„… totaliter ruinieret…!“ Die letzten Jahre des 30jährigen Krieges in der Vogtei Schlangen 1645-1650

Immer wieder zogen Söldnerheere durch das Land. Joseph Heydendahl [Public domain], via Wikimedia Commons

Zeitzeugen schrieben

Nahezu drei Jahrzehnte lang währte bereits der schreckliche Krieg, und das Plündern und Morden wollte nicht enden. Lippe hatte anfangs seine Neutralität erklärt, musste jedoch bald schmerzlich erfahren, dass es die Kriegsparteien nicht kümmerte. Zahlreiche Kriegshandlungen wurden hier ausgetragen, wobei die Vogtei Schlangen neben dem lippischen Südosten am schlimmsten drangsaliert und ruiniert wurde
Zeitzeugen schrieben in jener Zeit: „… Es wird berichtet, wie es in der Vogtei Schlangen zugeht … nötig ist es, dass ein Bote mit Schreiben an den Herrn Generalmajor von Hammerstein (nach Marienloh, dem schwedischen Hauptquartier vor Paderborn) geschickt wird, welcher gebeten würde, dass in Schlangen und Collstedt nicht alles preisgegeben (und plattgemacht) würde, denn seine Krieger nehmen nicht allein die hinterbliebenen Stoppeln, sondern reißen auch die Häuser herunter. Der Bote müsste stracks abgefertigt werden, denn die Hausleute können nicht sicher durchkommen, die keinen Botenbrief haben …'“ Das meldete der Horner Drost Jörg Wilhelm Rubel von Biberach seinem Vorgesetzten, dem Landdrosten Lucanus in Detmold. Der wiederum setzte augenblicklich seine im Detmolder Schloss amtierende vormundschaftliche Regierung, den Administrator und Vormund Graf Emich von Leinigen und den Vizekanzler Dr. Nevellin Tilhen, in Kenntnis: „… Die Eingesessenen der Vogtei Schlangen berichten, dass die Parthien (Kriegshorden) itzo alles da preismachen (plattmachen), die übrig gebliebenen Früchte auf den Feldern vollends ausdreschen und die Häuser herunterreißen, auch die Früchte bei unserer Gnädigen Herrschaft Hause Oesterholz gehörig ebenmäßig vernichten und verderben … So bitten wir gleichermaßen gar dienstlich, der Herr Generalmajor der Armee wollte belieben zu befördern, daß das Auslaufen der Völker (= das Plündern) ernstlich verboten und also diese Grafschaft nicht ganz und gar ins Verderben geraten möge …“2 An die gleiche Adresse richtete der Horner Stadtrichter Conrad Peters, zwar in anderem Zusammenhang, jedoch auch auf die bedrückenden Zeitläufte bezogen, seine Bemerkungen zu den Schrecknissen der Zeit: daß die Soldatesca … unerhörter maßen unsere Bürger, welche darüber gleichsam erstarret und zaghaft geworden, die letzten Reste auspressen und ein treiben. Die Executionen müssen sie unterlassen! … Wir können nur alles Gott, dem Herrn, anheimstellen, so werden wir einst an unserem Verderb und Untergang unschuldig befunden werden…!'“ Den Schlänger Küster Hans Heinrich Gronemeyer hatte es besonders hart getroffen. Er schrieb am 11. April 1648: Da habe ich nun betrübte Zeiten gehabt, denn ich habe wohl zweimal soviel verloren, als ich habe verdient, sonderlich im vergangenen Jahr, da habe ich von den zehn Morgen Korns, die ich hatte ausgesäet, nichts behalten, davon ich hätte wirklich leben können, also stark hat mich das Kriegswesen getroffen. Weil wiederum auch die Einwohner zu Schlangen sind dermaßen verdorben, dass sie nicht viel übrig behalten haben und mir nichts für meine Arbeit geben können, so treibt mich die Not, dass ich diesen Bittbrief an Euer Gnaden richten muss…!“

Der Augsburger Hans Ulrich Frank zeichnete von 1643 bis 1656 eine Folge von Szenen aus dem 30jährigen Krieg. Die Radierung aus dem Jahre 1655 zeigt, wie Vieh weggetrieben und ein Bauer gezwungen wird, geplünderte Beute zu tragen.

Schließlich klagte Conradt von Oisterholz am 27. November 1651. der nach erfolgreichen Jahren als Bürgermeister der Stadt Hörn durch fortwährende Einquartierungen und Plünderungen kaiserlicher Streitkräfte sein Vermögen in den 30er Jahren verloren und 1638 für 12 Jahre die Pachtung des Jagdschlosses Oesterholz und der dazugehörigen Meierei übernommen hatte, resigniert auf seine Weise: „… dass wir leider eine geraume Zeit von Jahren in dieser löblichen Grafschaft mit so vielen und mannigfachen Einquartierungen, Durchzügen, streitenden Parteien und unsäglicher Unsicherheit beschweret worden, dass ich als ein alter erlebter Mann solches nicht länger habe ausstehen, weniger meine Haushaltung und Äcker (in Hörn) bestellen, ganz zu schweigen meine Felder nicht mähen oder einernten können, dannenhero wie ungern ich auch gewollt, die gräfliche Oisterholzische Konduktion in der Meinung, mich und die Meinigen zu ernähren, hätte annehmen, worüber ich aber um all das Meinige gekommen bin
und durch den Krieg einen schlechten Gewinn gehabt habe … So bin ich doch die ganze Zeit über während der Kriegsunruhen über zwanzig Jahre lang und mehr hier in den allergefährlichsten Zeiten verschont und am Leben geblieben … Wann ich aber der untertänigen Zuversicht lebe, Euer Gnaden werden den nun Gottlob abgelebten beelendeten Zustand dieser Grafschaft, also auch unserer armen Stadt Hörn und der Vogtei Schlangen so oft vielmals überhäufte Drangsalen in Gnaden nicht allein gnädig erwägen, sondern wegen allerhand Verheerungen und schädlicher Verhinderung alles nießlichen Gebrauchs mit mir ins Gnadenbuch sehen … meine untertänige höchstfleißige Bitte, gnädig zu geruhen, mein gnädiger Herr zu sein und zu bleiben!
… meine Güter (haben) öde und wüst gelegen, ja auch mein Haus im Grunde verderben lassen müssen …, dass ich als ein alter erlebter Mann mit meinen Enkeln, welchen ihre Eltern frühzeitig abgestorben, so viel lassen, wie wir zum Leben nötig haben und nicht entblößet werden mögen, darum bittet…'“ Wie der Konduktor im Hause Oesterholz, so zeichneten auch die anderen Zeitzeugen ein erschütterndes Bild vom Kriegselend in der Vogtei und formulierten nahezu einmütig und resignierend „… totaliter ruinieret!“6,wenn sie das Geschehene, wo auch immer, zusammenfassten. Es war die gängige Formulierung, die überall im Lande verstanden wurde.

totaliter ruinieret…!‘

1. Zeitzeugen-Schicksale

Wer waren die Zeitzeugen, die die Grausamkeiten vor Ort miterlebt hatten? Jörg Wilhelm Rubel von Biberach hatte 1627/28 als kaiserlicher Rittmeister reiche Kriegsbeute gemacht und seinen Abschied genommen. Er kaufte 1629 das Gut Küterbrok bei Heesten und bewarb sich um das Horner Drostenamt. Sein besonders hohes Kautionsangebot von 1.800 Talern konnte niemand überbieten, und so wurde ihm das Amt Hörn einschließlich der Vogtei Schlangen 1631 -ohne Patent!- übertragen, obwohl er von Verwaltungsdingen wenig verstand. Seine Loyalität wurde lange Jahre angezweifelt, weil er sich das Patent von der lippischen Schattenregierung 1637-1640 erhofft hatte. 1640 patentiert, wurde er im Herbst von seinem Wohnsitz im Gut Hornoldendorf (heute Oetker) als Geisel entführt. Nach sechs Wochen ausgelöst, spielte er bei der Bestrafung und Verfolgung der Horner Lachsfänger 1643 eine dubiose Rolle. Seinem Stellvertreter, dem Amtsschreiber, blieb er in allen Amtsgeschäften ausgeliefert, besonders in Sachen Kriegskontributionen. So geriet er zwischen die Fronten und wurde zum „Sündenbock“ in Amt und Vogtei. -Etliche seiner korrekten Schadensmeldungen aber in Stadt, Amt und Vogtei sind erhalten geblieben und gleichsam wichtige Dokumente für die Kriegsschäden im Land. Nach der Stadtratswahl am Dreikönigstag 1657 wurde ihm von Graf Hermann Adolph für gravierende Versäumnisse der Laufpass erteilt. Er lebte noch wenige Jahre verbittert auf Gut Küterbrok und starb 1660. Sein Schwiegersohn wurde zur Nachfolge berufen, der Amtmann und Drost Adam Henrich Kotzenberg, der spätere Hofmeister im Detmolder Schloss, 1677 geadelt.
Aus Hörn kam der Bürger Hans Heinrich Gronemeyer 1644 nach Schlangen, dessen bescheidenes Haus am damals kleinen Marktplatz in Hörn durch die mehrjährigen Einquartierungen kaiserlicher Streitkräfte 1642-44 „totaliter ruinieret“ wurde. In jenen Jahren hatte er sich von dem Horner Drosten als Schulmeister anwerben lassen, seine Kinder (und wohl auch die der Heestener Bauern) auf seinem Gut Küterbrok privat zu unterrichten. Der Kriegsalltag holte ihn jedoch auch dort ein, denn mit seinen Steuern und Kontributionen war er gänzlich in Rückstand geraten. Als einzigen Ausweg sah er das Angebot des Amtsschreibers, ihm seine Schulden zu begleichen, wenn er auf sein bescheidenes Besitztum in Hörn verzichtete. Im Gegenzug halfen ihm beide Amtsleute beim Antritt des vakanten Küsterdienstes in Schlangen. Dort sollte es ihm jedoch noch weit übler ergehen!
Der lippische Landdrost Lucanus war ein integrer Mann und tat aufopfernd seine Pflicht. Ihm war es nicht möglich, Einfluss auf das verheerende Kriegswesen im Lande zu nehmen, es zu mindern oder gar zu unterbinden. Ihm blieb allein, den Mangel im Lande zu verwalten. Das Los des lippischen Kriegsbevollmächtigten Heilersiek ähnelte dem des Landdrosten. Er mußte sich mit Bittbriefen an die kriegführenden Parteien, die Kaiserlichen in Hamm und Schwedischen in Minden, bescheiden, die selten Linderung auslösten. Lippe selbst führte nicht Krieg, lippische Kriegsknechte dienten jedoch in benachbarten Armeen. Der lippische Vormund Graf Emich von Leiningen, ein Schwager der 1643 designierten Vormünderin Gräfin Katharina zu Lippe, geb. von Waldeck, die wegen Wiederverheiratung hatte verzichten müssen, und mit ihm der Vizekanzler Dr. Nevellin Tilhen regierten auf Zeit für den minderjährigen Thronprätendenten Prinz Simon Philipp zur Lippe. Sie stritten defensiv für Lippe, um Schaden abzuwenden. Ihr Einsatz konnte das Los auch für die Vogtei Schlangen nicht wenden.

2. Die Situation in der Vogtei Schlangen im Jahre 1645

Mehr als ein Vierteljahrhundert lang lebten die Einwohner der Vogtei Schlangen nun mit der Kriegsbeschwer. Die Dörfer waren schon von dem Kriegsgeschehen gezeichnet: Zahlreiche Häuser waren beschädigt, ja niedergebrannt und zerstört und etliche verlassen, weil die Bauern und ihre Söhne, durch die immensen Kontributionen überfordert, sich von den Werbern zum Kriegsdienst hatten gewinnen lassen. Die Alten, Mütter und zahlreichen Kinder waren zusammengerückt, aber noch in ihren Dörfern verblieben. Der Viehbestand war arg geschrumpft, und große Ackerflächen blieben unbestellt. Es fehlte an allem, den Pferden, den Gerätschaften und dem nötigen Saatgut. Der Hunger war ihr ständiger Begleiter. Ihre bescheidene Aussaat ernteten die Kriegsleute, und nur ein Rest verblieb ihnen.
Das Amtsdeputat für die Kirche und die Jahre 1643 und 1645 konnte, wenn auch verspätet, am 4. Februar 1645 als „von den Schonlowischen Gütern restierender Kirchenschulden halber“ von den Dechen der Gemeinde empfangen werden: je 1 Molt Hafer und je 4 Scheffel Gerste, weitergehende Schulden des Amtes blieben offen, auch die der vorangegangenen Jahre. Es quittierten: „Johann Husius, Diener am heiligen Evangelio“, und derselbe auch für Johann Gerken, während der Kirchendeche Hans Sibille schon eigenhändig unterschrieb.“ Hans Heinrich Gronemeyer hatte kurz zuvor sein Küsteramt angetreten, das bescheidene alte Küsterhaus bei der Kirche (an der Stelle des heutigen Rathauses) bezogen und unterrichtete die Dorfjugend, schlecht und recht, jedoch schon mit Unterrichtserfahrung.

3. Die Schweden kamen

Seit Anfang der 40er Jahre hielten die Kaiserlichen das Land besetzt, d. h. sie hatten sich in den lippischen Städten einquartiert. Neben den hohen Kontributionen, die die Ämter und Städte in bar oder Naturalien an das Hauptquartier der Schweden in Minden zu zahlen hatten, forderten die Kaiserlichen die doppelte Summe zu ihrem Unterhalt. Das Land war jedoch so verarmt, dass die Forderungen schon lange nicht mehr erfüllt werden konnten. Also versorgten sich die Kriegsleute selbst und plünderten systematisch bei Freund und Feind. Am schlimmsten erging es denen, die dazu den Einquartierten Obdach gewähren und sie auch beköstigen mussten. 1646 drang die schwedische Armee unter dem Marschall Wrangel von Norden her ins lippische Land ein, so dass die Kaiserlichen der Übermacht weichen mussten.'“ Sie marschierte bis vor die Tore der Städte Höxter und Paderborn, belagerte und umzingelte sie, konnte sie jedoch nicht erobern. Bei den Kämpfen blieb kein Haus verschont. Wrangel befahl, die Bauern aus den Ämtern der Umgebung mit Gerätschaften und Proviant für vier Tage zu mobilisieren, die die Mauern und Wälle der Stadt Höxter niederreißen sollten. Der Befehl verhallte jedoch, denn die wenigen verbliebenen Bauern fürchteten um Leib und Leben ihrer Familien und um ihr Vieh. Die aus dem Paderborner Land hatten ihre Höfe verlassen und waren in den Lippspringer Stadtwald und nach Hom geflüchtet, während die Schlänger in den nahegelegenen lippischen Wald ausgewichen waren, von wo sie ihre Dörfer im Auge behielten. Die Blomberger tauchten vor Detmold auf und weigerten sich zurückzukehren. Marodierende Kriegsleute plünderten im ganzen Land. Dabei sank das Dorf Neuenbeken in Schutt und Asche. Selbst die Kirche brannte nieder.“

4. Unglück über Schlangen

In Schlangen blieb die Kirche verschont. Aber fast alle Höfe, auch das Küsterhaus und das Pastorat, wurden zerstört. Der neue Küster in Schlangen stand vor den Trümmern seiner Wirkungsstätte. Als vielleicht einziger im Dorf blieb er und wechselte in das verlassene Pastorenhaus in der Hoffnung, hier einmal wieder Schule halten zu können, wenn die Kinder zurückgekehrt wären. Ihm blieb immerhin noch eine wichtige Aufgabe. Dazu schrieb er 1648 in Fortsetzung seines am Anfang zitierten Bittbriefes: „… Durch guter Leute Hilfe und Rat bin ich an den Küsterdienst zu Schlangen gekommen … Gleichwohl muss ich alle Tage aufwärtig sein, dass ich am Abend und Morgen muss auf die Kirche steigen, (um die Turmuhr, die einzige Uhr im Dorf, zu regulieren ), … wenn der Zeiger soll seinen richtigen Gang haben und behalten, also treibt mich die Not…“ Einzig der Glockenschlag begehrte auf gegen die Totenstille im Dorf…

5. Schlangens kirchliche Situation 1645 – 1650″

Das Detmolder Konsistorium hatte 1645 die Pfarrvakanz in Schlangen registriert, konnte aber die Pfarrstelle nicht besetzen, denn es herrschte auch hier ein großer Mangel in Lippe. Im befreundeten reformierten Emden bat man um Amtshilfe, hatten sich ähnliche Hilferufe in den vergangenen Jahren doch schon mehrfach zu aller Betroffenen Zufriedenheit lösen lassen .
Ein junger Pastor aus Greetsiel, Gerlacus Gerlaci, der Sohn eines engagierten Kirchenjuristen in Emden, folgte dem Rufe im August 1645. Bei seinem ersten Besuche vor Ort griff jedoch Ernüchterung Platz. Mit Hilfe seines Vetters, des Amtsschreibers in Hörn, bemächtigte er sich der ebenso vakanten Pfarrstelle in Meinberg und trat den Dienst in beiden Gemeinden an, je drei bzw. vier Tage im Wechsel, der jeweils am Mittwoch und Sonnabend geschah. Das Konsistorium tolerierte die unbefriedigende Lösung, war doch das Problem zweier Vakanzen auf einmal gelöst. Fünf Jahre lang „versorgte“ er so beide Gemeinden, schlecht und recht, ständig verbunden mit der Sorge um Leib und Leben bei den (meist) nächtlichen Wechselgängen oder- fahrten. Erst 1650 regten sich „die Kirchspieleingesessenen in Schlangen“, die ihre Unzufriedenheit über die geringe Zahl an Gottesdiensten zum Ausdruck brachten. Ihre Klagen hatten endlich Erfolg. Am 8. Oktober 1650 wurde das Interim in Schlangen beendet. Pastor Martinus Heusemann aus Salzuflen wurde berufen und trat die Pfarrstelle an. Er starb 1672 in Schlangen. Beim Start quittierte er den Empfang rückständiger „Amtsgefälle“ und forderte den Neubau eines „Cösterhauses“ als Ersatz für das 1645 niedergebrannte Schlänger Schulhaus. Die gräfliche Rentkammer bewilligte das notwendige Eichenholz, allerdings nicht umsonst, wie gebeten, sondern „zum halben Preis“.

6. Noch größere Kriegsbeschwer 1647!

Erstmals im Frühjahr 1647 erhob ein kaiserlicher General, der in Lippe seit 1640 bekannte Graf von der Wahl, ein Freund des lippischen regierenden und vormundschaftlichen Hauses, öffentlich seine Stimme, beklagte „den unglücklichen Zustand des Landes“ und trat entschieden für den Abschluss eines Friedensvertrages ein. Er wußte von den langwierigen und schwierigen Verhandlungen der beiden kriegführenden Parteien in Münster und Osnabrück, deren Ergebnis herbeigesehnt wurde und längst überfällig war. Anfang Mai 1640 hatte Graf von der Wahl mit einem Bataillon von 300 – 400 Reitern und Fußvolk das Detmolder Schloss im Handstreich von der illegitimen lippischen Schattenregierung befreit, so dass auf Zeit Ruhe im Lande eingekehrt war.
Doch jetzt waren Anzeichen von Frieden im Land noch nirgends erkennbar. Im Gegenteil: Eine neue Hiobsbotschaft jagte Angst und Schrecken ein! Der schwedische Feldmarschall Hans Christoffer Graf von Königsmark kündigte den Anmarsch seiner Armee an. Im Räume Vechta/Oldenburg stationiert, trafen die ersten Truppenverbände Mitte Mai 1646 entkräftet in Varenholz ein. Die von den lippischen Städten und Ämtern geforderten 100 Fuder Brot und Unmengen an Bier, Hafer, Rindern und Pferden standen jedoch nicht bereit. „… die ausgeschickten Parthien (der Armee) raubten und plünderten, doch nur noch weniger Ausschuss wurde erbeutet bei der Meierei und im Dorf.“15 Die Bewohner hatten sich versteckt und wagten es nicht zurückzukehren. Dem anderen Armeeteil, der über Herford nach Lippe einmarschierte, erging es nicht anders: Niemand befolgte mehr die Befehle des Feldmarschalls, konnte es auch nicht mehr. Eine Woche später traf die Hauptarmee in Lemgo ein. In der Burgmeierei Hörn und hinter den sicheren Stadtmauern wähnten etliche Bauern aus den Dörfern des Amtes ihre Pferde sicher. Alle 22 Tiere wurden requiriert, dafür 11 kranke und völlig ausgezehrte von den „Schnapphähnen“ zurückgelassen.
In der Vogtei fanden sie es nicht anders. Auch vor den Toren Paderborns herrschte Armut, ebenso im folgenden Nieheim. Weiter zur Weser hin und vor Höxter lagerten „die Völker“ des Marschalls Wrangel. Auf dem Wege zurück ins Paderbornische und in die Vogtei hinterließen sie überall Chaos und „verbrannte Erde“. Hier verharrten die Kriegsleute in Stumpfsinn und Lethargie, einzig beschäftigt mit der Suche nach Nahrungsmitteln, um zu überleben, und verbrachten ihre Zeit in Ruinen und Schlupflöchern mit Trinken und Würfelspiel.“‚

7. Unerwarteter Besuch im Jagdschloss

Inmitten des großen Durcheinanders tauchte am 21. April 1646 mit „schwedischer Salveguarde“ (Geleitschutz) die Herzogin Katharina von Holstein-Lüneburg auf, um im Jagdschloss Oesterholz weitreichende Entscheidungen zu treffen.17 Als junge Prinzessin aus Waldeck hatte sie 1631 den lippischen Thronfolger Graf Simon Ludwig geheiratet und ihm bis 1636 drei Söhne geboren, als ihr Gatte 26jährig plötzlich (durch vergiftete Speise?) im Detmolder Schloss verstarb. In schwerer Zeit kämpfte sie um das Recht der Vormundschaft für ihren minderjährigen ältesten Prinzen Simon Philipp (*1632), was ihr durch kaiserliches Dekret endlich 1640 gegen ihre drei Schwäger verbrieft wurde. Ihre Söhne gab sie nacheinander zur Bildung und Erziehung nach Marburg, wo sie verblieben, als Katharina Ende 1643 eine zweite Ehe mit dem jüngeren Herzog Philipp von Holstein-Lüneburg einging. Ihn hatte sie als kaiserlichen General und Kommandanten von Lemgo kennengelernt.“

Traf im Jagdschloss Oesterholz weitreichende Entscheidungen: Katharina, geborene Gräfin zu Waldeck (1612 bis 1648), von 1631 bis 1636 Gemahlin des Grafen Simon Ludwig zur Lippe.

Auf die Vormundschaft und Regierung in Lippe musste Katharina verzichten und berief ihren Schwager Graf Emich von Leiningen zum Nachfolger. In ihrer „Abdankungsnotul“ 1643 hatte sie sich einige Klauseln für mögliche Eventualitäten -rechtlich anfechtbar – vorbehalten, die sie nunmehr umzusetzen suchte.“ Das Jagdschloss war von vielen Kriegsspuren gezeichnet und kaum noch bewohnbar. Vor allem: die Meierei war nach vielen Plünderungen völlig devastiert, kein Vieh mehr und keinerlei Vorrat vorhanden.
Die Horner Burgmeierei, die die Haushaltung im Detmolder Schloss gewährleistete und ihr ursprünglich u. a. als Wittumbs-Einkunft verschrieben war, hatte sie sich bei ihrer Abdankung vorbehalten. Darauf stützte sie nun ihre gewagten Pläne.
Der Vogt in Schlangen, Friedrich Schönlau, der für Nachschub sorgen sollte, hatte nur Reste von Feldfrüchten auftreiben können. Der zuständige Horner Amtsschreiber meldete: „Horner Kornboden leer!“ Einige Male jedoch hatte er noch „Victualien“ aufspüren können, die ihr notgedrungen genügten. Die katastrophalen Kriegsläufte hatten ihre gut durchdachten Pläne zunichte gemacht. Ihr ältester Sohn, Prinz Simon Philipp, der lippische Thronprätendent und Student in Marburg, war inzwischen 14 Jahre alt geworden und sollte nach ihrer Vorstellung „nun möglichst bald“, spätestens jedoch 1650-52 die Regierungsgeschäfte in Lippe übernehmen. Dazu sollte er augenblicklich die damals übliche Bildungsreise in benachbarte europäische Länder antreten, die Schweiz, Frankreich und Italien. Doch die Formalitäten verzögerten das Vorhaben sehr. Ein verantwortlicher „Reiseleiter’TTutor musste ausfindig gemacht werden, und Reisepässe aus Hessen-Kassel sollten sie legitimieren! Und das Geld für das kostspielige Unternehmen musste herbeigeschafft werden, und das gestaltete sich in jenen „teuren“ Zeiten am schwersten.2′
Viel Zeit verstrich, obwohl sich Katharina dagegen zu stemmen suchte. Die Pässe besorgte sie persönlich in Frankfurt, und der Tutor wurde in der Person des 20jährigen Horner „Kammerdieners“ und späteren Amtmanns Adam Henrich Kotzenberg ausfindig gemacht. Nach wiederholten kurzen Aufenthalten in Oesterholz traf sie im November 1647 -hochschwanger – zum letzten Male hier ein und verhandelte mit dem Horner Drosten G. W. Rubel um die Burgmeierei. Diese war ihr als einzige „Immobilie“ aus ihrem früheren Horner Wittumb verblieben, die wiederum ihre Kreditoren (aus Bremen?) als Pfand beanspruchten. Rubel hatte dem nichts entgegenzusetzen, und so stiegen die Schulden des Amtes in schwindelnde Höhen. Sie nach dem Kriege noch jahrzehntelang wieder abzutragen, blieb auch den „Amtsinsassen“ der Vogtei Schlangen nicht erspart. Die Rechnung der Herzogin ging jedoch nicht auf, denn ein Unglück folgte dem anderen.‘ Ihre beiden jüngsten Söhne waren schon 1646 plötzlich an vergifteter Speise verstorben. Das Los ihres Ältesten, des Thronprätendenten noch wahrzunehmen, blieb ihr erspart. Sie starb im Frühjahr 1648 im Kindbett „im Feldlager“, nachdem sie den jungen Grafen mit ihrem Tutor zum Antritt der Bildungsreise verabschiedet hatte. 1649/50 weilten sie am Hofe des Herzogs von Parma in Florenz. Nach einer päpstlichen Audienz in Rom im Juni 1650 erkrankte Simon Philipp auf dem Rückweg und starb unter den Augen seines Tutors in Florenz. In der gräflichen Gruft der alten Klosterkirche zu Blomberg fand er seine Ruhestatt.

8. Westfälischer Frieden 1648 in Münster/Osnabrück

Zurück zu den Kriegsereignissen im Lande. Seit dem Einmarsch der Königsmarckschen Armee in Lippe gab es keine geordneten Kriegszüge mehr, vielmehr ließen Kaiserliche wie Schwedische überall erste Auflösungserscheinungen erkennen. Die „Parthien“ verselbständigten sich und kämpften ums Überleben. Kaum jemand vermochte noch „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden. Die Ressourcen des Landes waren gänzlich erschöpft, so dass Hunger und Durst vorherrschten. Im Verwüsten wetteiferten beide Seiten unerbittlich. Feldmarschall von Königsmarck hatte in einem Akt der Verzweiflung angesichts seiner ausgezehrten Kriegsknechte die Erlaubnis zur Plünderung der befreundeten Stadt Lemgo erteilt, wohl wissend, dass solches Tun den sicheren Untergang bedeutete.‘ Der gealterte Horner Drost Jörg Wilhelm Rubel von Biberach, der einst als kaiserlicher Rittmeister reiche Kriegsbeute gemacht hatte, verstand die Welt nicht mehr, als er sinnierte, „… den Kriegsleuten Proviant zu geben, die sich dann selbst alles nehmen, räumbt sich nicht!“2″

9. Die Vogtei Schlangen nach dem Friedensschluss 1648

Die langwierigen Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück konnten endlich am 24. Oktober 1648 besiegelt werden. In der Vogtei änderte sich jedoch kaum etwas. Wohl kehrten die Bewohner in ihre Trümmerstätten zurück, doch Schweiß und Tränen rannen bei dem mühseligen Wiederaufbau, als gleichzeitig 1650/51 ein neues Schul- und Küsterhaus unter großen Anstrengungen errichtet wurde. Bitterste Armut herrschte noch jahrelang vor, denn die Kriegsleute wichen nicht. Wohin sollten auch viele von ihnen zurückkehren? Andernorts hätten sie es nicht besser angetroffen, galt es nun doch zuzupacken, und das hatten sie verlernt…
Mit dem Friedensschluss drang die kaiserliche Armee des Generals und Herzogs Philipp von Holstein ins Paderbornsche und nach Lippe ein. An Demobilisierung dachten sie nicht, im Gegenteil, sie forderten neue und unerfüllbare Kontributionen, so dass die Last des Unterhalts kaum Hoffnung auf Besserung aufkommen ließ. Die Kriegsleute wiesen die Klagen der „Eingesessenen“ entschieden zurück. Ihre üblichen Forderungen verknüpften sie nunmehr mit der Zahlung von horrenden Abfindungssummen. Eher würden sie freiwillig das Land nicht verlassen.
Kontributionen hin, Abfindungen her, beides konnte nicht gezahlt werden. Erst nach der bitteren Erkenntnis dieser Tatsache löste sich das Problem, wenn auch recht zögerlich!
Nach knapp zwei Jahrzehnten des bescheidenen Wiederaufbaus flammte der Glaubenskrieg emeut auf. „Berndken“ von Galen, der Fürstbischof von Münster, hatte ein eigenes Heer von Landsknechten ausgehoben. Er stiftete erneut Unfrieden und Armut im Lande, besonders an der Nahtstelle zum Hochstift Paderborn, wo 1658 ein Grenzvergleich geschaffen und alte Nachbarschaften getrennt worden waren.“
Und wiederum ein Jahrzehnt später geschah eine neue Katastrophe, als 1678 in einem großen Brandunglück das eben wiedererrichtete Dorf Schlangen zur Hälfte eingeäschert wurde. Die Vogtei hat im gesamten 17. Jahrhundert, kaum einer anderen vergleichbar, unendlich viel Elend und schmerzliche Entbehrungen ertragen müssen.

Quelle: Schlangen.Kohlstädt.Oesterholz.Haustenbeck – Beiträge zur Geschichte Band II , Walter E. Capelle