Viktoria – Eine Liebesgeschichte aus der Jugendzeit der Fürstin Pauline

Schloss Ballenstedt in Sachsen-Anhalt. Hier verbrachte Pauline ihre Kindheit

„Wir müssen uns eilen“, sagt der Erbprinz von Anhalt-Bernburg zu seiner Schwester und gibt seinem Pferde die Sporen. „Du weißt, in zwei Stunden trifft Tante Sophie mit deiner neuen Spielgefährtin, Kusine Victoria, ein. Vater kann sehr ungehalten werden, wenn wir nicht pünktlich sind“.

Prinzessin Pauline schüttelt ärgerlich die dunklen Locken, die wild und ungebändigt das schmale Gesicht umflattern. „Spielgefährtin? Ich bin zu alt, um eine Spielgefährtin zu benötigen. Tante Sophie hätte die Kusine lassen sollen, wo sie war.“

Alexius lacht und lenkt sein Roß an das der Schwester. „Tante Sophie hat schon recht, wenn sie sagt, man werde dich einmal viel bewundern, aber wenig lieben. Mir gefällst du ja so wie du bist, Schwesterlein, aber die Zierde eines Thrones wirst du schwerlich werden.“

Pauline schlägt mit der Peitsche einige Blätter von den Bäumen, die den schmalen Waldpfad umsäumen. „Ich lege keinen Wert darauf, einen Thron zu zieren. Das Beispiel der Tante Katharina, so sehr ich sie bewundere, lockt mich nicht.“

Alexius antwortet nicht und schweigend reiten sie durch das im hellen Glanz des Frühlings liegende Selketal. Pauline hat keinen Blick für all die bunte Pracht. Ihr Gesicht ist ernst und traurig. Was weiß der Bruder, was wissen sie alle von ihrer heißen Sehnsucht nach Liebe und mütterlicher Zärtlichkeit, von den Tränen schlaflos verbrachter Nächte.

Mit der Mutter war alles Lichte und Schöne aus dem alten Askanierschloß gewichen. damals, als sie, Pauline, geboren wurde und die junge lebensfrohe Mutter wenige Tage später starb.

Still und einsam waren die Jahre dahingegangen. Und dann, ja dann war Mademoiselle Bourgois de Pierre im Schloß erschienen. Wahrscheinlich steckte die Tante Sonhie, die würdige Äbtissin des Stiftes Quedlinburg, dahinter; sie hatte wohl dem Vater vorgestellt, daß das ältliche Fräulein von Rauchenplat und der verknöcherte Magister Rohleder einer so schwierigen Erziehungsaufgabe nicht gewachsen wären.

„Weißt du noch, Alexius“, nimmt Pauline das Gespräch wieder auf, „wie Mademoiselle bei ihrer Ankunft ihr zierliches Näschen rümpfte und unser Schloß ,triste comme un prison‘ nannte?“

„Ja“, erwiderte der Bruder erheitert, „und dann machte sie, die eben einer Revolution entronnen war, selbst eine, indem sie begann, an unserem Hofe französische Sitten einzuführen. Bei uns beiden hat sie damit freilich nicht viel Glück gehabt und die Versuche bald aufgegeben.“

„Hoffentlich erneuert sie sie nicht, wenn die Kusine hier ist“, meint Pauline nachdenklich. „Ganz ohne Zweck hat man Victoria bestimmt nicht eingeladen.“

„Sicherlich nicht“, stimmt Alexius zu, „aber wenn sie auch Victoria heißt, uns zwei wird sie nicht besiegen.“

„Hoffen wir, daß du dich nicht täuscht“, seufzt Pauline und verfällt aufs neue in Schweigen.

Nun reiten sie am „Großen Gasthof“ vorüber. vor dem junge Maler und Studenten aus Halle munter die Becher kreisen lassen. Als sie den Erborinzen und seine Schwester erblicken, erheben sie sich und ziehen respektvoll die Kappen.

Langsam klanpern die Hufe auf dem Pflaster der steilen Auffahrt zum Schloß. Wie frei und glücklich sind doch die da unten, denkt Pauline, so ledig allen Zwanges. Froh, fast trotzig klingt ihr Gesang: „Gaudeamus igitur … “

*

Als Pauline an der Seite ihres Bruders die breite Freitreppe hinunterschreitet, die vom Empfangssaal in den Schloßpark führt, sieht sie die Hofgesellschaft bereits versammelt.

Auf dem Rasen stehen Mademoiselle Bourgois und Fräulein von Rauschenplat im Gespräch mit Magister Rohleder und dem Legationsrat Meyer. Es scheint ein heiteres Gespräch zu sein, das sie führen, denn man hört das silberne Lachen der Französin und den tiefen Baß des Legationsrats.

Nun erblickt Pauline auch den Vater. Der Fürst wandert, die Hände auf den Rücken gelegt, unruhig auf und ab, hin und wieder ein Wort mit dem Hofprediger Baldamus wechselnd.

Als der Erbprinz und und die Prinzessin herantreten, bleibt der Vater stehen und sagt unwillig: „Ich bitte mir für die Zukunft eine genaue Innehaltung der von mir festgesetzten Zeit aus. Außerdem noch dies“, fügte er hinzu, „ich hoffe und wünsche, daß ihr der Kusine, die jetzt längere Zeit unsere liebe Hausgenossin sein wird, mit verwandtschaftlicher Liebe entgegenkommt.“

Der Erbprinz verbeugt sich stumm. Pauline antwortet mit verschlossenem Gesicht: „Der Herr Vater können versichert sein, daß ich weiß, was ich einem Gast schuldig bin.“ Dem Fürsten gefällt diese Antwort nicht, aber ehe er etwas dazu sagen kann, meldet ein Diener die Ankunft der allerhöchsten Herrschaften.

Mit schnellen Schritten eilt Fürst Albrecht dem breiten Tor entgegen, das den Park nach außen abschließt, während sich die übrigen ihrem Range entsprechend aufstellen.

Wenige Minuten später kommt der Fürst zurück. Er führt die Prinzessin von Schaumburg am Arm, neben ihm aber weht wie eine Blütenflocke ein ganz in Weiß gekleidetes schlankes Mädchen. „Wie eine Prinzessin aus dem Märchenbuch“, flüstert Magister Rohleder dem Fräulein von Rauschenplat zu.

Der Erbprinz und seine Schwester gehen den Ankommenden einige Schritte entgegen. Aber schon ist Victoria heran und umarmt Pauline mit stürmischer Freude. „Da bin ich, Pauline“, ruft sie, „wie hab ich mich auf diesen Besuch gefreut. Nicht wahr, wir werden gute Freundinnen sein.“ Damit gibt sie der überraschten Kusine einen Kuß.

Aber gleich darauf weicht sie erschrocken zurück. Freut sich Kusine Pauline nicht auch wie sie? Pauline ist so seltsam; sie hat den Kuß nicht erwidert und Victoria hat sehr wohl die innere Abwehr gefühlt.

„Ich heiße dich willkommen“, sagt Pauline nun, „vielleicht werden wir auch Freundinnen werden, aber dazu müssen wir uns erst näher kennenlernen.“

Victorias Hände fallen wie leblos zurück; in ihrem blaß gewordenen Gesicht malt sich Enttäuschung und in ihren erschreckten Augen schimmern Tränen. Dann aber beherrscht sie sich und begrüßt den Erbprinzen, der die ihm gereichte Hand zeremoniell an die Lippen führt.

Dem Fürsten und der Prinzessin Schaumburg sind Victorias freudige Begrüßung und Paulines kühle Worte nicht entgangen. Der Fürst wirft seiner Tochter einen mißbilligenden Blick zu, während die Prinzessin der sich wie schutzsuchend an sie schmiegenden Victoria beruhigend über das Haar streicht.

Der weiter zurückstehende Hofstaat hat den kleinen Zwischenfall nicht bemerkt oder nicht beachtet. Nur der Hofprediger Baldamus und Fräulein von Rauschenplat sehen einander bedeutungsvoll an. Die kleine Prinzessin mag alle Herzen auf Schloß Ballenstedt gewinnen, niemals aber das der Prinzessin Pauline, sagen diese Blicke.

Wochen waren vergangen. Der Hofprediger und das alte Fräulein hatten nur zu recht behalten.

Prinzessin Pauline begegnete der Kusine, die inzwischen der Liebling des ganzen Schlosses geworden war, höflich, versuchte auch die Schroffheit ihres Wesens dem jungen Gast gegenüber zu bezwingen, aber das war auch alles.

Seltsam dagegen war seit einiger Zeit das Verhalten des Erbprinzen. Äußerlich war er nach wie vor zu Victoria kühl und zurückhaltend und vermied längere Unterhaltungen mit ihr. Dennoch war irgendwie ein Wandel eingetreten. Um seinem jungen Gast ein wenig Unterhaltung zu bieten, lud der Fürst neuerdings einige Töchter höherer Beamter ins Schloß, wo man unter Mademoiselles Leitung Pfänderspiele und kleine Theaterstücke aufführte. Alexius war diesen kindlichen Vergnügungen anfangs ferngeblieben, dann war er hin und wieder erschienen und schaute den Mädchen eine Weile mit leisem, überlegenem Lächeln zu. In letzter Zeit dehnte er seine Anwesenheit mehr und mehr aus, das spöttische Lächeln war verschwunden, und oft ertappte er sich dabei, daß sein Blick immer wieder zu der
jungen Verwandten zurückkehrte, wenn sie eine Fee oder andere holde Märchengestalten mit graziöser Anmut agierte. Irgend etwas war an dieser Victoria, irgend etwas, wenn er nur wüßte, was dieses „irgend etwas“ war.

Heute war es wieder so gewesen. Die jungen Mädchen hatten ihr Spiel beendet und rüsteten zum Aufbruch. Langsam geht Alexius hinunter in den Park, über dem das Licht der sich zum Scheiden anschickenden Sonne liegt. Planlos schlendert der Erbprinz durch die Laubengänge und bleibt sinnend am Schloßteich stehen. Hat er sich nicht vorgenommen, zusammen mit der Schwester dem fremden Eindringling den Aufenthalt auf Schloß Ballenstedt zu verleiden? Was hat er bisher dazu getan? Fast kommt er sich wie ein Verräter an Pauline vor. Nein, Alexius von Anhalt-Bernburg ist ganz und gar nicht mit sich zufrieden.

Er besteigt einen Kahn, der angekettet am Ufer liegt, wirft sich auf den Boden und blickt von seinem leise schaukelnden Lager empor zu den ziehenden Wolken.

Da hört Alexius leichte, schwebende Schritte und Victoria blickt lachend auf ihn nieder. „Ei, der Herr Vetter! Welch tiefsinnige Betrachtungen stellen wir denn an? Ich glaubte, du seist längst mit Pauline über alle Berge geritten.“

Alexius richtet sich auf und sagt mürrisch: „Ich hatte keine Lust allein auszureiten. Pauline sitzt beim Vater und studiert staubige Akten.“

„Das solltest du nicht so abfällig sagen,“ verweist ihn Victoria streng, „solltest lieber selbst einmal in diese staubigen Akten sehen, denn schließlich wirst du hier einmal der Herr sein. Ach, Alexius“, seufzt sie, „ich bewundere Pauline, sie ist so klug, so tüchtig, und was bin ich? Ein verspieltes Ding, zu nichts nütze.“

Alexius schüttelt lebhaft den Kopf. „Früher, da habe ich auch immer geglaubt, alle Mädchen müßten sein wie Pauline. Deshalb mochte ich dich nicht, Victoria. Heute weiß ich, wie falsch diese Meinung war. Nein, du darfst nicht wie Pauline sein. Es wäre schrecklich. Dann wärst du nicht du. Wenn ich euch heute vergleiche, dann denke ich bei Pauline an die starke Brunhilde, bei dir aber an die blonde Krimhild.“

Victoria ist rot geworden bei diesen Worten, aber Alexius bemerkt es nicht und fährt fort: „Komm, setz dich zu mir, dann können wir besser plaudern.“

Victoria nimmt die Hand, die ihr der Vetter reicht, und springt in den Kahn. Das schmale Fahrzeug schwankt bei dem Sprung und Victoria klammert sich ängstlich an Alexius. Einen Augenblick liegt sie an seiner Brust; sein Blut rauscht stärker durch die Adern. Auch die Augen des Mädchens glänzen, als sie nun dem Vetter gegenüber auf der Bank sitzt.

Eine Weile schweigen beide, dann sagt Victoria: „Wie bin ich glücklich, daß wir uns einmal aussprechen, denn wenn auch alle hier lieb zu mir sind, mehr als ich sicher verdiene, so recht froh konnte ich nicht sein.

Es tat mir weh, daß ihr mich nicht liebt, Pauline — und du.“

Das „und du“ sagt sie mit leiser, zitternder Stimme und ihr Mund zuckt von verhaltenem Weinen. „Deshalb“, sagt sie weiter, „habe ich oft daran gedacht, daß es besser sei, wenn ich wieder heimfahre.“

Erschreckt ergreift Alexius Victorias Hände. „Um alles in der Welt, Victoria, das wolltes du wirklich tun? Ach, Victoria“, bricht es jetzt aus ihm heraus, „was sollte ich wohl hier anfangen ohne dich. Ich liebe dich doch, Victoria.“

Blaß, mit aufgerissenen Augen starrt das Mädchen Alexius an, dann aber geht ein Leuchten über ihr Gesicht. „Alexius“, sagt sie fast unhörbar und doch ist es wie ein Schrei: „Alexius, ist das wirklich wahr? Mir ist, als spielten wir ein Märchenspiel und der tapfere Ritter Alexius hole die kleine verwunschene Prinzessin in sein Königreich.“

Alexius neigt sich hinüber zu Victoria und bettet seinen Kopf in ihre Hände.

Irgendein Geräusch schreckt die Lieben- den aus ihrer Versunkenheit. Alexius richtet sich auf und blickt in den Park, über den langsam die Dämmerung herniedersinkt. Nichts ist zu sehen. Es war wohl irgendein Tier, das durch das Gesträuch huschte. Alexius sieht nicht die dunkle Gestalt, die langsam, mit schleppenden Schritten die Stufen der Freitreppe emporsteigt.

*

Vor dem Bilde der Mutter steht Pauline von Anhalt. Ihr Gesicht ist kalkweiß, ihre Züge sind verkrampft von fürchterlichem Schmerz. Nun hat sie auch den letzten Menschen verloren, der sie verstand, den Bruder. Nun ist sie ganz allein auf dieser Welt. „Mutter, Mutter!“ schreit sie auf, „weshalb muß ich so sein, wie ich bin? Weshalb muß ich das Leben so schwer nehmen? Weshalb kann ich nicht sein wie Victoria! Ach Mutter, Mutter, weshalb ließest du mich allein auf dieser Welt!“

*

Wäre dies eine Geschichte, wie sie die Dichter schreiben, dann endete sie mit einer Hochzeit. Fahnen würden wehen auf Schloß Ballenstedt, in das der Erbprinz von Anhalt- Bernburg seine glückstrahlende Braut führt.

Aber diese Geschichte schrieb das Leben, und das Leben ist ohne Romantik, kalt und nüchtern,. Alexius und Victoria sind kein Paar geworden. Plötzlich und unerwartet fuhr der Erbprinz in Begleitung des Legationsrates Meyer nach Italien und Victoria kehrte in ihre Heimat zurück. Sie haben einander nie wiedergesehn.

Uber die Gründe und Hintergründe, die zu dieser schmerzvollen Lösung führten, wissen wir nichts, keine Quelle verrät sie. Der Charakter Paulines schließt ihre Mitwirkung dabei aus. Ob der Erbprinz selbst dem Fürsten seine Liebe zu Victoria gestand, und weshalb dieser der Verbindung entgegen war, wird für immer im Dunkeln bleiben. Victoria heiratete später einen Prinzen von Hessen-Philippstal und lebte mit ihm, wie es heißt, in glücklicher Ehe. Von Alexius erzählt man, er habe die Liebe zu seiner Kusine bis zu seinem Ende im Herzen getragen.

Pauline aber wurde als Witwe des Fürsten Leopold zur Lippe die große „Vormünderin, und Regentin“, die — wie Alexius einst von ihr gesagt hatte — „sich vor nichts und niemanden in der Welt fürchtend“ Napoleon, dem Herrn Europas, allein durch die Macht ihrer Persönlichkeit die Respektierung der Souveränität ihres kleinen Landes abrang.

Quellennachweis: Polko: Eine deutsche Fürstin. Leipzig, 1870. Veröffentlicht im Lippischen Dorfkalender 1956 – Von Rudolf Brandes