11. Dezember 2015

Vom Familiengold

Unter meinen Ausweispapieren hatte ich lange Jahrzehnte eine Bescheinigung meiner Schule verwahrt. Darauf stand zu lesen, daß der „Vorzeiger dieses“ berechtigt sei, Goldstücke zu sammeln. Das ist wahr und wahrhaftig geschehen, und zwar kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges.

Dieses gemünzte Gold ist nun freilich nicht gemeint, auch kein Goldschatz, welcher Art auch immer. Wenn Frau Roser-Kirchhof im folgenden vom Familiengold spricht, so meint sie damit das, was uns heute weithin verloren gegangen ist: den Schatz heiterer oder ernster Erlebnisse aus Verwandtschaft und Bekanntschaft. [...]

7. August 2015

Die unterirdische Glocke

Es waren ein paar ganz gerissene Jungs, der Hinnerk und der Ludewig. Nicht, daß sie ihrem alten Kantor gerade viel Freude machten. Der war im Gegenteil nicht wenig erbost, daß er immer wieder Strafrichter seiin mußte über die Streiche, mit denen die beiden rotbackigen, kräftigen Bauernjungs das Dorf beunruhigten.
29. April 2015

Viktoria – Eine Liebesgeschichte aus der Jugendzeit der Fürstin Pauline

„Wir müssen uns eilen“, sagt der Erbprinz von Anhalt-Bernburg zu seiner Schwester und gibt seinem Pferde die Sporen. „Du weißt, in zwei Stunden trifft Tante Sophie mit deiner neuen Spielgefährtin, Kusine Victoria, ein. Vater kann sehr ungehalten werden, wenn wir nicht pünktlich sind“.
18. April 2015

Ein Feiertag im Tagesablauf der Vorfahren

Sophie Topp, geb. Tegt, aus Istrup, sagte mir, schon 79jährig, einmal: „Wenn doch kein Sunndag wör, nai, denn möchte eck gornich up de Welt soin.“ Und nach einer Besinnung setzte sie hinzu: „Iuse Herrgott schall wall wußt häbben, worümme heu den Sunndag maket het. Heu hät’n sicher sümst neidig hat na oll de Klabasteroige met de Schöpfunge.“
15. April 2015

Soll das vergessen werden ?

Wie war es früher? Was haben sich unsere Vorfahren dabei gedacht, wenn sie allem, was in ihrem Lebensablauf eine Rolle spielte, und wenn sie ihrem Glauben an übersinnliche Dinge in Sprichwörtern, Redensarten und Bräuchen Ausdruck verliehen? Waren sie so primitiv und rückständig, wie um dies heute oft erscheinen mag? Haben wir ein Recht, über ihre Anschauungen mitleidig oder erhaben zu lächeln?
8. Februar 2015

Eigentümlichkeiten im Charakter der Lipper

Wer stets an seiner heimischen Scholle geklebt hat, wird nicht leicht zu einem unbefangenen Urteil über seine Landsleute gelangen. Weil der höhere Gesichtspunkt zur Beurteilung fehlt, wird die Perspektive nur zu leicht eine unrichtige sein: Die Vorzüge sowohl wie die Schwächen der Stammesgenossen erscheinen zu groß, ähnlich wie in der Optik ein Gegenstand, der aus zu großer Nähe betrachtet wird, in seinen Verhältnissen nur schwer erkannt wird.

Zu dieser Betrachtung fühlte ich mich veranlaßt, als in einem thüringischen Universitätsstädtchen eine hochgebildete [...]

27. Januar 2015

Aus dem Tagebuch eines Blomberger Lehrers (1813-1871)

Bücher sollte man wohl verschenken, aber möglichst selten verleihen, denn allzuoft wird ein verliehenes Buch als „Geschenk“ betrachtet und findet dann nicht so leicht von selbst zu seinem Besitzer zurück. Das Buch, von dem hier berichtet werden soll, brauchte 40 Jahre, um zu seiner Besitzerin, Fräulein Lucie Textor in Blomberg, überraschend doch noch zu­rückzukehren.
21. April 2014

Die Berkemeyers

Man schreibt das Jahr 1617. Über die Kachtenhauser Heide weht der Maienwind und spielt im Laub der drei Birken, dem Wahrzeichen des Hofes. Jobst, den kleinen Stammhalter auf dem Arm, steht neben seiner Frau in der Hoftür und blickt mit stiller Freude in das junge Birkengrün hinein. „Sind das nun nicht die schönsten Pfingstbäume weit und breit, Anna?“ — „Ja“, meint sie, „und zu Pfingsten freue ich mich auch immer besonders an ihnen.
21. Januar 2014

Die Hütejungen von Oerlinghausen

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Oerlinghausens Einwohner größtenteils Zigarrenmacher und Weber. Ihr karger Verdienst zwang sie, nach zehnstündiger Arbeitszeit auch noch Ackerbau zu treiben. Zu einer Kuh konnten sich dabei allerdings die meisten nicht emporschwingen. Das krummgehörnte Buttertier war zu teuer, außerdem fehlte es an Räumlichkeiten. Aber Ziegen wurden gehegt und gepflegt, und fast jede Familie nannte 2 bis 3 dieser geschätzten Wiederkäuer ihr eigen. Da nun die Besitzer der Ziegen anderweitig ausreichend beschäftigt waren, so mußte beim Hüten ein anderer [...]

21. Januar 2014

Als Junglehrer in Hohenhausen

Von 1908 bis 1911 war ich Nebenlehrer in Hohenhausen. Es war nicht ganz einfach, zwei Klassen mit zusammen 151 Schülern, darunter eine ganze Reihe, die eigentlich in eine Hilfsschule gehört hätten, und selbstverständlich auch regelrechte kleine Bösewichte und Faulpelze darunter, 32 Wochenstunden im Zaun und in Zucht zu halten, und selbstverständlich griff auch ich, wie das damals allgemein ...
13. Januar 2014

Ein Berliner Ferienkind lernt Lipper Platt

Im März des Jahres 1917 bekam das Bergdorf Talle im lippischen Norden Berliner Ferienkinder. Auch auf dem Lande war damals schon Schmalhans Küchenmeister. Die „Oßen“ hing längst nicht mehr voller Mettwürste, Speckseiten und Schinken. Aber alle Familien, die sich entschlossen hatten, 6 Wochen so ein ausgehungertes Berliner Kind in Pflege zu nehmen, freuten sich auf „ihr Kind“, und sie nahmen sich vor, es ordentlich herauszufuttern und ihm auch sonst alles Gute zu tun. Unter den Ferienkindern befanden sich 2 Schwestern, [...]

19. Dezember 2013

Am Rand der Senne

Um die Mittagszeit wird es in den Kiefernschlägen unerträglich heiß. Die Baumpieper verstummen, und die Heidelerchen sind müde. Die Luft ist voller Harzgeruch. Aus den Kronen kommt ein leises Knacken, wenn sich die Zapfen öffnen. Nur die Waldameisen werden eiliger, sie mögen nicht den kühlen Morgen und die naßkalten Regentage.
11. Dezember 2013

Lippische Märchen und Sagen


19. August 2013

Die große Wäsche

Das Waschen der Wäsche, das heute mit Hilfe von Waschmaschine, Trockner und Vollwaschmittel höchstens zwei bis drei Stunden dauert und - von wenigen Handgriffen abgesehen - völlig...
13. August 2013

Kindheit und Schule

Salzuflen war um die Jahrhundertwende noch eine kleine Ackerbürgerstadt. Meine Eltern bewohnten damals die schöne Besitzung „Krecken aufm Häuschen" an der Wenkenstraße, wo sich heute das Vinzenzheim befindet. „Über dem Häuschen" bedeutet über dem Torwärterhäuschen am Heßkamper Tor.
12. August 2013

Osterfeuer auf dem Tönsberg

Wer seinen Osterspaziergang so einrichtet, daß er beim Dunkelwerden auf einer unserer Bergkuppen steht, hat fast überall in unserem Gebiete ein prächtiges Bild vor sich: Sobald es anfängt zu dämmern, leuchtet ein Feuer auf, bald folgt ein zweites, ein drittes. Und wenn wir unseren Standpunkt richtig gewählt haben, so können wir schließlich die lodernden Holzstöße kaum noch zählen. Einige dieser Feuer fallen besonders auf, das sind die Großen im Lande. Das auf dem Tönsberge bei Oerlinghausen gehört dazu. Ein alter [...]

11. August 2013

Als Radfahren noch gefährlich war

Mit Peitsche und Pistole

Nicht nur Kinder und frei umherlaufende Hunde bedeuteten um 1880 eine große Gefahr für einen Radfahrer, sodaß man jemanden, der ohne Peitsche gefahren wäre, mit Recht als äußerst leichtsinnig bezeichnet hätte.

Gruppenbild mit Kutsche und Radfahrer. Um 1910.

Wenn sich ein solcher Velozipedfahrer1Veloziped = Laufrad durch die Dörfer schlängelte, dann ließen die Bauern ihre Hunde los und hetzten sie hinter dem verrückten Kerl her. Übrigens hatten nicht alle Radfahrer Peitschen, sondern die ganz gewitzten waren mit Schreckschußpistolen ausgerüstet.

Die Reparatur [...]

4. August 2013

Erinnerung an ein kleines Kreuz aus weißer Birke in Bergkirchen

In unserer Heimat liegt ein Kirchlein auf einsamer Höhe, dicht am Waldesrande. Bergkirchen heißt es, wie sicher manche Orte in gleicher Lage. Zur Gemeinde gehören die vielen Bauernhöfe, die verstreut im Umkreis liegen. Schon von weitem grüßt der spitze Kirchturm den einsamen Wanderer, der auf stillen Pfaden entlang einem munter plätschernden Bach seinem Ziel zustrebt: Bergkirchen....
28. Juli 2013

Jugenderinnerungen aus Rischenau

Wenn ich auch schon über 50 Jahre in Lothe wohne, so bin ich doch in Rischenau geboren und habe dort meine Jugend verlebt. Rische­nau ist die Zentrale des lippischen Südostens und ist im 14. Jahrhundert sogar eine Stadt gewesen. Es hatte eine Burg und Mauern, und noch heute heißt ein Haus, das auf einem Hügel liegt, die Burg. In meiner Jugend wurde noch viel von den alten Zeiten erzählt, so von den Streitigkeiten zwischen den lippischen und braunschweigischen Grafen. Von [...]

30. März 2013

Jugenderinnerungen an Schieder

Jugenderinnerungen von Lina Köhne, geb. Kuhle, Lüdenhausen

Ich bin 1879 in Schieder geboren. Derzeit war Schieder noch ein Dörfchen von 62 Hausnummern, dazu kam die Domäne und das Schloss. Der Schweitbusch zwischen Schieder und Brakelsiek war noch viel größer und dichter, mit wunderschönen dicken Buchen. Wir wohnten im Hammer, heute Niesetal, wir waren dort mit fünf Hausstätten. Wir waren alle fleißige Leute, an Arbeit fehlte es auch nicht. Damals gab es dort 14 Kühe, aber auch 20 Kinder. Als ich vor [...]