Der Stand der Viehhaltung und Tierzucht in Lippe 1967

In der Landwirtschaft kommen dreiviertel der Einnahmen aus der Viehhaltung, mit kleiner werdender Betriebsgröße erhöht sich dieser Anteil auf nahezu 100%. Die arbeitsaufwendige tierische Veredlung ermöglicht dem kleineren Betrieb durch Veredlungszweige, die von der eigenen Futtererzeugung unabhängig sind, sein Einkommen zu erhöhen. Der Zug zur Veredlung ist durch die Getreidepreissenkung im Rahmen der EWG-Marktordnung auch in den größeren Betrieben stärker geworden. Geringe Verdienstspannen zwingen zu rationellster Erzeugung. Gesunde Tierbestände, arbeitsparende Haltungsformen, billige Fütterung und gute genetische Leistungsanlagen sind für eine wirtschaftliche Veredlung notwendig.

Nachzuchtsammlung auf der Kreistierschau Lippe am Siekkrug. dumpfige Tiere mit viel Adel, regelmäßigen Eutern und korrekten Beinen.

Nur Qualität bringt befriedigende Preise. Der Konsument hat seine Ansprüche und Verzehrsgewohnheiten nach dem Kriege sehr gewandelt. Das bedeutet, daß sich auch die Zuchtziele bei unseren Tieren wandeln mußten. Die züchterische Arbeit hat in den letzten 20 Jahren durch die Anwendung neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gute Erfolge aufzuweisen. Dabei wird sie unterstützt von Einrichtungen, deren Wirksamkeit teilweise bis in das vorige Jahrhundert zurückreicht.
Der Verein zur Förderung der Tierzucht in Lippe, 1877 in Detmold gegründet, hatte zunächst bevorzugt die Förderung der Pferdezucht zum Ziel, er hat seine Wirksamkeit schon lange stärker auf die wirtschaftlich bedeutungsvolleren Tierarten Rind und Schwein gerichtet. Der Verein stellt über beide Kreise verteilt Vatertiere bester Abstammung auf. Gute Leistungsvererber können durch den Wechsel der Deckstation besonders lange genutzt werden; die Gefahr der Inzucht wird dadurch vermieden.
Beide Landkreise stellen Mittel für die Förderung der Tierzucht bereit. Der Einsatz dieser Mittel ist dem Verein zur Förderung der Tierzucht übertragen worden, sie werden sowohl den wirtschaftlich bedeutungsvollen Fachgruppen der Großtier- als auch in Anerkennung ihrer Bedeutung der Kleintierhaltung zugewiesen.
Dem Oberkreisdirektor obliegt die Aufsicht über die Durchführung des Tierzuchtgesetzes, nach dem nur gekörte Vatertiere in ausreichender Menge in den Gemeinden zur Verfügung stehen müssen. Das Veterinäramt ist um die Verhütung und Ausmerzung von Tierseuchen bemüht.
Ein weiteres Mittel zur Förderung sucht der Verein in der Durchführung von Tierschauen. Ideale oder dem Zuchtziel nahe kommende Tiere fortschrittlicher Züchtung stehen unter besonderer Betonung ihres Erbwertes und hoher Lebensleistung in harter Konkurrenz vor den Preisrichtern.
Sie zeigen das Erreichte und Erreichbare und regen zum Wettbewerb oder zum Erwerb solcher Tiere an.
Der Zusammenschluß zu Vatertier-Haltungsgenossenschaften, meist auf Ortsebene, reicht ebenfalls weit zurück. Er ermöglicht den Ankauf wertvollerer Leistungstiere als es die Finanzkraft des Einzelnen vermag. Diese Genossenschaften haben für den Fortschritt in der Tierzucht z. T. hervorragende Arbeit geleistet. Sie werden heute durch die künstliche Besamung mit ihren noch besseren Vererbern hart bedrängt. Hinzu kommt, daß viele Betriebe nicht mehr die geeigneten Kräfte für das Führen der Tiere zur Verfügung haben.

ELKE 362597 5/5/5. – Im Gegensatz zur Notengebung in der Schule ist 5 die beste Note. Elke ist vorbildlich im Typ, in der Euterbeschaffenheit und in der Melkbarkeit.

Die Rindviehhaltung war bisher das stabile Element in den Betriebszweigen der Landwirtschaft. Eine feste Milchmarktordnung sicherte stabile Preise, die bei guten Leistungen, zweckmäßig organisierter Futterwirtschaft und geringen Spe-zialkosten eine Rente abwarfen. Eine ungünstige Verschiebung der Kostenfaktoren, die hohen Zubringerdienste durch Futterbau und Futterwerbung haben für viele größere Betriebe die Milchviehhaltung unrentabel gemacht und zur Abschaffung der Herden geführt. Dabei ergibt sich als Problem die Nutzung des natürlichen, nicht umbruchfähigen Grünlandes. In den meisten Fällen erfolgt sie durch d.e Mast von Jungbullen, andere Ersatzformen der Milchviehhaltung sind Färsenaufzucht, Ammen- und Mutterkuhhaltung und die Haltung von Weideschafen.

Unsere Schwarzbuntzucht, die neben einigen Rotbunt- und Jerseyherden den Hauptteil der Rinderbestände ausmacht, ist als Zweinutzungsrind auf Milch- und Fleischleistung ausgerichtet. Weil die Rindfleischerzeugung einen gewissen Engpaß in der Zahl der anfallenden Kälber hat — Zwillingsgeburten sind unerwünscht —, werden die Tiere heute größer und rumpfiger gezüchtet. Neben dem Typ und Körperbau kommt der Euterbeschaffenheit und der Melkbarkeit besondere Bedeutung zu. Die Melkmaschine erfordert ein gut sitzendes Euter mit gleichgestellten Strichen und gleichmäßigem Milchfluß aus allen vier Eutervierteln.
Der Kreis-Milch-Kontrollbezirk Lippe schafft durch die Leistungsermittlung die Grundlagen für eine wirtschaftliche Rindviehhaltung und ermittelt wertvolle Blutlinien. Etwa die Hälfte aller Kühe in Lippe stehen unter Kontrolle. Sie erbringen eine Durchschnittsleistung von 4500 kg Milch bei 3,83% Fett, sie hat sich aus dem Jahre 1947 mit 2500 kg und 3,18% Fett, dem Tiefstand der Kriegs- und Nachkriegsjahre, zu dieser Höhe entwickelt. Im Jahre 1966 erbrachten zwei Milchkühe  eine Leistung von über 10000 kg Milch, sehr viele liegen über 6000 kg und 4% Fett, dem erklärten Zuchtziel des Verbandes Deutscher Schwarzbuntzüchter. Ganze Herden, selbst solche mit 30 und mehr Kühen liegen über 5000 kg Milch bei etwa 4% Milchfett.

Genossenschaft zur Bekämpfung der Zuchtkrankheiten u. Besamungsstat. e.G.m.b.H. in Hündersen.

Die Rindviehhaltung hatte harte Kriegsund Nachkriegsjahre zu bestehen. Nach der Dezimierung infolge der Zwangsbewirtschaftung erfolgte der Aufbau, unterbrochen und erschwert durch die amtliche Tuberkulose-Tilgung. Die Ausmerzung oft der besten Leistungstiere, die Aufzucht oder der Ankauf notwendiger Ersatztiere und die geringere Leistung der jungen Bestände brachten der heimischen Landwirtschaft erhebliche Einkommensverluste. 1965 hatten wir in Lippe 54 734 Rinder aller Altersklassen, 1956 waren es 43137. Die Hälfte davon sind erfahrungsgemäß etwa Milchkühe und tragende Färsen. In den letzten Jahren hat sich der Kuhbestand in der Gesamtzahl konstant gehalten, aber die Verteilung auf die Betriebsgrößen hat sich verändert. Viele Kleinbetriebe mit geringer Kuhzahl haben die Kühe abgeschafft, weil der Betriebsleiter einen lohnenden Zu- oder Vollerwerb in der Industrie fand. Größere Lohnarbeitsbetriebe  haben die Milchviehhaltung aufgegeben, weil sich bei den hohen Spezialkosten keine Rente mehr ergab. Aufgefangen wurden diese Abgänge durch Aufstockung der Bestände in den mittleren Betriebsgrößen. Der bäuerliche Familienbetrieb wird künftig der Hauptstandort der Milchviehhaltung sein.
Eine Einrichtung, die sich modernste naturwissenschaftliche Erkenntnisse zunutze macht, ist die Genossenschaft zur Bekämpfung der Zuchtkrankheiten und Besamungsstation e. G. m. b. H. in Hündersen.

Der Bulle Monarch 42 090, der als g/g Vererber in Hündersen steht, übertrifft seine Konkurrenten in Westfalen-Lippe in der Vererbung der Milchmenge um 600 kg, im Fettgehalt um 0,22 %

Mit einem Durchschnittsbestand von etwa 20 Bullen bester Abstammung wurden im Geschäftsjahr 1965/66 über 30 000 Besamungen vorgenommen.
Die Genossenschaft nahm 1947 in Wier-born ihre Arbeit auf, siedelte zwischendurch für 2V2 Jahre nach Johannettental um und arbeitet heute auf eigenem Grund und Boden in Hündersen.
Die Genossenschaft arbeitet heute weit über die Grenzen Lippes hinaus; 81% der Besamungen werden von 92 mitarbeitenden praktizierenden Tierärzten durchgeführt, 19% von 2 Stationsärzten und 3 angestellten Besamungstechnikern. Ein Ziel ist die regelmäßige Trächtigkeit der Tiere durch Vermeidung oder Behebung der Sterilität, nur regelmäßige Abnablungen sichern den höchstmöglichen Milchertrag und die erwünschte Kälberzahl. Zweitens sollen die wirtschaftlich nutzbaren Eigenschaften wie Milchmenge, Fettgehalt, Fleischbildung, Melkbarkeit, Gesundheit und Langlebigkeit gesteigert werden. Bei der hohen Zahl von Nachkommen eines Bullen bei der künstlichen Besamung kann der Nutzen oder Schaden, den ein Plusoder Minusvererber im Laufe seiner Decktätigkeit in dem genetischen Leistungsvermögen seiner Nachkommen hinterläßt, in die Hundertausende von DM gehen.
Aus diesem Grunde wird angestrebt, durch den Populationsvergleich frühzeitig eine Erbwertschätzung oder ein endgültiges Erbwerturteil zu erhalten.
Das Tiefgefrierverfahren ermöglicht, das Sperma eines Bullen für beispielsweise 10 000 Besamungen über Jahre hinaus zu konservieren. Fällt die Erbwertermittlung positiv aus, kann es zur Besamung eingesetzt werden, wenn der Bulle selbst evtl. gar nicht mehr lebt. Ist sie negativ, wird die gesamte Spermamenge vernichtet. Mit der künstlichen Besamung wird die breite Landestierzucht eine schnelle Förderung erfahren. Von 26284 Kühen und tragenden Färsen in Lippe werden 10626 oder 40°/o künstlich besamt.
Die Hochzüchter, die dem Westfälisch-Lippischen Herdbuch angehören, sind die Pioniere der Züchtung, sie stellen durch ihr züchterisches Können die wertvollen Blutlinien zur Erreichung der Zuchtziele bereit. Gekörte Jungbullen, tragende Färsen und Milchkühe werden auf den Auktionen des Verbandes in Hamm umgesetzt.

So ändert sich die „Mode“ im Zeitraum von 20 Jahren

Die Schweinehaltung, durch die Zwangsbewirtschaftung der Kriegs- und Nachkriegsjahre ebenfalls stark dezimiert, ist nach dem Kriege aufgebaut und ausgeweitet worden. Zur Zeit hat sie in der Bundesrepublik eine Rekordhöhe erreicht, die beiden lippischen Kreise machen in der Bestandsausweitung keine Ausnahme. Das Vorhandensein leistungsfähiger Verarbeitungsbetriebe und die relativ günstige Lage zum Hauptverbrauchsgebiet berechtigen dazu.
1956 zählten wir in Lippe 127 324 Tiere aller Altersklassen, 1965 waren es 135 766. Bei der Schweinemast beobachten wir eine Differenzierung im Hinblick auf den Umfang der Produktion von Betrieb zu Betrieb, aber auch auf die Arbeitsteilung hinsichtlich Ferkelerzeugung und Mast. In den ersten normalen Nachkriegsjahren hielt der durchschnittliche bäuerliche Betrieb auf 6—8 ha landwirtschaftliche Nutzfläche 1 Zuchtsau, die Nachzucht wurde gemästet, das gab 2—3 Mastschweine je ha und Jahr. Heute mästen viele Betriebe die doppelte Anzahl, aber nur wenige Betriebe verzichten ganz auf die Schweinehaltung. In einigen groß- und mittelbäuerlichen Betrieben hat die arbeitsextensive Mast die erste Stelle in der tierischen Veredlung eingenommen. Sie verzichten dabei vielfach auf die eigene Sauenhaltung, weil sie höhere Ansprüche an die Stalleinrichtung, das Stallklima, an die Fütterung und die Überwachung stellt. Die Mast läßt sich durch arbeitsparende Stallformen gut mechanisieren. Im Teilspaltenboden werden Einstreu und Entmistung überflüssig. Automatische Fütte-rungs- und Dosieranlagen beginnen ihren Einzug zu halten und machen die termingebundene Anwesenheit der betreuenden Arbeitskraft nicht zu allen Futterzeiten notwendig. Aber das Sprichwort „Das Auge des Herrn ernährt das Vieh“ hat seine Berechtigung in den dichtbelegten modernen Ställen mehr denn je.

Der Bedarf an Ferkeln kann im heimischen Raum nicht gedeckt werden. Wünschenswert wäre eine verstärkte gesunde Ferkelerzeugung in unseren Betrieben, weil durch Zukauf aus anderen Gebieten immer wieder Krankheiten und Seuchen eingeschleppt werden. Die Herdengröße sollte 50—70 Sauen nicht wesentlich übersteigen, da große Bestände von spezifischen Krankheitserregern leichter befallen werden und ein zu starkes Risiko bedingen. Aus diesen Gründen wird der bäuerliche Familienbetrieb der Hauptstandort der Ferkelerzeugung bleiben.
Infolge der hohen Geburtenzahl läßt sich der Schweinebestand schnell vermehren. Bei zwei Würfen pro Jahr werden im Durchschnitt 16 Ferkel aufgezogen, erfolgreiche Gebrauchszüchter erzielen 18, einige Tiere 19—20 Ferkel. Dieser schnelle Aufbau führt zum bekannten Schweinezyklus. Bei hohen Schweinepreisen werden vermehrt Sauen zugelassen. Die Ferkel erscheinen nach 11 Monaten vom Zulassungszeitpunkt als Schlachtschweine auf dem Markt. Bald eintretendes Überangebot führt zu sinkenden Preisen und sodann wieder zur Einschränkung der Sauenhaltung. Die gegen früher verkürzte Mastzeit bedingt, daß der Abstand hoher bzw. niedriger Preise von 3½—4 Jahren auf 2½—3 Jahren verkürzt worden ist.

Fettarm oder fettreich . . . für Laien schon offenkundig. Bei der Totvermarktung wird die Klassifizierung nach der Dicke des Rückenspeckes vorgenommen.

Die Getreidepreissenkung im Rahmen der EWG-Marktordnung und betriebswirtschaftliche Umstellungen haben die Neigung zur Produktionsausweitung verstärkt. Der erste Ansatz, das Einkommen aus der Schweinemast zu erhöhen, sollte aber in der Einsparung bei den Produktionskosten liegen. Gutes Tiermaterial ist Voraussetzung für eine wirtschaftliche Produktion und für die Erzeugung von Qualität, die einen höheren Verkaufserlös bringt.
Unsere Hochzüchter — die dem Schweinezüchterverband Westfalen-Lippe e. V. angeschlossenen Züchter — haben dafür sehr gute Arbeit geleistet. Das Zuchtziel hat sich in den letzten 20 Jahren mit den veränderten Konsumansprüchen mehrfach geändert. Bis in die ersten Nachkriegsjahre hielt sich in unseren Ställen das großrahmige Veredelte Deutsche Landschwein, das im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts durah Einkreuzung frühreifer englischer Rassen gezüchtet worden war. Diese Tiere wurden zunächst mit billigem Grundfutter wüchsig gehalten und in einer Endmast auf 150—170 kg gebracht. Der Stolz des Mästers wuohs damals mit der Dicke des Rückenspecks. Nach dem Kriege verlangte der Konsument fettarmes Fleisch. Die Züchter trugen dem Rechnung und züchteten das mittelrahmige Mehrzweckschwein. Mit 20 kg zur Mast aufgestellt findet es bei einem Mastendgewicht von 80 bis 110 kg Verwendung als Ladenschwein, d. h. zum Frischfleischverkauf. Zur Herstellung von Dauerware kann es auch schwerer gemästet werden. Lippische Hochzüchter haben diesen Typ weitgehend mitgestaltet, sie erzielten auf der ersten Nachkriegs-DLG-Ausstellung in Frankfurt/Main höchste Anerkennung und erste Preise.
Mit steigendem Wohlstand trat eine starke Differenzierung in den Preisen für Kotelett und Schinken einerseits und den weniger begehrten fetthaltigen Teilen andererseits ein.

Seit etwa 10 Jahren werden die Tiere des Kotelettstranges wegen länger gezüchtet, bei starker Beachtung der Schinkenausbildung und einem günstigen Fleisch-Fettverhältnis. Zur schnelleren Verwirklichung dieses Zieles wurde holländisches und dänisches Blut eingekreuzt. Heute sind unsere Züchter dabei, diese Zuchtrichtung auf das rechte Maß zu konsolidieren. Der Erbwert der Zuchttiere wird durah Schlachtwertprüfungen bei ihren Nachkommen ermittelt. Festgestellt wird bei dem 110 kg schweren Schlachttier die Länge vom 1. Halswirbel bis zum „Schloßknochen“, sie dürfte bei 105 cm ihr Optimum überschreiten. Weiterhin wird der Querschnitt des Rückenmuskels durah den Kotelettschnitt in Höhe der vorletzten Rippe gemessen, 36 cm2 werden erstrebt. Und schließlich wird das Fleisch-Fettverhältnis ermittelt. Die Grenze von 1 : 0,60 bis 0,65 dürfte nicht unterschritten werden, denn eine gewisse Fettabdeckung des Fleisches ist notwendig, wenn der Braten saftig bleiben soll.

Weitere Erbwertprüfungen erstrecken sich auf die Zuchtleistung, bei der die Fruchtbarkeit und die Aufzuchtleistung der Sau durch Feststellung des Vierwochengewichtes der Ferkel ermittelt wird, und auf die Mastwertprüfung. Bei der letzteren werden vier Nachkommen eines Zuchttieres zur Mastprüfungsanstalt eingesandt. Mit standardisiertem Futter wird neben anderen Daten insbesondere der Futterverbrauch für 100 kg Gewichtzunahme im Abschnitt von 40 kg bis 110 kg Lebendgewicht ermittelt. Die durchschnittliche Futterverwertung der Mastprüfungsanstalt Haus Düsse liegt heute bei 1 :3,5, sie schwankt aber zwischen 1 : 3,1 bis 1 : 4,1. Da alle Umweltfaktoren gleich sind, ist der Unterschied genetisch bedingt. Das heißt, daß je nach dem Erbwert der Tiere in einem Falle für 1 dz Gewichtzuwachs 3,1 dz, im anderen Falle 4,1 dz Futter gebraucht werden. Die Differenz von 1 dz Futter bedeutet Mehr- oder Minderkosten von etwa 45,— DM. Diese Leistungsangaben stehen im Abstammungsnachweis verzeichnet; Tiere entsprechender Leistung können auf den Absatzveranstaltungen in Lage oder außerhalb Lippes ersteigert werden.

Neben den genetischen Voraussetzungen müssen alle anderen Faktoren zur Kostensenkung beitragen. Da die Futterkosten den Hauptteil der Kosten ausmachen, ist hier der Ansatz am wirkungsvollsten.  Die Tiere werden heute rationiert gefüttert, d. h. die Futterzuteilung erfolgt nach dem Körpergewicht der Mastgruppe. Die Zuteilung ist so bemessen, daß keine größeren Nährstoffüberschüsse vorhanden sind, die in Fett umgewandelt werden könnten. Die rationierte Fütterung liegt im Interesse von Konsumenten und Erzeuger, beide wollen kein Fett. Fett ist kalorienreich, für den Landwirt ist es teurer  u erzeugen als Fleisch. Um zu einer Kostensenkung zu kommen, haben sich fortschrittliche Landwirte zu einem Erzeugerring zusammengeschlossen. Ringberater ermitteln die notwendigen Unterlagen durch Wiegen der Mastgruppen und beraten die Mitglieder beim Futtermitteleinkauf, bei der Zusammenstellung der Futtermischungen und der Futterzuteilung. Der Ring betreut Ferkelerzeuger und Mäster.

Mittelrahmiges Kaltblut

Das Pferd hat durch Jahrhunderte hindurch die stärkste Förderung erfahren, vorwiegend weil es für Wehrzwecke gebraucht wurde. Auch in Lippe hat das Pferd eine lange Geschichte. Die Chronik berichtet, daß die Zucht des anspruchslosen zähen Sennerpferdes durch den Dreißigjährigen Krieg größtenteils vernichtet war.

Eine Landesverordnung vom Jahre 1699 versuchte das lippische Gestütswesen neu aufzubauen. Private und staatliche Einflüsse wechselten im Laufe der Geschichte. Im Jahre 1768 wurde das Landgestüt Lopshorn eingerichtet. 1837 wurde der Verein zur Pferdezucht in Lippe gegründet. Er löste sich 1870 auf, aber 1877 wurde der schon erwähnte neue „Verein zur Förderung der Viehzucht, insbesondere der Pferdezucht“ gegründet. Nach zunächst schwankenden Zuchtrichtungen entschied man sich für einen Kaltblutschlag vom Typ des Rheinisch-Deutschen Schlages und einen Warmblutschlag auf Hannoveraner-Grundlage. Heute stehen die Beschäler des Landgestüts Warendorf der lippischen Pferdezucht zur Verfügung, doch hat der Verein auf eigenen Einfluß in der Wahl geeigneter Hengste nicht verzichtet. In keinem anderen Lande ist das Pferd wohl liebevoller und sorgfältiger behandelt worden als in Lippe. Zwar war es früher überall die „Visitenkarte“ des Betriebes, das Gespann und sein Futterzustand gaben das Sozialprestige für den Betriebsleiter ab. Aber nirgends wurde so sorgfältig gefüttert, bis zu fünfmal wurde das Kurzfutter zugeteilt, damit es nicht warm geblasen wurde und bekömmlich blieb. Trotzdem bleibt dem treuen Gefährten des Menschen das allgemeine Schicksal auch hier nicht erspart. Der Schlepper hat die schweren Zugarbeiten bei Transporten und Feldarbeiten übernommen. Die Pferde konnten leichter werden oder sie wurden überflüssig. Im Jahre 1956 hatten wir in Lippe noch 6386 Pferde, 1965 waren es noch 2538. Der Rückgang hält noch an, obwohl die Ansprüche an die Pflege und an das Futter bei den wenigen geforderten Leistungen äußerst gering geworden sind. Bei dem Interesse für den Reitsport hat der Warmblüter in der Zucht vielleicht bessere Chancen als der Kaltblüter. Die noch verbliebenen Stammbuchstuten sind von sehr guter Qualität.

Edles Warmblut

Während in der Pferdehaltung die Entwicklung der Bestände noch rückläufig ist, hat das Schaf anscheinend die Talsohle durchschritten. Zwar ging die Zahl von 5629 im Jahre 1956 bis zum Jahre 1965 auf 4551 Schafe zurück, aber das Jahr 1966 brachte wieder eine kleine Zunahme. Der Schwund erstreckte sich bisher vorwiegend auf die Herdenhaltung des Schwarz-köpfigen Fleischschafes durch Aufgabe einiger Gutsschäfereien und durch die Abschaffung der ostfriesischen Milchschafe, die in der Notzeit der Kriegs- und Nachkriegsjahre eine starke Ausbreitung erfahren hatten.

Seit einigen Jahren findet das Texel-schaf in Form der Weideschafhaltung Eingang in die Betriebe, die keine Milchkühe zur Verwertung ihres natürlichen Grünlandes haben, oder es weidet gemeinsam mit den Kühen auf den intensiv genutzten Weiden. Das Zuchtziel liegt in der Erzeugung von Mastlämmern bester Qualität, dazu wird ein hohes Abiammergebnis angestrebt. Das Fleisch bringt heute beim Schaf etwa 84% der Einnahmen, die Wolle nur noch 16%. Günstige Veredlungschancen würden sich bieten, wenn die deutsche Hausfrau ihr Vorurteil gegen das Lamm aufgeben würde. Der Konsum an Schaffleisch liegt in Deutschland bei 200 g je Kopf der Bevölkerung, der Amerikaner ißt 2,1 kg, der Franzose 6 kg, der Engländer sogar 10,4 kg. Die Ursache unseres geringen Konsums liegt teilweise daran, daß wir noch nicht wahrgenommen haben, daß der Landwirt nicht mehr Hammel-, sondern Lammfleisch produziert.

Die Hühnerhaltung als bedeutendster Zweig der Geflügelhaltung ist von 282 899 Legehennen im Jahr 1956 auf 336 415 im Jahr 1965 gestiegen.

Texelschafe auf der Weide

Als Veredlungszweig, der unabhängig ist von der eigenen Futtererzeugung, bietet sie eine Chance für kleine Betriebe, denn in der Legehennenhaltung wird heute vorwiegend Fertigfutter verabreicht. Viele Betriebe in Lippe haben die günstigen Absetzchancen im Sommerfrische-Gebiet wahrgenommen. Die Legeleistung liegt im Schnitt aller Haltungsformen heute bei 202 Eiern je Henne und Jahr. Die Bestände mit Auslaufhaltung erbringen 165, die der Intensivhaltung, die den Tieren den „ewigen Frühling“ beschert, 233 Eier. Zur Zeit erleben wir eine starke Konzentrierung der Legehennenhaltung.

Vielfach wird der Landwirtschaft der Vorwurf gemacht, daß sie sich noch nicht genügend moderner Produktionsmethoden wie in der Industrie bediene. Aus dem Geschilderten ist deutlich geworden, daß in den letzten 20 Jahren große Fortschritte in der Viehhaltung und Tierzucht erzielt wurden. Aber in der Landwirtschaft gelten andere Produktionsgrundsätze als in der Industrie. In der Tierzucht muß das erste Ziel sein, konstitutionsstarke, gesunde Tiere zu haben. Dieses Ziel läßt sich auf die Dauer nur erreichen, wenn die Gesetze der lebendigen Kreatur im Hinblick auf ihre Entwicklungsbedingungen, ihr Leistungsvermögen, ihre Haltung und Fütterung berücksichtigt werden.

Quelle Heimatland Lippe 1967 – Von Otto Echtermeyer