Karl Meier, Sägewerksbesitzer in Lüdenhausen, hat am 21. Februar 1984 sein 75. Lebensjahr vollendet. 50 Jahre vorher hat er das Sägewerk und einen Lohndreschbetrieb von seinem Vater übernommen. Arbeit habe ihn gesund und bei Kräften gehalten, meint Karl Meier. So ist er auch heute noch in seinem Sägewerk tätig, und es gelingt ihm, ohne fremde Hilfe die schweren Baumstämme auf den Gatterwagen zu bugsieren. Wenn die Arbeit ruht, gleicht das Sägewerk Hinter den Linden einem Museum. Museumsstücke sind eine Lokomobile, Baujahr 1917, und eine alte Gattersäge. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Zeitgemäß oder nicht? Was die zahlreichen Appelle unserer Tage zum Energiesparen angeht, braucht sich Karl Meier nicht angesprochen zu fühlen. Er verfeuert Sägespäne und das Abfallholz seines kleinen Sägewerkes. Und die Lokomobile steht fast täglich (Sonn-und Feiertage ausgenommen) unter Dampf und treibt Gatter- und Kreissäge zu rascher Bewegung an. Ihr Besitzer kann sich über den Mangel an Aufträgen nicht beklagen. Wenn Karl Meier von vergangenen Dingen erzählt und über seine Arbeit in der Gegenwart berichtet, lohnt sich das Mitschreiben. Heinz Wiemann hat es im Januar 1984 getan. Auch die Fotos stammen, soweit nicht anders vermerkt, von ihm. Sie wurden 1983 aufgenommen.

Es begann mit Dreschkasten und Lokomobile

Nein, Sägemüller bin ich nicht. Bei dieser Bezeichnung trifft für meinen Beruf nur der erste Teil zu. Ich besitze keine alte Mühle, die am rauschenden Bach klappert oder deren Flügel sich im Winde drehen oder in der dank sonstiger Vorrichtungen „das Korn zu dem täglichen Brot“ gemahlen wird. Die Energie für mein Sägewerk erhalte ich allerdings auch sehr kostengünstig und, wenn man es so will, auf recht altmodische Weise. Ich bin Sägewerker von Beruf, und meine Gattersäge und die Kreissäge werden von einer Lokomobile angetrieben, von einer Lokomobile aus dem Jahre 1917.
Sägewerker, das ist heutzutage in der Industrie ein Ausbildungsberuf. Ich sehe mich, nebenbei gesagt, als Handwerker. Unser Nachbar, Siegfried Stock, arbeitet als Sägewerksmeister auf dem Kondor-Holzwerk in Lemgo, einem Industriebetrieb mit rund 15 Beschäftigten auf dem Sägewerk und über 200 Mitarbeitern im gesamten Betrieb. Von 1955 bis 1958 hat er seine Lehre gemacht und die Theorie während dieser Zeit in Lehrgängen in der Holzfachschule in Bad Wildungen beigebracht bekommen. Achtzig Lehrlinge waren es damals, die mit ihm die Schulbank drückten. Als Siegfried Stock 1976 in Bad Wildungen seine Prüfung als Industriemeister ablegte, zählte man an der Holzfachschule nur noch zwölf Auszubildende in dem entsprechenden Lehrgang.
Ich habe den Umgang mit Baumstämmen, Sägen und der Lokomobile in dem Unternehmen meines Vaters Simon Meier erlernt ohne Ausbildungsordnung und ohne genau festgelegte Lehrzeit. Begonnen hatte ich meinen beruflichen Lebensweg mit einer Tischlerlehre. Als mein Vater 1927 fragte, ob ich in seinem Lohndreschbetrieb mitarbeiten wolle, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Ich kannte die Arbeit. Beispielsweise war ich als Schuljunge schon damit betraut worden, die Lokomobile mit Brennmaterial zu versorgen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg damals, und die berufliche Zukunft erschien mir in der Lohndrescherei und im Sägewerk weniger gefährdet zu sein.
Das „Sägewerk“ bestand 1927 zunächst lediglich aus einer Kreissäge, die hin und wieder durch die Lokomobile in Gang gesetzt wurde, um Latten zu schneiden. Zu Beginn der zwanziger Jahre hatte mein Vater die Kreissäge angeschafft.
Im Verlauf des Jahres 1927 musste der alte Dreschschuppen auch eine Gattersäge aufnehmen. Und von nun an ging es mit dem Holzschneiden erst so richtig los.
Mein Vater hatte ebenfalls einen beruflichen Wechsel hinter sich. Wie der Großvater verdiente er zunächst sein Brot als Ziegler in der Fremde. Als er hier in Lüdenhausen einmal sah, wie ein auswärtiger Unternehmer mit Lokomobile und Dreschkasten anrückte, auf einem Bauernhof das dunkle Ungetüm unter Dampf setzte und das Dreschen des Getreides übernahm, sagte er sich: Das kann ich auch. Gemeinsam mit seinem Schwager Karl Wehfer kaufte er noch im Herbst 1899 eine Lanz-Lokomobile und einen Dreschkasten von der Firma Lanz. Ein Dreschschuppen mußte natürlich auch gebaut werden. Er entstand „Auf den Streken“ Die Lohndrescherei Meier-Wehfer begann im Jahre 1900 mit der Arbeit. Ein neues Jahrhundert hatte begonnen, ein neues Zeitalter gewissermaßen auch für den bäuerlichen Alltag hier in Lüdenhausen. Was in der Landwirtschaft jahrhundertelang nur wenigen Veränderungen unterworfen war, hat sich in unserem Jahrhundert in verhältnismäßig rascher Folge gewandelt. Dieser Wandel im dörflichen Leben spiegelt sich auch in der Geschichte unseres kleinen Unternehmens.
Mein Vater hat oft erzählt, wie die Leute vor den Türen standen, wenn die Lokomobile, von vier Pferden gezogen, zu den Bauernhöfen rollte und der Dreschkasten, ebenfalls mit einem Gespann davor, seinen Standort wechselte. In den ersten Jahren fanden viele Neugierige auch den Weg zum Dreschschuppen. Ähnlich war es, als ich 1961 hier in Lüdenhausen den ersten Mähdrescher eingesetzt habe. Die Zuschauer kamen bis auf das Feld, um das „Wunderwerk“ zu bestaunen. Den Mähdrescher habe ich 1978 verkauft, weil sich einige Bauern selbst schon eine solche Maschine zugelegt hatten und weil die Arbeit im Sägewerk zunahm.

Karl Meier, der 1934 den Lohndreschbetrieb und das Sägewerk seines Vaters in Lüdenhausen übernommen hat, ist trotz seines Alters (er wurde am 21. Februar 1909 in Lüdenhausen geboren) immer noch bei der Arbeit anzutreffen. In seinem Sägewerk „Hinter den Linden“ kommt die alte Gattersäge nur wenig zu ausgedehnter Ruhe. Quelle: Heimatland Lippe

Karl Wehfer starb 1920, und ein anderer Teilhaber trat für kurze Zeit an seine Stelle. 1934 habe ich den Lohndreschbetrieb und das Sägewerk übernommen. Ein zuverlässiger Helfer, Karl Brakhage, stand auch mir zur Seite. Über 40 Jahre lang, bis 1964, hat er in unserem Betrieb fleißig mit zugepackt Die Lokomobile erhielt 1934 die „Gesellschaft“ eines Bulldogs. Die Firma Lanz war 1921 bereits mit dem ersten Bulldog auf der DLG-Ausstellung in Leipzig erschienen. Diese Zugmaschine verdankte ihren eigentümlichen Namen der Form des Zylinderkopfes und der Schutzkappe über dem Zylinderkopf mit den Entlüftungslöchern, die wie Augen aussahen. Unsere Lokomobile konnte jetzt gewissermaßen zu Hause, d. h. im Dreschschuppen, bleiben und hier ihre Arbeit tun, während ich mit dem Bulldog und einer zweiten Dreschmaschine von Hof zu Hof und von Dorf zu Dorf zog. Der Bulldog, er war der erste hier in Lüdenhausen, diente als Zug- und Antriebsmaschine. Er erhielt dann einen Bandsägenanbau, und so bin ich bis zu Beginn des 2. Weltkrieges auch zu den Leuten hingefahren und habe Brennholz geschnitten. 1956 folgte dem 28-PS-Bulldog eine 35-PS-Maschine.

Um noch ein paar Jahreszahlen zu nennen: 1941 habe ich eine neue Dreschmaschine mit eingebauter Strohpresse angeschafft. 1958 sind wir mit unserem Betrieb von dem Gelände „Auf den Streken“ zur Handwerkerstraße (jetzt: Hinter den Linden) umgezogen. Hier haben wir 1965 den letzten „Standdrusch“ durchgeführt, während der Dreschkasten 1972 zum letzten Male auf einem Bauernhof zum Einsatz kam. Auf den Höfen hatten wir uns schon seit 1951 der Elektrizität als Energiequelle bedient. Im Dreschschuppen tat die Lokomobile weiter ihren Dienst. Zum Schluß wurde sie durch den Bulldog „vertreten“ Der Dreschkasten war durch Zusatzgeräte wie Kaff- und Korngebläse und Förderband mit Selbsteinleger modernisiert worden.

Bretter für die Bauern

Sägemühlen, von Wasserrädern angetrieben, gibt es in Deutschland seit dem 14. Jahrhundert. Und die Holländer waren die ersten, die die Kraft des Windes mit Windrädern „einfingen“ und auf diese Weise Sägen in Gang setzten. Das war am Ende des 16. Jahrhunderts. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden Sägewerke mit Lokomobilen. Die lippische Gewerbestatistik des Jahres 1861 weist unter 153 Mühlen auch eine Dampfmühle aus. Ob es sich dabei um ein Sägewerk handelt, bedarf der Erforschung. Von der Gewerbeausstellung 1881 in Detmold ist bekannt, dass Friedrich August Neese dort einen Stand aufgebaut hatte, in dem Bretter aus seinem Dampfsägewerk gezeigt wurden. Der Vorteil der Dampfkraft lag in der Unabhängigkeit von Wind und Wasser.
Wie schon gesagt: die Geschichte unseres kleinen Dampfsägewerkes begann im Jahre 1927 mit der Anschaffung der Gattersäge, sieht man von dem gelegentlichen Einsatz der Kreissäge in den Jahren davor ab. Die Sägeanlage war nicht neu. Sie war in der Fabrik Meier & Schwa-bedissen in Herford gebaut worden und hatte schon im Sägewerk Künnemeyer in Detmold ihren Dienst getan. Sie ist heute noch in Betrieb, und ich kann mich nicht über sie beklagen. Genaugenommen handelt es sich um eine Horizontalgattersäge. Gleichaltrig und ebenfalls noch voll in Funktion ist der Gatterwagen, der die Baumstämme dem sich rasch hin- und herbewegenden Sägeblatt zuführt.
Die Lokomobile musste nun im Dreschschuppen „Auf den Streken“ zur Erntezeit den Dreschkasten „bedienen“ und während der übrigen Monate die Gattersäge und die Kreissäge. An Arbeit hat es nicht gefehlt. Damals waren die Kunden Bauern, die mit dem Pferdewagen Baumstämme, meistens aus eigenem Waldbesitz, brachten und für den eigenen Bedarf schneiden ließen. Sie kamen aus Lüdenhausen und einem Umkreis von rund 15 Kilometern. Landwirte sind auch heute meine „Stammkunden“ Nur mit dem Pferdewagen kommt selten noch einer. Der Trecker hat die Vierbeiner ersetzt. Mit der Kreissäge werden Latten, Dachsparren und andere Bauhölzer für den Eigenbedarf der Kunden geschnitten. Die großen Sägewerke geben sich mit Kleinaufträgen nicht ab; das stört den Betriebsablauf. So haben sie mir eine Marktlücke gelassen, und die Lokomobile rastet wenig und rostet nicht.

Der Stand des Detmolder Dampfsägewerkes Friedrich August Neese auf der Lippischen Gewerbeausstellung1881 in Detmold. Foto: Sammlung Westermann. Quelle: Heimatland Lippe

Nach wie vor bringen die Landwirte Fichten-, Lärchen-, Eichen- und Pappelstämme. Gelegentlich kommt auch ein Buchenstamm auf den Gatterwagen. Was wird im Kondor-Sägewerk heutzutage in der Hauptsache geschnitten? Abachi, Limba, Sipo, Kahja, Niangon. Da spürt man schon den Geruch der großen weiten Welt. Abnehmer sind die Kondor-Möbelfabrik und der Holzhandel. Rund 10 — 15 Festmeter schafft die Blockbandsäge in einer Stunde, während meine Gattersäge am Tag etwa 1,5 Festmeter Holz in Bretter verwandelt. Die Zeit der Horizontalgattersägen, so ist von Meister Siegfried Stock zu hören, sei so ziemlich abgelaufen.
1940 wurde ich eingezogen, kam aber nach ein paar Monaten zum Ernteeinsatz zurück und wurde anschließend als „unabkömmlich“ eingestuft, weil unser Unternehmen als „Wehrwirtschaftsbetrieb“ galt. 1942 musste ich wieder zum Kriegsdienst an die Front. Während meiner Abwesenheit führte mein Vater den Betrieb, so gut es ging, weiter. In Karl Brakhage hatte er eine handfeste Hilfe. Sie haben eine große Zahl Bretter für die Wehrmacht gesägt. Bettgestelle wurden damals daraus gezimmert.
1946 habe ich die Arbeit in meinem kleinen Sägewerk wieder aufgenommen. Bretter aus heimischen Hölzern wurden auch in der Nachkriegszeit benötigt. Vor allem die Tischler brauchten sie, um daraus Möbel für die zahlreichen Flüchtlinge herzustellen. Seit 1946, der Vollständigkeit halber sei’s gesagt, arbeite ich allein und brauche nur dann eine Hilfskraft, wenn es an der Kreissäge etwas zu tun gibt.

Lokomobile „Ehezehn“ mit zehn Atmosphären

In Deutschland stellte 1850 schon der Berliner Maschinenfabrikant Hoppe Lokomobile her, kurze Zeit darauf in Stuttgart Gotthilf Kuhn und ab 1862 Rudolf Wolf in Magdeburg. 1879 nahm Heinrich Lanz in Mannheim den Lokomobil-Bau auf und brachte die erste „Dampfdreschmaschine“ mit dazugehöriger Lokomobile heraus. Die Lokomobile besaß einen stehenden Kessel, quer angeordnete Siederohre und erreichte bei vier Atmosphären Dampfdruck eine Leistung von 2,5 PS. Es war nicht einfach, die am Althergebrachten hängenden Landwirte von ihrer Meinung, Landwirtschaft sei von jeher Menschen- und nicht Maschinenarbeit gewesen, abzubringen. Mit Misstrauen begegnete die ländliche Bevölkerung zunächst auch den Dampf-Sägewerken.
Auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900 war die Firma Heinrich Lanz u. a. mit der größten Lokomobile der Welt vertreten. Sie besaß eine Dauerleistung von 260 PS und konnte kurzzeitig auf 460 PS gesteigert werden. Der Kesseldruck betrug zehn Atmosphären. Es war die 10000. im Werk Mannheim gebaute Lokomobile. Als höchste Ehrung wurde sie außer Konkurrenz gesetzt und ihr Erbauer zum Vizepräsidenten der internationalen Jury ernannt. Eines der 10000 „Pracht-Exemplare“ aus Mannheim mit der Nummer 9404, Baujahr 1899, gelangte über den Landmaschinenhändler Ottomeyer (Steinheim) nach Lüdenhausen. Da Ottomeyer auch eine Dreschmaschine geliefen hatte, konnte im August 1900 ein neuer Zeitabschnitt „angepfiffen“ werden — mit der Dampfpfeife der Lanz-Lokomobile. Der „neue Zeitabschnitt“ gilt für den Bereich der Technisierung der Lüdenhauser Landwirtschaft. Bauer Schnormeier war mit dem ersten Fuder Getreide, das er eingefahren hatte, zum Dreschschuppen gekommen, und ein Vertreter der Firma Ottomeyer zeigte meinem Vater und meinem Onkel, wie Lokomobile und Dreschkasten zu bedienen waren. Es handelte sich bei der von vielen bestaunten technischen Errungenschaft aus Mannheim um das Modell G mit der nüchternen Telegrammbezeichnung „Geld“ Bei der Taufe anderer Modelle hatte man in Mann-heim der Phantasie mehr Raum gegeben.

So sah die Lanz-Lokomotive aus, die im August 1900 in Lüdenhausen zum ersten Male im Dreschschuppen „Auf den Strecken “ die Dreschmaschine in Bewegung setzte. Mit der Abbildung wird besonders auf den mechanischen Kaminaufrichter hingewiesen. Das Bild stammt aus dem „Illustrierten Katalog über Lokomobilen aus der Fabrik von Heinrich Lanz in Mannheim“ Foto: Archiv Wiemann

Das sind nur ein paar Unterschiede. Dass sie auf ihre Weise auch recht „mobil“ sein können, zeigte sich im Jahre 1932. Unsere Lokomobile ging auf die Reise nach Brakenberg bei Bösingfeld und fand eine neue „Anstellung“ in dem Lohndreschbetrieb Schäfer. Die kleine Schäfersche Lokomobile machte in Lüdenhausen Zwischenstation und wurde von uns weiter nach Dörentrup transportiert. Dort warteten Vertreter der Firma Ottomeyer, deren Pferde ein ZE-Modell angefahren hatten. Sie wurden vor die Brakenberger Maschine gespannt. Mit der aus Steinheim nach Dörentrup „gewanderten“ Lokomobile machten wir uns dann auf den Weg zurück nach Lüdenhausen. Mit allerVorsicht ging es den Krubberg hinauf und herunter, denn die Straße war ja nicht asphaltiert, und Schlaglöcher gab es genug. Unsere Neuerwerbung hatte bereits einiges von der Welt gesehen. 1917 in der Firma Lanz gebaut, konnte sie schon in Merseburg unter Beweis stellen, was in ihr steckte. Seit 1962 sind die „Wanderjahre“ endgültig vorbei. Die Lokomobile hat in meinem Sägewerk einen Dauer-Stammplatz erhalten und braucht auch nicht mehr zum Dreschkasten im Nachbarschuppen gezogen zu werden.
Die merkwürdige Telegrammbezeichnung „Ehezehn“ hat mich nie gestört. Die Maschine leistet bis auf den heutigen Tag treue Dienste, und es gibt nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass „Ehezehn“ nach weit über sechs Jahrzehnten in absehbarer Zeit ihren Geist aufgeben wird. Das sind die technischen Daten: Dampfdruck: 10 Atmosphären, Normalleistung: 15 PS, größte Dauerleistung: 19 PS, Maximalleistung: 26 PS, Heizfläche: 10,72 qm, Zylinderdurchmesser: 180 mm, Hub: 300 mm, Schwungrad-Durchmesser: 1,52 m, Touren: 155, Gewicht: 4,5 Tonnen.

Gekostet hat dieses ZE-Modell im Jahre 1932 rund 5.000 Mark. Die Funktionsweise dürfte allen, die als Kind ihre Freude an einer Spielzeug- Dampfmaschine hatten, im Prinzip recht vertraut und den Freunden der alten Dampf-Lokomotiven nicht neu sein. Was in „Meyers Konversations-Lexikon“ aus dem Jahre 1897 unter dem Stichwort „Lokomobile“ steht, trifft auch auf „Ehezehn“ zu: „Die Form des Dampfkessels ist diejenige des Lokomotivkessels. An einer Seite befindet sich die viereckig-kastenförmige Feuerbuchse mit dem Rost und mit dem Aschenkasten unter letzterem. Die Verbrennungsgase gelangen durch die Heizröhren in die Rauchkammer und werden durch den für den Transport umlegbaren und mit Funkenfänger ausgestatteten Schornstein abgeführt. „Gedicht“ hieß eines, „Herrlichkeit“ ein anderes. „Leben“ war die Telegrammbezeichnung für das Modell L, „Meer“ für das Modell H und „Ehe“ für den Typ E. Was eine „fahrbare Patent-Expansions-Hochdruck-Lokomobile“, was Pferdestärken, Umdrehungen, Dampfspannungen mit einem menschlichen Lebensbund zu tun haben, mag das Geheimnis der Taufpaten bleiben. Die „Geld“-Lokomobile jedenfalls konnte mit sieben Atmosphären Dampfspannung und dreizehn Pferdestärken aufwarten und, wenn es sein musste, für eine kurze Zeit sogar mit 21 PS. Das Schwungrad hatte einen Durchmesser von rund 1,40 Metern und brachte es auf 145 Umdrehungen in einer Minute. Das „Dampfross“, das selbst von Pferden gezogen werden musste, wog immerhin 3,8 Tonnen. So hatten die Hersteller besonderen Wert auf die Fahr- und Einspannvorrichtung gelegt. „Die Räder sind ganz in Schmiedeeisen hergestellt und haben stahlgehärtete Büchsen“, hieß es in dem Prospekt und „die Deichseln, Wag- und Zugscheite sind aus gewachsenem Holze geschnitten“ Erwähnt sei noch als besonders gepriesene „Zugabe“ der mechanische Kaminaufrichter. Das Modell G mit der Telegrammbezeichnung „Geld“ war natürlich nicht billig. Rund 4000 Mark mußten mein Onkel und mein Vater dafür aufbringen.
Lokomobile sind keine Automobile. Sie wiegen erheblich mehr, ihre Räder haben keine Bereifung und die vier „Pferdestärken“, die sie voranbewegen, müssen vorgespannt werden.

Karl Meier mit seiner Lokomobile. Sie stammt aus dem Jahre 1917 und treibt nach wie vor Gatter und Kreissäge zu rascher Bewegung an. Verfeuert werden Sägespäne und Holzabfälle. Der „ Veteran aus der Kaiserzeit“ steht häufig im Mittelpunkt des Interesses zahlreicher Besucher. Quelle: Heimatland Lippe

An der Stirnseite der Feuerbuchse befinden sich die Feuertür und die Armaturen, Manometer, Sicherheitsventil, Dampfpfeife und Probierhähne. Als Dampfmaschine dient stets die liegende Hochdruckmaschine, zumeist unmittelbar auf dem Kessel montiert. In den Dampfzylinder strömt der über die Feuerbuchse aus dem Kessel entnommene Dampf durch den Absperrschieber und den Schieberkasten. Die Einrichtung des Dampfzylinders mit Steuerung und die Übertragung der Kolbenarbeit auf die mit Schwungrad versehene Kurbelwelle ist dieselbe wie bei gewöhnlichen Dampfmaschinen mit Schiebersteuerung. Das Schwungrad wird bei der Lokomobile zumeist unmittelbar als Riemenscheibe zum Ableiten der Bewegung auf die Arbeitsmaschine benutzt. Die Räder des Fuhrwerks müssen des bequemen Transports wegen recht hoch sein, und man gibt ihnen in der Regel die Spurweite gewöhnlicher Lastfuhrwerke“
Bleibt anzumerken, dass die Feuerbuchse in den alten „Illustrierten Katalogen über Lokomobilen aus der Fabrik von Heinrich Lanz“ mit „Feuerbüchse“ bezeichnet wird und daß nicht nur der zylindrische Kessel, durch den die Siederohre führen, mit Wasser gefüllt ist, sondern auch der größte Teil der Wandung des Feuerraumes. In unserer ersten Lokomobile befanden sich 21 Siederohre, und in meiner jetzigen sind es 26; das ergibt eine beträchtliche Heizfläche. Weiter sei ergänzt, dass wir auf die Kurbelwelle, dem Schwungrad gegenüber, eine Riemenscheibe montiert haben und dem Schwungrad seinen „freien Lauf lassen, wenn das Gatter in Betrieb ist. Wird die Kreissäge gebraucht, lege ich den Riemen auf das Schwungrad. Lokomobile, Gattersäge und Kreissäge ließen sich aus Platzgründen nicht in der Weise einander zuordnen, dass das „Ableiten der Bewegung“ unmittelbar, sozusagen ohne Umschweife, auf die Arbeitsmaschinen erfolgen kann. Zunächst wird die Drehbewegung per Flachriemen auf eine unter dem Dach montierte Welle übertragen, und von hier aus geht es über Riemenscheiben und Flachriemen weiter zu den Sägen. Vorgelege nennt man diese Vorrichtung. Nun soll ja die Gattersäge nicht in Drehbewegungen versetzt werden, sondern in raschem Hin und Her den jeweiligen Baumstamm in Bretter verwandeln. Möglich macht das ein Kurbelschwungrad mit einer Lenkstange. Letztere ist mit dem Sägegatter verbunden. Die Lokomobile erspart es mir auch, den Gatterwagen, der sich auf Schienen bewegt, mit seiner Last eigenhändig in Richtung Gatter zu schieben. Bei diesem Schienentransport wird die Lokomobile auf Umwegen zu einer Art Lokomotive. Sie bewegt sich dabei nicht vom Fleck, sondern überträgt ihre Kraft über Riemenscheiben, Flachriemen, Kegelränder, Schnecke und Schneckenrad auf eine Welle, die sich mit einem Zahnrad unter dem Wagen dreht. Das hölzerne Holzfahrzeug ist auf seiner Unterseite über die gesamte Länge hinweg mit einer eisernen Zahnstange ausgestattet. Eine Zahnradbahn mit vertauschten Rollen. Soll die Fahrt losgehen, greifen die Zähne des sich am Boden auf der Stelle drehenden Zahnrades in die „Zahnlücken“ der Zahnstange und drücken den Wagen vorwärts. Hat die Säge ihre Arbeit getan, lege ich den „Rückwärtsgang“ ein.
Daß ich für den gesamten Kraftaufwand der Lokomobile mit der Telegrammbezeichnung „Ehezehn“ kaum mehr bezahlen muss als das Wassergeld, ist natürlich eine feine Sache. Während früher beim Dreschen zentnerweise Kohlen notwendig waren, um den erforderlichen Dampfdruck zu erzeugen, genügen zum Antrieb der Sägemaschinen Sägespäne und Abfall-holz. Und dieses Brennmaterial gibt es in meinem Sägewerk gratis und in ausreichender Menge. Da verzichte ich gern auf die Errungenschaften der modernen Technik. Was noch hinzukommt: Die Lokomobile, immerhin ein „Veteran aus der Kaiserzeit“ und 67 Jahre in Betrieb, hat bis auf den heutigen Tag eine nur geringe Reparaturanfälligkeit gezeigt. Die Gleitlager brauchten beispielsweise noch nicht ausgewechselt zu werden. Hin und wieder stellt der TUV, der in jedem Jahr einmal kommt, kleine Mängel fest, die sich dann aber schnell beheben lassen. Die Lokomobile erfordert natürlich ihre Pflege, und die Zeit dazu muss man sich nehmen. Zweimal am Tage wird geölt. In bestimmten Zeitabständen werden Kessel und Siederohre einer gründlichen Reinigung unterzogen.
Alt ist die Maschine ja, aber nicht klapprig und schon gar keine „Klapperkiste“ Sie arbeitet so leise, dass ihr monotones Tuckern außerhalb des Schuppens kaum zu vernehmen ist. Gelegentlich bekommen wir Besuch von interessierten Zuschauern, und Kaufinteressenten sind auch schon erschienen. Bauer Ewald zum Beispiel wollte die Lokomobile unbedingt für das Museum seines Touristenhofes in Haltern-Sythen erwerben. Bei Fritz Hilker in Heidelbeck hatte er mehr Glück. Um 1970 wurde die Lokomobile aus dem dortigen Sägewerk zum neuen Standort auf Prickings Hof transportiert, und ein Elektromotor setzt seitdem die Gattersäge in Heidelbeck in Bewegung. Übrigens ging mit der Lokomobile, Baujahr 1925, auch der alte Dreschkasten „auf große Fahrt“ zum Museum in Haltern. Fritz Hilker meint, dass er im letzten Jahre zum letzten Male seine Gattersäge in Betrieb gesetzt habe. Er wird im Mai 89 Jahre alt. So ist es fraglich, ob seine Gattersäge — Baujahr 1886 oder 1888 — ihren 100. Geburtstag noch in Heidelbeck erleben wird. Sie ist in der Fabrik „G. Egesdorf vor Hannover“ gebaut worden.

Fritz Hilker, Jahrgang 1893, bat im letzten Jahr noch in seinem Sägewerk in Heidelbeck Bretter geschnitten. Ob er auch in diesem Jahr die alte Gattersäge in Gang setzen wird, hält er für wenig wahrscheinlich — auszuschließen ist es nicht. Quelle: Heimatland Lippe

Um sechs Uhr wird angeheizt

Gewöhnlich gehe ich morgens um sechs Uhr die 80 Meter zum Sägewerk und heize die Lokomobile mit einer Handvoll Stroh, ein paar kleinen Holzscheiten und Sägespänen an. Wenn das Feuer richtig brennt, hat die Mama den Kaffee fertig. Es folgt also das Kaffeetrinken zu Hause. Und gegen 7.30 Uhr haben die Lokomobile und ich so viel Dampf, dass es mit der Arbeit losgehen kann. Fünf bis sechs Atmosphären reichen zum Betrieb der Gattersäge. Die Kreissäge erfordert einen um etwa zwei Atmosphären höheren Dampfdruck. Wenn das Gatter in Tätigkeit ist, habe ich zwischendurch genügend Zeit, um Sägespäne und Holzabfälle nachzuschütten. Das geschieht in Zeitabständen von rund 15 Minuten. Als „Heizer“ habe ich ja schon im Alter von zehn Jahren meine ersten Erfahrungen sammeln können. Bei der Arbeit an der Kreissäge bin ich sozusagen unabkömmlich. Dann übernimmt meine Frau den Dienst an der Lokomobile.

Nun sehe ich ja nicht gerade aus wie ein Herkules, und viele Leute fragen: Wie schafft der das, die schweren Baumstämme ohne fremde Hilfe vom Lagerplatz auf den Gatterwagen zu bringen? Meistens habe ich es mit Stämmen zu tun, die fünf oder sechs Meter lang sind und einen Durchmesser von 20 bis 80 Zentimetern haben können. Ein sechs Meter langer Eichenstamm, rund 50 Zentimeter im Durchmesser, wiegt immerhin über eine Tonne. Um bei der Eiche zu bleiben: Legt man eine Länge von 9,50 Metern und einen Durchmesser von 80 Zentimetern zugrunde — das sind die extremen Maße, die meine Gattersäge bewältigt —, so lässt sich ein Gewicht von 3,3 Tonnen errechnen.
Oft müssen die Stämme erst einmal auf die gewünschte Lange gebracht werden. Früher geschah das mit der etwa 1,50 Meter langen Quersäge. Das „Ablängen“ mit dieser Sage, die an beiden Enden mit einem Holzgriff versehen war, bedeutete mühsame Arbeit, die von zwei Personen bewerkstelligt werden musste. Das Durchsägen eines rund 60 Zentimeter dicken Stammes dauerte 20 bis 30 Minuten. Vor 20 Jahren habe ich eine Motorsäge angeschafft. Mit ihr vollbringe ich die gleiche Arbeit in zwei oder drei Minuten. Auf einen Helfer bin ich dabei nicht angewiesen. Inzwischen arbeite ich mit der zweiten Motorsäge. Sie ist leichter als die erste, springt besser an und ist mit Antivibrationsgriffen ausgestattet. Die Frage, wie ich die Stämme auf den Gatterwagen bugsiere, ist schnell beantwortet. Natürlich brauche ich die „Kaventsmänner“ nicht zu heben. Sie sind ja rund, und ich muss sie ins Rollen bringen. Eine Fußwinde, bei der die Drehbewegung der Kurbel auf eine Zahnstange übertragen wird, hilft mir dabei. Und außerdem lässt sich das Holz mit einem Wendehaken, der den Stamm zum Teil umgreift und der über einen langen Hebelarm verfügt, in Bewegung bringen. Am Schluss des Weges geht es über Holzbohlen und Klötze ein Stück bergauf, und der Stamm findet sich unversehens auf einem kleinen Schienenwagen wieder. Jetzt kann ich ihn in den Schuppen neben den Gatterwagen schieben, und rollend gelangt er von dem einen Gefährt auf das andere. Nachdem er in die richtige Lage gebracht worden ist, wird er mit Schraubenklauen unverrückbar festgesetzt und anschließend der Gattersäge zur weiteren „Behandlung“ zugeführt.
Auf dem Kondor-Holzwerk und in anderen neuzeitlichen Sägewerken geschieht das alles viel schneller und mit der Kraft von Kran- und Förderanlagen. Die auf dem Rundholzplatz vorbereiteten Stämme, die bis zu zehn Tonnen wiegen, werden mit einem Querförderer zur Säge transportiert. Dort sorgt eine hydraulische Wendevorrichtung dafür, dass sie auf den Blockwagen befördert, ausgerichtet und festgespannt werden. Nun kann der Sägeführer die jeweiligen Brettstärken, die in einer Elektronik gespeichert sind, per Knopfdruck „abrufen“ Die Bedienung der Wendevorrichtung und die Steuerung der Maschine erfolgt aus einer beheizten Kabine. Übrigens macht sich die Blockbandsäge im Kondorwerk vor Baumstämmen mit einem Durchmesser bis zu 1,80 Metern nicht bange.

Im Sägewerk des Kondor-Holzwerkes sitzt der Sägeführer am Schaltpult in einer beheizten Kabine. Quelle: Heimatland Lippe

Ich habe keine beheizte Kabine mit Knöpfen und Hebeln, bei deren Betätigung „mit Leichtigkeit“ tonnenschwere Lasten bewegt werden können. Bei der Einstellung der Schnittstärken beispielweise muss ich am Kurbelband drehen, und dann senkt sich das Gatter entsprechend. Bretter werden in den Stärken zwischen 20 und 65 Millimetern verlangt. Die Sägen schärfe ich noch mit der Feile. Moderne Sägewerke sind mit Schärfmaschinen ausgerüstet. Bei ästigem und stark verschmutztem Holz muss das Sägeblatt schon nach etwa zwei Stunden ausgewechselt werden, bei normalen Fichtenstämmen nach einem halben Tag. Besonders in den Nachkriegsjähren wiesen die Bäume häufig Granatsplitter auf. Daran hat sich auch die schärfste Säge „ihre Zähne ausgebissen“ Heutzutage kommt es gelegentlich vor, dass eingewachsene Nägel, Krampen oder Stacheldrahtstücke von Zäunen, auch alte Eggezinken, das Sägeblatt beschädigen. Vor unliebsamen Überraschungen sind auch die Sägewerker im Kondorwerk nicht sicher, obwohl sie „verdächtige“ Hölzer mit einem Suchgerät unter die Lupe nehmen. Wenn dort Holz angeliefert wird, das geflößt worden ist, kann es trotz aller Vorsicht passieren, dass verborgene Eisenkeile vor die Säge geraten. Mein „Suchgerät“ ist die Brille. Die Preise lege ich nach Festmetern fest. Dabei spielt es keine Rolle, um welche Holzart es sich gehandelt hat oder wie schwer es war, den Stamm auf den Gatterwagen zu rollen. Hat es außergewöhnliche Probleme gegeben, ist ein kleiner Aufpreis fällig. Vor 50 Jahren habe ich das Sägewerk übernommen. In ein paar Wochen werde ich 75 Jahre alt.

Eigentlich könnte ich mich zur Ruhe setzen. Ich habe aber einfach das Bedürfnis, zu arbeiten. Als wir Kinder waren, fiel es uns schwer, Arbeiten zu übernehmen und durchzuführen. Heute, im Alter, kann man nicht von der Arbeit loskommen. Ich meine auch, dass ich ihr zu einem großen Teil meine Gesundheit und meine Schaffenskraft verdanke. Wer rastet, der rostet. Die Lokomobile gehörte schon langst zum alten Eisen, wenn sie nicht so oft unter Dampf stehen würde.