich wieder einberufen, geriet als Angehöriger eines Fallschirmjagdkommandos am 5. Mai 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde durch eine List als „Farmer“ schon im Juni entlassen.

1946 begannen überall im Lande die Schornsteine langsam wieder zu rauchen. Gebaut wurde zwar noch keiner, aber wir hatten mit Reparaturarbeiten ausreichend zu tun. Heinrich Twete aus Holzhausen, ein tüchtiger Maurer, den ich 1946 einstellte, und Siegfried Hörn aus Hörn, der 1948 als Lehrling bei uns eintrat, waren Mitarbeiter, auf die man sich immer verlassen konnte. 1949 haben wir für die Möbelfabrik Tepe in Detmold den ersten Kamin nach dem  Zweiten Weltkrieg hochgezogen.

Strom macht keinen Qualm

Als mein Schwiegervater 1950 mit 78 Jahren aus dem Betrieb ausschied, arbeitete mein Sohn Jochen bereits in der Firma. Damals meinten wir noch, er würde den Fabrikschornsteinbau in der dritten Generation weiterführen. Daraus ist aber leider nichts geworden. Von der Mitte der fünfziger Jahre an kamen nur noch wenige Aufträge herein. In den Fabriken wurde mehr und mehr die Elektrizität eingesetzt. Und sie macht keinen Qualm. Wenn hier und da noch ein Fabrikschornstein gebaut wurde, ließen ihn die Bauherren oft aus Beton „hochziehen“ Das war keine Arbeit für uns. 1957 bestand Jochen die Prüfung als Maurermeister. Wir verlegten unser Schwergewicht auf die Erstellung schlüsselfertiger Häuser und haben natürlich auch andere Baumaßnahmen durchgeführt. Damals mußte ich viel investieren. Schalung, Träger, Stahlstützen, verschiedene Fahrzeuge, Mischer mit Beschicker, Azo-Kran und andere Dinge konnten nur angeschafft werden, weil meine Frau sehr sparsam wirtschaftete und Verständnis dafür aufbrachte, daß das Geschäft vor den eigenen Wünschen Vorrang hatte. Der Schornstein muß schließlich rauchen. Rund 15 Jahre lang waren wir gut beschäftigt. Alle Rechnungen wurden sofort bezahlt, und wir haben praktisch vom Skonto gelebt. Eine Verknappung der Arbeit auf dem Bausektor zeigte sich bereits 1973. Die Preise wurden stark gedrückt. Die Lohnnebenkosten stiegen. Schwarzarbeit war gefragt. Seit Mai 1965 arbeitete auch unser Sohn Rolf als Techniker im Betrieb. Als ich meinen Söhnen 1973 — ich war 70 Jahre alt — sagte, daß ich zum Jahresende Schluß machen wolle, lehnten sie die Übernahme der Firma ab. Sie wollten sich dem Arger und Streß, den ich hatte, nicht aussetzen. Ich habe die Entscheidung respektiert. Wir haben dann allen Beschäftigten ordnungsgemäß gekündigt und am 31. Dezember 1973 schweren Herzens den Betrieb bei der Handwerkskammer abgemeldet. Meine Frau hat das jahrelang nicht recht verwinden können. Glücklicherweise haben Jochen und Rolf als Bau-Fachleute bei behördlichen Dienststellen Arbeit gefunden.

Von amerikanischen Rekorden und lippischen Höhen

Damit kein falsches Bild, kein falsches Berufsbild, entsteht: Zum Handwerk des Fabrikschornsteinbauers gehört mehr als das Errichten hoher Schlote. Auf meiner Geschäftskarte stand folgender Text: „Fabrikschornsteinbau, Dampfkessel- und Economisereinbauten. Alle Reparaturen an Schornsteinen wie Geraderichten, Binden, Höherführungen ohne Betriebsstörung. Abbruche, Blitzschutzanlagen, Dampfkessel- und Überhitzerreparaturen, Vorfeuerungen, Unterflurfeuerungen.“ Besonders hervorgehoben war der Satz „Umlegen von Schornsteinen mit Garantie“ Zweifellos standen die Fabrikschornsteine lange Jahre gewissermaßen im Mittelpunkt unserer Arbeit. Sie haben den Namen unserer Firma weithin bekannt gemacht und künden auch heute noch unübersehbar von der soliden Leistung lippischer Handwerker. So möchte ich auch im folgenden die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Fabrikschornsteine lenken.

Zunächst ein paar Sätze aus dem 1897 in erster und 1940 in achter Auflage erschienenen Buch „Die Fabrikschornsteine“ von H. Jahr: „Der Zweck der Schornsteine ist ein zweifacher: Die gesundheitsschädlichen giftigen Verbrennungsgase sollen in höhere Luftschichten abgeleitet werden, um Schädigungen von Menschen, Tieren und Pflanzen zu vermeiden, ferner dienen die Schornsteine zur Zugerzeugung, d. h. die Rauchgase sollen mit einer gewissen Geschwindigkeit abgeführt werden, um die Zufuhr der zur Verbrennung nötigen Luft zu bewirken Hohe Schornsteine als selbständige freistehende Bauten wurden erst gegen 1800 in England bekannt.

Links: Das Werk ist vollendet, der Schornstein „steht“! Sem Erbauer Wilhelm Biixe zeigt sich unter dem Galgen. Rechts: Reparaturarbeiten. Schornsteinbauer Adolf Biixe, 1928 bei einem Motorradunfall verunglückter Sohn des Holzhausener Unternehmers, und sein Bruder August Biixe auf dem Konsolgerüst. August Büxe, im 2. Weltkriegvermißt, war von Beruf Schornsteinfeger. Er half gelegentlich im Betrieb seines Vatersaus. Beide Schornsteine verfugen über einen Sockel. Auf ihn und auf einen besonders ausgeprägten Schornsteinkopf haben die Bauherren im Lauf der Jahre mehr und mehr verzichtet

Dann werden auch in Frankreich Fabrikschornsteine errichtet, und aus Frankreich stammen die ersten wissenschaftlichen Grundlagen für die Berechnung der Schornsteine. Deutschland folgt anfänglich englischen und französischen Vorbildern und übernimmt später, seit etwa 1865, die führende Rolle im Schornsteinbau Um haltbare und standsichere Schornsteine in wirtschaftlicher Weise erbauen zu können, müssen richtige Berechnung und Konstruktion mit praktischer Erfahrung und sorgsamer Ausführung Hand in Hand gehen. Hier gilt besonders das Wortt Formeln sind nur Werkzeuge in der Hand des Geistes, welche ihn aber niemals ersetzen können.“

Die Mechernicher Esse, so berichtet Jahr in seinem Buch, war mit ihren 131 Metern bis 1889 der höchste Schornstein Deutschlands. Bis zum Jahre 1908 hielt dann der 140 Meter hohe Schlot der Halsbrücker Hütte bei Freiburg i. S. den Rekord als der höchste Schornstein der Erde. Danach

konnte Amerika die Höhenrekorde für sich verbuchen. Für das Jahr 1919 wird ein 199 Meter emporragendes Schornsteinbauwerk mit einer oberen Lichtweite von 18,34 Metern in Montana genannt. Das höchste Bauwerk der Erde aus Ziegelsteinen in Schornsteinform, auf das Jahr in seiner 1940 erschienenen achten Buchauflage hinweist, ist ein 204 Meter hoher Antennenmast in Amerika.

Wir Lipper sind dagegen recht bescheiden. Ich will versuchen, nach meiner Erinnerung Schornsteine, die wir in Lippe gebaut haben, aufzuzählen und dabei auch jeweils das Baujahr und die Höhe anzugeben:

Möbelfabrik Ernst Hilker in Detmold (1929, 40 Meter) — Sperrholzwerke in Nienhagen (1930, 40 Meter) — Sperrholzwerk Gebr. Künnemeyer in Detmold  (1930, 35 Meter) — Ziegelei Rulle in Herrentrup (1939, 20 Meter) — Sperrholzwerk Gebr. Künnemeyer in Hörn (1933/34, 35 Meter) — Sägewerk Riechers in Lemgo (1934, 30 Meter) — Polstergestellbau Wrenger in Lemgo (1934, 35 Meter) — Sägewerk Rebbe in Schlangen (1934, 20 Meter) — Gärtnerei Lüpke in Lemgo (1935, 35 Meter) — Konservenfabrik Büker in Ehrentrup (1936, 25 Meter) — Sperrholzwerk Gebr. Künnemeyer in Hörn (1938, 50 Meter) — Molkerei Fütig im Extertal (1939, 25 Meter) — Möbelfabrik Deppe in Bösingfeld (1939, 25 Meter) — Firma Steinhage u. Rethmeier in Remmighausen (1940, 25 Meter) — Möbelfabrik Wilmsmeier in Laubke (1941, 40 Meter) — Lippische Eisenindustrie in Remmighausen (1943, 35 Meter) — Möbelfabrik Tepe in Detmold (1949, 35 Meter) — Molkerei in Detmold (1952, 25 Meter) — Sperrholzwerk Gebr. Künnemeyer in Hörn (1952, 50 Meter) — Möbelfabrik Brandt in Leopoldstal (1953,40 Meter) — Eka-Werk in Hörn (1956, 25 Meter) — Brennerei Neisse in Heesten-Küterbrok (1956,25 Meter) — Polstergestellbau Gausmann in Hiddesen (1958, 35 Meter) — Konservenfabrik Lubella in Ehrentrup (1960, 25 Meter).

Wie gesagt: Alle Angaben nach dem Gedächtnis, wobei es sich bei den Meterangaben um „gerundete“ Zahlen handelt. Nicht erwähnt sind die vielen Kamine, die wir außerhalb Lippes errichtet haben: Und: die lippische Liste weist erhebliche Lücken auf!

Radialklinker, Trommeln und ein Galgen

Man sollte meinen, daß große Schornsteine auf großem Fuße stehen und selbst für die Standfestigkeit eines „kleinen“ Fabrikschornsteines ein erheblicher Aufwand getrieben werden muß. Wie es sich damit und mit weiteren Maßen und Maßnahmen verhält, sei an dem Beispiel eines 25-Meter-Kamins erläutert: Die „Fußsohle“ besteht aus einer quadratischen Beton-platte, 4,50 Meter lang und 0,60 Meter dick. Das ist von der Fläche her schon reichlich bemessen. Bei mittleren Schornsteinen reicht in der Regel ein Achtel der Gesamthöhe als Maß für die Breite der Bausohle. Auf dem Betonfundament, das in unserem Falle zwei Meter tief in der Erde liegt, wird die „Pyramide“, 1,40 Meter hoch, aus Ringziegeln errichtet. Ringziegel, im Fabrikschornsteinbau handelt es sich um Radialklinker, werden überall dort benötigt, wo es um Bauten mit Rundungen geht. Hier muß gesagt werden, daß die Form unserer „Pyramide“ keine Ähnlichkeit mit den berühmten ägyptischen Grabmalen hat. Unsere „Pyramide“ ist, genaugenommen, ein Kegelstumpf. Das braucht aber niemanden weiter aufzuregen. Die „Kaminpyramide“ wird später ohnehin den Blicken kritischer Zeitgenossen durch das sie umgebende Erdreich entzogen. In der Mitte bleibt eine Säule mit einem Durchmesser von 88 Zentimetern ausgespart: der Anfang des Schornsteininneren. Von einer Seite wird ihm der Fuchs zugeführt, der Rauchabzugskanal, die unterirdische Verbindung mit dem Kesselhaus. Ein Zugang von der gegenüberliegenden Seite dient dem von Zeit zu Zeit erforderlichen Entfernen von Ruß und Flugasche.

Ein paar Worte zu den Radialklinkern: Wenn man eine Ananasscheibe aus der Dose zum Mittelpunkt hin in Stücke schneidet, kommen die einzelnen Stücke dem „Zuschnitt“ dieser Ziegelsteinform nahe. Bleibt noch, sich die senkrechte Lochung der „Steine“ und die rötliche Färbung vorzustellen. Was die Druckfestigkeit angeht, so geraten unsere Ananasstücke natürlich hoffnungslos ins Hintertreffen. 350 Kilogramm pro Quadratzentimeter müssen die zum Fabrikschornsteinbau verwendeten Ringklinker schon ertragen können. Und erforderlich sind diese speziellen Formsteine stets bei runden Kaminschäften, deren Innendurchmesser unter der Zwei-Meter-Grenze liegen.

Wo es um Formen geht, muß man in vielen Fällen nicht lange nach genormten Größen suchen. Unterschieden wird bei Ringziegeln nach der Länge (25, 18 und 12 Zentimeter), nach der Höhe (6,5 und 9 Zentimeter) und schließlich der „Größe“ Drei „Größen“ gibt es. Die Form des 25-Zentimeter-Ringziegels, „Größe“ 1, ist für Bauwerke mit einem Halbmesser von 219 Zentimetern konzipiert. Bei den „Größen“ 2 und 3 werden Radien in einer Länge von 108 und 73 Zentimetern zugrunde gelegt. Der jeweilige Halbmesser muß beim Bauen nicht zentimetergenau eingehalten werden; Abweichungen sind in beiden Richtungen möglich. So wird der größte Radius (Größe 1) mit 5 Metern und der kleinste (Größe 3) mit 0,65 Metern angegeben. Die 18 und 12 Zentimeter langen Ringziegel haben „eigene“ Halbmesserangaben. Gemauert wird zwecks guter Standfestigkeit in einem gut durchdachten Verband, bei dem,

soweit es die Wandstärke ermöglicht, auch Radialklinker verschiedener Längen nach bestimmten „Regeln der Kunst“ miteinander wechseln. Aus Sparsamkeitsgründen kann der innere Bereich des Mauerverbandes aus „normalen“ Ziegelsteinen mit geringerer Druckfestigkeit bestehen. Das erfordert allerdings eine größere Wandstärke.

Unser 25-Meter-Fabrikschornstein erhält ein Feuerziegelfutter aus Schamottsteinen oder Radialklinkern. Bauherren, die der Errichtung eines solchen Kamins im Kamin zugestimmt haben, brauchen die Mehrkosten dafür nicht in den Schornstein zu schreiben. Durch die Einwirkung der verschiedenen Wärmegrade von innen und außen entstehen in der Schornsteinwandung Zugspannungen, die mit dazu beitragen, die „Lebenserwartung“ des Bauwerks zu verringern. Das Feuerziegelfutter, in unserem Fall acht Meter hoch, fängt die heißen Heizgase ab. Das hat noch einen weiteren Vorteil: Im „Innenschornstein“ ist der Rauch besser gegen vorzeitiges Abkühlen geschützt, der Zug wird günstiger und dadurch die Verbrennung vollkommener. Wichtig: Zwischen Futter und Innenseite des großen Schornsteines muß ein Spielraum bleiben!

Bevor wir uns endgültig dem zuwenden, was für jedermann sichtbar in den Himmel ragt, noch zwei Sätze zu zwei Maßen: Die Mündungsweite des Schornsteines richtet sich nach der abzuführenden Gasmenge und der Austrittsgeschwindigkeit. Die Kaminhöhe wird bemessen nach der zu erzeugenden Zugkraft und der Höhe der Luftschichten, in die die Rauchgase „einsteigen“ sollen.

Nach der gleichen Methode, nach der Holzhauer Bäume fällen, haben Wilhelm Büxe und Adolf Flake mit ihren Mitarbeitern zahlreiche Fabrikschornsteine zu Fall gebracht. Hier ist der größte Teil der Kerbe bereits eingestemmt, und Albert Harte prüft, ob sich auf der Gegenseite schon Risse gebildet haben

Schon bald nach Baubeginn müssen wir uns des Galgens bedienen. Wir zimmern ihn aus einem fünf oder sechs Meter langen Fichtenstamm, einem Querbalken an seiner Spitze und Dachlattenverstrebungen zur Verstärkung. Er wird in die im Inneren des Schornsteines angebrachten Steigeisen gestellt und dort fest verkeilt. Was oben am Galgen aufgehängt wird, ist lediglich eine Rolle, über die das Stahlseil der Aufzugswinde läuft. Zum Ausgleich wird auf der der Aufzugsrolle gegenüberliegenden Seite des Galgens als Gegenzug ein Hanfseil befestigt und unten am Boden fest angebunden. Jetzt können Mörtel und Steine, letztere in einem besonders konstruierten Korb, nach oben transportiert werden.

Die Bretter des Arbeitsgerüstes im Kaminrund ruhen auf Eisenstangen, die mit ihren plattgeschmiedeten Enden in den Fugen aufliegen. Mit dieser Konstruktion „wanden“ auch das etwa zwei Meter unter ihr befestigte Schutzgerüst Stück für Stück in die Höhe. H. Jahr sieht den Sinn des Schutzgerüstes auch darin, „dem in die schwindelnde Tiefe schauenden Auge des Maurers einen Halt zu bieten“ Einen Halt findet dagegen das Auge des Schornsteinbauers erst in der Tiefe, wenn er beispielsweise „über Hand“ die Außenseite des Mauerverbandes verfugen muß. Dabei bleibt es ihm nicht erspart, sich über die jeweils aufgemauerte „Brüstung“ zu beugen. Das Gefühl, daß der Schornstein schwanke, verstärkt sich mit zunehmender Höhe. Er wankt tatsächlich, wenn der Wind gegen ihn drückt, nur handelt es sich dabei um wenige Zentimeter. Wir sagen: „Der Schornstein ,eiert‘ “ Sein Kopf beschreibt beim Schwanken die Form einer Ellipse.

Noch sind wir mit unserer Arbeit nicht in „schwindelnder Höhe“, die es ja für den schwindelfreien Kaminbauer nicht gibt, angelangt. Zunächst stoßen wir unter den Querbalken des Galgens, fünf oder sechs Meter über der Erde. .Jetzt seid ihr mit eurer Arbeit am Ende“, meinte zu dieser Situation einmal spöttisch ein zuschauender Sauerländer. Er hatte nicht geahnt, daß der Galgen in seiner „Steigeisen-Führung“ hochgezogen und neu verkeilt wird. Die Steigeisen im Inneren erfüllen als „Sprossen“ zum Auf- und Abstieg während des Bauens eine weitere Funktion. Später werden sie — im Gegensatz zu den äußeren Steigeisen — nicht mehr benötigt und durch die Rauchgase allmählich zerstört. Auch die Frist des Galgens ist nach der Fertigstellung des Bauwerkes abgelaufen. Die Schornsteinbauer werfen ihn in die Tiefe. Wie wir die Fabrikschornsteine so schön gleichmäßig rund hinbekämen und wie die Sache mit der Verjüngung von unten nach oben zu bewerkstelligen sei, sind wir oft gefragt worden. Also: die kreisrunde Form wird „gezirkelt“ Man kann ja auf den verschiedenen Höhen der Zeichnung den jeweiligen Radius entnehmen. Auf die Linie des Durchmessers legen wir eine Latte, in deren Mitte ein Nagel geschlagen wurde. An dem Nagel befestigen wir einen Bindfaden und an dessen Ende — die Länge ist durch den Radius vorgegeben — einen Bleistift. Nun hält einer die Latte fest, der andere „umschreibt“ den Kreis mit dem Bleistift und gleicht Un-korrektheiten im Mauerwerk aus.

Der Schornstein eines Kohlstädter Kalkwerkes, von Adolf Flake und Albert Harte in den dreißiger Jahren umgelegt

Wer senkrecht und waagerecht mauern will, wird ohne Wasserwaage kaum auskommen. Wir ziehen die Schornsteinwandung gewissermaßen schräg nach oben und benutzen dazu die gleiche

 

Wasserwaage. Der Unterschied liegt darin, daß wir die Wasserwaage an eine 1,50 oder 2 Meter lange Latte anschrauben. Diese Lotlatte ist an einer Längsseite in dem gleichen Maße abgeschrägt, wie der Schornstein sich verjüngt. Legt man die Latte nun senkrecht an, Schrägseite gegen das Mauerwerk, Schmalseite nach unten, so ist die geforderte Verjüngung des Kamins erreicht, wenn die Wasserwaage eine senkrechte Position anzeigt. Das hört sich zwar kompliziert an, gehört aber zu den leichtesten Sachen der Welt.

Eines möchte ich zum Schluß noch erwähnen. Das sind die Trommeln. Sie sorgen nicht, um den Abschluß zu krönen, für musikalischen Wirbel. Es handelt sich bei ihnen um die einzelnen Schornstein-Stockwerke, jedes vier bis acht Meter hoch, in unserem Beispiel 5 Meter. Jede Trommel hat von unten bis oben die gleiche Wandstärke. Sie wird allerdings von einer Trommel zur anderen geringer. Im 25-Meter-Kamin: 0,46 m — 0,38 m — 0,33 m — 0,25 m — 0,20 m.

Geraderichten und Umlegen

Fabrikschornsteine ragen zwar in den Himmel, aber nicht für alle Ewigkeit. Mit zunehmendem Alter können unterschiedliche Schäden auftreten, die es zu beheben gilt. Hatten sich beispielsweise Risse gebildet, erhielten die „alten Veteranen“ so etwas wie einen medizinischen Verband in Form von Eisenbändern. Hatte sich ein Schornstein gekrümmt, wurde er wieder „aufgerichtet“ Es gibt die verschiedensten Reparaturmaßnahmen. Auf das Geraderichten will ich näher eingehen.

Es waren besonders die Ziegeleischornsteine, die ja außerhalb der Kampagne nicht unter erwärmendem „Dampf standen und die durch die winterlichen Unbilden ein wenig, bei ihrer Höhe jedoch unübersehbar, „aus den Fugen gerieten“

Nun gibt es verschiedene Methoden, Kamine wieder ins rechte Lot zu bringen. Man kann auf der Seite, die der Neigungsrichtung gegenüberliegt, die Fugen einsägen, sie nach dem Aufrichten mit gutem Mörtel ausstreichen und Eisenringe an den Schnittstellen um den Schornstein legen. Nach meiner Meinung führt dieser „Eingriff* an den „Narben“ zu Schwachstellen. Wir haben deshalb immer mit aller Vorsicht eine Steinschicht auf den halben Umfang herausgestemmt, Klinker ohne Mörtelbett eingefügt und in die verbleibende Fuge 25 Zentimeter lange, konisch verlaufende Eisenkeile gesetzt. Die Keile wurden dann millimeterweise gelockert, und normalerweise „kam“ der Schornstein. Tat er uns den Gefallen nicht, mußten wir von der Gegenseite mit Hammerschlägen nachhelfen. Dazu benutzten wir einen Fäustel und manchmal sogar einen schweren Vorhammer. Saß der Schornstein so auf den Eisenkeilen, daß die Richtung wieder stimmte, wurden die neuen Klinker mit dünnerer Mörtelschicht eingemauert. Die gleiche Prozedur mußte in verschiedenen Höhen, oft drei- bis fünfmal, wiederholt werden. Das Absenken des Schornsteines auf der einen Seite um 10 bis 12 Millimeter kann auf die Länge des Schaftes einen halben Meter Rückkehr zur „Ausgangsposition“ ausmachen.

Als wir auf dem Gaswerk in Detmold einmal einen Schornstein richteten, hat mir ein Fabrikschornsteinbauer für eine Woche unentgeltlich seine Dienste angeboten. Ich bekam allerdings schnell heraus, daß er von einer Konkurrenzfirma geschickt worden war, um uns in die handwerklichen Karten zu gucken.

Bei den meisten Reparaturarbeiten mußten wir hoch hinaus. In den letzten Jahren habe ich diese Aufträge fast ausschließlich mit meinen inzwischen zu Spezialisten gewordenen Söhnen Jochen und Rolf ausgeführt. Und dann saßen oder standen wir auf dem Konsolgerüst. Die Bretter dieses Gerüstes lagen rings um den Kamin herum auf eisernen „Aufhängern“ Letztere hingen an einem wie ein Gürtel um das Bauwerk gespannten Stahlseil. Da sich der Schornstein verjüngt, wurde der „Gürtel“ auf dem Wege nach oben immer enger „geschnallt“ Die „Schnalle“ bestand aus zwei Schloßteilen und einem Bolzen mit Rechts- und Linksgewinde. Andere Firmen konnten nur Reparaturen ausfuhren, wenn der Kamin Eisenbänder aufzuweisen hatte. An denen haben sie ihr Gerüst befestigt. Das war uns aber zu gefährlich. So haben wir die Sache mit dem Stahlseil entwickelt, aber leider nicht zum Patent angemeldet. Andere wußten später unser „Patent“ auch zu nutzen. Bei aller Schwindelfreiheit standen wir nicht frei auf dem Konsolgerüst, sondern waren mit Hilfe von Gurt, Hanfseil und Karabinerhaken an einem um den Schornstein gelegten Tau angeseilt.

Eine Spezialität unserer Firma war das Umlegen von Fabrikschornsteinen. Nach dem Krieg haben wir mehr „alte Veteranen“ zu Fall gebracht als neue Kamine gebaut. Das war der Zug der Zeit. Im Grunde gibt es zu dem Verfahren nicht viel zu sagen. Vielleicht habe ich das handwerkliche Geschick dazu von meinem Vater geerbt. Er hat im Winter Bäume gefällt, und genauso — nicht wie andere durch Sprengung oder sonstige ausgeklügelte Techniken —, genauso wie ein Baum gefällt wird, habe ich Fabrikschornsteine umgelegt. Auf der Seite der Fallrichtung wurde etwa einen Meter über dem Boden eine Kerbe eingestemmt. Das mußte in der Weise geschehen, daß der Schornstein auch dort landete, wo er ankommen sollte. Einmal kam die Frau eines Fabrikbesitzers verstört und aufgeregt aus dem Haus gelaufen. Sie hatte, während wir bei der Arbeit waren, am Kaffeetisch gesessen und aus dem Fenster geschaut. Die Frau konnte sich gar nicht wieder beruhigen: „Ich dachte, der Schornstein kommt auf mich zu!“ Die Frau wußte nicht, daß lippische Handwerker, die in der Lage sind, in altbewährter Weise einen Fabrikschornstein zu errichten, auch die Fähigkeit haben, beim Abbrechen Maßarbeit zu leisten.

Abschließend möchte ich sagen: Ich habe gern am Schornstein gearbeitet. Schade, daß alles vorbei ist! Die Nationalsozialisten haben mir zu einem interessanten Beruf verholfen!

Quelle: Heimatland Lippe von Adolf Flake

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