Totschlag im Felde bei Borkhausen

Rittergut Borkhausen bei Blomberg.

Aus den Staatsarchivakten der Bückeburger Zeit

Vorbemerkung: Infolge der Erbauseinandersetzungen zwischen den gräflichen Häusern Detmold und Alverdissen-Schaumburg wurden die Bückeburger 1737 in den Besitz der Ämter Barntrup, Blomberg, Brake und Schieder gesetzt. Während Brake 1743 und Barntrup 1748 an Detmold zurückfielen, blieb Schieder bis 1789, Blomberg bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts bückeburgisch. In bezug auf die Gerichtsbarkeit unterstand das gemeine Volk der Hoheit der „abgeteilten Herren“. Dagegen war im Herberhauser Vergleich von 1661 verabredet, daß die Städte und Edelleute allein Untertanen des Regierenden Herrn (Detmold) sein sollten und alle Exekutionen gegen die Edelleute, die adeligen Häuser und zugehörigen Ländereien nur in seinem Namen erfolgen dürften.
Die Geschichte begann auf der Blomberger Burg, dem Sitz des Bückeburger Amtes, damals noch Verwaltungsamt und Gericht zugleich.
Am 17. Dezember 1781 morgens 8 Uhr erschien dort der Verwalter Tollen vom adeligen Gut Borkhausen. Im Aufträge seines Herrn, des Gutsinhabers Amtmann Hornhardt, zeigte er an, auf dem Borkhauser Felde, im Hohlweg von Borkhausen nach Wöbbel, sei in der Frühe der Einlieger Christoph Dülmen aus Wöbbel tot aufgefunden worden.

Während Amtspedell Kramer sogleich nach Wöbbel beordert wurde, um von dort den Bauerrichter und eine Mannschaft zur Bewachung des Toten zu holen, begab sich der leitende Beamte von Blomberg, Amtmann Berger, mit dem Blomberger Chirurgen Krüger an den Fundort.

Der Tote lag am Ufer des Hohlweges. Beim ersten Augenschein wies er keinerlei Spuren von Gewalttätigkeit auf. Anscheinend war er vom gegenüberliegenden Ufer herabgestürzt. Doch dann fand man an verschiedenen Stellen Haare des Toten. Die inzwischen angekommenen Männer aus Wöbbel wußten auch zu berichten, was hier vor sich gegangen war. Bauerrichter Decker sagte aus, der Dülmen sei tags zuvor, also am Sonntag, in einem zum adeligen Gut Freismissen gehörigen Hause „Die blanke Ruthe“ bei einem Einbruchdiebstahl ertappt und von den Knechten beider Güter totgeschlagen worden. Die Mitglieder der Wache, Simon Koch, Einlieger Kohring und Micke, fügten hinzu, Dülmen habe sich schon seit Jahren durch Diebereien ernährt. Er sei jedoch von niemanden angezeigt worden, weil man „das äußerste Unglück von demselben habe befürchten müssen“. Die Frau Dülmens, die von den Diebstählen gewußt habe, sei auf die Nachricht vom Tod ihres Mannes hin mit ihrem kleineren Kind entwichen, das größere habe sie in Wöbbel zurückgelassen. Uber die an der Tat Beteiligten befragt, konnten die Wöbbeler mehrere Namen nennen, auch daß die Hauptschuldigen keine Amtseingesessenen wären. Im Verlaufe des Tages verdichtete sich das Gerücht, Hornhardt habe den Vorfall auch nach Detmold berichtet und die Detmolder würden sich die Jurisdiktion anmaßen. Berger versuchte zunächst einmal, den Toten aus dem Bereich des adeligen nGutes fortzuschaffen, doch kehrte der Pedell abends ergebnislos aus Wöbbel zurück. Die Wöbbeler hatten sich geweigert, einen Schlitten für den Transport zur Verfügung zu stellen, sie wollten den Dülmen nicht auf ihrem Friedhof haben. Wer solle außerdem die Beerdigung bezahlen, der Tote hinterlasse nichts. Am folgenden Tage beobachtete Amtspedell Kramer zwei Reiter in Begleitung zweier Fußgänger auf dem Wege an der Blomberger Ziegelei vorbei nach Borkhausen. Einer der Reiter wurde als der Lemgoer Dr. Kruse erkannt. Außerdem hatte man einen Boten des Detmolder Peinlichen Gerichtes gesehen, der Hornhardt etwas überbracht hatte. Wegen dieser verdächtigen Umstände schickte Amtmann Berger eilends ein Gespann ab, um den Toten auf die Burg zu bringen. Den Wagen begleitete außer dem Gerichtsschreiber Wippermann ein Schutzkommando unter dem Leutnant Meinke, bestehend aus einem Unteroffizier und 6 Mann. Wie der Wagen auf dem Rückweg über die Borkhauser Brücke fuhr, sprangen „einige Kerls“ hinter einer Hecke hervor und fielen den Pferden in die Zügel. Als auf Rufen das Kommando herzueilte, liefen die Männer auf das Gut Borkhausen.

Die sich überstürzenden Nachrichten, dreimal war in diesen beiden Tagen der Amtsbote von Blomberg nach Bückeburg geschickt, lösten am Schaumburger Hof Unruhe aus. Am 19. Dezember fand in Bückeburg eine eilig einberufene Regierungssitzung der Regierungsräte Schmid, Sander und Habicht im Beisein des Grafen Philipp Ernst statt. Man beschloß, den Heberhauser Vergleich nur insoweit gelten zu lassen, als es sich um Delikte und Exzesse in den adeligen Häusern selbst handelte, nicht aber auf deren Feldern. Im vorliegenden Fall sollte die Leiche auf die Burg Blomberg gebracht werden (was inzwischen bereits geschehen war), dort durch den Bückeburger Landphysikus Schmidt seziert und danach auf dem Friedhof bei Wilbasen1Der Friedhof von Wilbasen lag auf dem Hofe des Meiers Stork. Auf Anordnung des 1777 verstorbenen Grafen Wilhelm wurden dort arme Soldaten des Burgkommandos begraben, später auch andere Verstorbene, die nichts hinterlassen hatten. Für eine Beerdigung auf dem Blomberger Friedhof mußten so hohe Gebühren bezahlt werden, daß sie das Monatseinkommen einer Arbeiterfamilie überstiegen, nämlich einen Taler für den Begräbnisplatz und 4 Taler an Stolgebühren, das waren die Abgaben an den Geistlichen, den Rektor, den Kantor und den Küster für die kirchliche Beerdigung.begraben werden. Falls Detmold sich einen Eingriff in die Rechtsprechung anmaßen sollte, habe sich das Amt dagegen zu wehren und Abgesandte des Detmolder Gerichtes über die Amtsgrenze abzuschieben.

Dr. Schmidt traf am 20. Dezember in Blomberg ein und nahm nachmittags mit Unterstützung Dr. Krügers und im Beisein Bergers die Sektion vor. Die Leiche wies an mehreren Stellen tiefe Wunden „bis auf die Knochen“ auf. Rücken, Lenden und das linke Hüftbein waren völlig rot und blutunterlaufen. Über den Zeitpunkt des Todes äußerten sich die Gerichtsärzte nicht, sie schlossen ihren Bericht mit der Feststellung, daß „Christoph Dülmen, da er in der freien Luft, in Kälte und Nässe wer weiß wie lange ohne alle medizinische und chirurgische Hilfe gelegen, sein Leben auf apoplektische Art endigen müssen“.

Somit war bewiesen, daß Dülmen durch die Gewalttat am 16. Dezember umgekommen war. Es wäre nun Sache des Peinlichen Gerichts (damals auch Kriminalgericht genannt) gewesen, sie zu ahnden. Doch 4 Monate hindurch auf den Tag genau, nämlich bis zum 17. April 1782, läßt sich an Hand der Akten verfolgen, wie im Widerstreit der Herren in Detmold und Bückeburg vergeblich versucht wurde, die Täter vor Gericht zu bringen.

Am 28. Dezember ließ Hornhardt in Blomberg anzeigen, er könne seine Bedienten nicht vor das Amt sistieren, da ihm das von Detmold aus unter Androhung von 30 Talern Strafe verboten worden sei.

Am 29. Dezember verlautete gerüchtweise, Konduktor Beer von Freismissen und Hornhardt seien nach Detmold zitiert worden.

Am 7. Februar 1782 berichtete Berger nach Bückeburg, die Brüder Wesemann, Verwalter Tollen und Einlieger Simon von Kuhbusch seien auf den 6. Februar auf das Amt geladen worden, jedoch nicht erschienen. Hornhardt habe wiederum auf das Detmolder Verbot hingewiesen und eine Ladung des Detmolder Kriminalgerichts vorgezeigt.

Am 15. Februar erhielt Berger von Bückeburg die Anweisung, die Täter festzunehmen, sobald sie sich außerhalb Borkhausens sehen ließen oder sie vom Hofeselber zu holen.

Um die Unantastbarkeit seines Adelsgutes gegenüber dem Amt Blomberg zu wahren, legte Hornhardt dort am 28. Februar eine notarielle Apellation an das kaiserliche Gericht in Wien vor.

28 Februar: Die Bauerrichter der umliegenden Dörfer wurden vom Amt Blomberg angewiesen, die Täter nach Blomberg gefänglich einzuliefern, sobald sie deren habhaft würden.

Aus einem Bericht Bergers an Bückeburg vom 17. April: Hornhardt habe die Täter vor mehr als 14 Tagen gehen lassen. Es werde erzählt, ihm sei von Detmold bei 3 000 Talern Strafe aufgegeben, die Entlassenen wieder herbeizuschaffen.

Die Bückeburger Akten über den Fall Dülmen enden hier. Als Hornhardt 1783 starb und ein neuer Streit über die Zuständigkeit bei der Neuverpachtung Borkhausens zwischen Detmold und Bückeburg ausbrach, wurde der Totschlag mit keinem Wort mehr erwähnt. In den Listen der Inquisiten (Untersuchungsgefangenen) des  Detmolder Kriminalgerichts 1775 bis 1790 erscheinen die Täter von Borkhausen ebenfalls nicht, die Untat vom 16. Dezember 1781 blieb ohne Sühne.

Quellen: Akten Schaumburg-Lippe. Ämter Blomberg, Schieder, Alverdissen L 95, C 127 und E 61 b Kriminalakten Allgemein 14 und 15. Veröffentlicht in der Zeitschrift des Lippischen Heimatbundes im November 1969.