Soll das vergessen werden ?

Haupthaus der Familie Meyer zu Westerhausen in Lenzinghausen bei Spende.

Wie war es früher? Was haben sich unsere Vorfahren dabei gedacht, wenn sie allem, was in ihrem Lebensablauf eine Rolle spielte, und wenn sie ihrem Glauben an übersinnliche Dinge in Sprichwörtern, Redensarten und Bräuchen Ausdruck verliehen? Waren sie so primitiv und rückständig, wie um dies heute oft erscheinen mag? Haben wir ein Recht, über ihre Anschauungen mitleidig oder erhaben zu lächeln?
Ich glaube dies nicht! Wollen wir gegen uns selbst ehrlich sein, dann müssen wir zugeben, dass wir unsere Ansichten und Meinungen über alles Geschehen schon sehr oft geändert haben, bestimmt öfter und in kürzeren Abständen als unsere Vorfahren dies getan haben — und auch wohl nötig hatten.
Vieles, was unseren Altvorderen wert und teuer war, ist uns in Baudenkmalen, künstlerischen und handwerklichen Arbeiten, Urkunden und Büchern erhalten geblieben. Genügt dies aber, um alles Denken, Tun und Lassen zu verstehen? Alles zu verstehen wird uns wohl nie gelingen, aber wollen wir mehr verstehen, dann müssen wir hinzunehmen, was von Mund zu Mund und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert und in keiner Urkunde zu finden ist.
Die vorliegende Zusammenstellung soll keine Dorfchronik im eigentlichen Sinne sein, sondern eine Sammlung mündlicher Überlieferungen, Schilderung von Sitten und Gebräuchen sowie eine Wiedergabe ortsgeschichtlicher Daten und Geschehnisse, kurz all dessen, was dem Dorfleben früher Sinn und Inhalt gab. Viele Angaben werden betr. der Zeit einer strengen wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten, aber das ist in diesem Zusammenhange auch wohl nicht ausschlaggebend. Viele der Geschehnisse sind mir von verschiedenen Personen gleichlautend erzählt, wobei aber die Zeitangaben oft sehr weit auseinandergehen. Was bei einem Erzähler eine ganze Generation zurückliegt, war bei dem anderen erst vor wenigen Jahren ‚geschehen.
Bei dieser Zusammenstellung habe ich in erster Linie an mein Heimatdorf Istrup und das Blomberger Becken gedacht. Ich glaube aber nicht, dass die Sitten und Gebräuche in den anderen lippischen Dörfern und Gegenden viel von den hier geübten abwichen.
Viel altes Volksgut haben die verstorbenen Brüder Gustav und Ludwig Schöning gesammelt. Herrn Dr. Eridj Schöning danke ich recht herzlich dafür, dass er mir gestattet hat, die Arbeiten seines Vaters und seines Onkels für diese Zusammenstellung zu verwenden.
Möge diese kleine Schrift helfen, das Denken, Tun und Lassen unserer Altvorderen besser zu verstehen und zu würdigen.

Von Fritz Platenau, Istrup 

  1. Der Glaube an übersinnliche Dinge
  2. Gleiches Maß
  3. Wichtige Tage und Arbeiten im Jahreslauf
  4. Ackerbau und Ernte
  5. Geburt und Taufe
  6. Tod und Beerdigung

Der Glaube an übersinnliche Dinge

Um Brauchtum und Sitten unserer Vorfahren verstehen zu können, muß man bedenken, wie tief der Hexen- und Teufelsglaube früher im Volke verwurzelt war. Ich will deshalb zunächst einige solcher Geschichten bringen, denn nur daraus sind viele Erklärungen möglich.Am gefürchtetsten waren die Nacht-mahnen, gegen die es keine Bann- und Zaubersprüche gab und die auch sonst beherzte Männer in Angst und Schrecken versetzten. Daß die Angst vor den Nachtmahnen größer war als vor den Hexen, hat seinen Grund mit darin, daß die Nachtmahnen Männer waren, die immer zu zweien oder dreien gingen und nur während der Nacht. Die Hexen waren Frauen und, abgesehen vom 1. Mai, Einzelgänger, die ihr Unwesen am Tage trieben.

Wie groß die Furcht vor den Nachtmahnen war, geht aus nachstehender Begebenheit, die mir von dem Sohne eines „Hollandgängers“ erzählt wurde, hervor:

Zwei Hollandgänger, kräftige Männer in den besten Jahren, gingen in der Nacht durch das Emmersfeld auf Mossenberg zu, um auf dem kürzesten Wege Detmold, den Sammelpunkt der Hollandgänger, zu erreichen. Plötzlich stutzten sie, wurden kreideweiß und suchten so schnell sie konnten, das Weite. Was war geschehen? Vor ihnen waren plötzlich drei Nachtmahnen aufgetaucht, die, weiß gekleidet und auf vier Beinen gehend, auf die Männer zukamen. Diese getrauten sich nicht, an den Nachtmahnen vorbei zu gehen. Sie liefen über das Feld, um auf einem anderen Wege nach Mossenberg und von da nach Detmold zu kommen.

Eine Feldmarkbezeichnung in der Gemarkung Istrup lautete „Im krummen Acker“, der Volksmund sagte und sagt „In’n krummen Nacken“ Diese letztere, und zweifellos richtige Bezeichnung ist bei der Umlegung in das Grundbuch aufgenommen worden. Hier im „Krummen Nacken“ sowie den angrenzenden Feldmarken „Hellensüik“ und „Gellensüik“ lagen bis zur Umlegung fast ausschließlich kleinere Ackerstücke und, dadurch bedingt, gab es auch viele Furchen und Mulden, in denen die Nachtmahnen sich verstecken konnten. Wo hätten sie es wohl leichter gehabt ihr Unwesen zu treiben als hier?

Eine ältere Frau kam eines Tages ganz aufgeregt zu meinem Vater auf den Hof und sagte zu mir: „Gong diu wäg, wat eck teo verteilen häbbe, ess nicks för düi.“ (Geh du weg, was ich zu erzählen habe, ist nichts für dich). Kurz darauf hörte ich meinen Vater laut lachen, und als die Frau fortgegangen war, erzählte mir mein Vater die überbrachten Heimlichkeiten. Sie hatte ihm erzählt, daß die Nachtmahnen am Werk gewesen seien und die Grenzsteine zum Ahrensmeierschen Grundstück versetzt hätten. In Wirklichkeit war es so, daß einige Grenzsteine zerbröckelt bzw. umgefallen waren. Auf Antrag der Grundstückseigentümer hatte das Vermessungsamt neue Steine gesetzt. Auf die Tätigkeit der Nachtmahnen sind bestimmt viele der Unstimmigkeiten zurüdtzuführen, die bei der Grenzrevision um die Jahrhundertwende festgestellt wurden.

Wer waren nun diese Nachtmahnen? Es waren Männer, die andere Menschen in Angst und Schrecken versetzten wollten, damit diese sie (oder auch ihre Helfer) nicht bei ihrem verbotenen Tun stören sollten. Um nicht erkannt zu werden, hingen sie sich ein weißes Laken um und gingen „up ollen Vör’n“ — auf allen Vieren. Meistens handelte es sich um Feld- und Wilddiebe oder um Männer, die zum Schabernack, oder auch zum eigenen Vorteil, Grenzsteine versetzten. Stellten die Grundstückseigentümer fest, daß Grenzsteine versetzt waren, wagten sie meistens nicht, hieran etwas zu ändern. Wer konnte denn wissen, aus welchem Grunde die Steine versetzt waren? War es nicht möglich, daß einer der Vorfahren die Steine zum eigenen Vorteil versetzt und die Nachtmahnen die Sache nur wieder in Ordnung gebracht hatten? Vielleicht wollten die Nachtmahnen nur strafen, denn auch das traute man ihnen zu. Wer aber wußte, was die Nachtmahnen im Schilde führten, wenn man ihnen in der Nacht begegnete?

Nicht so gefährlich wie die Nachtmahnen waren die Hexen, denn diese zeigten „sick oppener“ — sich offener, also am Tage. Außerdem gab es gegen die Hexen Bannsprüche und andere Maßnahmen. In meiner Jugend waren hier im Dorf zwei Frauen als Hexen verschrieen. Ging eine dieser Frauen durch das Dorf, wurden in vielen Häusern Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Ein Verschließen der Türen nutzte nur dann, wenn sich kein menschliches Wesen im Hause befand. Gut gegen die Hexen war, wenn man immer ein Doststräußchen im Hause hatte, denn — „De briune Dust ess den Hexen nich büwußt“ — der Geruch des wilden Thymian ist den Hexen nicht angenehm. Zur Vorsicht legte man auch noch 2 Strohhalme kreuzweise unter die Matte vor der Hausoder Stubentür. Die Matte war meistens ein alter Sack.

Besonders gefährdet waren die zur Kirche gehenden Frauen. Hingen die Kirchgänger auf dem Wege zur Kirche oder auf dem Rückwege weltlichen Gedanken nach, hatten die Hexen leichtes Spiel. Die Frauen hatten in ihrem „Psalmbeoke“, wie die Gesangbücher früher genannt wurden, weil auch die beliebtesten Psalmen darin standen, immer ein „Duststruisken“ — ein Sträußchen wilden Thymian, liegen. Dieses Sträußchen wurde beim Kirchgang auf das Gesangbuch gelegt, mit den gekreuzten Daumen festgehalten und vor der Brust getragen. Auch viele Männer glaubten noch an Hexen und die Abwehrkraft des wilden Thymian. Sie wollten dies aber nicht zeigen   und   trugen   ihr   Sträußchen   in   der Brusttasche. Den Kirchgängern wurde immer als Wunsch und Mahnung mit auf den Weg gegeben „Geo Andacht“ — Gute Andacht.

Die Hexen konnten überall ihr Unwesen treiben, nirgendwo war man vor ihnen sicher. Einige Hexengeschichten mögen dies erläutern.

Einem Stättebesitzer waren die Schweine krank geworden. Als alle Hausmittel und alles Besprechen versagten, wurde der Tierarzt geholt, der aber nun auch nicht mehr helfen konnte. Die Schweine gingen ein und waren, wie konnte es anders sein, verhext. Welche der beiden Dorfhexen war wohl daran schuld? Welche war in der letzten Zeit in der Nähe des Hauses gesehen worden? Zur Vorsicht wurden beide noch mehr gemieden als bisher.

Alte Fachwerkhäuser in Istrup, der Heimat des Verfassers. — Links: Südgiebel der im Jahre 1811 errichteten Schule, die bis 1893 benutzt wurde. Rechts: Südgiebel des Bauernhauses auf dem Hofe Nr. 45 (Ahrensmeier). Erbaut im Jahre 1805.

Auf dem Gute Riechenberg, das damals zur Dorfgemeinde Istrup gehörte, mußte eine Kuh notgeschlachtet werden. Das kommt im Herbst öfter vor, wenn das Vieh auf dem jungen Klee geweidet wird. Wie damals üblich, wurde das Fleisch und die Rinderwürste zu einem niedrigen Preis an die Dorfbewohner verkauft. Es war selbstverständlich, daß jeder, der selber Vieh hatte, Fleisch oder Wurst kaufte, denn das gleiche Mißgeschick konnte auch ihm jederzeit widerfahren. Wer aber sollte an dem trüben Herbsttage den Weg durch den Wald machen, denn dieser führte durch die „Hexenkuhle“ in der Nähe des alten Wartturmes? Keines der auf dem Hofe beschäftigten Mägde wollte diesen gefährlichen Gang tun. Einer der Knechte ging dies Wagnis ein und kam auch heil zurück.

„Hexeniutdrüiwen“ Hexenaustreiben war ein Brauch, der sich an jedem 1. Mai wiederholte. Schon in meiner Jugend war dies kein Hexenaustreiben mehr, nur die Bezeichnung war geblieben. Größere Schulkinder, überwiegend Jungen, verkleideten sich als Hexen, zogen mit Peitschen durch das Dorf und trieben allerlei Unfug. Sie versuchten Kinder zu schlagen, die ihnen in den Weg liefen, was ihnen aber selten gelang,  weil sie wegen ihrer Verkleidung nicht schnell laufen konnten.

Aus Erzählungen weiß ich, daß das Hexenaustreiben früher anders verlief. Der „lütke Cappelwäg“ — kleiner Cappelweg, der damals noch ein Hohlweg war, war der Sammelplatz der Hexen, bei denen es sich durchweg um erwachsene Männer handelte. Von hier aus zogen sie durch das Dorf, wobei sie von den Einwohnern, auch Erwachsenen, mit Knüppeln verfolgt wurden. Letztes Wegestück war die „Häxenstrote“ — Hexenstraße vom „Dreckdüike“ — Dreckteich bis hinter den alten Friedhof. Hier waren die Hexen aus dem eigentlichen Dorfe heraus und die Menschen gingen, wieder um ein Erlebnis reicher, nach Hause zurück.

Nach altem Brauch mußten alle Gärten bis zum 1. Mai gegraben sein, andernfalls durften sie von den Hexen als „Danze-stie“ — Tanzstelle benutzt werden. Um die Hexen von den noch nicht gegrabenen Gärten fernzuhalten, wurden „Strauhdocken“ — an etwa 2 m langen Stangen befestigte Strohwische, aufgestellt und mit dem Spaten Kreuze auf die ungegrabenen Flächen gezogen. Allgemein wurden diese Zeichen beachtet, aber hatten sich Frauen im Dorf unbeliebt gemacht, waren sie als faul oder geizig bekannt, nutzte weder das eine noch das andere Zeichen. Es soll vorgekommen sein, daß in solchen Fällen auch auf den bestellten Flächen getanzt wurde. Wo ist hier nach dem Volksempfinden die Grenze zwischen erlaubt und nicht erlaubt, zwischen gut und böse?

Als Spukgestalten seien noch die „Hahnejöckels“ genannt, die in den „12 heiligen Nächten“, den „Twelwen“, in der Zeit vom 24. Dezember bis zum 5. Januar, ihr Unwesen trieben. Die Hahnejöckels waren gefiederte Unwesen, die den Menschen und deren Eigentum Unheil brachten, wenn sie ihnen nach Sonnenuntergang begegneten. War es in diesen 12 Nächten stürmisch oder herrschte Schneetreiben, so hieß es „De Hahnejöckels mött’t Fäddern loten“ Den Menschen war dies recht, denn dadurch wurden diese Unwesen so geschwächt, daß sie im nächsten Jahre nicht soviel Unheil anrichten konnten. War es ruhiges Wetter, so wurde gesagt: „De Hahnejöckels sind in’n Niewel togen“ — sie sind im Nebel gezogen. Weil nach der Meinung unserer Altvorderen die Sonne während dieser Zeit stillstand, durfte sich auch kein Rad drehen, die Ställe durften nicht ausgemistet und die Außentüren der Ställe nicht geöffnet werden.  War dies aber gar nicht zu vermeiden, wurden aus dem schon erwähnten Grunde Doststräußchen mitgeführt. Nun noch etwas zu den Rädern, die sich nicht drehen durften. Früher waren die Ställe sehr eng, so daß es schwierig war, den Kühen beim Kalben zu helfen. Oft wurde eine umgekippte Schiebkarre hinter die Kuh gelegt, die Stricke an die Speichen gebunden und durch Drehen des Rades auf die Radnabe gerollt. Ein Bauer hatte dieses Verfahren auch in den „Twelwen“ angewandt, und deshalb wurde das Kalb auch tot geboren.

Gleiches Maß

Dafür, daß es mein alter Nachbar, den nun schon lange der kühle Rasen deckt, mit der Wahrheit immer sehr genau genommen hätte, kann ich mich nicht verbürgen. Jedenfalls dann nicht, wenn er uns Jungen aus seiner Nachbarschaft, die er immer gern um sich hatte, etwas erzählte. Er flocht immer so viel ein, daß es den richtigen Klang hatte, und das muß ja auch wohl so sein. Mitunter unterbrach er seine Erzählungen und fragte: „Jungens, glaubt ihr das auch?“ Wir wagten nicht, ,nein‘ zu sagen, denn dann wäre es für den Tag mit dem Erzählen vorbei gewesen.

Eines Tages saßen wir wieder zu mehreren Jungen auf der Bank neben der großen Deelentür und mein alter Nachbar zwischen uns. Ihm gingen wohl Gedanken an vergangene Zeiten durch den Kopf, denn er machte ein ernstes, nachdenkliches Gesicht, als er zu erzählen begann: „Ja, Jungs, es wird immer erzählt, was früher doch für schöne, ruhige Zeiten gewesen seien, eben ,Die gute, alte Zeit‘ Ich glaube, diese Rederei ist schon so alt, wie die Menschheit selber. Als ich noch so jung var wie ihr jetzt, war das schon so und wird auch noch so sein, wenn ihr mal in meinem   Alter seid. Das kommt daher, weil die Menschen das Unangenehme und Schlechte schneller vergessen als das Schöne und Gute — und das ist gut so. Seid ihr mal alt, dann werdet auch ihr erfahren, daß das Böse weniger böse und das Gute umso besser erscheint, je weiter das Geschehen zurückliegt. Die Menschen reden viel davon, daß es sich bei diesen Zeiten eigentlich gar nicht mehr lohne zu leben, aber sterben will darum doch niemand. Habt ihr mal darüber nachgedacht, warum wohl nicht? Es ist pure Neugier! Jeder will wissen, was noch alles kommt. Ich meine, darum sollten sich die Menschen man weniger Sorge machen, denn was nach ihrem Tode geschieht, erleben sie ja doch nicht mehr. Und das wird wohl das meiste sein.

Daß die Menschen früher auch ihre Sorgen hatten, wenn sie ehrlich durch die Welt wollten, ist gewiß. Ich habe die Zeiten nicht mehr mitgemacht, in denen die Mattenträger erst den Zehnten der Ernte sicherstellten, bevor die Bauern ihr Getreide einfahren durften, wenn das, was ihnen blieb, auch verdarb. Ich weiß das aber von meinem Vater. Und dazu die vielen Hand- und Spanndienste, die immer dann verlangt wurden, wenn die Bauern selbst die meiste Arbeit hatten.

Der alte Nachbar erzählt.

Diese Zeiten sind ja nun vorbei, und wir können mit uns selber, unserem Acker, unserer Ernte und unserer Zeit machen, was wir wollen. Aber nicht nur von der Ernte mußte der Zehnte abgegeben werden, nein, auch an den kleinen Sachen wurde herumgepflückt, und das summte sich mit der Zeit ganz schön auf, wenn auch oft versucht wurde, den Berechtigten und den Eintreibern ein Schnippchen zu schlagen. Hierüber hat mir mein Vater erzählt:

Als dein Großvater merkte, daß seine Tage gezählt waren, ließ er mich an sein Bett kommen und sagte zu mir: ‚Hör mal, Junge, ich weiß, daß ich nicht mehr lange hier bin, aber du weißt noch nicht, wie schlecht die Welt ist. Du kannst ja schreiben und darum hol mal das Gallapfelwasser und schreib in dies Buch, was ich dir jetzt sage. Mach den Gänsekiel nicht zu spitz, damit die Schrift recht dick wird, sie könnte sonst vergehen, und du wüßtest dann immer noch nicht, was du jedes Jahr an den Pastor und den Küster zu liefern hast. Ich habe immer einen behaltsamen Kopf gehabt, aber bei dir bin ich mir nicht so ganz sicher.

Zu Lichtmeß (2. 2.) bekommt der Pastor drei Eier und sechs Pfennige und der Küster 2 Eier und drei Pfennige. Du mußt die Eier in ein Stücketuch binden, aber so, daß man die Zipfel nicht sieht, sonst können sie dich wieder zurückschicken. Schreib mit auf, daß der Küster diesmal mehr Recht hat als der Pastor, denn er darf sich die Eier aussuchen. Merk dir auch, daß du bei dem Pastor die Mütze abnehmen und unter den linken Arm klemmen mußt; bei dem Küster hast du das nicht nötig. Schreib das auch auf, sonst verwechselst du das noch.

Den alten Maitag (12. 5.) mußt du dir merken. An diesem Tage mußt du dem Pastor 2 Gänseküken bringen — wenn du sie hast. Hast du keine, dann mußt du dafür 3 Groschen bezahlen. Richte es so ein, daß du an diesem Tage keine Gänseküken hast, die 12—17 Tage alt sind, denn mit den 3 Groschen kommst du besser weg. Wenn es nicht anders geht, sperrst du die Tiere ein oder tauscht mit dem Nachbarn. Sich selber helfen, sündigt nicht!

Zu Mittsommerstag (Johanni, 24. 6.) bekommen der Pastor und der Küster am Abend jeder 12 Eier, die du aber auf keinen Fall selber hinbringen darfst. Machst du das einmal, dann mußt du das immer machen. Was das bedeutet, siehst du an unserem Nachbarn, der in keinem Jahr Mittsommer feiern kann, weil er die Eier zum Pastor und zum Küster bringen muß.

Auf Jakobstag (25. 7.) kann der Küster eine Glucke von dir fordern, die er zu Hedwigstag (15. 10.) wiederbringen muß. Um die Glucke brauchst du dir keine großen Sorgen zu machen, die muß sich der Küster selber vom Neste holen oder einfangen. Fängt er die erste nicht, oder bleibt sie später nicht auf den Eiern, dann bist du davon los. Eine zweite kann er von dir nicht fordern.

Zum Martinstag (11. 11.) muß einer aus deiner Familie jedem ein Suppenhuhn bringen. Das Huhn kannst du selber aussuchen,   und   daß   du   dich   dabei  danach richtest,  wie sich die beiden gegen dich benommen haben, ist dir ja wohl klar.

Wir haben jetzt einen Pastor und auch einen Küster, mit denen man eine gerade Furche pflügen kann, aber die beiden bleiben nicht immer und es gibt auch andere. Ist der eine oder der andere nicht so, daß er mit dir über eine Schwelle gehen will, weißt du ja, was du zu tun hast. Du mußt ihnen beibringen, daß Tun immer noch mehr wert ist als Reden. Ein Versprechen mußt du mir bei meiner und deiner Seligkeit geben. Ist der eine oder der andere nicht so, wie es sich für ordentliche Christenmenschen  gehört, dann: sorg dafür, daß das ganze Dorf das zu liefernde Brot auf einen Tag hinbringt, denn dafür ist kein Tag gesetzt;  bring nur magere Suppenhühner mit Kalkbeinen hin, damit ihnen der Appetit vergeht; leg die zu liefernden Eier vorher einige Tage unter eine Glucke, oder nahe an die Feuerstelle, denn es steht nirgend geschrieben, daß es frische Eier sein müssen“ So, Jungs, das hat mir mein Vater erzählt, und ich erzähle es euch weiter. Wenn ihr nun gut zugehört habt und darüber nachdenkt, werdet ihr bald merken, daß zwischen der Welt von früher und heute kein so großer Unterschied ist, wie meistens gesagt wird. Eines aber müßt ihr euch für alle Lebenslagen merken: Sich selber helfen, sündigt nicht!“

Wichtige Tage und Arbeiten im Jahreslauf

Die geschilderten Sitten und Gebräuche stehen alle in einem engen Verhältnis zur Landwirtschaft, und das ist auch nicht verwunderlich, denn dies war der Hauptberufszweig. Im Denken früherer Zeit endete das Arbeitsjahr mit dem 24. Dezember, und mit dem 6. Januar, dem „Könjesdag“ (Hl. Drei Könige) begann   ein  neues.   Die  dazwischenliegenden Tage wurden keinem Jahre zugerechnet, es waren eben die „Dage twisken den Johrn“ — die Tage zwischen den Jahren, eine Bezeichnung, die man auch heute noch oft hört.

Sie kommen alle an einem Tag!

Mit dem 6. Januar begann also ein neues Arbeitsjahr mit neuen Sorgen und Freuden, neuen Pflichten und Arbeiten, aber   mit   altem   Brauchtum,   das  an   bestimmte Kalendertage gebunden war. Dabei spielte nicht das Datum, sondern der Name des Tages die Hauptrolle. Hierfür will ich ein Beispiel anführen. Während der Kaffeepause bei der Kartoffelernte unterhielten sich die Frauen darüber, wann ein Mann in der Nachbarschaft, der schon mehrere Jahre tot war, gestorben sei, konnten aber zu keinem Schluß kommen, bis eine ältere Frau sagte: „Up Hedwigsdag ess heu unner de Riusen brocht. Niu könnje ja iuträcken, wannöhr heu storben ess“ — auf Hedwigstag (15. Oktober) ist er unter den Rasen gebracht (beerdigt). Nun könnt ihr ja ausrechnen, wann er gestorben ist.

Doch nun zurück zum Jahresbeginn, dem 6. Januar, dem Tag der „Heiligen Drei Könige“ Obwohl der Tag hier kein offizieller Feiertag war, galt er gewissermaßen als „halber“ Ferientag. Es wurden keine größeren Arbeiten vorgenommen, und an diesem Tage mit der Maschine Getreide zu dreschen, daran war nicht zu denken. Zu dieser Arbeit waren mindestens 20 Menschen nötig, und diese hätte man  wohl nicht zusammengebracht.

Der nächste bedeutsame Tag war „Lechtmissen“ — Lichtmeß, der 2. Februar. Nach alter Bauernregel mußte an diesem Tage noch die Hälfte des für das Vieh eingelagerten Winterfutters vorrätig sein. Ein anderer Spruch zu Lichtmeß lautet: „Lechtmissen, denn geuht de Winter hechtebissen! Dehn lägt dat Heon, denn kalwet de Keoh, denn wässet et den Biuern in’n Schlope teo“ — Lichtmeß, dann läuft der Winter fort! Dann legt das Huhn, dann kalbt die Kuh, dann wächst es dem Bauern im Schlafe zu. Immer und ganz wird dies wohl nie gestimmt haben, aber Lichtmeß war ein sehr wichtiger Tag, weil jetzt wieder die Naturallieferungen an den Dienstherrn, den Pastor, den Küster usw. begannen.

Für die jungen Menschen war der Valentinstag (14. 2.) von ganz besonderer Bedeutung. An diesem Tage geschlossene Verlobungen, damals „Verspreken“ — Versprechen genannt, und Ehen standen unter einem besonders guten Stern. Von glücklichen Ehepaaren wurde noch in meiner Jugend gesagt: „För de beuden ess nau jümmer Valentinsdag“ — für die beiden ist noch immer Valentinstag.

Weniger beachtet wurden der 22. 2. (Petri Stuhlfeier) und der 24. 2. (Mathiastag). Von diesen beiden Tagen hieß es: „Sünte Peiter, denn geuht de Winter weiter“ — St. Petri, dann geht der Winter weiter. — „Wat Lechtmissen nich sach, suiht Mattkesdag“ — Was Lichtmeß nicht sah, sieht Mathiastag — Ist der Winter zu Lichtmeß nicht vorbei, dann bestimmt zu Mathiastag.

Der hundertste Tag des Jahres fällt in den April. Der Leinsamen mußte möglichst an diesem Tage gesät werden, auf keinen Fall früher. Spätester Tag war der Florianstag, der 4. Mai. Der Hl. Florian war der Schutzheilige gegen Feuer und schützte auch den Flachs, wenn dieser nach der „Backte“ in den Backofen geschoben wurde, um „brekedreuge“ zu werden. Hierzu eine kurze Erklärung. Der im Sommer geerntete Flachs wurde im Winter weiterverarbeitet. Um die Arbeit zu erleichtern und zu beschleunigen, wurden die Flachsbunde nach dem Brotbacken, wenn der Backofen genügend abgekühlt war, in den Ofen geschoben, um nachzutrocknen, d. h. „brekedreuge“ zu werden. Ließ man hierbei nicht die nötige Sorgfalt walten und schob die Bunde zu früh in den Ofen, konnte es passieren, daß der Flachs zu heiß wurde oder gar verbrannte. Wer ein gutes Verhältnis zu dem Hl. Florian hatte, dem konnte in dieser Hinsicht nichts passieren.

„Wenn de Hörn wärt bunt, mott de Hawer in’n Grund“ — wenn der Hurn wird bunt, muß der Hafer in den Grund — muß der Hafer gesät werden. Heute denkt niemand mehr daran, erst dann den Hafer zu säen. Mancher sieht darin einen Beweis dafür, daß die alten Sprichwörter nicht stimmen, aber sie paßten doch in ihre Zeit. Drainagen waren unbekannt, und deshalb konnte mit der Frühjahrsbestellung immer erst spät begonnen werden. Hinzu kommt, daß damals erst im Frühjahr zum Hafer gepflügt wurde.

Gründonnerstag, der Tag vor Karfreitag, war ebenfalls ein wichtiger Tag. War an diesem Tage draußen noch kein Grün zu finden, deutete dies auf ein schlechtes Jahr. Noch schlimmer war es, wenn es in einer oder beiden Nächten vor Ostern fror, wenn also Christus im Grabe fror. Am Tage vor Gründonnerstag wurden die Kinder an die Hecken und Zäune geschickt um „Geßelkauhl“ — Geißfuß zu suchen, damit die Hausfrauen etwas frisches Grün an das Mittagessen tun konnten.

Zu Ostern gingen die Kinder der ärmeren Bevölkerung los, um „Pollskeuer“ zu sammeln. Der Ausdruck „pollsk“ ist ganz aus dem Sprachgebrauch verschwunden und bedeutet: klein, beschädigt, minderwertig. Ohne daß ihnen wahrscheinlich die Bedeutung des Wortes bekannt war, wollten die Kinder damit sagen, daß sie auch mit einem kleinen oder angeknickten Ei zufrieden seien.

Mit der Einführung des gregorianischen Kalenders in Lippe, am 24. November 1699, verschoben sich die Daten, aber vergessen ist der alte Kalender noch nicht. So heißt der 12. Mai heute noch „de aule Meudag“ — der alte Maitag. Ein altes Sprichwort sagt: „Kann sick an’n aulen Meudage eun Rabe in’n Rebben versteken, denn wärt heu geot“ — kann sich am alten Maitage ein Rabe im Roggen verstecken, dann wird er gut. Welcher Bauer ist heute mit solchem Roggen zufrieden? Die alten Wetterregeln, Sprichwörter und Redensarten sind eben aus der Zeit heraus zu verstehen, in der sie entstanden  sind. Wichtige Tage im Mai und Juni waren die Eisheiligen Mamertus, Pankratius und Servatius vom 11. — 13. Mai; die kalte Sophie, die sich vom 15. — 19. Mai hinziehen konnte, und die Schafskälte in den Tagen vom 5. — 9. Juni. Mit der Schafschur wurde erst begonnen, wenn diese Tage vorbei waren.

In diese Zeit fällt auch das bewegliche Pfingstfest. Zu diesem Tage brachten die jungen Burschen den von ihnen verehrten jungen Mädchen Pfingstbäume hinter das Schlafzimmerfenster. Hatte sich ein junges Mädchen unbeliebt gemacht, war untreu geworden oder hatte einen Schatz in einem anderen Orte, bekam es einen trockenen Baum. Bei der Auswahl der Pfingstbäume dachten die jungen Burschen aber auch daran, daß die Bäume später als Wagendeichseln oder Langbäume zu gebrauchen waren. Wahrscheinlich wollten sie damit zeigen, daß sie praktisch und sparsam waren.

Auf eine recht rauhe Sitte sei in diesem Zusammenhang hingewiesen. Versuchte ein Mann aus einem Nachbarorte sich einem jungen Mädchen zu nähern, raunte ein junger Mann dem anderen zu: „Et ess’n frömden Rüen in’n Dörpe“ — es ist ein fremder Hund im Dorfe, und jeder wußte Bescheid. Bei passender Gelegenheit bezog der „frömde Rüe“ eine derbe Tracht Prügel, und damit war die Sache bis zur Hochzeit abgetan.

Nur wenige Menschen kennen heute noch den Ausdruck „Broketüit“, die es heute in Wirklichkeit auch nicht mehr gibt. Diese Bezeichnung geht auf die Zeit der „Dreifelderwirtschaft“ zurück. Gemeint ist die Zeit nach der Frühjahrsbestellung bis zum Beginn der Ernte. Zur Zeit der Dreifelderwirtschaft blieb immer ein Drittel der Ackerfläche unbestellt, sie wurde „broket“, lag also brach. Diese Flächen wurden im Laufe des Sommers, besonders bis zum Beginn der Ernte, wiederholt bearbeitet, um den Unkrautsamen zum Auflaufen zu bringen, damit das Unkraut bei der nächsten Bearbeitung vernichtet werden konnte und sich Humus bildete. Um zusätzliches Futter für das Vieh zu bekommen, wurden die nur schwach verunkrauteten Flächen mit „Klumpsoot“ — Stoppelrübensamen besät. Bei der wiederholten Bearbeitung wurden, wenn es trockenes Wetter gab, viele der schädlichen „Brokwörmer“ — Engerlinge vernichtet, die man heute nur noch selten findet.

In die arbeitsschwache Zeit der „Broketüit“ — Brachezeit fiel auch die „Linnen-buike“ Für die meisten Menschen ist dies heute kein Begriff mehr, und darum will ich diesen langwierigen Vorgang kurz erklären.

Bevor es die heute gebräuchlichen Waschmittel gab, wurde die Wäsche, besonders das Leinen „buiket“, wozu die Asche des Buchenholzes verwendet wurde, die beim Heizen des Backofens und der offenen Feuerstellen reichlich anfiel. Der Waschvorgang spielte sich so ab:

Das „Buiketubben“ oder „Buikefatt“ wurde vor dem Füllen auf einen „Drübock“ — Dreibock oder drei einzelne Böcke, „Schrägen“ genannt, gestellt und zwar so hoch, daß ein Eimer zum Auffangen der Lauge unter das Tubben gestellt werden konnte. In einer Faßdaube, direkt über dem Tubbenboden, befand sich ein Loch zum Ablassen der Lauge. Als Verschluß diente ein Holzpflock, der mit einem Leinenlappen umwickelt wurde. Vier Dauben, in gleichmäßigem Abstand eingesetzt, waren oben etwas länger. Das Leinen oder die Wäsche wurde schichtweise in das Buiketubben gelegt und zur besseren Lagerung etwas angefeuchtet. Zum Schluß wurde das „Askenlaken“ Aschenlaken darübergelegt und mit den Zipfeln an den vier längeren Dauben festgebunden. Auf dieses Laken wurde die gesiebte Buchenholzasche, die wegen des Staubes vorher etwas angefeuchtet war, geschüttet und zunächst mit kaltem, dann  warmem und zuletzt heißem Wasser übergössen.

Dies war eine Vorsichtsmaßnahme. Hätte man gleich mit heißem Wasser angefangen, wäre die Auslaugung zu schnell erfolgt und die Verteilung nicht gleichmäßig gewesen. Es hätte passieren können, daß einige Stellen „iutbrännt“ — ausgebrannt wären, d. h., gelitten hätten. Das durchgelaufene Wasser, bzw. die Lauge, wurde aufgefangen, erhitzt und dann wieder auf das Askenlaken geschüttet. Dies wurde so la*hge fortgesetzt, bis die Lauge nach Ansicht der Hausfrau so stark war, daß sie den „Schlichtebrüch“ im Leinen und den Schmutz in der Wäsche löste. Die Temperatur der Buikelauge v/urde mit dem Ellenbogen gemessen. War das Askenlaken abgenommen, mußte die im Eimer aufgefangene Lauge noch so heiß sein, daß man den Ellenbogen für einen Moment eintauchen konnte. — Zum Schlichtebrüch eine kurze Erklärung. Der Schlichtebrüch war ein dünner Brei aus Roggenmehl, mit dem die auf den Webstuhl gespannten Leinenfäden in kurzen Abständen bestrichen wurden, um diese zu glätten, wodurch der Arbeitsvorgang des Webens überhaupt erst möglich wurde. — Nun wurde „teoplöcket“ — der Holz-pflock in die Ablauföffnung des Tubbens geschoben, das Askenlaken abgenommen und soviel von der immer wieder erhitzten Lauge nachgegossen, daß das Leinen, bzw. die Wäsche, vollständig bedeckt war. Die Wäsche wurde meistens am nächsten oder übernächsten Tage möglichst in fließendem Wasser „iutwosken“ — ausgewaschen. Das Leinen blieb einige Tage in der Buike, bis es „iutspollt“ — ausgespült wurde, was grundsätzlich in fließendem Wasser erfolgte. Konnte die Linnenbuike aus irgendeinem Grunde nicht in der arbeitsschwachen Broketüit durchgeführt werden, wurde „dürbuiket“, d. h., es wurde auch in der Nacht dafür gesorgt, daß die sich abkühlende  Lauge  immer   wieder  erhitzt und nachgeschüttet wurde. Dadurch wurde der für unsere heutigen Begriffe unendlich lange Vorgang beschleunigt. Bis Mitternacht wachte die Bäuerin, dann wurde sie durch eine der Mägde abgelöst.

Vor dem Ausspülen wurde das Leinen mit dem „Kloppespaun“ — Klopfspan, Klopfholz, bearbeitet. Der Kloppespaun war ein etwa 4 cm starkes, 15 cm breites und 22—25 cm langes Hartholzbrett mit einem kurzen, griffigen Stiel. Zum „Kloppen“ — Klopfen wurde das Leinen in 2 Lagen über einen „Bock“, meistens war es wohl der „Schlachtedisk“ — Schlachtetisch, gezogen und „kloppet“, wodurch es weicher und geschmeidiger wurde. War einmal „dürkloppet“ — durchgeklopft, wurde das „Stücke“ — Leinenstück von 12 Ellen Länge = etwa 7 m, „wennt“ — gewendet und von der anderen Seite bearbeitet. Wie oft das Leinen buiket und kloppet werden mußte, hing mit davon ab, wie das Sommerwetter gewesen war. Nach einem sonnigen Sommer war der Flachs, und somit auch das Leinen heller als nach einem verregneten Sommer. Nach der letzten Buike, dem letzten Kloppen und dem letzten Iutspoilen wurde das Leinen „bleuket“ — gebleicht. Hierzu legte man die einzelnen Stücke auf den Rasen, „plöckte“ sie mit den sog. „Heringen“, wie sie auch heute noch, nur größer, beim Zeltbau verwendet werden, fest, damit der Wind sie nicht fortwehte. Während des Tages wurde das Leinen wiederholt angefeuchtet. War das Leinen am Abend trocken, wurden« die Stücke „up-nommen“ — aufgenommen und in das Haus gebracht; war es noch feucht, wurde „rullt“ — gerollt, d. h., die einzelnen Stücke wurden zusammengenommen, auf der Bleiche auf einen Haufen gelegt, und mit Leinensäcken zugedeckt. Auf die Zipfel der Säcke wurden Eimer mit Wasser gestellt, damit das Leinen in der Nacht bestimmt bedeckt war. Diese Maßnahme hatte verschiedene Gründe.

1.   Der  Geruch  des  frischen,  feuchten Leinens übte auf die Katzen etwa die gleiche Anziehungskraft aus wie Baldrian, und man kann sich leicht vorstellen, wie das Leinen am anderen Morgen ausgesehen hätte, wenn die Katzen darauf getobt hätten.

2. Der Mond durfte nicht auf ungebleichtes Leinen scheinen, weil es dann nie richtig weiß wurde. Ob dem Mondschein weitere schlimme Einflüsse zugeschrieben wurden, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

War das Leinen so weiß, wie die Hausfrau dies wünschte, erfolgte eine zweite, die „lichte Buike“ Danach wurde das Leinen nochmal „spollt“ — gespült, „dreuget“ — getrocknet, „tocket“ — gezogen, sorgfältig zusammengelegt und kam nun in den „Linnenkuffer“ Leinenkoffer. Weil das Leinen durch die Lagerung vergilbte, mußten Buike und Bleuke von Zeit zu Zeit wiederholt werden, erstmalig im  nächsten Jahre.

Überlegt man, wieviel Arbeit dazu gehörte, um aus dem Flachs ein fertiges Stück Leinen zu machen und daß dies alles Handarbeit war, dann kann man wohl verstehen, daß die Hausfrauen ihren Leinenvorrat wie einen kostbaren Schatz hüteten und daß der Wert der „Mitgift“ von den Frauen danach beurteilt wurde, wieviel Stücken Leinen ein junges Mädchen mit in die Ehe brachte.

In die Broketüit fiel ein weiterer wichtiger Tag, der „Mittsommersdag“ — Mitsommerstag — Johanni — 24. Juni, den ich in seiner ursprünglichen Bedeutung hier nicht mehr erlebt habe, wohl aber im Osten, wo ihm eine ähnliche Bedeutung zukam, wie hier dem Valentinstag. Die verliebten, verlobten und Jungverheirateten Paare sprangen gemeinsam über die verlöschende Glut. Hier war es Sitte, über dem Stand jeder Milchkuh einen Kranz aufzuhängen und ebenso über jeder Sauenbucht im Schweinestalle. Meines Wissens war dies der einzige Fall,  bei dem  auch die Schweine bedacht wurden. Allgemein zählten dabei nur die Pferde, die Kühe und die Bienen.

Von einem weiteren Brauch zu Johanni, der aber mit den offenen Feuerstellen verschwunden ist, weiß ich aus Erzählungen.

Nach Möglichkeit wurde das Herdfeuer „dürhaulen“ — durchgehalten, d. h. die Glut wurde am Abend mit Asche „teora-ket“ — zugedeckt und am anderen Morgen mit Kleinholz, den „Splittern“, wieder angefacht, weil Streichhölzer knapp und teuer waren. Das Anzünden mit Stahl und Zunder war umständlich, und außerdem verstand es nicht jeder. Es war die erste und ständige Arbeit der „Lütkemahd“, des jüngsten Dienstmädchens auf dem Hofe, das Feuer am Morgen wieder in Ordnung zu bringen. Nur zu Johanni wurde eine Ausnahme gemacht. Am Abend vor Johanni ließ man das Flerdfeuer „iut-brännen“ — ausbrennen, und am anderen Morgen wurde von der Bäuerin ein frisches Feuer angelegt. Für dieses neue Feuer wurde schon vorher Buchenholz, welches ohne Ast und ohne Rinde sein mußte, zurückgelegt. Brannte das Feuer richtig, wurden zwei Holzstücke kreuzweise zum Ankohlen in das Feuer gelegt und zwar nach und nach so viele Stücke, als Stalleingänge vorhanden waren. Bei den alten Ställen befand sich über jeder Eingangstür eine Öffnung, etwa in der Größe eines flachgelegten Ziegelsteines. Diese Öffnungen dienten weniger zur Lüftung, als zur Aufnahme der am Johannismorgen angekohlten Holzstücke, wodurch das Vieh vor Krankheiten geschützt werden sollte. Das Holz wurde an jedem Johannistag erneuert.

Es war vor dem ersten Weltkriege, als ich im Kreise Höxter einen Schulfreund besuchte, der dort eine Mühle und Landwirtschaft betrieb. Sein damals über 80 Jahre alter Großvater erzählte mir, daß er die kleinen Reparaturen in der Mühle noch  selber  mache  und  zeigte  mir  dann seine Werkstatt. Ich sah, daß das Werkzeug fast alles angekohlt war und fragte ihn, ob es in der Mühle gebrannt habe, was er aber verneinte. Betr. des angekohlten Werkzeuges gab er mir folgende Aufklärung:

Es sei dort noch üblich gewesen, Johan-nisfeuer abzubrennen, woran sich das ganze Dorf, und teilweise auch die Nachbardörfer, beteiligt hätten. Nach dem Zusammenfallen des Feuers hätten dann alle Handwerker ihr seit dem letzten Johannistag gekauftes Handwerkszeug in die Glut gelegt, um dies etwas ankohlen zu lassen.

An den Mittsommerstag waren auch Zahltermine gebunden. So war es Brauch, daß das im Kappeier Kirchenholze gekaufte Nutz- und Brennholz am „Ohmd vor Mittsommersdag“ — Abend vor Mittsommerstag im Köhnenkruge in Brüntrup bezahlt  wurde.

Ein für das Erntewetter bedeutsamer Tag war der „Siebenschläfer“, 27. Juni. Regnete es an diesem Tage, dann sollte es angeblich 7 Wochen regnen. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. So war es auch wohl mit dem Sommerwetter im Jahre 1911, dem trockensten Sommer, den ich erlebt habe. Am 27. Juni regnete es bis etwa 14.00 Uhr in Strömen. Dann hellte es sich auf, und der nächste Regen fiel im August. Ich erkläre mir diese Wetterregel so: Die hier unregelmäßig auftretenden Schlechtwetterperioden halten meistens etwa 6—7 Wochen an. Beginnt eine solche Periode Ende Juni, dann hält sie meistens bis in die Ernte an und die Menschen merken sich dies. In den anderen Jahreszeiten achtet niemand darauf.

Der 29. Juni ist der Peter- und Paulstag, dem man noch einen Purzel angehängt hat, damit der Reim stimmt: „Peter, Paul und Purzel, bricht dem Korn die Wurzel.“ Unter Korn verstand man früher nur den Roggen, der in dieser Zeit abzusterben beginnt. In Jahren mit normalem   Witterungsablauf  kann man von der Roggenblüte bis zur Ernte etwa 6 Wochen rechnen.

Der August galt und gilt als der eigentliche Erntemonat. Zur Ernte zählte nur das Brotgetreide, und ich erinnere mich noch daran, daß ältere Menschen sagten: „Wüi hat inahrnt“ — wir haben eingeerntet, wenn das Brotgetreide unter Dach war. Aus Erzählungen weiß ich, daß damals die Erntekrone mit dem Erntehahn auf die letzte Fuhre Brotgetreide und nicht auf die letzte Fuhre der Gesamternte kam.

Besondere Bedeutung kam dem Bartholomäustag, dem 24. August, zu. An diesem Tage durfte niemand den Gemüsegarten betreten, denn „Sankt Bärtelken lägt de Koppe in den Kumst“ — Sankt Bartholomäus legt die Köpfe in den Weißkohl, und dabei durfte er nicht gestört werden. Wahrscheinlich wurde früher nur „Kumst“ — Weißkohl angebaut und wenn dieser nicht geriet, gab es im Winter keinen „Siuernkauhl“  — Sauerkraut. Der Siuernkauhl wurde in allen Haushalten eingestampft. Die sich beim Einstampfen bildende Flüssigkeit hieß „Moss“ Dieser Vorgang war den Menschen wohl nicht ganz klar, denn wollte man etwas bezeichnen, worüber man sich nicht ganz klar war oder worum man nicht genau Bescheid wußte, sagte man: „Gong hen, wo Bachel den Moss wäghalt“ — geh dahin, wo Bartholomäus den Most herholt — verschwinde hier und laß dich nicht wieder sehen; geh dorthin, wo dich niemand sucht und findet.

Der „Moss“, auch „Weost“ genannt, bildete sich beim Einstampfen, brauchte also nicht geholt zu werden und darum bedeutete dieser Satz auch: du bist so dumm, daß du nur für solche Arbeiten zu gebrauchen bist.

Bartholomäus scheint aber auch ein strenger Mann gewesen zu sein. Wurde zu einem jungen Menschen gesagt: „Eck wüise düi glüik, wo Bachel den Moss wäghalt“ — ich zeige dir gleich, wo Bartholomäus den Most herholt, dann hieß das: wenn du dich noch etwas dumm und dämlich anstellst oder nicht flinker und fleißiger wirst, dann gehe ich mit dir an einen Ort, an dem wir allein sind, und dann bekommst du eine Tracht Prügel. Ich glaube, es wäre kein Fehler, wenn vielen jungen Menschen auch heute mal gezeigt würde, „wo Bachel den Moss wäghalt.“

„Bachelmeu, sackt de Hawer inne Kneu“ — Bartholomäus sinkt der Hafer in die Knie. Obwohl der Hafer nicht zur eigentlichen Ernte gerechnet wurde, kam ihm als Pferdefutter große Bedeutung zu. Aus erklärlichen Gründen ist der Anbau sehr zurückgegangen.

Maria Geburt — 8. September. — Maria Geburt, zieht die Schwalbe fürt. Auch an diesem Sprichwort zeigt sich, daß früher mehr Wert auf die Namen der Kalendertage, als auf das Datum gelegt wurde. Der Fortzug der Schwalben galt als der Herbstbeginn, was dann noch an guten Tagen kam, war der „Altweibersommer“

Der September war, besonders im Blom-berger Becken, ein wichtiger Monat, denn an Quatember, dem dritten Mittwoch im Monat, war Wilbasen. Mit Beginn der Ernte galt der eigentliche Kalender nicht mehr, dann wurde nur gerechnet, wie lange es wohl noch bis Wilbasen war. Eine Redensart lautete: „Wilbosen ess wesen, niu schinnt de Sunne körter un de Dage wärt lenger“ — Wilbasen ist gewesen, nun scheint die Sonne kürzer und die Tage werden länger. Dies ist nur ein scheinbarer Widerspruch, denn ab Wilbasen wurde auf dem Acker bis zum Einbruch der Dunkelheit gearbeitet. Nach alter Regel mußte an Wilbasen auch der erste Roggen gesät werden. Ich habe noch einen Bauern gekannt, der sich streng an diese Regel hielt. Erlaubten die Witterungsverhältnisse nicht, mit den Gespannen auf den Acker zu ziehen, steckte er eine Rocktasche voll Roggen und warf diesen vom Ackerrande aus auf den Acker.

Markustag — 7. 10. — An diesem Tage wurde mit dem Ausmachen der Kartoffeln begonnen. Als diese durch die Züchtung immer früher erntereif wurden und besonders, als die Frühkartoffel „Paulsens-Juli-Niere“ auf den Markt kam, schimpfte hier ein Bauer: „Up’r Nangrund hat seu ganß vergälten, wannöhr Markusdag ess — auf Nassengrund haben sie ganz vergessen, wann Markustag ist.

Zu Nassengrund ist noch zu sagen: Die älteste Bezeichnung lautet „Nah dem Grund“, was ja auch der Lage entspricht. Aus „Nah dem“ ist „natten“ und später „nassen“ geworden. In meiner Jugend sagte im Plattdeutschen niemand „Natten-grund“, sondern immer nur „Nangrund“ Im Oktober war auch der Hedwigstag, der 15. Oktober, von ganz besonderer Bedeutung. Bis zu diesem Tage mußten alle Naturalien geliefert und auch die meisten Geldleistungen geregelt sein. Wer dann noch im Rückstand war, mußte damit rechnen, daß die Verpflichtungen erhöht oder ungünstigere Liefertermine festgesetzt wurden. Nur wenige Menschen konnten damals lesen und schreiben, und dies wurde oft in unverantwortlicher Weise ausgenutzt. Die Menschen sprachen dann von „nüjjer Last“ — neuer Last, weil diese vorher nicht bestanden hatte und nicht eingetragen war. Was sollten die Menschen machen, wenn z. B. die Liefertermine für die Eier in eine Zeit verlegt wurden, in denen die Hühner nicht legten? Neue Schikane und neue Lasten waren meistens die Folge? Daß sich gerade der Hedwigstag besonders tief in das Gedächtnis der Menschen einprägte, ist wohl zu begreifen.

Gallustag ist der 16, Oktober. „Sankt Gall — bringt die Kuh in den Stall.“ Heute denkt niemand mehr daran. Früher waren die Weiden an diesem Tage bestimmt kahl, weil diese keinen Dünger bekamen.

Am „alten“ Martinstag, 11. November, beendeten die im Sommer auf den Höfen beschäftigten Kuhhirten den Dienst, den sie am „alten“ Maitag, 12. Mai, angetreten hatten. Der Martinstag wurde nach der Reformation auf den Geburtstag Martin Luthers, den 10. November, vorverlegt. Obwohl die Verschiebung nur einen Tag ausmacht, ist der 11. November als „alter“ Martinstag in der Erinnerung geblieben; der Tag, an dem der heilige Martin seinen Mantel mit einem Bettler teilte.

Bis zum Schluß des bäuerlichen Arbeitsjahres am 24. Dezember verlief m. W. die Zeit ruhig, bis dann die Hahnejöckels in den 12 heiligen Nächten, der Zeit „zwischen den Jahren“, bis zum Beginn des neuen Arbeitsjahres am 6. Januar ihr Unwesen trieben.

Jahrhundertelang gehörte Istrup zur Kirchengemeinde Reelkirchen, bis am 1. 4. 1954 die Bildung einer selbständigen Kirchengemeinde erfolgte. Die Kirche -wurde am 1. Pfingstfeiertag 1953 eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben

Waren die geschilderten Sitten und Gebräuche mehr oder weniger an bestimmte Zeiten oder Kalendertage gebunden, gab es auch viele, die mit wechselnden Ge-schehnis:en verbunden waren und die es verdienen, kommenden Generationen überliefert zu werden. Unsere Vorfahren waren zumeist gläubige Christen oder versuchten zumindest, den Anschein zu erwecken. Aus vielen Sitten und Gebräuchen geht aber hervor, daß sie sich nicht ganz von ihrem Glauben an übersinnliche Kräfte und Mächte zu lösen vermochten. Mit dem christlichen Glauben war dies aber nicht in Einklang zu bringen, und so schlössen sie gewissermaßen einen Kompromiß mit sich selber und bezeichneten ihren Hexen-und Gespensterglauben als „Büiglauwen“ — Beiglauben, denn man konnte ja nicht wissen, ob nicht doch etwas daran war. Eine alte Frau, sie starb kurz nach dem zweiten Weltkriege im Alter von mehr als 80 Jahren „zwischen den Jahren“, formulierte diese Einstellung so: „Goddsglauwe ess geot, mie Büiglauwen better“ — Gottesglaube  ist  gut,  mit  Beiglauben   besser.

Wer denkt heute noch an die Hungerjahre der Kriegs- und Nachkriegszeiten der beiden Weltkriege? Viele Menschen, die diese Zeiten miterlebt haben, wollen nicht  daran   erinnert  sein.  Was galt uns damals ein Stückchen Brot und was gilt es uns heute? Die Generationen vor uns konnten sich noch an Notzeiten und Hunger ohne Krieg erinnern, und das Brot war ihnen der Inbegriff aller Nahrung. Heute ist es nur noch den Worten nach so. Früher wurde das Brot von den Hausfrauen selber gebacken, und bei jedem Wohnhaus stand ein „Backs“ — Backhaus, oder zumindest ein Backofen. Verwandte und Nachbarn liehen sich gegenseitig den Sauerteig aus, damit er nicht zu alt wurde. In der dringendsten Arbeitszeit backten sie auch zusammen in einem Ofen. Gekauft wurde kein Brot. Reichte es mal nicht aus, wurde beim Nachbarn oder einem „Mietbäcker“ — Mitbäcker ein Brot geliehen und nach der eigenen „Backte“ zurückgebracht.

Wurde das erste Brot einer „nüjjen Backte“ — frischgebackenes Brot, angeschnitten, faltete meine Mutter die Hände zu einem kurzen Gebet, schnitt dann mit dem Brotmesser ein Kreuz auf die Sohle des Brotes und zog dieses mit dem Zeigefinger der linken Hand nach. Erst dann wurde die erste Scheibe, „de Kneost“ — der Knust, abgeschnitten und oben in „dat Brautschapp“ — den Brotschrank gelegt. Dort blieb der Knust liegen, bis wieder ein Brot der nächsten Backte angeschnitten wurde. Das alte Stück wurde an das Vieh verfüttert. Ein Stück Brot fortzuwerfen, galt als große Sünde. Wo ist die Ehrfurcht vor dem täglichen Brot geblieben? Sind wir vor Zeiten, in denen jede Brotrinde wertvoll ist, so ganz sicher?

Ackerbau und Ernte

Zum Einholen der Heu- und Getreideernte wurden die Ackerwagen „ümmestellt“ = umgestellt = hergerichtet. Während die Länge der Ladefläche beim Ackerwagen nicht über 4 m hinausging, meistens sogar darunterblieb, waren die „Ahrntenleddern“ = Ernteleitern hier bis zu 7 m lang; in bergigen Gegenden und bei schlechten Wegeverhältnissen waren sie kürzer und niedriger. Die Ernteleitern waren hier etwa 1,20 m hoch, der Abstand der Sprossen betrug etwa 30 cm. Die „Ledderbäume“ = Leiterbäume und die „Ledderstöcke = Leiterstöcke (Sprossen) waren aus Fichtenoder Tannenstangen. Die Leiterstöcke wurden mit dem unteren, etwas angeschrägten Ende, in den unteren Leiterbaum eingesetzt, damit sie nicht durchrutschen konnten, denn sie wurden nicht genagelt. Bei dem oberen Leiterbaume ragten die Leiterstöcke etwa 10 cm heraus, damit das Heu, die Garben oder Bunde Halt hatten und nicht abrutschten. An den beiden Enden und auch in der Mitte der Ernteleitern wurden „Scheun“ oder „Spreun“, die Bezeichnung war nicht einheitlich, mit „Versatz“ in „Tapplöcker“ = Zapfenlöcher eingesetzt, um den Leitern mehr Halt zu geben. Sie waren aus Eichenholzleisten von etwa 10 cm Breite und 2,5 cm (1 Zoll) Dicke hergestellt. „Versatz“ heißt, dass die Leisten etwas schmaler gemacht wurden, soweit sie in die Zapfenlöcher kamen, in denen sie mit „Holtnegeln“ = Holznägeln befestigt wurden.

Ein Erntewagen aus alter Zeit. Zu sehen im LWL-Freilichtmuseum Detmold.

Durch den Versatz bekamen die Ernteleitern mehr Halt. Eisen oder Drahtnägel wurden bei den Ernteleitern, und auch bei den Steigleitern, nicht verwendet, weil bei einer Reparatur das Werkzeug daran beschädigt worden wäre. Eisennägel rosteten und ließen sich dann nicht mehr mit der Zange herausziehen, Holznägel wurden ausgebohrt. Um Kosten zu sparen hat man versucht, die Holzleisten durch Eisenstangen zu ersetzen, dies aber schon bald wieder aufgegeben, weil dieselben den Leitern keinen Halt gaben.

Um die Ernteleitern auf den Wagen stellen zu können, wurde die „körte Lang-weigen“ = kurzer Langbaum gegen die „Ahrntenlangweigen“ = Erntelangbaum ausgewechselt. Der Langbaum stellte die Verbindung zwischen dem „Vödderstell“ und dem „Ächterstell“ = vorderes und hinteres Wagengestell, her. Das hintere Wagengestell wurde auch „Ächterkehr“ genannt, weil man dieses beim „Kehren“ = Wenden immer besonders beachten mußte. Sowohl im „Vödder“ — als auch im „Ächtersdiemmel“ = Vorder- und Hinterschemel, waren je 4 „Runlöcker“ = Rungenlöcher angebracht, um nach Bedarf eine schmale oder breite Ladefläche wählen zu können. Um mit den großen langen Erntewagen sicherer, und auch auf schmalen Flächen kehren zu können, wurden diese „schmall stellt“ = schmal gestellt, d. h., die Rungen kamen in die inneren Löcher. Zur Abstützung der sehr langen „Ahrnterungen“ = Ernterungen kamen in die äußeren Löcher „Runstütten“ = Rungenstützen; waren die Rungen „breit stellt“, wurde von Runge zu Runge eine Kette gezogen. Zwischen die Leiterbäume kam das „Unnerbrett“ = Unterbrett, eine 5-6 cm starke Bohle aus Fichte oder Tanne.

Einfahren
Bevor die Schäuwe auf die Erntewagen geladen wurden, band man sie in Strohseile. Das „Seiledraijjen“ oder „Seileknüppen“ = Seiledrehen oder -knoten, war eine Winterarbeit der Männer. Das „Seilestrauh“ = Seilestroh wurde nach Möglichkeit schon beim Dreschen des Roggens, mit dem Flegel, ausgesucht. Es sollte keine Disteln enthalten und auch nur wenig Regen abbekommen haben, denn vieler Regen adens „ober den Baum“ = über dem Leiterbaum, dann ging es in der angegebenen Zahlenfolge weiter, anschließend wurde quer über die Leiterbäume geladen. Die Schichte wurden so hoch geladen, wie der Lader bequem arbeiten konnte. War der Lader groß, kamen zwei Schichte „ober de Leddern“ = über die Leitern, andernfalls auch drei, wobei die Wegeverhältnisse eine Rolle spielten. War der Wagen genügend beladen, wurde „teolaat“ = zugeladen, indem noch eine schmale Schicht in der Mitte des „Fohrs“ = der Fuhre, des Fuders, entlanggelegt wurde. Gebunden wurden diese Fuhren nicht, denn wenn der Lader ordentlich gearbeitet hatte, war dies nicht nötig, es sei denn, dass ein sehr schlechter Weg befahren werden musste. Die liegengebliebenen Halme wurden mit der „Schloifharken“ = Schleppharke zusammengeharkt. Das Zusammengeharkte hieß „Härksel“ oder „Härkelse“ und wurde meistens an die ständigen Arbeitskräfte vergeben. Ähren wurden von alten Menschen und Kindern gelesen und „Sangen-soiken“ genannt, die gesammelten und gebündelten Ähren hießen „Sangen“ Woher diese Bezeichnung kommt, ist mir nicht bekannt. Wurde der letzte Roggen eingefahren, blieb die letzte Garbe für die „Sangen-soikers“ zurück, wahrscheinlich in unbewusster Anlehnung an: „Lass dem Feld die letzte Garbe für des alten Wode Fohlen.“ Beim Zurücklassen der letzten Garbe wurde mitunter auch gesagt: „Dat ess för de Soot“ = das ist für die Saat. Den Erntewagen fuhr der Mann, der auch sonst das Gespann führte. Er steckte auch das Getreide auf.

Die letzte Fuhre
Daran, dass die letzte Fuhre mit der Erntekrone, und darauf dem Erntehahn, geschmückt wurde, kann ich mich noch eben erinnern. In einigen Dörfern, besonders im lippischen Südosten, ist dies noch heute üblich. Über der mit Grün und bunten Bändern geschmückten Erntekrone thronte der buntbemalte hölzerne Erntehahn. Dieser war ebenfalls mit bunten Bändern geschmückt und trug auf beiden Seiten vom Schwanz bis zum Schnabel eine Kette aus ausgeblasenen Hühnereiern. War die letzte Fuhre unter Dach, wurde die Krone mit dem Hahn über dem Dielen- oder Scheunentor befestigt und blieb dort bis zum nächsten Jahr. Am Abend gab es besseres Essen und einen Umtrunk, aber die eigentliche Erntefeier, hier „Ahrn-tenhahn vertehrn“ = Erntehahn verzehren, genannt, fand erst an einem der nächsten Sonntage statt. Hierzu wurden alle Menschen geladen, die bei der Ernte geholfen hatten. Im Nachbardorf Siebenhöfen wurden die Erntefeiern groß aufgezogen, mit Musik und Tanz. Dazu kamen auch die Menschen von den Nachbarhöfen, und es wurde vorher verabredet, wer wann feierte.

Das Aufpacken
Bevor auf den Höfen Scheunen gebaut waren, kam das Getreide auf die Böden der alten Bauernhäuser. Es wurde so gepackt, dass nach Wahl jede Art durch die Luken zum Dreschen auf die Diele geworfen werden konnte. Der Raum über den Ställen wurde nach Möglichkeit für Heu und Stroh freigehalten, damit dieses zur Fütterung und als Streu handlich lag.

Als dann Scheunen gebaut wurden, hatten diese zunächst, wie die Dielen, gestampften Lehmboden, der naturgemäß feucht war. Damit die untere Schicht des eingebrachten Getreides nicht durch die Bodenfeuchtigkeit litt, wurde mit dem Packen in folgender Weise begonnen: In dem für eine bestimmte Getreideart vorgesehenem Teile der „Bucht“ = Bansenraum wurde eine Hocke „rund richt’t“, genau wie auf dem Felde. Die nächsten Garben wurden von allen Seiten „anstellt“ und zwar so, daß sie immer etwas flacher kamen. Auf diese Weise kam kein „Pollend“ = Ährenende auf den feuchten Lehmboden.
Hier wurden weder Getreide- noch Strohdiemen gesetzt. Als das Getreide noch auf die Hausböden gebracht wurde, waren die Ernten nicht so groß, daß dies erforderlich war; es wurden ja auch immer nur 2/3 der Ackerfläche bestellt, es wurde „bro-ket“ = gebracht. War es erforderlich, wurde zwischen der Roggen- und der Weizenernte gedroschen, um Platz zu schaffen. Die später errichteten Scheunen waren so groß, dass die ganze Ernte darin untergebracht werden konnte. Die Hausböden dienten nur zur Lagerung von Heu und Stroh.

Erntefest
Ein dörfliches Erntedankfest wurde hier nicht gefeiert, sondern nur das kirchliche Erntedankfest am ersten Sonntag im Oktober. Je nach Rührigkeit und Einstellung des Pastors wurden an den folgenden Sonntagen in den zum Kirchspiel gehörenden Dörfern auf der Diele eines Bauernhofes kirchliche Erntedankfeste gefeiert. Die Kirchen, bzw. die Altäre, wurden nicht besonders geschmückt.

Neuerungen
So weit ich zurückdenken kann, geboren 1896, gab es auf unserem Hofe eine Mähmaschine, eine sog. „Flügelmaschine“ Später kam noch ein Grasmäher hinzu, der aber weniger zum Gras mähen, als zum Mähen von Lagergetreide benutzt wurde. Ich erinnere mich noch daran, dass im Nachbardorf ein Getreidemäher mit „steifen Flügeln“ in Betrieb war. Bei dieser Maschine hoben sich die Flügel nicht, wenn sie das Getreide vom „Wann“ geschoben hatten, sondern drehten sich in der gleichen Führung weiter. Die Pferde gingen weit vor der Maschine und auch der Fahrer musste in einem weiten Abstand von der Maschine gehen, um nicht von den Flügeln erfasst zu werden.
Den ersten Bindemäher hier im Dorf kaufte mein Vater im Jahre 1911. Im folgenden Jahre kam der zweite, die nächsten erst nach dem ersten Weltkriege. Natürlich war der erste Binder eine Sensation im Dorfe. Hierzu ein kleines Erlebnis. Als wir am zweiten Tage mit dem Binder arbeiteten, kam ein Schwager meines Vaters, um sich dies anzusehen. Er sah eine Weile kopfschüttelnd zu, ohne ein Wort zu sagen. Dann lief er mit der Maschine um die ganze Fläche herum. Als er zurück und wieder hinter Atem war, sagte er: ,.Niu häbbe eck doch seo uppasset, öbber doch nich hariutkriegen, wo düt Kratiw-wer de Seile maket“ = Nun habe ich doch so aufgepasst aber nicht herausgefunden, wo diese Kreatur die Seile macht. Als ihm die Sache erklärt war, drehte er sich um, und sagte im Fortgehen: „Eck häbbe in müinen Lieben nau nich an Spoiken glowt, öbber niu gläuwe eck doran“ = ich habe in meinem Leben noch nicht an Spukerei geglaubt, aber jetzt glaube ich daran.
Bevor die Mähmaschine eingesetzt werden konnte, musste die Fläche „anmaijjet“ = angemäht werden, wenn die angrenzende Fläche nicht frei war. Es wurde ein „Schwadd“ mit der Sense um die ganze Fläche gemäht und die Ecken etwas abgerundet. War die angrenzende Fläche frei, wurden nur die „Schnotsteune“ = Grenzsteine „iutmaijjet“ = ausgemäht, damit die Maschine daran nicht beschädigt wurde.
Den Binderinnen wurde hinter dem Flügelmäher keine bestimmte Strecke zugeteilt, denn jede trachtete selber danach, nicht hinter den anderen zurückzubleiben. Alle Getreidegarben, auch beim Roggen, wurden nur einmal gebunden und zwar mit einer kleinen Handvoll Halme, die man aus dem „Diuw“ zog.
Vor Einführung der Mähmaschinen bekamen die Pferde nach der Frühjahrsbestellung weniger Hafer oder sie wurden mit Klee oder Gras gefüttert, weil bis nach der Aberntung nur wenig und dazu leichte Arbeit für sie anfiel. War genügend Weideland vorhanden, wurden sie dorthin gebracht. Frühestens ab „Sieben Brüder“ (10. Juli) wurden die Pferde wieder besser gefüttert. Es gab auch Bauern, die diesen Tag möglichst weit hinausschoben und sich dann wunderten, wenn die Pferde bei der viel Kraft erfordernden Herbstbestellung „logge“ = matt waren. Die Einführung der Mähmaschinen und die Ausweitung des Zwischenfruchtbaues brachte für die Pferde mehr Arbeit, so dass die Kürzung der Haferration nach und nach aufhörte.

Schälen und Abeggen
Nach Möglichkeit wurden die mit Wintergetreide bestellten Flächen gleich nach der Aberntung „strieket“ = geschält, damit vorhandene Wurzelunkräuter im Wachstum gehemmt, Unkrautsamen zum Auflaufen gebracht und einer zu starken Austrocknung des Bodens entgegengewirkt wurde. Bevor es die Rahmen- oder Mehrscharpflüge gab, wurden die einzelnen Stücke mit dem gebräuchlichen Pflug geschält, aber immer auseinander (s. „Vom Pflügen“). Später ging man dazu über, mit dem „Strieken“ = Schälen am Rande der Fläche zu beginnen und immer „ha-ha-rümme“ = nach links herum zu fahren.

Zeichnung 5: Erstes Abeggen

Das „örste Affeuggen“ = erstes Abeggen erfolgte entweder gleich nach dem Schälen oder dann, wenn der erste Unkrautsamen aufgelaufen war. Beim ersten Abeggen fuhr man so, wie man mit dem Schälpflug gefahren war, wenn großer Wert auf saubere Arbeit gelegt wurde. Nach der Bearbeitung mit dem Grubber oder Kultivator wurde gleich „dichte langes“ = doppelt längs geeggt. So sauber, als nach dem vorherigen Schälen des Ackers wurde die Arbeit nicht. Das erste Abeggen in der beschriebenen Weise hatte auch noch den Vorteil, dass auf schwerem oder verunkrautetem Boden nicht so viele „Palten“ = Schollen „ümmeretten“ = umgerissen wurden, wodurch die Stoppelseite wieder nach oben gekommen wäre. Bei leichterem Boden war diese Gefahr nicht so groß. Wurde das Abeggen wiederholt, erfolgte dies „twütinnjes langes“ — doppelt in der Längsrichtung der Fläche. Drängte aber einmal die Zeit, dann wurde schon beim ersten Abeggen so verfahren, aber so ordentlich wurde die Arbeit nicht. Wichtig, weil Zeit und Arbeit sparend, war, dass beim Schälen und erstem Abeggen so gefahren wurde, wie die Zeichnung 5 zeigt, d. h., Beginn und Ende der Arbeit an der gleichen Stelle, weil dort der Wagen für den Transport der Geräte, besonders der Eggen, stand. Da in den Winkeln keine so saubere Arbeit, auf die früher mehr Wert gelegt wurde als dies heute möglich ist, erfolgen konnte, fuhr man zuletzt noch einmal mit „der Striekepleog“ = dem Schälpflug durch die Winkel und zwar so, wie dies aus der Zeichnung 5 (gestrichelte Linie) zu ersehen ist. So wurde auch gearbeitet, wenn man statt des Schälpfluges einen Grubber oder Kultivator benutzte. Man kam dann immer wieder da an, wo man mit der Arbeit begonnen hatte.

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Zwischenfrucht und Untersaat Futterbau

Unter Zwischenfruchtbau, „Twiskensoot“ = Zwischensaat genannt, wurde ursprünglich der Anbau der Brach-, Stoppeloder Wasserrübe auf den brachliegenden Ackerflächen verstanden. Erst später ging man dazu über, auch nach dem Roggen diese Rüben anzubauen. Was über den Anbau der Rüben auf den Bracheflächen gesagt ist, gilt auch für den Anbau nach dem Roggen. Bei den „Brokroiwen“, wie sie meistens genannt wurden, unterschied man 2 Arten, die „Rannen“ und die „Palsternacken“ Erstere hatten einen rotbraunen, letztere einen weißen Kopf. Beide Arten hatten einen hohen Gehalt an Säuren und durften nur in kleinen Mengen und an altere Tiere verfüttert werden, deren Schleimhäute in Maul, Magen und Darm nicht mehr so empfindlich waren, wie bei jüngeren Tieren. Waren zuviel Rannen oder Palsternacken verfüttert, entzündeten sich die Schleimhäute und die Tiere konnten nur unter Schmerzen Nahrung aufnehmen, sie hatten den „Rann“ Zur Linderung der Schmerzen und zur Heilung wurde das wenige von den Tieren aufgenommene Futter, meistens Weizenkleie, mit einem aus Kamille und Schafgarbe zubereiteten Tee angefeuchtet, und das Maul der Tiere mit dem Tee gewaschen.

Als zweite Zwischenfrucht wurde ein Gemenge aus Ackerbohnen, Peluschken, Wicken und Hafer angebaut. Später mischte man noch etwas Senf dazwischen, um den Wicken einen besseren Halt zu geben. Der Anbau dieses Gemenges drängte den Anbau der Brachrüben allmählich zurück, denn die Bauern hatten sehr bald festgestellt, dass nach dem Gemenge ein besseres Stück Weizen wuchs als nach den Rüben, dass der Milchertrag bei den Kühen bedeutend höher war und die Milch besser schmeckte.

Als Zwischenfrucht hatten die Steckrüben, auch Kohlrüben oder Wrucken genannt, eine gewisse Bedeutung. Da sie eine längere Wachstumszeit benötigten, konnten sie nur nach der hier wenig angebauten Wintergerste gepflanzt werden. Ein Anbau als Hauptfrucht erfolgte selten. Die Pflanzen wurden in Saatbeeten herangezogen. Damit diese zur rechten Zeit die richtige Größe zum Auspflanzen hatten, wurde der Samen möglichst in der Zeit vom 1. bis 5. Mai ausgesät. Um widerstandsfähige Pflanzen zu erhalten, musste das Saatbeet sonnig liegen, durfte aber auf keinen Fall mit Stallmist gedüngt sein, weil die Pflanzen davon „geistern“ = weich wurden. Sie brachen dann beim Ziehen leicht ab und liefen auch nicht so gut an als „stempelte Planten“ = Pflanzen mit gutem Wurzelwerk und hartem, kurzem Fuß.

Waren auf den Höfen Jauchegruben vorhanden, was selten der Fall war, wurde die Jauche auf den für die Steckrüben vorgesehenen Acker gefahren, denn die Steckrüben waren, wie alle Kreuzblütler, starke Stickstoffzehrer. Ergänzt wurde diese Stickstoffdüngung durch gut verrotteten Stallmist, der flach und untergepflügt wurde. Der Acker wurde so hergerichtet, daß das spätere, möglichst tiefe Hacken keine Schwierigkeiten machte.

Das Setzen der Pflanzen erfolgte nach dem „Rissenteuher“ = Reihenzieher, in einem Abstand von 50 x 50 cm. Erwachsene machten mit einem Spaten die Pflanzlöcher; das „Inhaulen“ = Einhalten der Pflanzen in die Löcher, war Kinderarbeit. Die Pflanzen wurden von beiden Seiten mit dem Fuß „antreen“ = angetreten. Der Abstand der Pflanzen musste so groß sein, weil die großen Blätter der Steckrüben nach der Seite wuchsen und den Boden gut bedeckten. Sie verhinderten so einen starken Unkrautwuchs, so dass meistens ein einmaliges Hacken genügte.

Die Steckrüben konnten einige Grade Frost vertragen und wurde deshalb als letzte Feldfrucht des Jahres geerntet. Das Blatt war selten als Vierrfutter zu gebrauchen. Die Rüben wurden überwiegend an die Kühe verfüttert, weil sie den Fettgehalt der Milch günstig beeinflußten. Bei der Verfütterung an die Schweine förderten sie angeblich die Knochenweiche. „De Schwüine krüiget et in de Beune“ = die Schweine kriegen es in die Beine, wurde dann gesagt. Wirkliche Ursache wird wohl Kalkmangel gewesen sein.

Steckrüben dienten auch zur menschlichen Ernährung, wurden aber allgemein nicht gern gegessen. Als Grund dafür wurde meistens angegeben: „Et geuht müi süss os den Schwüinen“ = Es geht mir sonst wie den Schweinen. Heute werden die viel Handarbeit erfordernden Steckrüben kaum noch angebaut.

Die Ernten aus dem Zwischenfruchtbau reichten bald nicht mehr aus, um den, infolge der größer gewordenen Getreide-und Strohernten, gewachsenen Viehbestand im Winter zu ernähren. Sehr bald wurde die Runkel- oder Futterrübe von den Bauern als Retter in der Not erkannt, aber man ging trotzdem mit größter Vorsicht an deren Anbau heran, denn dafür blieben nur die bisherigen Bracheflächen, weil man den Getreideanbau auf keinen Fall einschränken wollte. So ist durch die Aufnahme des Futterrübenanbaues und die Ausweitung des Kartoffelanbaues die „reine Brache“ : = ganzjährige Brache immer mehr zurückgedrängt und auch die zögerndsten Bauern haben um die Jahrhundertwende damit aufgehört. Mein Vater erzählte mir, dass er bei der Übernahme des Hofes, im Jahre 1881, angefangen habe, mehr Futterrüben anzubauen. Sein Vater habe auch schon Futterrüben angebaut, aber nie mehr als 1 ½ Scheffelsaat = ca. 25 ar. Einen festen Platz in der Fruchtfolge nahm die Futterrübe, zusammen mit der Kartoffel, erst dann ein, als die Molkereien errichtet, und den Bauernfrauen dadurch die sehr viel Zeit beanspruchende Verarbeitung der Milch, sowie der Verkauf der Butter und des Käses, abgenommen wurde. Wurde das Rindvieh früher im wahrsten Sinne des Wortes nur mit wirtschaftseigenem Futter „dürhaulen“ = durchgehalten und hatte im Frühjahr oft den „Stertworm“ == Schwanzwurm, d. h., es war so geschwächt, dass es nicht mit der Herde auf die „Gemeindehude“, = Weideland im gemeinsamen Besitz der Altbauerschaft, gehen konnte und sich zunächst auf den, in der Nähe des Hofes gelegenen, eigenen Weiden erholen musste, lohnte es sich nun, die Tiere, besonders die Milchkühe, besser zu füttern, zumal die Molkereien jede Menge Milch abnahmen und die Selbstverarbeitung entfiel.

Der Anbau der Futterrübe erforderte in den ersten Jahren viel Handarbeit. War der Acker saatfertig hergerichtet, wurden mit dem „Rissenteuher“ kreuzweise Reihen gezogen, auf jedes Kreuz einige Samenkörner gelegt, mit etwas Erde bedeckt und leicht angedrückt. Der Abstand betrug zunächst etwa 40 x 25 cm und wurde später, nach stärkerer Anwendung des Handelsdüngers, auf etwa 50 x 30 cm heraufgesetzt. Das Legen des Samens war zum großen Teil Kinderarbeit.

Später wurde auch der Futterrübensamen mit der Drillmaschine gesät. Nach dem Auflaufen des oft ungleichmäßig keimenden Samens, wurden die Drillreihen mit einer breiten Hacke „dürsdilan“ — durchgeschlagen, d. h., es wurde der etwa richtige Abstand von Pflanze zu Pflanze hergestellt. Es blieben noch Büschel von Pflanzen stehen, die möglichst früh durch Verziehen auf eine reduziert wurden. Das Verziehen der Pflanzen war Kinderarbeit.

Die Anfangsentwicklung der Rübenpflanzen war eine äußerst langsame, so dass die Unkrautbekämpfung schwierig war und sehr viel Handarbeit erforderte. Die Entwicklung brauchbarer Hackmaschinen zog sich über eine Reihe von Jahren hin, und der Einsatz war nur während der Anfangsentwicklung der Pflanzen möglich. Ein viermaliges Hacken der Rübenäcker war die Regel, weil es sehr lange dauerte, bis das Blatt den Boden soviel beschattete, dass die Unkrautentwicklung gehemmt wurde.

Zur Ernte wurden die Futterrüben mit der Hand aufgezogen, wobei jedesmal 2 Reihen genommen und so in Reihen abgelegt wurden, dass immer 2 Wurzelenden zusammenstießen. Zweimal 2 Reihen wurden zusammengelegt, um genügend Platz zum Durchfahren der Wagen zu schaffen. Die „Deosen“ = das Blatt, wurde mit einem schmalen Spaten abgestochen, die äußeren Blattreihen auf die mittlere Blattreihe geworfen, und möglichst frisch an das Rindvieh verfüttert. Die Rüben wurden mit der Hand auf Wagen geladen und, soweit dafür in den Kellern kein Platz war, in „Runkelhäupe“ = Futterrübenmieten gebracht, aus denen sie im Winter bei Bedarf geholt wurden.

Die Kartoffel
Zu den Futterpflanzen gehörten auch die Kartoffeln, die in der Masse als Schweinefutter Verwendung fanden. Hier, auf den schwereren Böden, wurden Esskartoffeln kaum zum Verkauf, sondern nur für den Eigenverbrauch angebaut, weil die Erträge in feuchten Jahren zu unsicher waren. Begonnen wurde hier mit dem feldmäßigen Kartoffelanbau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die ersten Neuzüchtungen kamen aus Amerika, denn hier nahm man sich der züchterischen Arbeit an den Kartoffeln erst etwa 100 Jahre später an. Die Vorbereitung des Kartoffelackers erfolgte, mit bedingt durch die Bodenverhältnisse, sehr sorgfältig. Nach Möglichkeit wurde die für Kartoffeln vorgesehene Ackerfläche noch im Herbst gut mit Stallmist, jedoch möglichst ohne Schweinemist,gedüngt und dieser „unnerstrieket“ = untergeschält = flach eingearbeitet. So blieb der Acker den Winter über liegen, bis der Boden im Frühjahr gut krümelte. Die alten Bauern hatten es mit dem Kartoffelpflanzen nicht so eilig und richteten sich nach der Erfahrung:

  1. Pflanzt du mich im April, dann komm ich, wann ich will;
  2. pflanzt du mich im Mai, dann komm ich glei‘

War es soweit, wurde der Acker vorher „euntinnjes“ = einzinkig = mit einem Eggenstrich „lüiketogen“ geradegezogen und dann gepflügt. Anschließend wurde „dichte twees“ : doppelt quer zur Pflugfurche, geeggt und die Pflanzenreihen mit dem „Rissenteuher“ = Reihenzieher gezogen. Hätte man längs zur Pflugfurche geeggt, wären die Reihen schlecht zu sehen gewesen. Der Abstand der Reihen betrug 60—62 cm, ein Maß, das bis heute fast unverändert beibehalten ist. Wegen des immer stärker werdenden Einsatzes der Traktoren, deren Spurbreite 1,25 m beträgt, hat man den Reihenabstand auf 62,5 cm genormt.

Gepflanzt wurden die Kartoffeln, auch in den größeren Betrieben, mit dem Spaten. Da früher reichlich Arbeitskräfte zur Verfügung standen, hat man sich damals über eine Vereinfachung dieser Arbeitsmethode wohl keine Gedanken gemacht. Das Einlegen der Kartoffeln in die Pflanzlöcher war vorwiegend eine Arbeit der größeren Kinder. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, in welcher der „Peru-Guano“ als erster und einziger Handelsdünger auf dem Markt war und landläufig als „Kunstdünger“ bezeichnet wurde, obwohl es reiner Vogelkot war. Von diesem Dünger legte ein Kind eine kleine Menge in die Pflanzlöcher und ein anderes Kind die Kartoffeln. Mit der Erde aus den Pflanzlöchern der nächsten Reihe wurden die Kartoffeln zugedeckt. Als dann später der „Chile-Salpeter“, hier kurz „Schilli“ genannt, in den Handel kam, war den Menschen dessen Wirkung kaum bekannt. Die Kartoffelstauden entwickelten sich nach der Anwendung dieses neuen Düngers sehr üppig, und das Unkraut wurde dadurch zum Teil unterdrückt. Nun hieß es: „De Schilli maket dat Kriut kaputt, niu briuket wüi nich seo vell teo hacken“ = der Chile-Salpeter macht das Unkraut kaputt, nun brauchen wir nicht so viel zu hacken. Wegen dieser vermeintlichen Wirkung des Chile-Salpeters wurde von vielen Menschen im nächsten Jahre noch mehr gesät mit dem Erfolg, dass sich wohl der oberirdische Teil der Stauden stark entwickelte, der Ertrag an Knollen aber zu wünschen übrig ließ. Außerdem schmeckten sie nicht so gut und waren nicht so gesund. Aufgrund der eigenen Erfahrungen und der Aufklärung durch die landwirtschaftlichen Beilagen in den Tageszeitungen, wurden die Menschen immer mehr mit der Wirkung der verschiedenen Handelsdünger vertraut, und wendeten diese zu den verschiedenen Früchten in der richtigen Menge an. Es war früher schon so, wie es heute noch ist: auch der Umgang mit anscheinend einfachen Dingen will gelernt und verstanden sein, und daran wird sich auch wohl nichts ändern.

Doch nun zurück zum Kartoffelacker. Waren soviel Kartoffeln aufgelaufen, dass man die Reihen sehen konnte, wurde der Acker mit „Stumpen Eeten“ (s. Nacheggen des Getreides) geeggt, um die nachfolgenden Hackarbeiten zu erleichtern. Hatte es nach dem Pflanzen viel Niederschläge gegeben und war der Boden dadurch „teo-packet“ “ packig, fest, geworden, wurde nicht geeggt, sondern die einzelnen Reihen „mie der Cheepfleog“ = mit dem Jätepflug möglichst tief durchgearbeitet, damit der Boden durchlüftet wurde. Waren die Kartoffeln fast alle aufgegangen, wurde mit der „Kartuffelhacken“ zwischen den einzelnen „Hüchten“ = = Stauden tief gehackt. Eine Redensart lautete: Man muß die Kartoffeln hackein, daß sie wackeln. Es ist eigenartig, dass man bei den Kartoffeln den Wert der Bodendurchlüftung erkannt hatte, diese bei den anderen Kulturpflanzen zunächst kaum anwandte. War es der „Reiz der Neuheit“ oder der Massenertrag der Kartoffeln, daß man auf deren sorgfältige Bearbeitung so großen Wert legte? Hatten die Stauden die richtige Höhe erreicht, wurden sie mit „der Kartuffelpleog = dem Häufelpflug „anstricket“ — flach angehäufelt. Später wurden sie dann „anploht“ = angepflügt, was bis Johanni (24. Juni) geschehen sein sollte. An der Festlegung auf Johanni sieht man, daß die Zeit, in der die Namen der Kalendertage eine große Rolle spielten, noch gar nicht so weit zurückliegt. Hiermit war die Gespannarbeit auf dem Kartoffelacker vorerst beendet. Zeigte sich später noch Unkraut, wurde dies mit der Handhacke oder durch Ausziehen vernichtet.

Kartoffeln bauten wohl alle Familien an. Hatten diese kein Eigen- oder Pachtland, pachteten sie bei einem Bauern „ferjet Kartuffeiland“ = fertiges Kartoffelland, d. h., das Land war mit Stallmist gedüngt und alle erforderlichen Gespannarbeiten wurden von dem betr. Bauern gemacht, bis auf das Auspflügen und Abfahren. Der Pachtpreis für eine Ruthe = 21,46 qm, betrug je nach Bodenqualität 1,00—1,20 RM bzw. DM.

War das Pflanzen der Kartoffeln in diesen Fällen meistens schon eine Gemeinschaftsarbeit, so war es das Ausmachen in jedem Falle. Schon beim Pflanzen der Kartoffeln wurde festgelegt, bei welcher Familie an welchem Tage in Gemeinschaftsarbeit Kartoffeln aufgegraben wurden. Wegen der Witterung drängte diese Arbeit meistens, denn die Kartoffelstauden starben nicht so zeitig ab, wie bei den heute angebauten Sorten. Als dann der Zukkerrübenanbau immer größere Ausmaße annahm, wurden, auf Drängen der Zuckerrübenanbauer, die Kartoffeln mehr auf Frühreife gezüchtet, damit die Ernte dieser Massenfrüchte in den größeren Betrieben nacheinander erfolgen konnte.

War die Erntezeit für die Kartoffeln gekommen, hieß es: ,De Landag trätt teo-haupe“ :‘ der Landtag tritt zusammen. War es auch kein Landtag, so war es doch immerhin ein Dorfstag, denn es wurde alles durchgesprochen, was sich im Laufe des Jahres im Dorfe und der näheren Umgebung zugetragen hatte — und oft auch noch etwas mehr. Es heißt, daß der Schiedsmann die meiste Arbeit immer im Herbst gehabt habe.

Zu diesem „Landtag“ wurden Spaten, Körbe und Säcke von den Beteiligten mitgebracht, denn in einer Familie waren davon nicht genügend vorhanden. Noch in meiner Jugend hielten viele Familien an dem alten Brauch fest, auch für die Kartoffeln Leinensäcke zu nehmen. Ein besonderer Glaube, bzw. Aberglaube, wie bei vielen Handlungen, wird hier wohl nicht im Spiele gewesen sein, sondern die Tatsache, daß es früher noch keine Jutesäcke gab. Beim Auflesen der Kartoffeln wurde auf den Knien gerutscht und die Kartoffeln, grob sortiert nach dicken und „Schwüinekartuffel“ = kleinen und beschädigten Kartoffeln, in die „Kartuffelkorwe“ = Kartoffelkörbe geworfen. Das Ausschütten in die Säcke war die Arbeit älterer Menschen oder größerer Kinder.

Realistischer als in den Landtagen, ging es bei der Karoffelernte auf den Höfen zu. Der Spaten hatte hier ausgedient und ein alter Beetpflug war an seine Stelle getreten. Mit diesem wurden die Kartoffelreihen am Vormittag ausgepflügt, damit die Erde und die Kartoffeln etwas abtrockneten. Am Nachmittag wurden sie dann von den Mägden und Tagelöhnerinnen, auf den Knien rutschend und die Erde danach durchsuchend, aufgelesen. Das Ausschütten der Körbe machten die Aufleserinnen gern selber, weil sie dabei mal „dat Rugg richt-maken“ = den Rücken gerademachen konnten. Später kamen dann die Rodepflüge, welche die Arbeit des Auflesens etwas erleichterten, weil sie die Reihen nach beiden Seiten teilten und den Boden etwas lockerten. Einen großen Wandel in der Kartoffelernte brachten die Schleuderroder, hinter denen nicht mehr auf den Knien gerutscht und die Erde nach Kartoffeln durchsucht werden musste.

Fast alle landwirtschaftlichen Maschinen werden nur einige Tage im Jahr gebraucht, und das ist wohl ein Grund mit, weshalb es so lange dauert, bis eine brauchbare Maschine entwickelt ist. Als brauchbare Roder auf den Markt kamen, ging der Kartoffelanbau in unserer Gegend zurück und verlagerte sich immer mehr auf die leichteren Böden.

Mit dem feldmäßigen Anbau der Kartoffel wurde in Lippe später begonnen, als allgemein angenommen wird. Im Jahre 1812 pachtete der Landwirt Peter Ambrosius Hausmann, geboren auf dem Gute Grevenburg, die Domäne Breda und begann dort als erster Landwirt in Lippe, die Kartoffel als Feldfrucht anzubauen. Bis dahin war sie nur eine Gartenfrucht. Der Anbau dehnte sich sehr schnell aus und schon bald war die Kartoffel aus der Er- nährung für Mensch und Tier nicht mehr fortzudenken. Hausmann war der fünfte Schüler Albrecht Thaers, des Begründers der wissenschaftlichen Landwirtschaftslehre in Deutschland.

Dies alles hat sich grundlegend gewandelt. Auf den Höfen werden nur soviel Kartoffeln angebaut, dass der Eigenbedarf an Esskartoffeln gedeckt ist. Ist der Boden für den Kartoffelanbau nicht geeignet, werden auch diese noch gekauft. Der Landtag tritt nicht mehr zusammen, aber die Dorfneuigkeiten werden trotzdem schnell verbreitet, weil alle Menschen, außer den Bauern, über mehr Freizeit verfügen. Ob der Schiedsmann jetzt weniger Arbeit hat? Die Kartoffelfeuer und das Kartoffelbraten in den verglimmenden Feuern, ein Hauptspaß für Jungen und Mädchen im Herbst, gibt es nicht mehr. Alles dieses verband die Menschen mehr mit der Scholle und der Natur. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass dieses Leben in und mit der Natur den Menschen einen festen Halt gegen die Unbilden des Lebens gab. Wenn dann die „Wennekreonen“, die Kraniche, in großen Speeren, oft zu Hunderten, am blauen Himmel südwärts zogen, kam oft eine wehmütige Stimmung auf, denn es hieß Abschied nehmen vom Sommer und dem Leben und der Arbeit in Gottes herrlicher Natur. Oder war es die Angst vor dem nahenden Winter, oder gar Fernweh? Wer weiß dies! Jedenfalls war es ein Warten und Hoffen auf die Wiederkehr der Wennekreonen als Künder des nahenden Frühlings. Wer achtet heute noch darauf? Es stimmt schon, unsere Welt ist ärmer geworden!

Ein Bericht über den Anbau der Kartoffeln wäre ohne die Würdigung der züchterischen Arbeit in der ältesten deutschen „Kartoffelzuchtanstalt“, der Zweitältesten Europas, auf dem Gute Nassengrund bei Blomberg, unvollständig. Die Versuche, widerstandsfähigere Kartoffelsorten zu züchten, wurden aus der Not geboren. Zu dem Gute zunächst eine Notlösung. So kamen die ersten „Rübenmädchen“, deren Vermittlung in Privathand lag, nach hier. Die Pflege der Zuckerrüben und der Futterrübenfelder unterschied sich nicht und war auch hier zum Teil Kinderarbeit. Auch bei den Zuckerrüben war die Rodung Handarbeit. Die gerodeten Rüben wurden „geköpft“ d. h., das Blatt einschließlich des grünen Kopfes, wurde mit einem Spezialbeil abgehackt, die Rüben auf Haufen geworfen und mit Rübenblatt bedeckt, um die Lagerungsverluste möglichst niedrig zu halten. Aus diesen Haufen wurden die Zuckerrüben auf große Wagen geladen, mit Gespannen zum Bahnhof Schieder gebracht und dort nach der nächstgelegenen Zuckerfabrik in Emmerthal verladen. Nach der Inbetriebnahme der Stichbahn von Blomberg nach Schieder, erfolgte die Verladung in Blomberg.

Nach Beendigung der Hauptarbeiten ging der größte Teil der Saisonarbeiter und -arbeiterinnen wieder in die Heimat zurück. Einige Mädchen verheirateten sich hier mit den aus Oberschlesien und Polen gekommenen Arbeitern, die hier, meistens als Gespannführer oder landwirtschaftliche Arbeiter, einen ständigen Arbeitsplatz gefunden hatten.

Das Rübenblatt wurde zum Teil direkt vom Felde an das Rindvieh verfüttert. Der größte Teil wurde in Erdgruben siliert und fand als Winterfutter für das Rindvieh Verwendung, wie auch die bei der Verarbeitung der Rüben anfallenden Schnitzel.

Soweit der Bericht über das Denken, den Glauben und die Arbeitsmethoden früherer Zeiten. In Unterhaltungen und Zuschriften wurde mir vielfach bestätigt, daß es nicht nur hier in Istrup und dem Blomberger Becken, sondern, wenn auch mit geringen Abweichungen, im übrigen Lipperlande so gewesen sei. Gleichzeitig konnte ich erfahren, dass vieles davon auch bei den älteren Menschen schon fast in Vergessenheit geraten ist, die doch eine ruhigere und nachdenklichere Zeit durchlebt haben. Freuen würde es mich, wenn es mir gelungen wäre, etwas aus dem Leben unserer Vorfahren vor der endgültigen Vergessenheit zu retten und bei der jüngeren Generation Interesse und Verständnis dafür zu wecken, was deren Leben Sinn und Inhalt gab, ja, was ihnen in gewissem Sinne heilig war.

Geburt und Taufe

Es war, es ist und es bleibt auch wohl so, daß in einer bestimmten Zeit nach der Hochzeit mit der Ankunft eines neuen Erdenbürgers gerechnet wird. Besonders die Frauen sind da immer recht spitzohrig, und oft fragt eine Frau die andere, wenn eine einige Zeit verheiratete Frau vorübergeht: „Off dat auk wal baule mol olleine achter de Gardüinen kümmet?“ (Ob „das“, die junge Frau, auch wohl mal bald allein hinter die Gardinen kommt?) So wurde gefragt, wenn die Geburt des ersten Kindes, länger als erwartet, auf sich warten ließ.

Oft konnte man auch hören, daß gesagt wurde: „Dat kümmet teor schlechten Tüit achter de Gardüinen.“ Diese Redensart bedeutete, daß die Niederkunft in einer arbeitsreichen Zeit oder dann zu erwarten war, wenn der Mann, der als Ziegler in der Fremde weilte, nicht zu erwarten war. In solchen Fällen war die Nachbarschaftshilfe selbstverständlich, und es wurde schon vorher festgelegt, wer an welchen Tagen für die Wöchnerin und etwa schon vorhandene Kinder zu sorgen, das Vieh zu warten und die Wohnung in Ordnung zu halten hatte. Audi die Vorbereitungsarbeiten für die Taufe waren, abgesehen von der Bestellung der Paten und der Beschaffung des Taufkleides, eine Angelegenheit der helfenden Nachbarinnen. Dies war doch wohl die edelste der so oft geübten Wiederhilfe!

Nun noch ein kurzes Wort zu den Gardinen, von denen hier gesprochen wurde. Die heutigen Fenstergardinen gab es noch nicht. Die Fenster waren klein, und es wäre den ganzen Tag dämmerig im Zimmer gewesen, hätte man auch noch Gardinen davorgehängt. Jene Gardinen waren die Vorhänge um die damals für Eheleute üblichen Himmelbetten.

Gang zur Taufe

Wegen der früher sehr hohen Säuglingssterblichkeit wurden die Neugeborenen, „Eumken“ genannt und oft schon am Tage nach der Geburt, spätestens am dritten Tage, getauft. In die Kirchenbücher ist meistens der Tauftag, nicht der Geburtstag, eingetragen. So war es selten möglich, daß die Mutter bei der Taufe ihres Kindes zugegen sein konnte. Für die Aufschiebung der Taufe über drei Tage hinaus gab es nur wenige triftige Gründe. Hauptgrund war, wenn der Hauptpate, der den Täufling während des Taufaktes hielt, verhindert war. Auch bei starkem Frost, Schneegestöber und Gewitter wurde kein Taufakt vollzogen.Die Wöchnerin zeigte sich frühestens sechs Wochen nach der Geburt wieder in der Öffentlichkeit. Ihr erster Gang war dann der Kirchgang. Im Schlußgebet erwähnte der Pastor stets „die Mutter, die ihren ersten Kirchgang wieder tut“ Auch bei der Erteilung des Segens wurde sie besonders erwähnt. Starb ein Neugeborenes ungetauft, tat die Mutter ihren ersten Kirchgang erst nach „zweimal sechs Wochen“, und zwar mit halbverhülltem Gesicht, wie bei der Beerdigung des Ehemannes.

In den Kirchdörfern wurde der Täufling vom Geburtshaus zur Kirche getragen. Voran schritt die schwarzgekleidete Hebamme mit dem Täufling. Sie trug eine kleine schwarze seidene Haube, die nicht unter dem Kinn gebunden wurde. Zwei schwarze seidene an der Haube befestigte Schleifen waren so lang, daß sie mit dem Saum des Kleides abschnitten. Zwei Schritte hinter der Hebamme folgte der Vater des Kindes mit den Großeltern oder deren ältesten Geschwistern. Die Geschwister des Täuflings und die näheren Anverwandten waren schon früher zur Kirche gegangen und hatten auf den für sie freigehaltenen Plätzen am Altar Platz genommen.

Tod und Beerdigung

Vom Tode wurde nicht gern gesprochen und das Wort nach Möglichkeit vermieden, solange der hoffnungslos erkrankte Mensch noch lebte. Es wurden Umschreibungen gewählt: „Et wärt duister ümme änne!“ „Heu maket sich ferg!“ „Heu ess unnerwegens!“ „Heu hät anlcloppet!“ Dieser letzte Ausdruck ist wohl darauf zurückzuführen, daß in einem Sterbehaus völlige Ruhe herrscht und auch, besonders in der Nacht der leiseste Ton zu hören ist.

War der Tod eingetreten, wurde dies in der Nachbarschaft angesagt, und es war selbstverständlich, daß jede Hilfe angeboten wurde. Ein schöner Brauch hat sich hier sehr lange gehalten. War ein Bauer oder eine Bäuerin gestorben, wurde dies nicht nur bei Verwandten und Bekannten, sondern auf allen zur Bauerschaft, der Dorfgemeinde, gehörenden Höfen, selbst in den abgelegenen Ortsteilen, hier Holstenhöfen und Riechenbcrg, angesagt. Nassengrund machte als ehemaliges Rittergut eine Ausnahme. Es wurden zwei auf dem Sterbehofe beschäftigte Mägde „lausschikket“ oder junge Mädchen aus der Nachbarschaft darum gebeten. Männer oder verheiratete Frauen wurden für diese Gänge nicht genommen. Das ältere der Mädchen mußte den Tod auf den Höfen, das jüngere bei den Verwandten und Bekannten ansagen. In beiden Fällen geschah dies mit den Worten: „Eck häbbe eunen Griuß van der Famüilje un sali anseujjen, dat de Vadder in der läßten Nacht mie Daue affgohn ess.“ War die Frau gestorben, hieß es selbstverständlich „de Friu“ Gehörten die Verstorbenen nicht mehr zur wirtschaftenden Generation, wurde das Wort „de aule“ vorgesetzt.

Alle die Leiche betreffenden Arbeiten verrichtete die Totenfrau. Sie benachrichtete auch den Pastor und den Küster, besprach» mit diesen den Zeitpunkt der Beerdigung und lud auch hierzu im Dorf und in den Nachbardörfern ein. Weiter entfernt wohnende Angehörige und Bekannte wurden schriftlich eingeladen. Die Totenfrau lud mit folgenden Worten ein: „Eck kume os Lüikenbidder un häbbe eunen Scheunen Griuß van der Famüilje
un Seu möchten seo geot süin un an’n Tag mie teo der Begräfte gohn. De Pasteoer kümmet ümme Klocke tweu.“

Ich weiß noch, daß die Totenfrauen früher von den Geladenen einige Eier oder etwas Weizenmehl bekamen; später bekamen sie Geld. Die Träger wurden wohl von den Hinterbliebenen ausgewählt, aber von der Totenfrau bestellt. Sie mußten in der Größe möglichst zueinander passen, denn früher wurden die meisten Leichen zum Friedhof mit der „Sarkbohrn“ getragen. Dies war keine leichte Arbeit, denn die Entfernung von Istrup bis zum Friedhof — damals hieß es „Kärkhoff“ — in Reelkirchen, betrug etwa 6 km. Während des ganzen Weges durfte der Sarg nicht auf die Erde gestellt werden. Darum trugen die vier Träger an den Enden der „Sarkbohrn“ Stangen, die am oberen Ende halboffene Ringe hatten, in welche die „Holme“ der Sargbahre beim Ausruhen der Träger gelegt wurden.


Anders war dies bei den Bauern, die selber über Pferde und Wagen verfügten. Ein Ackerwagen wurde gesäubert und statt der „Flächten“ (Seitenbretter) zwei für diesen Zweck bestimmte gleichlange Leitern auf den Wagen gestellt. Diese Leitern hatten auf einem bestimmten Hofe des Dorfes ihren Platz. Auf das Unterbrett wurden zwei ganz fest gebundene kleine Bunde Roggenstroh gelegt und darauf der Sarg gestellt. Bis an das
Friedhofstor wurde gefahren und dann der Sarg von den sechs Trägern vom Wagen gehoben, auf die über das offene Grab gelegten Riegel gestellt und mit Stricken in die Grube gelassen. Jetzt nahmen die Träger ihre Zylinder ab, verrichteten ein kurzes Gebet und ließen die Myrtensträußchen, die sie im Trauerhaus angesteckt hatten, in die Gruft fallen. Früher wurden statt der Myrtensträußchen „Doststruißken“ (Sträußchen des wilden Thymian) genommen, die gegen Hexen und übelwollende Menschen schützten.

Die Trauerandacht war bereits im Trauerhaus gehalten. Auf dem Friedhofe sprach der Pastor noch einige Trostworte, und mit dem kirchlichen Segen wurde die Trauergemeinde entlassen.

Nun hatte man den Toten „unner de Riusen brocht!“ (Unter den Rasen gebracht). Früher wurden die Gräber nicht mit Blumen bepflanzt, und es wurde auch selten ein Denkmal gesetzt, sondern nur ein schlichtes Holzkreuz. Die Gräber wurden mit „Riusen“, vierkantig gestochenen Rasenstücken, abgedeckt. Ein anderer Ausdrude lautete: „No Kösters Kampe brocht“ Der Küster hatte früher die Grasnutzung auf dem um die Kirche liegenden Friedhofe, dem „Kärkhoff“ Die Bezeichnung „Kärkhoff“ wurde auch beibehalten, als in Dörfern, die keine Kirche hatten, im vorigen Jahrhundert Friedhöfe angelegt wurden.

Vieles ist anders geworden in unserer Zeit. Bei den Begräbnissen herrscht viel Pracht und Feierlichkeit, und auf den Gräbern welken Berge kostbarer Blumen, Kränze und Schleifen. Nach wenigen Tagen werden sie fortgeräumt, doch bald ragt auf dem Hügel des Toten ein kunstvoller Denkstein empor. — Dennoch bleibt die Frage, ob wir unsere Verstorbenen mehr in Ehren halten, als unsere Ahnen dies taten mit den selbstgebundenen Kränzen, dem Rasenhügel und dem schlichten Holzkreuz.