Vom Familiengold

Landrat August Kirchof unternimmt eine Kutschfahrt mit seiner Familie um 1911.

Unter meinen Ausweispapieren hatte ich lange Jahrzehnte eine Bescheinigung meiner Schule verwahrt. Darauf stand zu lesen, daß der „Vorzeiger dieses“ berechtigt sei, Goldstücke zu sammeln. Das ist wahr und wahrhaftig geschehen, und zwar kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges.

Dieses gemünzte Gold ist nun freilich nicht gemeint, auch kein Goldschatz, welcher Art auch immer. Wenn Frau Roser-Kirchhof im folgenden vom Familiengold spricht, so meint sie damit das, was uns heute weithin verloren gegangen ist: den Schatz heiterer oder ernster Erlebnisse aus Verwandtschaft und Bekanntschaft. Die Radioberieselungsmaschine, die Schallplatte, das Fernsehen, das Kino — sie haben das Erzählen-können, das Weitertragen von Erlebtem und Geschautem, das sich — aufs Große gesehen — einst in Sage oder Märchen umsetzte, nahezu völlig erstickt.

Ob die Viehmännin von Niederzwehren vor über 100 Jahren ihre Geschichten erzählte, ob heute Anna Nica Luain im südlichen Irland (siehe A. E. Johann, Irland, Heimat der Regenbogen) das Gleiche tut, ob es die türkischen Bauern sind, die heute noch, nach über 2000 Jahren, von einer versunkenen Stadt lebendig zu erzählen wissen (diese Stadt ist da, die Forscher haben es inzwischen herausgefunden!) — oder ob Frau Roser-Kirchhof dieses Familiengold hervorzuheben weiß: hier liegen im Erzählen oder im Vorlesen — vor kleinerem oder größerem Kreise Gemütswerte verborgen, die wir um unserer selbst und um unserer Kinder willen wieder wecken wollen. Denn Technik vermag viel, namentlich die der Nachrichtenübermittlung (ganz allgemein gesehen) durch Rundfunk, Schallplatte, Kino, Sie nimmt uns aber auch vieles ab — auch das eigene Denken und Tun! Das wollen wir doch einmal erkennen.

Wie uns nun Frau Roser-Kirchhof in den folgenden Zeilen den Wert solches Familiengoldes darzustellen weiß, so wollen wir alle, die es angeht und die noch etwas aus eigenem Erleben zu sagen haben — auffordern, es ihr gleich zu tun. Wie vieles ist schon verloren gegangen, weil es nicht zu rechter Zeit durch die Schrift bewahrt worden ist. Glaube keiner, sein Erlebtes sei zu gering und lohne nicht die Mühe. Es ist nichts zu gering — wo es das Leben des Menschen betrifft.

Es war sehr nützlich, daß sich meine frühere Sammellust nicht nur auf Zeitungsromane und allgemeine Rezepte für den Hausgebrauch erstreckte, sondern auch auf selbst erlebte oder mir erzählte Anekdoten. Gut war es auch, daß ich seit meinen Mädchenjahren bis zum heutigen Tage dieses „Familiengold“, wie es eines der Kinder Thomas Manns einmal für sich und die Familie Mann treffend benannte, in Tagebücher schrieb. So hatte ich den Rohstoff zur Hand, um ihn dann gelegentlich nach Lust zu formen (s. Margarete Roser-Kirchhof, Mein altes Schloss, Verlag F. L. Wagener. Lemgo) bei Amazon ansehen .

Mit dem „Familiengold“ ist es eine köstliche Sache. Wohl jede humor- begabte Familie hat solchen Schatz, der sich mit Jahren und Generationen wie eine Muschelbank ansammelt. In diesem Kreise braucht nur ein Stichwort zu fallen, und sofort ist alles da. Es ist eine Verständigung, die an die Zinkensprache der Handwerksburschen erinnert, aus jener Zeit, als diese Zunft noch wanderte. Bruno brauchte im vorigen Sommer nur den Namen einer kleinen nordlippischen Ortschaft von mir zu hören, um blitzschnell eine damit verbundene tolle Erinnerung aus der Tiefe seines Gedächtnisses zu heben. Gutes Erinnerungsvermögen und schnelles Damit-zur-Hand-sein sind natürlich unerläßlich zu dem Umgehen mit dem Familiengold. Aber es macht Spaß, im vertrauten Kreise so eine Erinnerung nach der anderen ans Licht zu heben. Ganz nebenbei ist der Umgang mit persönlich erlebten und liebevoll gehegten Anekdoten eine sehr gute Schule zur Menschenkenntnis überhaupt.

Das Interesse am Menschlichen und das Beobachten der Umwelt ist aber durchaus nicht nur rückblickend auf die eigenen Jugendjahre beschränkt — so tief man ihnen auch immer verbunden bleibt —, sondern ein sozusagen geschulter Beobachter findet bis zu seinem letzten Lebenstage genug, das des Freuens oder Ärgerns wert ist. Ich bin sogar so kühn zu behaupten, daß die Befolgung des Spruches: „Alles, was geschieht, geht dich an“ einfach der Grund dazu ist, daß man auch den verrücktesten Begebenheiten immer noch gelassen Zusehen kann. Ja, daß man schließlich noch danach trachtet, ihnen womöglich noch etwas zu entlocken, das wert ist, der Schwester Lisbeth erzählt oder telephonisch übermittelt zu werden, um miteinander darüber zu lachen. „Kronemeier, was müssen die in Göttingen aber dumm sein!“

Durch das Erscheinen des Buches „Mein altes Schloß“ lebte ich seit Weihnachten ganz im Schwung der Erinnerungen an das „Damals“. Vieles wurde wach durch liebe Briefe aus der alten Heimat, das längst vergessen war und das ich nicht in Tagebüchern festgehalten hatte. Herr Süvern meinte in seiner freundlichen Kritik des Buches, die alte Braker Zeit ließe sich nicht prachtvoller illustrieren als durch den Lokomotivführer in Farmbeck, der meinem Vater zurief: „Sie sollten doch nicht haben so gelaufen sein, Herr Geheimrat, wir hatten Sie doch längst gesehen!“ Mir fiel daraufhin dann abends vor dem Einschlafen noch einiges zu dem Thema: Zeithaben, Zeitlassen ein, und als Besitzerin eines Notizblockes auf meinem Nachttisch und in der alten Sammellust schrieb ich dieses Aufgeweckte dann auch sofort auf.

Da lebte nahe Brake auf seinem schönen Gute Vogelhorst Herr Riekehof-Böhmer, der mit dem Stamm seiner Hofleute so patriarchalisch umging, daß er es nie vergaß, am Nachmittag vor Wiederaufnahme der Arbeit fürsorglich zu fragen: „Hegge all näount?“ Erst wenn diese Frage allseitig und ernsthaft beantwortet war, nahm man Hacke, Egge oder sonst was zur Hand und ging an die Arbeit, während Herr Riekehof in sein behagliches Haus zurück zu Frau und Kindern ging.

Es tauchte dann bei mir aus noch weiterer Erinnerungsferne der alte Forstmeister Wagener in Langenholzhausen auf, der sich so von innen heraus gegen alle und jede Neuerung wehrte, daß er nach einem einzigen Versuch nie wieder eine Eisenbahn bestieg. Er behauptete laut Familiengold später immer mit Entsetzen, daß der letzte Wagen des Zuges, in dem er saß, „wie ein Kalb am Stricke gebammelt habe“.

Wir in Brake kamen uns diesem uns sehr lieben alten Forstmeisterehepaar gegenüber sündhaft modern vor, vor allem in bezug auf die Beleuchtung unserer Räume. Im Hause Wagener wurde dem Gast vor dem Zubettgehen ein kleines zinnernes Lämpchen in die Hand gedrückt, dessen Docht in öl kümmerlich brannte und der von Zeit zu Zeit mit einem kleinen, an dem Lämpchen befestigten Haken in die Höhe gezogen werden mußte. In unserer Kinderzeit im alten Schloß gab es in einer Ecke der Kochstube einen Tisch, auf dem die Petroleumlampen für jedes Zimmer standen mitsamt den Werkzeugen für ihre Reinigung. Meines Vaters Schreibtischlampe unterstand meiner besonderen Fürsorge. Ich sehe mich heute noch in den Zylinder hauchen und ihn danach mit einer langen Bürste sauber reiben, Petroleum auffüllen und zuletzt den Docht gerade schrauben und schneiden.

Zeit, viel geruhige Feierabendzeit hatten auch all die Stammtischbesucher in Lemgos Gaststätten, so bei Wülker, Losch und im Jägerkrug, die sich hier nach dem, ihrem Schaffensdrang völlig genügenden, fleißigen Tagewerk mit Behagen am Stammtisch niederließen. In der guten Jahres- zeit saß man bei Losch zwischen zwei Efeuwänden direkt auf dem Gehsteig des Marktplatzes, und ich sehe noch meinen guten Vater dort sitzen, den Spazierstock mit der Elfenbeinkrücke an den Stuhl gelehnt und aufmerksam das Leben der kleinen Stadt um die Stunde des Dämmerschoppens betrachten. Einmal gab es drinnen im Lokal eine aufgeregte Szene: Einer der Stammtischherren hatte sich zum höchsten Erstaunen der anderen eine neiderregende Mahlzeit servieren lassen. Als er sofort nach dem Grunde dieser einsamen Schlemmerei befragt wurde, antwortete er sehr einfach: „Och, wissense, ich habe es ja denn gern, wenn der Potthof und der Lienekogel so über den Tisch ,herübergieren‘.“

Man hatte damals auch in gutem menschlichen Miteinander noch Zeit genug, um möglicherweise an allem, was den Nachbarn betraf, mit sozialem, meist wohl auch nur neugierigem Eifer teilzunehmen. Tante Bernhardt z. B. war es immer wichtig, von Zeit zu Zeit ihre Morgenhilfe zu fragen, was sie denn nun heute zum Mittag- oder Abendessen zu sich nähme? Sie war, da sie selbst auch unendlich mäßig lebte, durchaus befriedigt, als sie einmal zur Antwort bekam: „Och, ich pröckele mich heute Mittag denn so’n büschen was aus der Leberwurst“.

Bewahrer und Erzähler des Bernhardtschen Familiengoldes war mein Schwager Hans, der Mann meiner Schwester Anne, dessen Gestalt trotz seines frühen Todes ganz und gar lebendig unter uns geblieben ist. Er war — entgegen der gemütlichen Art des Hauses Kirchhof — im Besitz eines recht sarkastischen Humors, der sehr oft auf die Schwächen seiner Mitmenschen zielte und dort auch auf Schritt und Tritt sein Opfer fand. Zugleich war sein Humor auf jener künstlerischen Ebene der Menschen beheimatet, auf der die geborenen Anekdotenerzähler und Erfinder aller merkwürdigen Eulenspiegeleien ihr Wesen treiben. Vielleicht war er überhaupt ein verhinderter Künstler, der sein Dasein lieber in der ihm gemäßen Muße als Wanderer und Dichter verbracht hätte, denn als Lehrer der alten Sprachen an westfälischen Gymnasien. Wenn er seine Ferien mit Frau und Kindern in Lemgo, das er sehr liebte, und im alten Schloß verlebte, hatte er genug zu tun, all die vielen Originale unserer ländlichen und kleinstädtischen Umgebung zu beobachten. Er führte die Menschen, die sich seines Spottes nie versahen, wie auch uns alle, immer wieder hinters Licht. So einst auch seinen Freund, den Wirt Düsenberg in Lüerdissen, dem er schon von weitem an einem entsetzlich heißen Augusttag zurief:
„No, Düsenberg, ist das Bier auch schön warm?“ Düsenberg antwortete verblüfft und prompt: „Oh ja, Herr Doktor!“ und Hans kam lachend ins Haus.

An einem jener Ferientage geschah es auch, daß unten im Domänenhof in der Frühe des Morgens eine Scheune in Brand geriet. Wir waren natürlich so schnell wie möglich zur Stelle, um dieses aufregende Ereignis aus nächster Nähe mitzuerleben. Hans Bernhardt, der ein Frühaufsteher aus Passion war, befand sich mit uns auf der Schloßbrücke. Bruno rannte schnell noch einmal zurück, um seine primitive Kamera zu holen, mit der er dann ein sogar gelungenes Bild dieses Scheunenbrandes machte. In all
dem Wirrwarr des hell lodernden Feuers wirkte es außerordentlich beruhigend, daß nach einiger Zeit die Braker Feuerwehr anrückte und der Brandmeister in grünen „Puschen“ seines Amtes waltete. Der ganze Brand ging gemächlich vor sich, und nach einer bestimmten Zeitspanne wurde immer „Pause!“ gerufen und ein Schluck aus der Flasche getan.

Ach, gute alte Zeit, in der selbst ein Brand in geruhsamem Tempo mit Handbedienung und ohne Motor ablief! Bei uns im alten Schlosse brach auch eines Nachts ein zunächst harmloser Schornsteinbrand aus, den ausgerechnet mein in solchen Dingen höchst unpraktischer Vater zuerst entdeckte. Er weckte meine Mutter mit einer ihm sonst durchaus nicht liegenden Vorsicht und Geduld, indem er an die Schlafzimmertüre klopfte und furchterregend rief: „Anna, erschrick bitte nicht, aber wache auf!“ Als aber diese Rücksicht nicht den gewünschten Erfolg hatte, klopfte er stärker und rief aufgeregt nochmals: „Erschrick um Himmelswillen nicht, aber steh sofort auf!“ Anstatt wohl vorbereitet auf einen Schrecken besonderer Art zu sein, bebte meine Mutter an allen Gliedern, als sie sich notdürftig bekleidete und dann ihrem Mann beim Löschen des Feuers half.

Der „Franzosenkopf“, wie seine stets den Nagel auf den Kopf treffende Mutter ihres Sohnes Wesensart dereinst genannt hatte, blieb unserem Vater sein Leben lang zu eigen. Es wurde schließlich alles ihn etwa Beunruhigende und Ärgerliche so serviert, als es ihm und den Seinen bekömmlich war. Als Alfred, der sein einjähriges Jahr bei der Marine in Kiel abdiente, einst nach Hause schrieb, er habe beim Billardspielen das Unglück gehabt, das grüne Tuch durchzustoßen und müsse nun leider den Schaden mit 25 DM ersetzen, ging meine Mutter sehr diplomatisch vor. Sie hatte Alfreds Brief, wie alles, was die Post brachte, zunächst allein gelesen und erzählte am Mittagstisch ganz nebenbei, daß der Junge nun angefangen habe, Billard zu lernen und wie schön es doch sei, daß er nun für so vernünftige Beschäftigungen Zeit habe. Mein Vater aber schlug auf den Tisch und rief: „Schreib dem Bengel sofort, daß er das läßt! Bei der nächsten Gelegenheit wird er das Tuch kaputtmachen, und ich muß den Schaden bezahlen“.

Quelle: Heimatland Lippe 10/1961 – Von Margarete Roser-Kirchhof

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