Vier Nachbarhäuser in Oerlinghausen

1. Das Haus des Kommerzienrats.

Mit dem vielgelesenen Roman der Gartenlaube „Im Hause des Kommerzienrats“ hat es nichts zu tun; die Mar litt hat sich nach Oerlinghausen nicht verlaufen. Zur Zeit ist das Haus von der Besatzungsmacht noch beschlagnahmt.

Kommerzienrat Carl Weber jr. hat das Haus 1884 bauen lassen; 1898 wurde es umgebaut und erweitert. Etwa zehn Jahre später schuf Prof. Niemeyer, München, die Inneneinrichtung gänzlich neu. Es gab keine kalte Pracht im Innern, sondern jedes Wohngemach atmete Behaglichkeit und Schönheit. Man fühlte sich sogleich wohl, in welchen Raum auch immer der freundliche Hausherr den Gast führte. Carl Weber war ein Schöngeist, der nicht nur sein Heim mit erlesenen Kunstschätzen schmückte, sondern den wir auch als den eigentlichen Gestalter des herrlichen Parks kennenlernten. Er suchte die Liebe zu den Blumen in der

Haus des Kommerzienrats Karl Weber

Oerlinghauser Jugend zu wecken, indem er jährlich im Frühjahr Hunderte von Topfblumen seiner Gärtnerei an die Schüler verteilte. Die schönsten und am besten gepflegten Exemplare wurden im Herbst durch Bücher prämiiert.

In der Öffentlichkeit trat Carl Weber als Gründer des Verschönerungsvereins hervor (1892). Seit 1891 war er Mitglied der Gemeindevertretung. Seit Februar 1919 bis zu seinem Tode im April 1923 war er Vorsitzender der Gemeindevertretung.

Diese Tatsache zeugt von der Beliebtheit und von dem Ansehen, das er, der vielgereiste und erfahrene Fabrikherr in allen Kreisen besaß. Seine vielseitige Betreuungstätigkeit während des ersten Weltkrieges hat zweifellos zu dem hohen Ansehen beigetragen. Carl Weber starb 1923 im Alter von 65 Jahren. Besitzer des Hauses ist seitdem die Firma Carl Weber & Co.

2. Das Haus des Arztes. So, wie es da vor…

… uns steht in seinem Barockstile, ist das Haus 1909 vom Sanitätsrat Dr. Leopold Martheus erbaut worden, und zwar an Stelle eines Eilten, baufälligen Hauses, Det- molder Straße 3 bis 5. Ei, so baufällig sah es eigentlich noch nicht aus. Alte, hohe Linden beschatteten es und hatten das Dach, wie es hieß, vorzeitig zerstört. Wir Alten haben das niedrige Haus noch in guter (oder in Krankheitsfällen auch böser) Erinnerung. Dies alte Doktorhaus hatte, wenn es auch noch keine 80 Jahre alt war, eine wechselvolle Geschichte. Es war 1829 von Tierarzt Tasche erbaut worden, als gerade die neue Chaussee, die jetzige Detmolder Straße, fertiggestellt war. Tasche, das war aber nicht der uns Alten als sehr gestrenger Herr bekannte, 1895 verstorbene Tierarzt, sondern dessen Vater, der erste Oerlinghauser Tierarzt, dessen Besitz damals bis an die Detmolder Straße reichte. Die Häuser Detmolder Straße 1 bis 17 sind sämtlich auf früher Taschechem Besitz errichtet worden. Von Tasche erwarb der Leinenhändler Fritz Hölter das Haus. Hölter verzog 1853 nach Nürnberg und verkaufte sein Oerlinghauser Kolonat 1867 an den Gastwirt Friedrich Wilhelm Kochsiek.

Haus des Arztes Dr. Martheus, Jetzt Dr. Kochsiek

Der neue Besitzer war Steward beim Norddeutschen Lloyd gewesen und brachte den Sinn für unbedingte Sauberkeit, die von jeher auf den Lloydschiffen herrschte, mit nach Oerlinghausen. Wenn ein Gast Zigarrenasche zu Boden faUen ließ, kam der Wirt mit Schaufel und Handuhle und fegte das Häuflein Asche zusammen. Auch seine Bitte, nicht auf den Boden zu spuk- ken, war damals noch unangebracht. So viel Reinlichkeit galt allgemein als übertrieben. Deshalb war die Zahl der Gäste nicht allzu groß; sie beschränkte sich auf die „bessere Kundschaft“, die besonderen Wert auf gute Getränke und auf die ausgezeichnete Küche dieser Gaststätte legte. Die Kochkunst erbte Kochsieks Tochter Bertha, die den Hotelier Heinrich Kiffe in Oerlinghausen heiratete.

Kochsiek verkaufte sein Haus 1886 an den praktischen Arzt Dr. Leopold Martheus, der dann im Laufe von 40 Jahren unser freundlicher, hochverehrter Sanitätsrat wurde. In den lippischen Kalendern der neunziger Jahre steht er noch als „Amtschirurg und Armenarzt“ verzeichnet. Und in der Tat, ein gütiger Arzt der Armen ist er alle Zeit gewesen. Hochbetagt ist er hier 1932 gestorben. Sein stattliches Haus bewohnt heute sein Nachfolger, Dr. med. Adolf Kochsiek, Enkel des früheren Hausbesitzers F. W. Kochsiek.

3. Das Kontor.

Es ist das Verwaltungsgebäude der Firma Carl Weber & Co., Detmolder Straße 6—10. Ursprünglich waren es zwei Häuser, nämlich die Kolonate 105 und 132. Das ältere Haus, der Ostflügel mit der Treppe errichtet worden. Meyer war ein kluger Mann, der auch an den Geschehnissen in der Gemeinde lebhaft Anteil nahm. Es war die Zeit der „schweren Not“, als der früher so reich blühende Oerling- hauser Leinenhandel fast ganz zum Erliegen gekommen war und man von der bekannten „Teilung der Bergreviere und der Senne“ eine völlige Besserung der Verhältnisse erwartete. Im Jahre 1845 bat Meyer die Dorfsväter, sie möchten doch nicht zugeben, daß die beiden großen Buchen am Tönsberg gefällt würden, denn sie müßten als hervorragende Zierde der Gegend und als markante Zeugen alter Zeit erhalten bleiben Oder man möge ihm die beiden Bäume nebst dem Grund und Boden, auf dem sie ständen, verkaufen. Es müssen gewaltige Exemplare ihrer Art gewesen sein; sie sind auf einem alten Bilde im Rathause noch deutlich zu erkennen, und gaben der Gegend ihr Gepräge. Noch heute trägt diese Gegend zwischen Hermannstraße und Buchenstraße die Flurbezeichnung „Unter den Buchen“. Auch Schützenfeste sind dort oben gefeiert worden, allerdings in geringerem Umfang als heute, der weit geringeren Einwohnerzahl entsprechend. Oerlinghausen hatte um 1840 nur 1700 Einwohner.

Das Kontor der Firma Carl Weber & Co., Oerlinghausen

Assessor Meyer hat mit seiner Eingabe keinen Erfolg gehabt. Die Buchen wurden gefällt, weil unter ihnen keine Früchte gediehen. Meyer verließ Oerlinghausen bald darauf und verkaufte 1850 sein Haus an den von Bielefeld nach hier verzogenen Leinenfabrikanten Carl David Weber, den späteren Geheimen Kommerzienrat und Vater des unter 1. erwähnten Kommerzienrats Carl Weber. Den Verlust der beiden Buchen aber hat Carl David Weber reichlich wieder wettgemacht, indem er den alten Steinbruch hinter seinem Hause zu einem herrlichen Garten am Berghang gestaltete, der bald seltene Ahorne, Thuya, Karagane. Goldulmen, den Gingko und die Zeder, Rotbuchen und Coloradotannen und an der Spitze den Riesen Abies nobilis aufnahm. Hören wir, was seine Enkelin Marianne Weber in ihren Lebenserinnerungen1Fritz Brathuhns Vorfahren stammen von der oberen Weser, wo ähnliche Personennamen Vorkommen (Prasuhn, Bredun, Persuhn). Es heißt, daß dieVorfahren Hugenotten waren und (le) Breton hießen. darüber sagt: „Oh, diese kostbaren Koniferen, umrandet von immergrünem Gebüsch mit glänzendem Blattwerk, dann die großen Beete mit Rhododendron und vielfarbigen Azaleen, die im Flor prangenden Rosen, das Kleinzeug der Geranien, Fuchsien, Petunien, Stiefmütterchen und die winzigen Steinpflanzen, dann das warme Weinhaus mit den blauen Trauben. Es gab im Wechsel der Jahreszeiten viel zu bewundern für einen Garten- und Pflanzenfreund.“

Das Haus aber, dieser östliche Teil des großen Verwaltungsgebäudes — meistens nur „Das Kontor“ genannt — enthielt gleichzeitig die bescheidene Wohnung des Geheimrats Carl David Weber, der dort 1907 im Alter von 83 Jahren gestorben ist.

Der westliche Flügel jedoch war 1840 erbaut worden und gehörte gleichfalls dem Leinenhändler Fritz Hölter in Nürnberg, der es 1866 an den thurn- und taxis’schen Postexpeditor Friedrich Wilhelm Martheus vermietete. Dieser verlegte schon nach drei Jahren (1. April 1869) die Post in das von Kaufmann Festing erworbene Haus, Det- molder Straße 15). Nun erwarb Carl David Weber das Höltersche Kolonat und richtete darin die Appreturanstalt, die Schererei und den Versand ein. 1923 wurde es durch einen Mittelbau mit dem Ostflügel verbunden und ist seitdem als Einzelhaus nicht mehr zu erkennen. Im Winter 1951/52 erhielt das Gebäude eine neue große Toreinfahrt an der Westseite.

4. Die alte Posthalterei.

Das niedrige Haus, Detmolder Straße 7, ist nicht infolge eines hohen Alters so windschief und wak- kelig geworden. Was ist bei Häusern schon ein Alter von 110 Jahren? Es ist heute beinahe eine Sehenswürdigkeit, weil es den schärfsten Gegensatz zu den drei oben gezeigten Nachbarhäusern bildet und weil es so aussieht, als wolle es sich bald ganz auf die Seite legen. Überall blättert der Verputz ab, das schadhafte Dach läßt Regen und Wind hinein, die Balken sind morsch und die Fenster entzwei. Ein Bild schnellen Verfalls.

Und doch herrschte in dieser öden Ka- bache mal ein sehr reges und buntes Leben, und schönste Jugenderinnerungen verbinden sich für mich mit diesem Hause.

Der alte Schuhmacher Pehle aus dem Schlingkruge hatte es um 1840 für sich bauen lassen und den Platz dazu von Tierarzt Tasche erworben, nachdem er den Schlingkrug (heute Bremer, Hauptstraße 2) an den Bäckermeister Böhmer verkauft hatte. Nach Pehle bewohnte es seit 1849 ein Schuhmacher Friedrichs, und 1874 war es im Besitz des Posthalters Brathuhn.

Haus Brathuhn (alte Posthalterei ln Oerlinghausen)

Fritz Brathuhn war Postillon gewesen. Viele Jahre hatte er vom hohen Bocke der Postkutschen sein Horn ertönen lassen und bei Wind und Wetter seinen Dienst verrichtet, bis die Gicht ihn zwang, seinen steifen Postillonhut abzusetzen. Ihm wurde die Posthalterei Oerlinghausen übertragen, und sein Schwiegervater, Bäckermeister und Krugwirt Böhmer, half ihm beim Ankauf der Pferde und beim Bau eines Pferdestalles. Das war alles nicht so einfach gewesen, denn Böhmer war mit der Wahl seiner Tochter zuerst gar nicht einverstanden. Weder der Beruf des Postillons noch sein Name3) wollten ihm gefallen. Aber seine Tochter Amalie hielt an ihrem Postillon in Treue fest. Brathuhn soll ein schmucker junger Mann, und sie, Malchen Böhmer, das schönste Mädchen weit und breit gewesen sein; sie haben eine glückliche Ehe, aber ein hartes, schweres Leben geführt. Neun Kinder wuchsen in dem niedrigen Hause heran, fünf Jungen und vier Mädchen. Es ist verständlich, daß, um diese gesunde, rotwangige Schar bei Räson und an der Arbeit zu halten, manchmal eine förderliche Strenge im Hause herrschte. Und — ist nicht auch das bemerkenswert? — alle neun Kinder haben aus eigenem Können und eigenem starken Willen das Leben gemeistert. Die Töchter heirateten ehrbare Männer; die Söhne wurden angesehene, wohlhabende Kaufleute, Reichsbankbeamte, Farmer ln Argentinien, und sind heute, soweit sie noch leben, in ihrem Wirkungskreise hochgeachtete, von Enkeln umgebene Greise. Es ist für den Chronisten eine Freude, wenn er den Aufstieg einer aus zahlreichen Kindern bestehenden Familie in solch deutlicher Weise verfolgen kann. Daß auch mal ein schwarzes Schaf unter der zahlreichen Nachkommenschaft erscheint, wen sollte das wohl wundem ? !

Ich sagte, daß für mich schönste Jugenderinnerungen mit dem Hause verbunden waren, das ist leicht erklärlich, wenn man zweierlei bedenkt:

  1. Brathuhns Garten stieß im Norden an den großen, im ganzen Sommer und Herbst reichlich liefernden Obstgarten des Tierarztes Tasche. Es ging damals zwar kein Pförtchen in den Obstgarten, aber die Hecke ach, mehr brauche ich nichtzu sagen.
  2. Im Stall der Posthalterei standen immer Pferde, mal zwei, mal drei, seltener vier. Welchem Jungen hätte es keine Freude bereitet, bei ihrer Pflege mitzuwirken? Da wurde gestriegelt und gekämmt und mit der Kardätsche gebürstet, da mußten die Hufe gewaschen und gewichst werden. Wassereimer waren zu schleppen, Häcksel zu schneiden und, was die Hauptsache war, im Stall durfte man laut schreien; wir lernten dort so herrlich schöne, neue Ausdrücke und Flüche, wie „Herum, du As!“ oder „Hektor, willst du ruhig stehen, du verdammtes Biest!“

In der Dämmerung oder an frühen Winterabenden saßen wir im dunklen Stall auf der Haferkiste und auf den Krippen und ließen uns von den Postillonen die Hucken vollügen und Räuber- und Spukgeschichten erzählen. Es ist eigenartig: Früher spukte es an vielen Stellen in der Nachbarschaft, an denen sich heute kein Geist und kein Bummelrühe mehr sehen läßt.

Und während wir hinten im Stall die Beine baumeln ließen und dem Mahlen der langen Pferdezähne lauschten, lag der alte, krumm gewordene Vater Brathuhn über die Kommode oder den Tisch gebeugt

und versuchte, seinen von der Zittergicht heftig geschüttelten Oberkörper festzuhalten und zu beruhigen. Ein Bild furchtbaren Jammers, das auch bei uns jungen Menschenkindern einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Im Nebenraum aber surrten die Nähmaschinen, an denen die Töchter arbeiteten, um Geld für die Aussteuer zu verdienen. Kamen wir abends nach Hause, so schimpfte die Mutter über den Stallgeruch, den wir mit heimbrachten. Aber das Romantische in Brathuhns Pferdestall lockte uns anderntags wieder in das niedrige Haus an der Detmolder Straße.

Es wird nicht lange mehr stehen. Daher wird es Zeit, ihm dieses Erinnerungsblatt zu widmen. Posthalter Brathuhn starb 60 Jahre alt (1898) an Schüttellähmung. Seine Frau war ihm ein Jahr vorher im Tode vorausgegangen.

Ich habe über die Geschichte von vier Nachbarhäusern geschrieben Es ist in etwa auch eine Geschichte der guten Menschen, die darin gelebt haben.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1954 – Von August Reuter, Oerlinghausen. (Alle Fotos von Frdedhelm Thomas)