Heute gibt es sie nicht mehr, die Steineklopfer an den Landstraßen. Sie und ihr „Haus“, das sie wie die Schnecken immer mit sich schleppten. Ein paar Latten, Strohdecke darüber oder Teerpappe oder Bretter, dazu zwei Schrägstangen zum Aufrichten, fertig war das „Haus“, das Schutzdach, die Urform der Behausung.
Man braucht sie nicht mehr, seit man die Wege gießt in Teer, in Asphalt, in Beton. Früher war das anders: Als es noch, die Kalkstraßen entlang, „Deupe dör den Dreck“ ging. Immer, wenn Regenfälle den Kalk eingeweicht, früher, als bei jedem Wind eine Wolke aufstand, wie eine Fahne hinter den Fahrzeugen herging und der friedliche Fußgänger warten musste, bis die Sicht wieder frei war.

Ja früher, da hockten sie tagein, tagaus die Landstraßen entlang, saßen sich weiter, langsam, Haufen um Haufen. Auf dem einfachen Stühlchen, dem Brett mit einem Bein, manchmal dreigebeint wie „Milchstritten“. Hielten in der mit einem Schutzlappen, Sacktuch oder Lederstück umwickelten Linken den Stein, das Material ihrer Pflicht, in der Rechten den kleinen Steinhammer, dessen Eisenkopf, doppelkonisch geformt, an den Enden zugestumpft war. Damit leisteten sie das gewöhnliche Schlagwerk, die Gewinnung der üblichen Korngröße. Mit großem, schmiede-hamrähnlich geformten Gerät zertrümmerten sie das Großgestein.

Patthüpker beim Pflastern.

Und so saßen sie den lieben langen Tag und klopften und klopften. Aber nun klopfe einer mal so, so stur, so fast pausenlos! Ein hässliches, ein hartes, die Armmuskeln bis zum Letzten anstrengendes, ‚ erschöpfendes Werk. Eintönig, stumpfsinnig und doch die stete Wachsamkeit des Klopfenden beanspruchend. Da singt man nicht. Ich habe noch nie einen Steineklopfer singen hören. Da lacht man nicht. Ich habe auch noch nie einen Steineklopfer lachen hören. Kaum auch, dass sie miteinander sprachen. Der nächste Haufen war schon zu weit, um sich bei gewöhnlicher Lautstärke verständlich zu machen. War auch kaum Zeit zum Vielewortemachen. Der „Tall“, das Soll, das Selbstgesetzte, je nach Eignung, Kraft, Ausdauer, musste geschafft werden, die Meterzahl. Nach Metern wurde bezahlt. Jedes Viereck war vom Wegemeister, vom Rohstofflieferanten genauestens eingemessen. Die Akustik der Hämmer, das Tick und Tack, das Klick und Klack, das war alles. Ganz selten ein Zuruf, ein paar Worte der Verständigung. Nur, wenn sie „Fufzehn“ machten, um Frühstückszeit, zu Mittag, wenn sie unterm Schutzdach zusammentrafen, das mitgebrachte Essen im Henkelmann aufwärmten, die verklammten, schwielenharten Hände, die gichtknotigen Finger am offenen Feuer wärmten, sprachen sie wohl miteinander, nahmen sie die Schutzbrillen ab, hinter denen sie, wiewohl an den Straßen der Welt sitzend, mitten in ihr drin gewissermaßen, doch das Abgeschlossenste auf der Welt waren. Sie, das Volk der Steineklopfer, ein besonderes Volk, das am schlechtesten bezahlte, und darum oft missachtete.
Wir haben ihnen oft zugeschaut, wir, die wir vor, während und nach dem ersten Großen Kriege die Landstraße hin an ihnen vorbei zur Schule mussten, die zwölf Kilometer. Wir wagten nicht, sie anzusprechen. Wo wir doch jeden Fuhrmann „anquatschten“. Wir, die wir schon damals „Anhalter“ fuhren und mit den Landstreichern auf Du und Du standen.

Kein Bagger, keine Raupe oder ähnliche Maschinen, aber 40 Arbeiter an einer Baustelle für einen Kanal. Detmold um 1900.

Radelten wir nachmittags zurück, versuchten wir scharfäugend die Arbeitsfortschritte festzustellen, die kaum sichtbar, schwer meßbar, wollten wir den Fleißigsten ermitteln, dann ranzten sie und nicht mit Unrecht: „Jungens, koikt nich seo dämlich, dorvan geiht nennen Steun kaputt.“ Und klopften wieder, und klopften weiter, bis der letzte Stein zerdeppert und, machmal schon am nächsten Tage, oft viel später, der Wegemeister einem jeden die Schiebkarre in die Hand drückte, den Kleinschlag auszustreuen, Sand und Wasser darüber zu spritzen, denn schon nahte, lautschellernd, knirschend und stampfend, das schwarze, schwere Ungetüm, die Dampfwalze, um das alles endgültig einzumahlen, den Arbeitsgang beinahe schicksalhaft abschließend.
Jene Steineklopfer sind nicht mehr. Aber noch habe ich sie vor Augen, in Wind und Wetter hockend, vor heißer Sonne, stumm, stur, selbstvergessen, nur dem Werk zugewendet. Noch liegt mir das Tick und Tack, das Klick und Klack im Ohr, und das Wort, mit dem der Vater mich vor die Entscheidung stellte, am Ende der elterlichen „Berufsberatungen“, während der er für den Lehrer, die Mutter für den Pfarrer plädiert, ich aber immer beides beharrlich abgelehnt, der Satz, den ich wie eine Drohung, wie eine schwere Nötigung empfand, der schicksalhafte, unentrinnbare Satz: „Denn kannst diu hengohn un kannst Steune kloppen.“

Dr. A. Meier-Böke, 1954

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