Die Senne als Truppenübungsplatz

Wache auf dem Truppenübungsplatz Senne. Postkarte

Eine abschließende militärische Ausbildung kann auf den Exerzierplätzen der Kasernen allein nicht gegeben werden. Wenn auch die Beherrschung des Exerzierreglements unbedingt zum soldatischen Können gehören muß, so ist es doch nicht zu umgehen, die Truppe auch gefechtsmäßig in den einzelnen Phasen des Kampfes zu üben, denn das „A“ und „O“ jeder militärischen Ausbildung ist schließlich die Heranbildung des für den wirklichen Kampf einsatzfähigen Soldaten, der neben der Theorie auch den gefechtsmäßigen Einsatz mit scharfem Schuß und kriegsmäßiger Munition geübt hat.

Diese Kampfübungen unter Anwendung des scharfen Schusses können auf dem Kasernenhof oder dem jeweils in der Nähe liegenden kleineren Übungsgelände nicht in Ausführung gebracht werden. Aus diesem Grunde müssen Plätze mit entsprechender Ausdehnung zur Verfügung stehen, die eine Möglichkeit zum Üben der Truppe in dieser Hinsicht bieten und die gleichzeitig jegliche Gefahr in bezug auf die öffentliche Sicherheit ausschalten.

Mit dem Anwachsen der militärischen Stärke in den Nachjahrzehnten des Krieges 1870/71 wuchs auch das Bedürfnis an erforderlichen Übungsplätzen. Hierzu kam noch der stetige Fortschritt, den die Technik hinsichtlich der Warfen und des Kampfmaterials zu verzeichnen hatte. Da war es beispielsweise die Artillerie mit ihren ständig zunehmenden Schußweiten, oder zum andern die Einführung neuer Treib- und Sprengmittel und dgl. mehr, die alle einer praktischen Erprobung im Rahmen kampfmäßiger Übung bedurften.

So erwog das Kriegsministerium im Jahre 1890, im Osten der Provinz Westfalen Gelände für einen größeren Truppenübungsplatz zu erstehen. Diese Absicht der damaligen Militärbehörde übergab eine Berliner Zeitung der Öffentlichkeit. Man nahm diese Absicht vielleicht auch damals hierorts zur Kenntnis, ohne dabei sich jedoch ernstlich mit dem Gedanken zu befassen, daß einmal die stille Heidelandschaft der Senne für dauernd zum übungsmäßigen Kriegsgelände würde.
Es ist offensichtlich klar, daß man bei der Errichtung von Truppenübungsplätzen stets solche Geländedistrikte im Auge hatte, die neben ihrer zweckdienlichen Eignung zunächst bezüglich ihrer Besiedelung arm sind und des weiteren im Hinblick auf den Gütewert des Bodens nicht hoch im Kurs stehen. Beide Voraussetzungen trafen bei der Senne zu.
Zunächst blieb die Absicht über den Ankauf größerer Heideflächen geheim. Lediglich der frühere Amtmann des Amtes Neuhaus, Herr Eckardt, erfuhr durch einen Beamten des Ministeriums über die tatsächlichen Ankaufabsichten des Reiches in der Senne. Der Landkauf war schon vollkommen influß, ehe die Bewohner und Anwohner überhaupt wußten, zu welchem Zwecke all dies geschah und welche Absichten diesen Käufen zugrunde lagen. Der damalige Landrat von Paderborn, Herr Jentzsch, wurde selbst in dieser Angelegenheit im Dunkeln gelassen; selbst ihm wurde eine nähere Auskunft über Sinn und Zweck der Ankäufe nicht gegeben.
Bisher lag in der eigentlichen Heide, und zwar bei Haus Haßfeld südlich der Strothe, der „Alte Kavallerie-Exerzierplatz“, der von den Garnisonen Paderborn und Neuhaus benutzt wurde. Zu dieser Zeit waren in den genannten Garnisonen das Husaren-Regiment Nr. 8 und zeitweise je ein Bataillon der Infanterie-Regimenter 53, 55, 131 und 13 kaserniert.

Die Ankaufskommission beider Bestimmung des Bodenwertes im Sommer 1891. Von l.n.r.: Totengräber Reimann aus Neuhaus, Major Freiherr Etto von Fürstenberg, Förster de Vry aus Lippspringe, Gastwirt und Sattlermeister Wagenbreth aus Neuhaus, Intendantursekretär und Taxator Schräge aus Münster. Die Aufgabe des Totengräbers Reimann war es, auf jeder Parzelle ein Loch in der Größe eines Quadratmeters zu schaufeln, um den anzukaufenden Boden taxieren zu können.

Die Ankaufskommission
Die Landankäufe wurden durch eine Einkaufskommission getätigt. Auf Vorschlag des damaligen kommandierenden Generals, General der Kavallerie von Albedyll, führte in der Ankaufskommission der damalige Major und etatsmäßige Stabsoffizier des Kürassier-Regiments von Driesen (Westfälisches) Nr. 4, Freiherr von Fürstenberg, den Vorsitz.
Major Freiherr von Fürstenberg gehörte etliche Jahre dem 8. Husaren-Regiment an und kannte infolgedessen Land und Leute näher. Ihm sowohl den übrigen 3 Herren der Kommission war die Eigenart der Sennebewohner, der Arbeiter sowie der Bauern nicht fremd, was für die schnelle Abwicklung der Kaufgeschäfte mitunter ausschlaggebend war.
Die Ankaufskommission bestand aus vier Herren: Major Freiherr von Fürstenberg, Vorsitzender; Intendantursekretär Schräge, Münster, Taxator; Gastwirt und Sattlermeister Wagenbreth, Neuhaus; Förster de Vry, Lippspringe. Die Annalen erwähnen dann noch, daß der Kommission der Totengräber Reimann aus Neuhaus beigegeben war. Von ihm ist gesagt, daß er geborener Lothringer war, bei den 8. Husaren in Paderborn gedient hatte, sich verheiratete und in Neuhaus ansiedelte. Seine Aufgabe war, auf jeder Parzelle ein Loch in der Größe eines Quadratmeters zu schaufeln, um den anzukaufenden Boden taxieren zu können.
Die Kommission begann ihre Arbeit. Anhand der Katasterkarten erfolgten Begehungen der Ländereien und schließlich die Taxierungen. Die jeweiligen Eigentümer beorderte man dann zum endgültigen Abschluß des Kaufgeschäftes an bestimmten Tagen in Gasthäuser nach Neuhaus, Hövelhof, Haustenbeck, Schlangen, Kohlstädt, Marienloh oder dorthin, wo es eben am passendsten schien. Aber auch wie es sich eben traf, wurde verhandelt, wurden Kaufakte getätigt; sei es, daß man den Bauern auf dem Felde seine Aufwartung machte, mit dem Besitzer in der einfachen Stube des Heidehofes oder in der schattigen Laube am Hause einig zu werden versuchte.
So arbeitete die Kommission unermüdlich den ganzen Sommer und Herbst des Jahres 1891. Um Ostern 1892 konnte sie ihre Aufgabe als beendet betrachten. Bis zu diesemZeitpunkt war durch die Herren etwa eine Quadratmeile Heideland für den Staat erworben worden. Dies entspricht einer Fläche von rund 20.000 Morgen oder ca. 5.000 ha.

Die hier aufgeschlagenen Zelte, im Krieg 1870/71 gegen Frankreich erbeutet, dienten den 1892 in die Senne einrückenden Truppen als erste Unterkunft.

Die bezahlten Durchschnittspreise pro Morgen betrugen: 450,- RM für Ackerland, 850,- RM für Wiesenboden, 500,-RM für Weideflächen. Die Vergütung für reinen Heideboden war unterschiedlich und richtete sich durchweg nicht nach einer gewissen Norm. Hier war ja auch mit maßgeblich, ob der Boden lediglich reine Heidefläche darstellte oder mit einem gewissen Baumbestand bewachsen war. Parzellen und Bodenflächen, die gleich beim Wohnhaus oder in unmittelbarer Nähe lagen, wurden entsprechend höher bewertet. Der Mehrpreis schwankte hier zwischen 80,- und 130,- Mark. Für weitab liegende Heideflächen vergütete man bis 100,- Mark. Die Gesamtkosten beliefen sich auf etwas mehr als eine Million Mark. Die angekauften Ländereien lagen teils auf lippischem, teils auf preußischem Gebiete. Rein wertmäßig gesehen mögen die für den Boden gezahlten Preise zu hoch gelegen haben. Darauf ist es letzthin mit zurückzuführen, daß eine so verhältnismäßig schnelle Einigung zwischen Käufer und Verkäufer erzielt, und somit der Abschluß der Gesamtankäufe in einer erstaunlich kurzen Zeit zuwege gebracht wurde. Gewissermaßen lockten also auch die hohen Taxpreise. Der Grund für diese höher als normale Bewertung durch die Kommission war jedoch ein rein menschlicher. Es mußte nämlich den bisherigen Besitzern die Möglichkeit gegeben werden, sich andererorts wieder anzusiedeln, und die hierfür auf Grund ihrer Verkäufe vorhandenen Mittel mußten zum mindesten ein Existenzminimum gewährleisten.

Kürassier-Regiment Nr.4 von Driesen/Münster. Zug aus der IV. Eskadron. Letzte Übung in der Senne vor Ausbruch des ersten Weltkrieges (1914). Bereits an der Jahrhundertwende waren Militäreinheiten in der Senne für den unmittelbaren Kriegseinsatz ausgebildet worden. So fanden hier zwischen Juli und Oktober 1900 Übungen verschiedener Truppenteile des Ostasiatischen Infanterie- und Reiter-Regiments statt, die beim Ausbruch der Chinawirren in Ostasien zum Einsatz kamen.

Immerhin ist es nicht zu verkennen, daß die betroffenen Heidewohner ein stilles Opfer für Volk und Vaterland brachten. Denn über Generationen wohnten ihre Geschlechter hier in der Heide, und ihr Blut war mit dem Boden aufs engste verbunden; gleichwohl, daß die nach mühevoller Arbeit dem Sandboden abgerungenen Erträge alles andere als üppig waren, daß ihre Lebenshaltung sich nie in mühelosen Formen halten konnte, da der Boden dies nicht zuließ. Die Senne war nun einmal ihre Heimat. Und diese preiszugeben ist schwer und bedeutet ein Opfer. Außer einem Grundstück in Schlangen gelang es, alle im Bereich des Ankaufsgebietes liegenden Besitzungen auf dem Wege gegenseitiger Übereinkunft zu erwerben. Bei dem vorhin genannten Grundstück mußte letzthin zur Enteignung geschritten werden.
Es muß gebührend betont werden, daß die Arbeit der Herren der Ankaufskommission in jeder Weise beachtlich gewesen ist und grundsätzlich zur gegenseitigen Befriedung beider Parteien geführt hat, ohne daß wesentlich mit Mitteln des Gesetzes zu Werke gegangen werden mußte. Dies liefert den Beweis, daß man bei der Zusammenstellung der Kommission keinen Fehlgriff getan hatte. Bis zum 1. März 1892 mußten die früheren Besitzer der Heidekotten ihren Wohnsitz geräumt haben. Durch diesen Wegzug büßte u.a. die Volksschule im Sennelager allein 80 Schüler ein. Das Dorf Taubenteich hatte man restlos aufgekauft. Der größte Teil der Ortseinwohner wanderte zum Osten und schuf sich dort eine neue Heimat. Andere wenige siedelten sich in Lippspringe an. In dem Buch „Haustenbeck“ von Hans Sprenger heißt es: „In Haustenbeck fürchtete man, die Ankäufe möchten noch weitergehen.“ Pastor Kligge schrieb, um Klarheit zu schaffen, an das Kriegsministerium. Darauf antwortete die Intendantur des VII. Armeekorps, daß z.Zt. ein weiterer Erwerb von Grundstücken auf lippischem Gebiete nicht beabsichtigt sei; die Einwohner könnten ohnehin ganz beruhigt sein, denn – so heißt es – „bei einer etwaigen späteren Erweiterung des Übungsplatzes dürfte auch, wenn dieselbe eintreten sollte, was in keiner Weise feststeht, unseres Erachtens der Ankauf des Dorfes Haustenbeck schon mit Rücksicht auf die dadurch entstehenden bedeutenden Kosten nicht in Frage kommen.“
Der damalige Major, Freiherr von Fürstenberg, trat nach dem Abschluß der Ankäufe in die Front zurück. Nachdem er in den Jahren 1893 – 1897 als Kommandeur das Kürassier-Regiment Nr. 5 befehligte, war er in der Zeit vom 22.2. 1898 – 18.2.1902 Kommandant des Truppenübungsplatzes Senne.

Bestimmung des Lagerplatzes
Nachdem nun die Fläche des zukünftigen Truppenübungsplatzes sichergestellt war, mußte man sich über den Ort, an dem das Lager für die Unterkunft der jeweils übenden Truppen errichtet werden sollte, schlüssig werden. Daß das heutige Hauptlager (Südlager) an seiner jetzigen Stelle entstand, ist wohl zu einem nicht geringen Teil dem Vorsitzer der Ankaufskommission, Herrn Freiherr von Fürstenberg, zuzuschreiben. Es mag schon sein, daß er damit dem Ort Neuhaus, gewissermaßen seiner zweiten Heimat, einen Dienst erweisen wollte. Aber ungeachtet dessen hat sich in Wahrheit diese südwestliche Ecke des Übungsplatzes als die hierfür günstigste erwiesen. – Zunächst liegt das Gelände, daß diesem Zwecke dienen soll, in der Nähe größerer bzw. städtischer Ansied-lungen. Der Ort Neuhaus ist 2,5 km, die Stadt Paderborn 5 km entfernt. – Eine sehr wichtige Rolle bei der Errichtung von Truppenlagern aber spielen die Wasserverhältnisse. Wasser für den laufenden Bedarf, für Wasch-und Badeanlagen zur Erholung des Gesundheitszustandes der Truppe, ist unerläßlich. Da nun der Größe des Platzes zufolge auch im Laufe der Zeit mit einer zahlenmäßig hohen Belegungsziffer gerechnet werden mußte, war von vornherein abzusehen, daß große Wassermengen verbraucht werden würden. Im Hinblick hierauf konnte für den Lagerort kein günstigerer Platz gefunden werden als der zwischen Thune und Rommbach. Es ist in der Geschichte des Lagers bisher noch nichts zu verzeichnen gewesen, daß irgendwann Wassermangel eingetreten ist.

Der Truppenübungsplatz Senne in der Nähe von Sennelager. Um 1910

Ankunft der ersten Truppen
Als Zeitpunkt der ersten Belegung des Platzes zum Zwecke der Durchführung kampfmäßiger Übungen ist der 5. Juli 1892 genannt. Es rückten die Infanterie-Regimenter Nr. 55 und 15 hier ein. Das Regiment Nr. 55 war mit je einem Bataillon in Detmold, Bielefeld und Höxter kaserniert. Der Regimentsstab lag in Detmold. – Das Regiment Nr. 15 hatte sein Standquartier in Minden. Im Verein mit diesen beiden Regimentsverbänden rückte noch am gleichen Tage das Bückeburger Jägerbataillon ins Sennelager. Der Tag war finster und grau. Es regnete in Strömen. So just der rechte Empfang! Dazu kam, daß der Lagerplatz in damaliger Zeit einen recht trostlosen Eindruck machte. Kein Haus weit und breit. Einsam schlängelte sich die schlechte Bielefelder Straße durch Sand und Heide. Eine gewisse Enttäuschung wird wohl auf den Gesichtern der ersten hier einziehenden Soldaten zu lesen gewesen sein. Auch wohl mancher Fluch hat sich beim Anblick der Lagerstätte instinktiv gelöst. Bedenkt man, daß anfänglich kein Baum noch Strauch hier vegetierte, daß selbst wenig Heide und dafür mehr Flugsand die Weite füllt, so mag dies alles andere als einladend gewirkt haben. „O wat Sand, wat Sand!“ waren die Worte, die immer wieder zu hören waren, womit sich gleich schon nichts gutes ahnende Vorstellungen über den Verlauf kommender Übungswochen verbanden.

Art der ersten Unterkunft
Die Unterkunft der ersten Truppen erfolgte in Zelten. Es waren runde Spitzzelte, die im Feldzuge 1870/71 gegen Frankreich erbeutet wurden. Jedes Zelt bot für 15 Mann Platz. Zum Schutz gegen Eindringen von Wasser ins Zeltinnere hatte man um jedes derselben einen Wassergraben gezogen. Bei anhaltendem Regen jedoch füllten sich infolge der wasserundurchlässigen Ortsteinschicht die Gräben mit Wasser und liefen letztlich über. Der Lagerboden im Zeltinneren wurde naß und feucht. Der Zeltstoff selbst war durch die lange Lagerung stark porös geworden. Der Regen drang durch die Plane durch. Die Zelte boten also in keiner Weise genügenden Schutz. Diese Art der Unterbringung konnte demzufolge nur eine behelfsmäßige sein und mußte baldigst geändert werden.

Kurzfristige Truppenausbildung während des Krieges
Im Hinblick auf die drohende Kriegsgefahr erhielten am 27. Juli 1914 die in der Senne übenden aktiven Truppen den Befehl, unverzüglich in ihre Garnisonen zurückzukehren. Das Infanterie-Regiment 18 (Münster) und das Artillerie-Regiment 44 (Trier) wurden sofort nach Münster bzw. Trier befördert, um ihrer Mobilmachungsbestimmung entspechend verwandt werden zu können.
Gleich nach der Kriegserklärung rückten von allen Seiten Truppen heran. Ein Eisenbahnzug nach dem anderen traf auf der sonst so friedlichen Station Sennelager ein. Hunderte, ja Tausende von Mannschaften belegten das Lager. Hier erhielten sie den sogenannten „letzten Schliff. Das Lager glich einem Bienenschwarm, und doch war alles wohl berechnet und vollzog sich in größter Ruhe und Disziplin. – Die Ausbildung der Truppe mußte den Umständen entsprechend bedeutend verkürzt werden. Was sonst Ziel einer zwei- bis dreijährigen Dienstzeit war, mußte jetzt in der gleichen Zahl von Monaten oder in noch kürzeren Zeiträumen geschafft werden. Es ist ohne weiteres klar, daß es für die damaligen verantwortlichen Dienststellen durchaus kein Leichtes war, den Anweisungen und Anforderungen der übergeordneten Befehlsstellen und der unterzubringenden Truppen gerecht zu werden. Täglich, und selbst nachts, vollzog sich mit klingendem Spiel der Abmarsch der „frontreifen“ Regimenter zum Bahnhof. Sie rückten zu dem an der Verladerampe des Sennebahnhofs bereitstehenden Zug, der sie zur Front bringen sollte. So ging es während der ganzen, langen Kriegszeit.

Soldaten – Poesie
Die Zeit des Aufenthaltes auf dem Übungsplatz wurde von den Truppen naturgemäß stark ausgenutzt. Täglich fanden weitläufige Übungen statt. Früh, beim Morgengrauen, marschierten die Kolonnen los. Als Anmarschstraßen zum Übungsgelände dienten in den meisten Fällen Trothastraße, Kügler- und Staumühlenweg. Diese Wege waren damals nur bis zum Lagerausgang einigermaßen ausgebaut, in ihrem weiteren Verlauf aber stellten sie nichts anderes als eine durchs Gelände sich hinziehende tiefe Sandschüttung dar, die das Gehen außerordentlich erschwerte. Dann ging’s über und durch die Heide, so wie es eben kam. Und der sympathische Ton, den der Soldat in der Senne vernommen hat, ist wohl stets der des Hornisten gewesen, wenn er „Das Ganze Halt!“ ins Hörn stieß. Daß unter solchen Umständen das dichterische Können einzelner Soldaten Blüten treibt und die allgemeine Denkungsart der Lagerbewohner in passende Verse kleidet, ist eine bekannte Erfahrungstatsache! So warf der Übungsplatz schon in den ersten Jahren seiner Existenz durch folgenden in Soldatenkreisen allgemein verbreiteten Vers seine Schatten voraus: „Gott schuf in seinem Zorn die Senne bei Paderborn!“ Und was man im einzelnen hier erlebte und beim Abschied dachte, sagt uns ein unbekannter „Dichter“ in folgenden, zum Allgemeingut aller hier damals übenden Truppen gewordenen Liederversen:

Sennesand, du heißer Sand, in dir bin ich so oft gerannt, in dir vergoß ich manchen Schweiß, vallera, du aber machst uns nicht mehr heiß.

Und der hohe General, der zog mit uns über Berg und Tal, und schien die Sonne gar nicht heiß, vallera, wir war’n gebadet doch in Schweiß.

Hauptmann, wenn ich dein gedenk, so zittert mir mein Handgelenk, du triebst uns auf der Heid’ umher, vallera, mit einem Affen1MarschgepäckZentnerschwer.

Wenn wir einst am Bahnhof stehen, und müssen auseinander gehen, einander gehen, dann wird noch mal die Mütz’ geschwenkt, vallera, weil uns, kein Sennerand mehr kränkt.

Der gestrenge Herr Major, der nahm uns öfter selber vor, und da war die Senne ihm zu klein, vallera, ging’s in den Teutoburger Wald hinein.

Und wer hat dieses Lied erdacht? ein Musketier, der hat’s gemacht, der oft beim Vater Phillip saß, vallera, und seinen trockenen Karo2Eine Scheibe, oder ein Kanten Brot ohne Aufstrich oder Belag.aß.

Unterkunft in Wellblechbaracken
Schon 1892 war mit der Errichtung von barackenmäßigen Unterkünften begonnen worden. Die zur Aufstellung gebrachten Baracken hatten nach außen Wellblechwandungen. Diese Wellblechbaracken hatten die Form von Eisenbahnwagen. Demzufolge fanden sie im Soldatenmund allgemein die Bezeichnung „D-Züge“. Aber auch diese Unterkünfte waren alles andere als ideal, wenn sie auch im Hinblick auf die vorhergehende zeltmäßige Unterbringung eine weitgehende Verbesserung vorstellten. Im Sommer entwickelte sich in ihnen eine drückendheiße Temperatur, während in der Winterzeit die Kälte den Belegschaften stark zusetzte. Die kleinen Fenster der „D-Züge“ waren für die nötige Luftventilation nicht ausreichend, so daß stets schlechte Luft sich im Raumin-nern konzentrierte. „Aber alles dies mochte den Soldatenfrohsinn nicht zu bremsen, und die Lieder, die ohne Ende aus den ‚Zügen‘ hervorklangen, gaben Grund zur Annahme, daß die ‚Reisenden‘ sehr zufrieden waren“, schreibt ein Zeitgenosse aus eigener Anschauung. Das Gesamtfassungsvermögen der 37 Wellblech-Baracken betrug 3190 Mann. Der ursprüngliche Zeltplatz reichte natürlich für die Barackenzahl nicht aus. Deshalb erweiterte man den Lagerplatz rechts und links der Kaiserstraße nach Norden hin und bezeichnete diesen hinzukommenden Lagerteil als „Neues Lager“.

Das Freikorps Maerker bei einer Scharfschießübung im Gelände 1919/ 20. Im Hintergrund der Unterbau der Winning-Mühle, benannt nach dem Generalmajor von Winning, 1892 Kommandeur der 26. Infanterie-Brigade.

Das Kriegsgefangenenlager
Gleich die ersten Kämpfe und Schlachten des Krieges brachte beträchtlich Massen an Gefangenen. Die Aufgabe der Unterbringung einer größeren Anzahl Gefangener fiel u.a. auch dem Sennelager zu. Unterbringungs- und Verpflegungsmöglichkeiten waren kurzfristig zu schaffen.
Schon Ende August 1914 trafen die ersten Gefangenentransporte ein. Es waren zur Hauptsache Russen, Belgier und Franzosen, sowie eine Anzahl französischer Kolonialtruppen (Neger). Es sei bei dieser Gelegenheit erwähnt, daß das Eintreffen der ersten Kriegsgefangenen die Neugier der hiesigen Bewohner stark erregte, und manchen in den ersten Tagen und Wochen zum Sennelager trieb, um sich das bunte Völkergemisch anzusehen. Es galt nun für die tausenden von Gefangenen ein Lager aufzubauen. Ein kleiner Kiefernwald, östlich vom eigentlichen Lager, erschien der geeignete Ort. In diesem Distrikt entstanden zwischen den Kiefern in ganz kurzer Frist eine Anzahl Holzbaracken. Dieses erste Asyl der Gegangenen erhielt den Namen „Waldlager“.
Der dort vorhandene trockene Boden, die zweckentsprechend ausgeführten Unterbringungsräume, sowie die ausreichende Verpflegung ließen die Gefangenen ihr Schicksal zufrieden ertragen. Es heißt, daß das Sennelager unter den Gefangenen in gutem Rufe stand, und daß dieser selbst bis ins Feindesland durchgedrungen sein soll. Wie aus damaligen hiesigen Zeitungsnotizen zu entnehmen ist, erfuhr man durch später eingebrachte Gefangene, daß sie bei ihrer Gefangennahme den stillen Wunsch gehegt haben, im Sennelager interniert zu werden. Die stets wachsende Zahl der Gefangenen forderte eine Ausdehnung des Waldlagers. Man stellte weitere Baracken auf. Der sich von Monat zu Monat immer noch steigernde Zugang an Gefangenen hatte jedoch zur Folge, daß das Waldlager für die Unterbringung dieser Massen nicht mehr ausreichte und der verfügbare Boden auch die Aufstellung neuer Baracken nicht zuließ. Deshalb wurde im Januar 1915 an der nordwestlichen Seite des Truppenübungsplatzes, etwa 6 km vom Südlager entfernt, das Gefangenenlager Staumühle errichtet. Der Bau von ca. 100 Baracken wurde unverzüglich in Angriff genommen. Die äußerst schlechten Wegeverhältnisse zum neuen Lager hin machten es notwendig, für den nunmehr einsetzenden laufenden Transport von Lebensmitteln und sonstigem in großer Menge benötigten Gut, wie Baumaterial und Gerät aller Art, eine Zubringemöglichkeit zu schaffen. Man legte deshalb Anfang des Jahres 1915 eine Schmalspurbahn vom Bahnhof Sennelager zum Staumühlenlager. Eine Abzweigung von dieser Strecke lief im Waldlager aus.
Im Laufe der Kriegsjahre hatte sich allmählich ein recht buntes Völkergemisch im Lager eingefunden. „Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen!“ Diese Worte Schillers galten in übertragenem Sinne auch hier. Englänger, Franzosen, Italiener, Belgier, Rumänen, Neger und vor allen Dingen Russen bevölkerten die Lager, Wald- und Staumühlenlager beherbergten zusammen im Durchschnitt ständig 30000 bis 40000 Mann.
Der Ausbruch der Revolution am 9.11.1918 brachte die Auflösung der Gefangenenlager. Die Anwohner fürchteten das Schlimmste. Aber die Gefangenen gaben zu keiner Klage Anlaß. Ihr Verhalten hielt sich in Grenzen, obwohl sie viele Tage infolge der BeförderungsSchwierigkeiten auf den Abtransport warten mußten. Besonders- das Abtransportieren der Russen geriet durch die Verkehrsschwierigkeiten in Rußland stark ins Stocken. Erst im Februar 1921 konnten die letzten Russen abbefördert werden. Am 31.3.1921 wurde das Gefangenenlager in der Senne endgültig aufgelöst.

Revolution und Systemzeit
Als die November-Revolte 1918 alle Ordnungen stürzte, rissen auch im Sennelager die Soldatenräte die Herrschaft an sich. Die Truppenteile im Lager wurden aufgelöst und entlassen. Die Gefangenen überließ man sich selbst, so daß die Bewohner der hiesigen Gegend wahrlich zu schlimmster Besorgnis Anlaß hatten. Erst als die müden und abgekämpften Truppen von der Front zurückkehrten, gelang es einem Artillerie-Regiment in Verbindung mit Freikorps, die inzwischen auch im Lager sich zu bilden versuchten, die Ordnung im großen und ganzen wieder herzustellen. Als nach den Revolutionstagen äußerlich allmählich Ruhe eintrat, lösten sich die Freikorps-Verbände auf. Nun war das Lager vollkommen leer. Lediglich einige Zivilpersonen führten die Bewachung durch. Da das Versailler-Diktat Deutschland nur ein Heer von 100 000 Mann zugestand, war es in Zukunft unmöglich,
die vorhandenen Übungsplätze voll, wenn überhaupt irgendwie, auszunutzen. Samit schien auch das Schicksal des Truppenübungsplatzes Senne besiegelt. Besonders katastrophal wirkte sich dies auf die Ortschaft Sennelager aus, die sich im Vollzug des stetigen Ausbaues des Südlagers auch entsprechend erweitert hatte. Die Existenz fast aller Geschäfte stand auf dem Spiel. Ihre Wirtschaftlichkeit war ja lediglich auf das Vorhandensein einer größeren Lagerbelegung abgestimmt. Bittere Not griff immer weiter um sich. Eine Änderung dieser trostlosen Lage war vorerst nicht abzusehen.
In der Nachkriegszeit vollzog sich, unbekümmert um die tobenden politischen und wirtschaftlichen Wirren, unter zielbewußter, weitsichtiger Führung in aller Stille der Aufbau des 100 000 Mann-Heeres, das sich zum Grundstock des jetzigen Volksheeres im Laufe der Jahre entwickelte.
Die anfängliche Ungewißheit hinsichtlich der zukünftigen Verwendung des Truppenübungsplatzes Senne löste sich. Wenn auch schwach belegt, blieb der Übungsplatz doch seiner Bestimmung erhalten. Reichswehrverbände hielten nunmehr hier ihre Übungen ab. Vor allem waren es berittene Formationen, da ja die Senne von jeher der traditionelle Übungsplatz der Kavallerie gewesen war.

Das von Richard Schirrmann, dem Gründer des deutschen Jugendherbergswerkes, ins Leben gerufene Kinderdorf Staumühle im Jahre 1927.

Das Staumühlenlager als Kinderdorf
Das im Weltkrieg zur Unterbringung von Gefangenen errichtete Staumühlenlager wurde in den Nachkriegsjahren zum Teil wieder abgebrochen. Der restliche Teil diente innerhalb der Sommermonate je nach Bedarf als Unterkunft übenden Truppen.
Seit dem Sommer des Jahres 1925 wurden die Offiziersbaracken von dem Verband der Deutschen Jugendherbergen in Benutzung genommen. Kinder aus den licht-und lufthungrigen Mietskasernen der Großstädte des Ruhrkohlen – und des übrigen westlichen Industriegebietes sollten hier zu ihrer Kräftigung und Gesundung für einige Wochen untergebracht werden. Diese Erholungsstätte erhielt den Namen „Kinderdorf Staumühle“.
Lehrer Richard Schirrmann, Altona i.W., der Gründer des deutschen Jugendherbergswerkes, rief das Kinderdorf Staumühle ins Leben. Nach langwierigen Verhandlungen
mit dem Reichswehrministerium bzw. dem Wehrkreisverwaltungsamt VI und der Kommandantur des Truppenübungsplatzes Senne erreichte Schirrmann, daß ihm das Lager Staumühle mit insgesamt 1 000 Betten in 25 Baracken nebst Küche auf Widerruf zur Verfügung gestellt wurde. Die Entsendung der erholungsbedürftigen Groß-stadkinder erfolgte durch die Wohlfahrtsämter der Städte, die auch zur Hälfte oder ganz die entstehenden Kosten trugen. Regel war, daß geschlossene Gruppen mit der erforderlichen Anzahl geeigneter Lehrpersonen entsandt wurden. Auch war es öfters so, daß Stadtschulen auf eigene Rechnung ganze Klassen mit den Klassenlehrern schickten. Aufgabe der Lehrpersonen war es, für die schulische Weiterbildung der Kinder zu sorgen.
Der Aufenthalt im Kinderdorf erstreckte sich in der Regel über einen Zeitraum von 4 Wochen. Für Ordnung und Sauberkeit innerhalb der Baracken und des Lagers hatten die Kinder unter entsprechender Anleitung selbst Sorge zu tragen. – Luft, Licht, Sonne und Wasser, all das, was der damaligen Großstadtjugend dringend nottat, war hier im Staumühlenlager hinreichend vorhanden, so daß sie gesunden und erstarken konnten.
Seit dem 1. Mai 1925 fanden Kinder aller Konfessionen und Schulen im Staumühlenlager Aufnahme. Es wurden hier in den Monaten Mai bis Oktober untergebracht: im Jahre 1925 rund 2 300 Kinder mit 90 Lehrern, im Jahre 1926 rund 1 800 Kinder mit 75 Lehrern, im Jahre 1927 rund 2 400 Kinder mit 100 Lehrern. Angenommen wurden: Knaben vom 8.-16. Lebensjahr und Mädchen vom 8.-14. Lebensjahr.

Der politische Umbruch seit 1933 und seine Auswirkung auf den Truppenübungsplatz
Bald nach der Machtübernahme wurden auch planmäßig die Vorbedingungen für den weiteren Ausbau des Truppenübungsplatzes Senne geschaffen. Bereits am 31.10.1933 trat der durch den Nationalsozialismus ins Leben gerufene freiwillige Arbeitsdienst auf dem Übungsplatz in Aktion. Die Arbeitsmänner bezogen im Staumühlenlager Quartier und richteten dasselbe für ihre Zwecke vorübergehend als Reichsarbeitsdienstlager her. Im Hinblick auf die umfangreichen Ausbildungsvorhaben der nächsten Jahre war die Mitarbeit des Arbeitsdienstes beim Ausbau und der Herrichtung des Übungsgeländes von spürbarem Wert. Die tatkräftige Mitarbeit der Arbeitsdienstmänner erfolgte vor allem bei der Anlage von Schießständen, beim Straßenbau und sonstigen dringlichen Vorhaben. Am 1.10.1935 wurde die Auflösung des Arbeitsdienstlagers verfügt.

Die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16.3.1935 wirkte sich naturgemäß auch auf die Truppen
übungsplätze aus. Dort, wo sich bislang seit fast zwei
Jahrzehnten militärisches Leben und Treiben nur spärlich
oder vielleicht gar nicht zeigte, entstand nun wieder
emsiges Wirken. Nunmehr konnte offen und frei an der
zweckdienlichen Herrichtung der Übungsplätze gearbei
tet werden.
Schon im Jahre 1936 setzte ein großzügiger Ausbau des Süd- und Staumühlenlagers ein. Zunächst galt es, das bisherige Unterkunftssoll um ein beträchtliches zu erhöhen. Ferner mußte der Unterbringung einer modernen Truppe, bei welcher der Motor die Hauptrolle spielt, Rechnung getragen werden. Die wesentlichen waffentechnischen Verbesserungen sowie die Indienststellung neuer Waffen und Geräte machten es erforderlich, daß auch hierfür Ausbesserungs- und Reparaturmöglichkeiten geschaffen wurden. So entstanden im Südlager neben den 4 Doppelkompanie-Gebäuden, den 2 Geschäftszimmerbaracken und dem Doppelwirtschaftsgebäude moderne Kraftfahrzeughallen und Waffenmeistereien.

Durch die Einführung neuer, modernster Waffen im Heer genügte der Übungsplatz nicht mehr den Anforderungen, die in der Folge an ihn gestellt werden mußten. Vor allem war es die Artillerie, welche durch die wesentliche Steigerung der Schußweiten moderner Geschütze eine Erweiterung der Platzgrenzen erforderlich machte, um nicht beim Aussuchen geeigneter Feuerstellungen dauernd auf Schwierigkeiten zu stoßen. Das Ermieten von Gelände für die Schaffung dieser Feuerstellungen außerhalb des Truppenübungsplatzes schien einerseits deshalb nicht ratsam, weil das Überschießen des verhältnismäßig dicht besiedelten Nord- und Ostrandes des Platzes immerhin eine gewisse Gefahr nicht ausschließt, andererseits aber auch diese Art der Problemlösung mit erheblichen Kosten verbunden war. Durch Erlaß des OKH. vom 18.7.1936 hat man daher am nördlichen bzw. östlichen
Rande des Platzes in den Gemarkungen Schlangen,
Haustenbeck und Hövelsenne ca. 326 ha Land angekauft.
Im Jahre 1936 wurde in der Nähe des Ortes Augustdorf, am Fuße des Teutoburger Waldes, die Errichtung eines Lagers zur Unterbringung von zwei Landwehr-Bataillonen verfügt. Am 1.6.1937 trafen die hierfür erforderlichen Baracken vom Landwehr-Bataillon Mühlheim-Ruhr ein. Dieses neue Lager wurde am 31.10.1937 der Kommandantur des Truppenübungsplatzes unterstellt. Ein zur Ausbildung dieser Formationen erforderliches Übungsgelände in Nähe des neuen Lagers wurde auf Grund des OKH Erlasses vom 21.1.1937 angekauft. Es waren ca. 1500 ha, vorwiegend Heideland, zwischen den Orten Augustdorf und Haustenbeck gelegen. Das Jahr 1939 sollte den großzügigen Ausbau des Lagers in Steinbauten bringen. Der Krieg ließ dieses Vorhaben jedoch nicht in der beabsichtigten Planung zur Ausführung kommen. Statt dessen wurde ein ausgedehntes Barackenlager errichtet, welches zu Beginn des Jahres 1941 bezugsfertig wurde. Das Lager erhielt die Bezeichnung „Nordlager“.

Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Wehrmacht nach 1933 diente die Senne wieder verstärkt militärischen Übungszwecken. Seit 1935 übten hier verschiedene Infanterie- und Panzerregimenter sowie einzelne Landwehr-Artillerie-Regimenter. Die Aufnahme aus dem Jahre 1937 zeigt eine berittene Truppe, die ins Manöver zieht.

Eine Verbindung zwischen dem alten Platz und dem Übungsgelände des neuen Nordlagers bestand nicht. Es war dies ein Umstand, der sich in der Folgezeit als sehr hinderlich bzw. hemmend zeigte. Es mußte daher eine direkte Verbindung der beiden Platzgebiete im Interesse der Truppe angestrebt werden, selbst auf die Gefahr hin, daß größere Härten unvermeidlich blieben, weil eine Aussiedlung des Dorfes Haustenbeck in diesem Falle sich nicht umgehen ließ.
Der Erlaß des OKH vom 18.10.1937, der die endgültige Erweiterung des Truppenübungsplatzes Senne anordnete (Erwerb von ca. 6 000 ha Land), machte auch die Durchführung dieses Vorhabens möglich. Es erfolgte die Einverleibung des die beiden Plätze bisher trennenden Zwischengebietes, einschließlich des Dorfes Haustenbeck. Die Bewohner des Ortes wurden umgesiedelt.

Mit der Durchführung des OKH.-Erlasses zwecks Erweiterung des Truppenübungsplatzes wurde die Reichsumsiedlungsgesellschaft m.b.H. Berlin (Ruges) beauftragt. Die der Reichsumsiedlungsgesellschaft auf Grund der OKH – Erlasse erteilten Aufträge waren in ihrer Ausführung durchaus nicht leicht. Die vorgesehenen Gebietserweiterungen machten insgesamt 886 Kaufabschlüsse notwendig, von denen bis zum 15.1.1941 797 Verträge getätigt wurden. Die 1892 getätigten Geländeankäufe für den alten Platz können in keiner Weise hier als Parallele gelten. Damals war das Land nur spärlich vom Spaten unberührte Heide. Jetzt aber handelte es sich um verhältnismäßig dicht besiedelte Gebiete mit einem hohen Prozentsatz kultivierten Bodens. Es ist daher verständlich, wenn der Name Ruges unter den Bewohnern der Ankaufsgebiete alles andere als sympathisch wirkte. Mochte sie auch die einzelnen Fälle noch so individuell und mit gleichsam psychologischer Einfühlung behandeln, Vorwürfe und üble Nachreden, wie solche, daß sie die Bauern von ihrem Grund und Boden vertriebe, blieben ihr nicht erspart. Doch im Interesse des Volksganzen mußten diese Opfer gebracht werden. Den Einzelnen trifft’s zwar hart, aber wenn darüber hinaus die Sache für Wohl und Zukunft des Ganzen unerläßlich scheint, kann kein persönliches Empfinden entscheidend sein. Im Hinblick auf diese vielfach üble Nachrede muß zur Ehrenrettung der Ruges gesagt werden, daß die Kaufakten den Beweis erbringen, mit welcher Sorgfalt und Mühe sie sich jeden einzelnen Falles angenommen hat. Die persönlichen Wünsche des Einzelnen fanden weitestgehende Berücksichtigung. Die gezahlten Geldentschädigungen machten es jedem Betroffenen ohne weiteres möglich, sich anderweitig neu anzusiedeln. Auch war dahingehend Vorsorge getroffen, daß für die Ausgesiedelten neue Ansiedlungsstellen bereitgestellt waren. Die größeren Betriebe erhielten Neubesitz auf dem von der Ruges im Auftrage des OKH erworbenen und mit Zuschüssen desselben aufgeteilten und bebauten Siedlungsgelände in Isenbüttel, Kreis Gifhorn, und Bexten in Lippe. Andere Kleinbesitzer erwarben Ersatz-Bauplätze auf dem mit Unterstützung des OKH aufgeschlossenen Siedlungsgelände Moorlage bei Hörn und errichteten darauf durch das Kreisbauamt Detmold Neubauten. Andere Ausgesiedelte fanden Beschäftigung als Arbeiter des Truppen-Übungsplatzes und wurden nach Möglichkeit in den der Kommandantur gehörigen Randwohnungen untergebracht. Das Enteignungsverfahren mußte nur in geringen Fällen zur Anwendung kommen. Dies ist zweifelsohne ein weiterer Beweis dafür, daß der Geländeankauf sich im allgemeinen reibungslos vollzog und eine Befriedigung der ehemaligen Besitzer grundsätzlich erzielt wurde.  

QUELLE: Chronik des Truppenübungsplatzes Senne. Herrn Oberfeldzahlmeister Otto Darges zum 65.Geburtstage und 45. Militärjubiläum in Verehrung und Dankbarkeit geewidmet. Die Beamten und die Gefolgschaft der Heeresstandortverwaltung Senne. Sennelager, den 11.September 1942.