Streit um den Strom

Weserfähre bei Veltheim

Wann er angefangen und von wem, das wußten die Beteiligten schon vor dreimal hundert Jahren nicht mehr. Der „Strietwerder“, die Marsch am Strom, um die es ging, hatte seit Urzeiten so geheißen. Der Streit war wohl so alt wie der Strom selbst, wie die beiden Dörfer, zwischen denen er dahinfloß, harmlos, beglänzt und leise sommertags, aber wild, drohend, unberechenbar nach der großen Frühlingsschmelze im Oberlauf. War so alt wie die Äcker und Weidekämpe auf seinen Ufern, deren ewige Unruhe er war. Weil er das, was er der einen Seite gab, der andern nahm, wechselweise, das Bett verlagernd im Laufe der Jahrtausende, langsam, aber ständig, und manchmal auch gewaltsam. Weswegen sie schon früh Slagden in das Bett gelegt, gedämmt und gedeicht, um die Strömung dem andern Ufer zuzulenken. Allmählich war daraus eine Feindschaft gewachsen zwischen hüben und drüben derart, daß zuletzt ein Mädchen aus Veltheim, das auf sich hielt, keinen Mann von Vornholte (Varenholz) mehr ehelichen mochte, und umgekehrt.

„Der Strom“, hatte Aule Huck Slagdmester und Fährmann zu Veltheim, gesagt, als er während eines schweren Eisganges zu Fall gekommen, seinen letzten Willen kundgetan, „der Strom ist die Grenze, die Gott selbst gesetzt hat. Was sie, die Weser, in blindem Unverstand verrückt, das müssen wir Menschen immer wieder zurechtrücken. Dafür läßt der Herrgott das Eichenpfahlholz wachsen und die Weidenzäunbraken.“ Er hatte seine schwere Rechte dabei auf die Schulter Hannhinnerks, des Zwölfjährigen, gelegt, ihm ernst, beinahe feierlich in die hintergründigen Augen geschaut und hinzugesetzt: „Auch du wirst dein Teil daran zu tragen haben. Das Gesetz des Stromes ist unabänderlich.“ Worauf der Junge mit seiner von Anbeginn an etwas schweren Zunge wie ein Gelübde an den Gott seines Lebens die Worte gesprochen hatte: „Theide, ja, ich will, und ich werde.“

Um dieselbe Stunde hatte Slagdmester Dohm von Vornholte Anndortje, der Erbin seines Hofes, eingeschärft: „Hol mir nur keinen von drüben ins Nest! Du weißt, warum Feindschaft gesetzt ist zwischen ihren Samen und unsern Samen.“ Damit waren die beiderseitigen Standpunkte von den maßgeblichen Männern verpfählt, umzäunt und eingedeicht wie für die Ewigkeit.

Aus dem Heimlichen ins Offene aber trat der Streit zum ersten Mal Anno 1626, während des blutigen Krieges der dreißig Jahre, als die Tillyschen, zum dritten Male im Lande gelegen, eben nach Norden abgezogen waren, den Dänen nach, und als der Schwarze Tod in der weiter stroman gelegenen Stadt Rinteln an die tausend Einwohner zur Strecke gebracht, und als die Grenze zwischen Mein und Dein sich schon fast verloren. Einem Jahr, sehr trocken und sehr hungrig, hungriger als alle vorausgegangen. Der Hafer kostete bereits dreimal soviel als im Jahre des Fenstersturzes. Darum war eine jede Krume wichtig, aus der Körner wuchsen. Weswegen der Droste von Vornholte dem Slagdmester Dohm hieß, die Slagd nicht zehn oder zwanzig Schuh, wie bis dahin üblich, sondern vierzig Schuh weit in den Strom vorzutreiben. Worauf die Mindener Räte beim lippischen Grafen alsogleich Verwahrung einlegten. Weil aber die Tillyschen im Herbst zurückkehrten und weil es Wichtigeres zu tun gab, unterließen es die Veltheimer, mit gleicher Münze heimzuzahlen. So spülte die Eishochflut im folgenden Winter soviel Land von der Veltheimer Marsch, wie ein Bauernhof groß ist. Die Geschädigten aber errichteten im nächsten Sommer eine Slagd von fünfzig Fuß. Als nun die Weser wieder einmal „buten“ war, erlitten die Vornholter fast den gleichen Verlust.

Im folgenden Frühjahr sah Hannhinnerk Huck Anndortje zum ersten Mal, als sie die Kühe in den Strietanger trieb. Er fischte mit einigen Dorfjungen und -mädchen hinter der Slagd vor dem Sandbrink, den der Strom jüngst den Veltheimern zugeschwemmt. „Das ist unser Land!“ tönte ihre Stimme, dunkel wie eine Glocke, über den hier nicht sehr  breiten Stromarm hinweg. Und Barthel Burg, ihr Vetter, des Schloßschreibers Sohn, schrie herüber: „Eure Slagd ist schuld. Ihr habt das Land gestohlen! Ihr uns!“

„Wieso gestohlen?“ fragte Hannhinnerk zurück, indem er die Worte Hiobs, des von Gott Geschlagenen, hinzusetzte: „Der Strom hat’s gegeben, der Strom hat’s genommen. Jetzt ist es unser Land.“

„Twasschepper!“ zum ersten Mal flog das böse Wort zu ihm herüber. So nannten die Leute von den Schiffen, die in Stromlinie fuhren, spöttisch die Querschiffer, die Fährleute. Hannhinnerk bekam ganz dunkle Augen. Zornbebend warf er die Kleider von sich, stürzte sich in den Strom und gewann rasch das andere Ufer. Er griff den Schreier, der versuchte, ihm einen Fuß zu stellen, unter die kurzen Rippen, hob ihn mit gewaltigem Schwung über das strohblonde Haupt und warf ihn in einen großen Kuhfladen unter einem der Weideschutzbäume. Stand dann keuchend vor Anndortje Dohm, die ihn, purpurn erglüht und die Hände geballt, anfunkelte: „Kunststück das! Du mit deiner Bullenkraft! Wo du einen Kopf größer bist als Barthel! Muskel hast danach. Du — Weser- bock, steifer, du Twasschepper!“

Es blieb dem Veltheimer nicht verborgen, wie ihre Blicke während der Worte verhohlen und mit Bewunderung auf seiner Gestalt ruhten. Sie stampfte mit den nackten Füßen auf: „Nichts hast du, das dir gehört, nichts als den alten, olmigen Kahn, die Stange, die paar Bretter unter den Füßen.“ Als er sie greifen wollte, sprang sie davon, hurtig wie ein Wiesel und hielt das Drehkreuz im Knicke vor ihm zu. Da hatte er sie schon gepackt. „Au!“ schrie er laut auf, denn sie hatte ihn in den Finger gebissen, tief hinein, mit spitzen, schneeweißen Mauszähnchen, daß es Blut setzte.

„Katze, du!“ stönnte er auf, „das wirst du mir noch büßen“, und ließ sie los. Noch mehrere Male drehte sie sich nach ihm um, Gesichter schneidend wie ein Schuljunge.

Am Abend, als er lange Zeit in seiner Butze wach lag, malte er sich aus, wie es wohl sein müsse, wenn das Mädchen mit den grünen Augen seine Frau wäre.

Was natürlich nie sein konnte, denn ihm wollte das Lied nicht aus dem Ohr, das uralte Rachelied, der Wurst-wider-Wurst-Gesang den sie, die Veltheimer Kinder, am Nachmittag über den Strom gesungen:

„Die Lipper haben’s Land gestohlen, die Preußen werden’s wiederholen,

Geduld, Geduld, Geduld, die Lipper haben Schuld.“

Am Tag nach diesem Ereignis stand der Droste von Vornholte mit seinem Slagdmester auf dem Aberg, unweit der Erderschen Gosse, wo man das ganze Stromtal ins Auge fassen konnte. Die beiden beratschlagten, wie sie denen drüben einen entscheidenden Schlag versetzen möchten. Das Mädchen Anna Dorothea war bei ihnen. Noch nachglühend vom gestrigen Erlebnis, sprach sie mitten in den Rat der Männer mit wohlgesetzten Worten:

„Wenn der Herr Droste gestatten, dann möchte ich zu bedenken geben, daß die drei Arme, in denen der Strom auf die Gosse zustrebt, ein Luxus sind, gewissermaßen. Man müßte den Hauptarm vom Krummen Winkel her drüben gleich ableiten.“ Sie sagte: „Die Böcke bringen uns keinen Pfennig ein. Vom Winkewinke der Süßwassermatrosen wird keiner satt. Nur den Pfeffersäcken in Hameln, Minden und Bremen hilft’s. Möge der Herr Droste doch den Hauptschiffahrtsweg kurzerhand verdämmen. Viel Land würde dem gräflichen Territorium hinzugewonnen.“
„Hast den Teufel im Leib, Dirn!“ schmunzelte der Droste, gab ihr einen Klapps auf die stramme Lende, sah Slagdmester Dohm bedeutsam an und sagte: „Ei des Kolumbus, das mit der Abdämmung! Mehr Verstand, deine Tochter, als wir zwei Alten zusammen.“ Schon andern Tages war ein lustig Peilen und Pöhlen, ein Deichen und Dämmen im Hauptbette des Stromes unterhalb vom Schloß. Ein halbhundert Morgen kostete es die Veltheimer im nächsten Winter, und im andern Sommer mußte die bischöfliche Regierung in Minden das ganze Amt aufbieten zu Hand- und Spanndiensten, um die Gegenslagd zu pfählen, an die sechstausend Fuhren Eichenpfahlholz, ebensoviel Fuder Zäun- braken, machte täglich an die dreißig Spannwerke. Aber kurz vor der Sonnenwende des nächsten Sommers, als die Veltheimer eben die letzte Hand angelegt, kamen die Gräflichen über sie, mitten in der Nacht, bis an die Zähne bewaffnet. Besetzten blitzschnell die Pässe in der Kette, so daß die Mindener nicht zu Hilfe eilen konnten. Als die Frühnebel sich eben über den Strom erhoben, schwamm dieser über und über von Pfählen und Braken. Hannhinnerk Hauck erblickte das Mädchen Dorothea, die wacker mitgeholfen beim nächtlichen Werk, wie sie ihre Hände im blitzblanken Wasser wie in Unschuld wusch, in dem Augenblick, als eben die Sonne hinter den Süntelbergen heraufkam. Wie Feuer brannte ihr Haar über dem leise singenden Strom. Der Spiegel trank das Bild wie das einer jungen Göttin. Als Anna Dorothea ihn erblickte, lachte sie laut und rief zwischen den hohlen Händen herüber:

„Hättet müssen früher aufstehen. Neegenschleiper! Holt sie doch wieder, die Pfähle, die Braken! In Vlotho erreichst du sie noch gewiß! Sie spottete: „So komm doch herüber — Twasschepper!“ Und die Sonne, die strahlende, wob sie ein in einen Schleier von lauter Gold und Purpur.

Erst wollte er sich in den Strom werfen, aber dann besann er sich, denn mit einem Male wurde er inne, daß sie ganz nackt am andern Ufer stand. Das Mädchen sprang kichernd hinter die Weidenbüsche. Vom Schlosse her aber drangen die Schüsse der Siegreichen, das Lärmen und Singen der ,sonderlichen Freuden“, von denen in den alten Akten für den 10. Juni des Jahres 1630 soviel angemerkt ist. Anndortje aber sah er, kurz danach die Schanne mit den Melkeimern geschultert, über die Tauperlenteppiche hinweg in die Sonne hineinschreiten wie eine Königin in ihr Fest.

Im Sommer danach traf das Mädchen ihn wie zufällig dabei an, wie er in einer Sandbank zwischen dem zweiten und dritten Arm ein Abbild der Stromlandschaft eingrub, alle schiffbaren Verläufe, die Kehren, und auch die toten Betten. Er schüttete gerade mit dem Melkeimer Wasser in der Stromrichtung, um zu erkunden, welche Wirkung ein solcher An- stoß jeweils auf die Gleit- und Prallhänge haben würde, insbesondere auf den großen Mäanderhals am Krummen Winkel. Da trat sie von hinten zu ihm heran, hielt ihm die Hände vor die Augen und, als er sich, einigermaßen erschreckt, herumwendete, lachte sie ihn an und sagte: „Experimente, Fährmann vom anderen Ufer?“

Er faßte sich sogleich und sagte auf seine schwere, langsame Art, auf das Modell weisend, daß es nötig sei, einen Damm vor dem Hals herzuziehen, stark genug, den Eisgängen im Frühjahr zu begegnen.

Sie nickte nur obenhin und meinte dann, man dürfe den Teufel nicht an die Wand malen, lachte kurz auf und ging, noch einen kurzen, aber mißtrauischen Blick auf das Modell, ihrer Wege.

Die nächsten Jahre sah er sie wohl dann und wann einmal um die frühe Urte, wenn sie die Kühe, entlang dem Strom, auf dem Treidelpfad hintrieb. Ward sie seiner dann ansichtig, so warf sie das Haupt jäh herum und barg sich schnell hinter den Knicks.

Erst Jahre danach stand er ihr erstmals Auge in Auge gegenüber, ohne daß der Strom sich feindlich zwischen sie stellte. Anno 1633, im Winter nach dem blutigen Gemetzel von Oldendorf, auf dem Kläschenmarkt zu Rinteln. Begegnete ihnen beiden, dem Mädchen und Barthel Burg, dem sie sich anverlobt und der seit langem auf das Kalbsfell geschworen. Barthel kalauerte in einem fort, prahlte mit Taten, die er offenbar nie vollbracht. Das Tollste sei gewesen, wie sie die Äbtissin von Fischbeck zusammengehauen, die mit ihrer gewichtigen Person sich vor die Tür der Schatzkammer gestellt und den Drücker nicht freigegeben. Ein kapitales Weib, diese Domina von Mandelslo. Und weidete sich an den Einzelheiten, die er auf lüsterne Weise zur Schaustellte.

Hannhinnerk Huck, der zu alledem schwieg, erklärte am Ende in seiner gelassenen Art, daß es sicher ehrenvoller sei, eine einzige Träne zu trocknen, als hundert Wunden aufzureißen, zumal bei einer Frau. Auch sei es wertvoller, dem Strom nur einen einzigen Morgen Acker abzugewinnen, als ganze Län- der zu erobern. Erhob sich, aber bevor er den Ausgang des Zeltes erreichte, sprang ihm der andere, glühend vom spanischen Wein, in den Weg und fragte haßerfüllt und scharf, ob er ihn, den Fähnleinführer Burg, damit als unehrenhaft erklären wolle. Huck sagte, das könne er halten wie er wolle, ihn gehe nicht das Besondere an, sondern das Allgemeine. Sein Gesetz sei das Gesetz des Stromes. Sein Auftrag sei, Mittler zu sein zwischen den Ufern, für alle, die hinüber und herüber wollten. Einem Fährmann zieme nicht Partei zu ergreifen, weder für einen noch für die andern, und außerdem sei niemand sicher, angesichts des heillosen Wirrwarrs, welches denn nun die rechte Partei sei.

Als Barthel, zornschnaubend, nun auf den Unbewehrten eindrang, warf sich Anndortje vor die erhobene Pistole und beschwor den Verlobten, den ,Twasschepper‘ in Frieden ziehen zu lassen, dem Gesetz getreu, nach dem er angetreten. Obwohl ihm das Wort tief ins Herz schnitt, tiefer als damals, als er es als Junge empfangen, fühlte er doch den Wider- streit im Herzen der Frau, die es aussprach, die ihm, dem Fährmann, in irgendeiner Weise zugetan schien. Aber ihm war, als er den Kahn bestieg, als sei das Glück, auf das ein jeder einmal im Leben wartet, nun endgültig an ihm vorbeigegangen.

Solches geschah im letzten der schlimmen Jahre des Krieges, als noch einmal die Völker von ganz Europa auf den Stromufern sich ihr Stelldichein gaben, als der Schwarze Tod erneut das nahm, was ihm vor die Sense kam.

Auch den Slagdmester Dohm zu Vornholte. Worauf Barthel sogleich den Dienst quittierte, um, nach Ablauf des Trauerjahres, die Tochter zu ehelichen.

Der Winter wurde hart und klirrend, wie keiner noch der voraufgegangenen. Ein eisiger Nordost pfiff durch das Hamelner Tor. Seit Wochen stand die Weser. Dann sprang der Wind jäh herum, und schon am nächsten Abend glänzten große Lachen auf der Decke.

Kurz nach Mitternacht vernimmt der junge Fährmann Huck einen klagenden, langgezogenen Schrei, der nicht über der Erde und nicht darunter ist, sondern der ganz mitten durch sie hindurchgeht, der das Eis auseinanderschneidet mit unsichtbaren Scheren, einen Schrei, der die Menschen mit Todesangst erfüllt, die Tiere erbeben, die Sterne zittern macht. Und dann ist es, als wollte sich der Strom, der gefesselte Riese, aus seinem Bett aufheben, die Ketten von sich werfen. Wie Bälle stürzt er die Schollen über die Borde beiderseits, masselt sie zu gläsernen, im Mondschein blauglitzernden Gebirgen zusammen.

Huck steht vor seiner Hütte und hört es im Vornholter Felde schreien, erblickt eine Prozession von Fackeln, die sich auf den Krummen Winkel zu bewegt. Wie eine Glocke, klar und rein und rund und tönend, steht die Stimme Anndortje in der Nacht, über der, fern und unerreichbar wie ein Heldenschicksal, der Mond hängt.

Er eilt, von Unruhe bedrängt, dem Krummen Winkel zu, sieht das Mädchen auf dem Vornholter Ufer stehen, hochgestiefelt, angetan mit Männerkleidern. Die Schollen rauschen und ramschen gegen sie an, knirschen böse, flüstern zornige Worte, sind wie die Schilde unsichtbarer Dämonen, die unter ihnen aus der Tiefe aufsteigen. Wirbeln herum, reiben sich, toben wie ein Totentanz.

„Hierher!“ schreit sie Barthel an, der, die Hände in den Hosentaschen vergraben, abseits auf flutsicherem, künstlichem Hügel steht, Zuschauer eines Schauspiels, das man scheint’s für Neugierige gerichtet. Hannhinnerk vernimmt die harten Schläge, mit denen die Vornholter Mannschaft die Pfähle eintreibt, das Rauschen der Braken, die man fuderweise in die Breschen wirft, die die Strömung im Damme gerissen. Aber es ist zu spät. Das Wasser braust im donnernden Fall dar- über weg, Äcker und Weidekämpe dahinter erfüllend mit eiskalter, knirschender, zorniger Flut. Huck sieht alles deutlich wie bei Tage. Erblickt nun die riesige Scholle, die geradeaus auf das Mädchen zudreht. Ein Längliches, Dunkles scheint in den Eispanzer eingefroren, ein Gerüstbalken, eine Wagendeichsel, ein Kamprick, wer könnte es sagen?

Nun stößt dieses Dunkle, Lange gegen Dortjes Brust. Sie wirft die Arme hoch, taumelt, sinkt, klammert sich im Sturz an den Balken, treibt ab mit ihm und der Scholle, die sich wendet, herumwirbelt, zerbirst.

„Hilfe! Hilfe!“

Barthel hat immer noch die Hände in den Taschen, starrt mit weitaufgerissenen Augen dahin, wo sie versank. Einen Herzschlag lang, nein, so lange wie seines aussetzt, hält Huck den Atem an, dann wirft er sich in den eiskalten Strom, der Scholle nach, die eben aufgetaucht und an das Veltheimer Ufer gedriftet wird. Nun versinkt sie wieder. Eine Zeitlang sieht er nichts als die flimmernden Kristallkronen der gnadenlosen Dämonen, hört er das böse Knirschen, das dumpfe Rauschen, das unheimliche Gebrodel. Dann taucht sie wieder empor, schon dicht vor der Fähre, und nun hat er sie endlich gefaßt. Er löst die Verkrampfte aus der Verklammerung, aber dann sinkt er mit ihr, die wie ein Bleiklumpen in seinen Armen liegt, ins Bodenlose ab. Ein Strudel hat sie gepackt, wirbelt sie abwärts, immer tiefer. Er weiß, nur eines: Sie soll nicht sterben, so nicht. Und in dem gänzlichen Auf-sich-gestellt-sein, im Bewußtsein der gleichen Verdammnis mit ihr, wird er sich zum ersten Mal seiner Liebe bewußt. Er erkennt, daß er sie schon liebgehabt, als sie ihn einen Twasschepper, ihn blutig gebissen, als er sie eine Katze genannt. Und so, in der Helligkeit des Augenblicks, unter dem Antrieb der neuen Gewißheit aus einer Schicksalsbestimmung gewinnt er die Kraft, das eine zu versuchen, den einzigen Ausweg aus den Weserkölken. Auf allen Vieren, die schwere Last auf dem Rücken, kriecht er, halbschräg mit der Strömung, auf dem rutschigen Kies bergan. Bezwingt den Glasberg, das Wassergebirge, das sie überlastet, eiskalt, erstickend, das die Adern zu sprengen, den Kopf einzudrücken droht.

Irgendwo, nach einer Unendlichkeit, greifen seine Hände in Wurzelwerk. Der Berg fällt zurück. Sie sind frei. Er sinkt neben der Last in den matschigen Schnee, atmet tief und verrichtet dann all das, was zu tun ist. Erst als sich ihre Brust langsam wieder hebt und senkt, nimmt er sie auf die breiten Schultern, und schwer, ein zweiter Christophorus, keuchend unter der Last, die er doch so lieb hat, so unendlich lieb, schwankt er dem Fährhaus zu.

Als sie endlich, nach Stunden, die Lider aufhebt, schaut sie verwundert um sich wie ein Kind, das in den Weihnachtsbaum blickt.

Blitzschnell aber erfaßt sie ihre Lage, die gänzliche Preisgegebenheit an Fährmann Huck, dessen Augen auf ihrem Antlitz ruhen in der einen grenzenlosen Liebe, die sein ganzes Herz erfüllt. Fährmann Huck, der sie lieber hat als alles in der Welt.

„Hannhinnerk Huck“, flüstert sie aus ihrer Schwäche, „was soll ich dafür geben? Wie soll ich’s wieder gutmachen?“

Da vernimmt sie seine Stimme, die schwer, ein wenig zittrig durch die Fährstube geht:

„Mit dir selbst, deinem Leben, mit dem Leben, das ich dir wiedergewonnen. Strandgut bist du. Strandgut gehört dem Finder. Der Strom, der uns immerzu getrennt, hat uns nun zusammengeführt, von seinem mittelsten Grunde her, aus seinem tiefsten Kolk. Jetzt gehörst du mir, mir ganz allein. Sie haben jetzt kein Anrecht mehr auf dich, die andern.“ Er fügt hinzu: „Der andere!“

So viele Worte hat Hannhinnerk Huck, der Fährmann von Veltheim, noch niemals hintereinander gesprochen. Und dann, als er sie gesprochen hat, beugt er sich über sie, die ihn anlächelt mit der Holdseligkeit der liebenden Frauen aller Zeitalter, die auch der Krieg der dreißig Jahre nicht hat auslöschen können. In sein gütiges, schweres Lächeln hinein flüstert sie: „Falsch war, was sie immer gesagt von der Erbfeindschaft der Dörfer am Strom. Falsch das Lied, das wir als Kinder gesungen, das von dem gestohlenen Land, das vor. der Alleinschuld des andern Ufers.“ Sie sagt: „Was der Strom den Vornholtern gewonnen, das reiche ich nun zurück als Aussteuer. Auf dem Strietwerder erbaue ich ihn neu, meinen Hof. Da liegt mein meistes Land. Magst nun wählen, Lieber, was du werden willst, Bauer oder Fährmann, oder beides wechselweise.“

Da lacht Fährmann Huck: „Denn werde ich Slagdbauer beider Seiten, die gleiches Schicksal tragen. Bleibe, was ich gewesen, werde was ich gewollt: Mittler zwischen den Ufern. Bis sie dermaleinst die Betten baggern, die Richtungen regulieren, die großen Sperren bauen in den Obertälern für unsere Kinder und Kindeskinder. Einverstanden?“

Da streichelt Dorothea Dohm die Stirn des todesmutigen Fergen, und er empfängt ihren bräutlichen Kuß, der ihn endigt, für immer und ewig, den Streit um den Strom.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1953 – Von August Meier-Böke.