Das Innere des Bauernhauses

Die Deele eines Bauernhauses. Rechts die Ställe der Pferde, links die Kühe, am ende der Deele ohne Abtrennung das Flett.

Wir treten durch die viergeteilte Deelentür, die „Hekedür“, in die schummrige Deele. Unsere Augen müssen sich erst an die Dämmerung gewöhnen. Rechts liegen die Pferde-, links die Kuhställe! Quer zur dreischiffigen Halle liegen das Flett, der Küchenraum mit dem offenen Herdfeuer, von dem bläulicher Rauch zur Decke kräuselt. Einen Schornstein hatten die alten Häuser nicht. Links, zur Morgensonnenseite, liegt der Wasserplatz, der Wirtschaftsplatz der Hausfrau. Hier wird in der Morgenfrühe die Milch aufbereitet, wird Käse und Butter gemacht, und hier wird die einfache, deftige Mahlzeit vorbereitet. Sie wird in einem der Familie angepassten, großen Kessel, der an einem Kesselhaken, am beweglichen Schwenkarm, dem Hai, über dem Feuer gekocht. Alles, was für des Leibes Notdurft gebraucht wird, bringt der Hof hervor, außer dem Salz. Salz also ist das einzige, was Geld kostet und wird entsprechend wert gehalten. Eine Vorratskiste, die einen ganzen Sack voll Salz aufnehmen kann, steht neben dem Herd. Es muss trocken gehalten werden. Auf der Kiste, einer Hundehütte ähnlich, steht eine kleinere Kiste „für den täglichen Gebrauch“, die aber nur der Bäuerin vorbehalten ist. Über dem Herd, einem Baldachin gleich, befindet sich die Asse, der Funkenfang, und darüber an der Decke hängen Speck, Schinken und Würste „im Rauch“. Dieser konserviert Schinken und Würste und gibt ihnen die Würze. Hinter dem Herd hängen Töpfe und Pfannen und allerlei Gerät. Und eine Ofenbank ist da für den Feierabend. Dort sitzen der alte Bauer und der Pastor, ein fleißiger Besucher seiner Bauern, wenn abends um das Feuer die Frauen, Bäuerin und Mägde, ihre Spinnräder schnurren lassen.

Ofenstube mit Sekretär, Schrank und Tisch. Über dem Tisch ein Lichthai (Armleuchter).

Die Hände in den Schoß zu legen, ziemt sich nicht. Rechts neben dem Feuer steht der Esstisch. Auch hier ist die Platzordnung ein für alle Male festgelegt. Der Bauer sitzt am Stirnende, mit dem Rücken zum Brotschrank. Ihm gegenüber, so will es guter Brauch, ist ein Platz für den unsichtbaren, allgegenwärtigen „Gast“, den man zum Essen gebeten hat. Statt seiner kommt ein Armer nach dem guten Wort: „Was ihr getan habt, dem Geringsten unter euch, das habt ihr mir getan“! An der Wand, in feststehender Rangordnung, sitzen die Knechte. Sie gehören, manchmal ein Leben lang, „zur Familie“. An der Herdseite, obenan, sitzt die Bäuerin mit ihren Mägden und Kindern in der Reihenfolge von der ältesten bis zur jüngsten Magd. Die „Ordnung“, die Aufteilung des Raumes und der „Anspruch“ auf den Platz im Hause ist ein für alle Male, gleichgültig ob es sich um einen reichen oder um einen kleinen Bauern handelt, festgelegt. Die Deele, die große Halle, ist der Arbeitsraum. Hier wird die Saat vorbereitet und die Ernte aufbereitet. Hier werden die Tiere gepflegt und gefüttert, die Pferde von den Männern, die Kühe von den Frauen. Die Deele hat etwas Großartiges. Sie ist einem Kirchenraum ähnlich. Rechts und links, der Ordnung der Säulen entsprechend, wird das Mittelschiff seitlich begrenzt. Sie tragen die tonnenschweren Dachschwellen. Auf ihren äußeren Enden ruhen das Dachgerüst und der Dachboden mit dem ungedroschenen Erntegut. Die Seitenschiffe, die Stallplätze, auch Kübbungen genannt, sind niedriger. Man schaut in das Dachgebälk, in die angeschäfteten „Zusparren“. Über den Ställen, auf dem „Wiem“, liegen Stroh und Heu in Kleinvorräten für den demnächstigen Gebrauch.

DIE OFENSTUBE

Flett mit Kamin. Die Treppe führt in die Wohnkammern.

Im Winter, wenn es draußen vor Kälte klirrte und knackte, wurden die Fugen dicht gemacht. Vor der „Hekedür“ wurden Strohballen aufgetürmt. Auf dem Boden lag Stroh bis unter das Dach. Die Tiere, die den Sommer über auf dem Felde oder auf der Weide waren, sind in dieser Zeit aufgestallt. Sie mussten mit ihrer Körperwärme die wärmende Glut des Herdes unterstützen. Der Stallgeruch wurde wesentlich vom Herdrauch absorbiert. Seit dem 16. Jahrhundert hat der Bauer ein „Kammerfach“, eine einfache Wohnung mit Schlafkammern und einer Ofenstube. Beide sind mit handwerklich soliden, formschönen Möbeln ausgestattet. Hierhin zog man sich zurück, wenn es gar zu arg und der meist kalte Winter lang wurde. Es gab früher kältere Winter als heute! Im Ofen, dem Hinterlader — so genannt, weil er von außen, von der Deele her beheizt wurde, bullerte ein munteres Feuer. Über dem Tisch hing am „Lichthai“ (= holen, hal), einem Schwenkarm, ein Öllämpchen mit einem Docht, der mit Rüböl gespeist wurde. Ein gelbrötliches Flämmchen reichte aus, den Raum leidlich zu beleuchten. Die meisten Verrichtungen, wie Spinnen und Stricken brauchten kein Licht.

Auf der Deele tummeln sich im Winter die Jungtiere und spielen die Kinder unter den Augen der Mutter. Vom Küchenplatz aus kann die Bäuerin das ganze Haus übersehen. Gelegentlich verwandelt sich die Deele zum Festraum. Die kirchlichen wie auch die Familienfeste werden hier gefeiert. Solche Feste gehören bei den Altgewordenen zu den eindrucksvollsten Erlebnissen. Nun, nicht alle Bauernhäuser sind so großartig wie dieses behäbige Zweiständerhaus, das früher einmal das Haupthaus des Führingschen Hofes in Leese war, ehe es nach Detmold in das Westfälische Freilichtmuseum „umzog“. Es gab kleine Höfe, und es gab auch Not und Elend unter den Bauern, das wollen wir nicht verhehlen. Es gab aber auch echte Frömmigkeit, die Not und Elend tragen half.

BEIM MÜNSTERLÄNDER „GRAUTEN SCHULTEN BISPING“

Vornehm ging es bei dem Münsterländer Schulten zu. Er hatte ein prächtiges Flett, einen großen Küchenraum mit einem holländischen Kamin. Das ist ein mächtiger, aus Ziegeln gemauerter Steinblock, der sich mit Wärme auflädt und diese Wärme dann nachts, wenn das Feuer mit „kleiner Flamme“ brannte, allmählich abgab.

Die Schlafkammer

Und dieser Kamin hatte einen Schornstein. Die „Ordnung“, die Konzeption, schon beim Bau vom Bauherrn und seinem Baumeister festgelegt, ist ähnlich dem Meierhof aus Leese. Das Haus ist aber „moderner“, zweihundert Jahre jünger als der „Führingshof“. Hier gibt es eine Milchkammer und einen gut belichteten Wirtschaftsplatz an der linken, ein vornehmes Wohn- und Gesellschaftszimmer an der rechten Seite, dahinter, ein paar Stufen hoch, ein Schlafzimmer. Dieses Appartement gehörte dem Grundherrn, dem Fürstbischof von Münster, der sich auf dem Hof seines Schulten ein Wohnrecht vorbehalten hatte. Das Wohnzimmer ist mit guten Biedermeiermöbeln ausgestattet und reich bestuhlt. Das lässt darauf schließen, dass der Grundherr hier auch Besuche empfing. Hier wurde, getreu der Tradition der münsterschen Bischöfe, möglicherweise auch musiziert, boten sich diese großen Räume doch geradezu dazu an. Der Würde des vornehmen Gastes passte sich das ganze Haus an.

DIE SCHLAFKAMMER

Die Schlafkammer (Bild 4) mit dem „Himmelbett“ und der Wiege, dem Schrank, Tisch und den Stühlen war kein Behelfszimmer. Hierhin zog man sich zurück, wenn Freunde und Verwandte und Nachbarn zu Besuch kamen. So war es auch beim Adel, ja in den Fürstenhäusern: das letzte, das intime Wohnzimmer war das mit der Schlafstelle. Es gab damals mehr Gelegenheiten, das Bett zu Daueraufcnthalten zu benutzen. Es gab viele Krankheiten! Dann wollte die Familie wenigstens am Abend Zusammensein, während man sich bei den Mahlzeiten dem gemeinsamen Tisch nicht entzog. So oder ähnlich war es überall auf den Bauernhöfen, bei Reichen und Armen.

Friedrich W. Pahmeier: Heimatland Lippe

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