Der Zigarrenmacher

Ein ehemaliger Zigarrenmacher erzählt

Für 1 000 Zigarren bekamen wir 7 Mark

Wie schon erwähnt, habe ich im Winter in Brake als Zigarrenmacher gearbeitet bei Wilhelm Holthaus in der Bahnhofstraße. Holthaus kam als Zigarrenmacher aus Osnabrück. Mesch hat später ein Bremer Firma Engelhardt & Biermann. Die lieferten den Tabak, der mit einem Pferdefuhrwerk von Spenge, einer Hauptniederlage der Firma E & B, nach Brake transportiert wurde. Der Tabak war in großen Ballen in Sackleinen und Strohmatten eingewickelt. Der Rohtabak kam meistens aus Brasilien, mochte auch wohl etwas „Eigenheimer“ mit dabei gewesen sein. Die Ballen wurden in der Deele aufgestapelt. Die Tabakblätter wurden erst durch die Fischerbache gezogen, die floss ja gleich hinterm Haus her, sonst wäre der Tabak zu trocken gewesen.

Zigarrenmacher August Dreier aus Brake mit einem Formbrett zum Pressen der Zigarren.

Der das machte, den nannten wir „Duibel“; er wog auch den Tabak und teilte ihn an die „Wickelmacher“ aus. Von soundsoviel Rohtabak mußten soundsoviel Zigarren gemacht werden. Der „Wickelmacher“ riss das Tabakblatt in Größe der Wickel, so etwa 10×15 cm groß. In die „Wickel“ wurde dann die „Einlage“ gelegt: loses Zeug und zusammengekrüsselte Blätter. Dann kamen die Wickel in eine Zigarrenform. Wie diese hier: da gehen 20 Zigarren herein. Wenn man fünf Formen voll hatte, dann kamen die Wickelbretter in eine Presse, so ungefähr eine Stunde lang. Dann wurden die Zigarren in der Form herumgelegt, damit die Ecken weggingen und sie schön rund wurden, dann wieder unter die Presse. Zweimal wurde das gemacht. Jetzt kam der „Zigarrenmacher“ mit seinem „Deckblatt“ an die Reihe. Die „Decker“ – immer besonders guter Tabak! – wurden vom Meister ausgegeben. Die Deckblätter wurden mit einem Zigarrenmesser auf einem Rollbrett in Bogen zurecht-geschnitten. Das, was unten an der Zigarre überstand, der „Putzen“ wurde abgeschnitten. Das Deckblatt wurde mit Kleister geklebt. Man stippte mit dem Finger in so’n kleines Pöttken. Die fertigen Zigarren wurden beim Meister abgeliefert, der sie kontrollierte, ob sie auch keine hohlen Stellen hatten und die „Fehlfarben“ aussortierte. Jeder machte so pro Tag 500 Zigarren. Für 1 000 Zigarren bekamen wir sieben Mark. Die 500 Zigarren wurden in Reihen auf einen Rahmen gelegt und in eine Holzkiste gepackt. Mein Vater hat solche Kisten gemacht. In jede Kiste gingen so zwei- bis dreitausend Zigarren. Die Kisten wurden mit dem Pferdefuhrwerk, das den Rohtabak gebracht hatte, nach Spenge transportiert. Alles weitere wurde in Spenge und in Bremen erledigt. Man saß bei der Arbeit an Tischen, bei Holzhaus waren es so drei bis vier große Tische und vor den Tischen eine Art Krippe. Die Frauen – meistens waren es Frauen! – saßen oben in der Frauenstube, wir Männer saßen unten in der „Kerlsstube“. Ungefähr 30 Frauen und 8 Männer: der alte Freitig vom Niederhof, Höke aus der Wiembecker Straße, Anton Wilms, und wie sie alle hießen.

Wenn das Geschäft florierte, dann wurden Leute eingestellt. Daneben gab es noch die „Hausmacher“. Eine Zigar-renmacherlehre, die gab’s nicht. Das lernte man schon als Kind so vom Zugucken. Meine Mutter machte zu Hause auch Zigarren, und meine Schwester, wissen Sie, Frau Schweppe, war „Wickelmacher“. Die Kinder mußten beim „Abstruppen“ (Trennen des Blattes von der Blattrippe) der Tabakblätter mithelfen. Die ganze Stube oder die Küche roch nach Tabak. Die Leute holten sich ihren Tabak abgewogen bei Holthaus ab. Ich weiß noch, wie Wilhelm Höke so eine Hausmacherkiste mit 500 Zigarren von der Detmolder Straße in die Bahnhofstraße brachte. Gearbeitet wurde von morgens sieben bis abends sieben Uhr mit einer Stunde Mittagspause. Zwischendurch haben wir auch mal einen „Schluck“ genommen, aber das wollte der Meister nicht haben.

Arbeiten mit dem Pressbrett. Das Deckblatt wird festgeklebt.

Wie das „Arbeitsklima“ war? Sie meinen, ob wir uns verstanden haben und so? Aber sicher doch! Wir halfen uns gegenseitig, wenn einer es nicht schaffte. Die Frauensleute haben bei der Arbeit gesungen. Volkslieder. Die Männer taten das nicht. Und manchmal, wenn die Frauen so schön am Singen waren, dann machte der Meister oben die Zimmertür auf, weil er das gern hörte. Soweit ich mich erinnern kann, gab es zu meiner Zeit die Zigarrenfabrik Kabaker, das war ein Jude in Lemgo, dann Strate aufm Damme und Schlehmeyer in der Mittelstraße, die Firma Schmidt & Co. in dem Duwe’schen Haus in der Mittelstraße. Kuhlmann in der Dammstraße, Ecke Bahnhofstraße, der arbeitete für eine Firma in Salzuflen und Menze und Wettläufer nicht zu vergessen, die lieferten Zigarren für die Ziegeleien: drei für einen Groschen. Als Deputat standen uns 25 Zigarren die Woche zu. Eine gute Zigarre kostete vor dem 1. Weltkrieg sieben Pfennig. Als die Maschinen immer mehr aufkamen, da gingen die kleinen Firmen nach und nach kaputt. Ich habe später in der Holzindustrie Arbeit gefunden. So – und nun haben wir soviel von Zigarren geredet, da wollen wir uns erst mal eine ins Gesicht stecken. Sie rauchen doch auch? Früher sagte man „Zwei zu Fuffzehn“ – das war eine prima Zigarre, die konnten sich nur die Besseren leisten. Ja, das waren noch Zeiten.

Von August Dreier 1978 im Alter von 92 Jahren erzählt