Vom Kohlpott bis Lopshorn

Detmold/Hiddesen – Donoper Teich. Um 1960 .SW-Fotografie als Ansichtskarte. Stadtarchiv Detmold Bildarchiv Nr. 3554

Maimorgen mit Buchfinkengeschmetter und Lerchengetriller. Eine erquickende Brise hat sich erhoben, schaukelt sanft die frischgrünen Buchenwipfel und macht, daß das zahllose Heer der Roggenhälmchen eine aufgeregte Unterhaltung beginnt.

Jetzt aber, da ich, von Norden kommend, ins Werretal zum Dorf und Bahnhof Nienhagen hinabschreite, verlassen mich Buchenwipfel und Roggenhalme. Unvermittel bin ich vom Lehm- auf den Sandboden geraten. Eine neue Vegetation umgibt mich: Fichten und Kiefern und zwischen dem dunklen Grün leuchtete bisweilen ein Birkenstämmchen auf.

Da ist der „Kohlpott“, wo nach den bemerkenswerten Forschungen jenes bekannten lippischen Nationaldichters des Varus „Heer met Roß un Mann“ sich festkneipte. Der eiserne Kohlpott, in dem die Römer damals ihre Makkaroni aufwärmten, hängt noch aus der Bodenluke herab. Wir wenden uns links, gehen ein Stück Landstraße, dann aber rechts einen ausgefahrenen sandigen Feldweg, der durch würziges Kiefernholz führt. Hier ist köstliches Wandern. Links Sand- und Heidehügel, rechts immer wieder helle, liebliche Durchblicke auf die vereinzelten Häuser des Kartoffel- und Spargeldorfs Pivitsheide und das wolkige Buchengrün der Teutoburgerwaldkette.

Es geht das Tal des wasserreichen Hasselbachs hinauf, an der ehemaligen Papiermühle vorüber wieder in schützenden Wald, der uns von nun an ganz umgibt.

Landarbeit im Frühling im Ostertal bei Heiligenkirchen.

Durch ein Tor des Wildgatters gelangt man in die ehemaligen Jagdgründe der lippischen Fürsten. Hier hat der Hasselbach sich ein tiefes Bett gewühlt und stolpert nun tagaus tagein über Steingeröll und zwischen einengenden Blöcken eilig zu Tal. Wie lange schon? Der Wald wird höher, ragender. Neben kräftigen Fichten haben auch Buchen Wurzel fassen können. Die Alleinherrschaft des Sandbodens ist zu Ende.

Hundert-, vielleicht mehrhundertjährige Buchenriesen recken ihre sehnigen Leiber, und die Sonne hat eine Flut grün-goldenen Lichts über den Blättermantel ergossen, der die steingrauen Glieder umhüllt.

Auf hoher Uferböschung dehnt sich eine liebliche Waldwiese mit freundlichem Forsthaus dahinter.

Ich gehe vorbei. Da sehe ich durch helles Baumgrün einen blanken Schild aus dunklem Metall, den Donoper Teich.

Hier auf der Nordseite ist sein Ufer flach. Kastanien stehen da und krummbeinige, hohe Kiefern. Eine alte Steinbrücke über den rauschenden Hasselbach – der den Teich durchfließt, wie der Rhein den Bodensee — ein Steintisch und eine Steinbank bekunden, daß schon die vor uns lebenden Geschlechter die Lieblichkeit dieses Platzes gewürdigt haben.

Still liegt der Weiher und träumt. Kein Kahn schaukelt auf ihm, kein Wasservogel belebt ihn. Nur bisweilen weht ein Windhauch ihn an; dann überläuft’s seinen blanken Leib wie ein Schauder.

Ich mache mich auf, den Teich zu umwandeln, hart am Uferrande nach links hin. Da ist der Einfluß des Hasselbaches. Es gelingt, die sumpfige Stelle und, mit Hülfe einer darübergestürzten Kiefer, auch den Bach zu überqueren. Hier steigt das Ufer steil an. Ich klettere auf dunklen Steigen und finde köstliche Durchblicke auf den Teich unter mir und das helle Laubufer drüben. Gleichwohl bleibt die „Hauptansicht“ in diesem Falle wirklich mal die schönste. Aber niemand sage, er kenne den Donoper Teich, der ihn nicht rings umwandelt hat!

Ich nehme Abschied und pilgere gemächlich bergaufwärts. Da schiebt der Ehberg seinen dickel Buckel zu meiner Linken bis an den Weg heran. Er ist kahl, nur mit zahlreichen niedrigen Wacholderbüschen bestanden. Heiß brennt ihm die Sonne auf seinen Heidekrautpelz. Er lockt unwiderstehlich zum Aufstieg; man ist begierig auf die Rundsicht von seiner Kuppe, die hier unten nicht sichtbar ist. Also los mit Schnaufen und Schwitzen! Aber es lohnt auch.

Die Waldberge im ersten Buchengrün, leuchtend und funkelnd unter den Strahlen der Mittagssonne. Vor uns der Große Ehberg und rechts dahinter die Höhen um die Dörenschlucht, links über dem Hiddeser Berg und dem sanften Rücken der Sternschanze die kühn gewölbte Gro- tenburg mit dem Hermannsdenkmal. Zu unseren Füßen aber in der Senkung zwischen uns und der Hauptkette des Gebirges liegt das Waldgebiet, dem in unserer lippischen Heimat ohne Frage der erste Preis gebührt. Wir blicken hier auf Baumwipfel herab von allen Formen und Farben.

Spargelernte bei Pivitsheide.

Ein anderes Stück Erde von eigenartigem Reiz hat alles Bemühen des „Lippischen Bundes für Heimatschutz“ leider nicht zu retten vermocht, oder doch nur zu einem geringen Teil. Das liegt hier gleich nebenan und ist das Hiddeser Bent, ein Moor, wie es in dieser Art in Nordwestdeutschland sonst nur im weiten Flachlande zu finden ist. Das Bent aber liegt eingebettet zwischen waldigen Höhen und ist ein Gehängemoor.

Zur Linken uns wendend erreichen wir seinen Rand nach wenigen Schritten. Mittagssonne brütet. Feucht blinkt es zwischen den Graspolstern. Es ist nicht leicht, das Moor zu überqueren, wenn auch die Ränder der tiefen dunklen Entwässerungsgräben, die leider schon gezogen sind, dem Fuße leidlichen Halt geben. Aber immer wieder geraten wir auf feuchten, schwankenden Boden und laufen uns fest. Unheimlich muß es hier sein zur Abendzeit im Herbst, wenn schauerlich die Winde durch die Krüppelbirken sausen und grauer Himmel sich trübselig in den Wasserlachen spiegelt.

Auf der prächtigen Landstraße, die von 100jährigen Eichen umsäumt ist, wandre ich rüstig westwärts und dann nach Süden zu in ständiger unmerklicher Steigung. Es ist ganz einsam hier, nur bei der „Mordkuhle“ begegnen mir ein paar Frauen, die auf einem Wäglein Fallholz hinter sich her ziehen. Einmal nur, auf der Höhe, schweifen die Augen über die Baumkronen hinweg ins weite, sonst umfängt mich beständig der feierliche, stille Hochwald. Da senkt sich plötzlich die Straße in steilem Abfall, der Wald wird ein wenig lichter, von rechts stößt auf die Landstraße ein breiter Weg, den zu beiden Seiten eine gedrängte Reihe düstrer Riesenfichten begleitet.

Wir durchschreiten das ehrfurchtgebietende Spalier und stehen nun vor dem Jagdschloß Lopshorn. Ein schlichtes Haus mit einem Glockentürmchen auf dem Dach, in etwas nüchternen klassizistischen Formen aus dem Ende des 17. Jahrhunderts. Das Schönste an diesem verträumt in Waldesmitte liegenden Jagdhaus ist das Hoftor mit den beiden gut gemeißelten Hirschen und den Wappensteinen neben den Pfeilern. Die alten Zeiten steigen vor unserem inneren Auge auf. Wir sehen den berittenen Jagdzug der Kavaliere, hören das Gekläff der ungeduldigen Hundemeute. Da trabt die buntfarbige Kavalkade den breiten Weg hinab, und die Sonne blinkt auf den großgeschwungenen, goldenen Jagdhörnern. Es war einmal… Der alten Fürstenherrlichkeit ist das letzte Halali erklungen.

Quelle: Lippe Anno dazumal – Karl Meier-Lemgo, um 1920.