Eine Schuhmacherwerkstatt in Lippe

Die ländlichen Schuhmachereien waren meist Einmannunternehmen. Sie arbeiteten regelmäßig auch außer Haus, wenn Reparaturen und Neubesohlungen im kleinen Rahmen auf den umliegenden Höfen durchgeführt werden mussten. Mitunter standen auch Sattlerarbeiten an. Der Schuhmacher musste dann hauptsächlich das strapazierte Pferdegeschirr ausbessern und ergänzen. Die Anfertigung von neuem Schuhwerk führte der Schuhmacher in der eigenen Werkstatt aus. Die kleinstädtischen Betriebe hatten je nach Auftragslage in der Regel ein bis zwei Gesellen und oft noch einen Lehrling eingestellt. Sie arbeiteten die meiste Zeit in sitzender Stellung am niedrigen Arbeitstisch. Da für den 12 — 14stündigen Arbeitstag das Tageslicht nicht ausreichte, musste am Tisch eine entsprechende Lichtquelle vorhanden sein.
An einem eisernen Gestell hingen in der Mitte des Werkplatzes mehrere wassergefüllte Glaskugeln. Das Licht einer dahinterstehenden Petroleumlampe konnte so gebündelt werden, dass beim Drehen der gläsernen Behältnisse genügend Helligkeit dort vorhanden war, wo der Handwerker seine Arbeit verrichtete.Der Blick durch die offenstehende Tür der kleinen Museumswerkstatt fällt direkt auf den an der Wand stehenden Arbeitstisch, an dem drei Leute Platz haben. Als Sitzgelegenheit benutzte man dreibeinige Hocker. In Reichweite liegen wohlgeordnet auf den Ablagen eine Vielzahl Kleinwerkzeuge. Verschiedene Messer zum Spalten des Leders; Flachzangen, Rundzangen und Beißzangen zum Ablösen von alten Sohlen und Oberleder; Ahle, Stechorte, Pfeile, Raspel und Glätthölzer zur Verarbeitung der Lederstücke sowie zum Ausputzen der Sohle und Glätten der Kanten. Zur einwandfreien Lederarbeit gehört vor allem ein gutes und gepflegtes Werkzeug.

Volkskundliche Abteilung des Lippischen Landesmuseums: Blick durch die Tür in die kleine Schuhmacher- Werkstatt.

Um ein lästiges und zeitraubendes Suchen sowie Verletzungsmöglichkeiten auszuschalten, vermeidet ein pflichtbewußter Schuhmacher Unordnung an seinem Arbeitsplatz.

Stechwerkzeuge und Schneidegeräte werden an der Wand aufbewahrt. Dort hängen Platt-, Quer-, Bestech-, Stepp- und Nagelörter, darunter Schnitt- und Gelenkeisen und in Gruppen unterteilte Brennwerkzeuge. Das für den ständigen Gebrauch bestimmte Werkzeug liegt griffbereit auf dem Arbeitstisch, dem Verwendungszweck entsprechend. Zu einem Werkzeugsatz gehören folgende Geräte: Messer, Zangen, Raspel und Feilen, Glätthölzer und Hämmer. Ungewöhnliches Aussehen zeichnet den Schuhmacherhammer aus. Bemerkenswert hierbei ist die rundliche Form der Bahn und die starke Neigung der quer zum Hammerstiel gelegenen Finne. Die runde oder ovale Bahn besitzt eine flache, absolut glatte Oberfläche. Mit diesem Hammer dürfen keine metallenen Gegenstände geschlagen werden, da sonst die dabei verkratzte und unebene Oberfläche der Bahn bei Klopfarbeiten das Oberleder der Schuhe beschädigen würde. Neben der Ordnung am Arbeitsplatz ist eine ständige Pflege der nur wenig benutzten Eisenwerkzeuge unumgänglich, um sie vor dem Verrosten zu schützen.

Im allgemeinen besitzt der Leisten genügend „Holz“, wie der Fachmann sagt, d. h. sie haben überall ein reichliches Übermaß, so dass das Aufarbeiten von Lederdecken — genannt Weitungen — und das Verbreitern von Leisten vermittels Anschlägen erspart bleibt.

Für die Herstellung eines neuen Schuhpaares benötigte der Schuhmacher etwa einen Tag. Die Ausputzarbeiten beanspruchten ebensoviel Zeit. Sie dienen in erster Linie dem Aussehen des Werkstückes. Je nach Modeerscheinung und Geschick des Handwerkers wurde der Schuh mit diversen Geräten „gestaltet“. Für den Innenausputz standen ihm Löffelraspel für grobe und Ausputzlöffel für feine und kleinere Arbeiten zur Verfügung. Das Äußere bekam den ersten Schliff mit den groben Flachfeilen und Schabern. Die verschiedenen Teile des Schuhs polierte man dann mit einem aus Knochen oder Hartholz bestehenden Glättbein. Mit Schuhschwärze und Wachs wird anschließend das gesamte Oberleder ausgeputzt. Mit Brenneisen verschiedener Form profilierte der Schuhmacher beschnittene Lederkanten und die Sohlen. Zum Schluss fährt er mit einem Absatzkanteneisen und Verzierungsrädchen kleine Schmucklinien unterhalb des Oberleders rund um die Nahtstelle.
Das hier zu sehende Nebeneinander von altem Handwerkszeug und „modernen“ Geräten ist ein unverkennbares Zeichen für die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende. Die immer größer werdende Konkurrenz machte die Anschaffung einer Nähmaschine und einer Lederwalze um 1900 und mehrerer Klebepressen nach dem 1. Weltkrieg notwendig.

Die Fülle der im Lippischen Landesmuseum magazinierten Handwerksgeräte und Einrichtungsgegenstände verlangt immer wieder neben der systematischen Sammeltätigkeit eine Präsentation in Form einer Dauerausstellung. Mit der Darstellung eines nun von der Automatisierung völlig überrollten Handwerkszweiges ist damit ein informativer Beitrag für den interessierten Museumsbesucher erreicht worden.

Von Helmut Luley

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