Ich habe alles gemacht

Mein Vater, Conrad Reineke, zog mit meiner Mutter und den fünf Geschwistern von Wendlinghausen nach Brake auf die Domäne Fahrenbreite. Ich war damals fünf Jahre alt, ging 1902 zur Schule bei Lehrer Koller. Durch meine Eltern wurde ich 1910 als Knecht auf die Domäne vermittelt. Ich kriegte ein paar Pferde in die Hände und mußte pflügen. Um 5 Uhr wurden die Pferde geputzt. Um 6 Uhr wurde angespannt, und es ging aufs Feld. Als Knecht hatte ich etwa 30 bis 50 Kilometer am Tag zu laufen. 80 bis 100 Taler waren der Lohn und Deputat (bis zu 300 Mark). Es gab keine Tarife und auch keine Krankenkasse. Krankheit kannte man nicht.

Mit mir gab es auf der Domäne acht Knechte, einen Futtermeister, einen Hofmeister, einen Stellmacher, drei Schweizer, einen Schweinemeister, zwei Schäfer, vier Ochsenknechte und Schweinehirten. Fünfzehn bis zwanzig Polen waren angestellt. Im Hause gab es zwei Dienstmägde, zwei Lehrfräulein, zwei bis drei Verwalter und einen Milchverkäufer

Zu meiner Zeit gab es 60 Milchkühe, 60 Rinder, 20 Pferde (Reitpferde), 300 Schweine, 400 Schafe, 50 Hühner, Gänse, Puten usw. Das Gemüse war nur für die Küche des Pächters. Die Domäne war ca. 1 800 Scheffelsaat (300 ha) groß. Davon wurde 1 000 bis 1 200 bewirtschaftet. 1918 wurde die Domäne kleiner. Fritz Bartling, ein tüchtiger Landwirt, stammte aus Kalldorf, war vorher Inspektor auf Wendlinghausen, hatte die Domäne 37 Jahre bis 1937 gepachtet.

  1. Im Januar wurde hauptsächlich Dünger gefahren. Die Düngergruben mußten leer*werden. Die Dränagen mußten offen gelegt werden. Mit 13 Pferden wurde aus Großenmarpe, Donop oder Dahlborn die Dreschmaschine geholt, und es wurde gedroschen. Wenn es das Wetter erlaubte, wurde gepflügt und die Runkeln aus der Miete geholt.
  2. Im Februar mußte das Korn auf dem Boden umgesetzt werden: 300 Zentner Korn wurden auf dem Marstallboden „gerührt“ 300 Zentner war eine Ladung für einen Händler. Wer am meisten bot, an den wurde verkauft.
  3. Im März kamen die Polen wieder zurück zu uns. Es wurde vierspännig gepflügt. Die Weiden und Pappeln z. B. im Bierweg mußten geköppt werden. Auf die Wiesen und Getreidefelder wurde Kunstdünger gestreut. Kali, Thomasmehl, Ammoniak. Der Stalldünger war für Bohnenfelder, Kartoffeln, Runkeln und Zuckerrüben. Der Hafer wurde gesät.
  4. Im April mußte der Dünger auf den Kartoffel- und Zuckerrübenfeldern untergepflügt werden.
  5. Im Mai wurden Zuckerrüben gesät und Kartoffeln gepflanzt. Das Korn wurde gehackt und von Disteln gesäubert.
  6. Im Juni wurde gehackt, wurden die Wiesen gemäht und geheut, die Kartoffeln geigelt, Dünger in die Miete gefahren.
  7. Im Juli mußten wir hacken, heuen, Gerste mähen, dreschen und Wicken säen.
  8. Im August hieß es dann mähen, mähen und einfahren.
  9. Auch im September wurde geerntet, gedroschen und die Gerste gesät.
  10. Im Oktober kamen die Kartoffeln raus, die Runkeln und die Zuckerrüben. Der Roggen wurde gesät.
  11. Bis in den November wurde gesät, gepflügt, die Mieten angedeckt.
  12. Selbst im Dezember wurden noch die letzten Rüben herausgemacht.
  13. Die Polen fuhren am 15. Dezember nach Haus. Wir arbeiteten noch bis 24. und 25. Dezember.

In der Ernte haben wir 800 bis 1 000 Fuhren eingefahren. Nach dem Dreschen wurde das Stroh als Mist wieder auf das Feld gefahren. Zu 90 % wurde mit der Sense gemäht. In der Erntezeit wurden Korndimmen-Getreide auf dem Felde errichtet. In eine Dimme kamen zwischen 20 bis 30 Fuder Korn hinein. 1923 kam auf die Domäne eine eigene Dreschmaschine. Anfang der 30iger Jahre kam ein neuer moderner Selbstbinder.

Von einem Scheffelsaat Land wurden etwa 10 Zentner geerntet. Das war früher schon eine gute Ernte. Heute sind es, glaube ich, so 12 bis 16 Zentner.
Stroh hatten wir genug. Der Roggen war über zwei Meter hoch. So lagen nach der Ernte die Feldscheunen voll Stroh. Das übrige wurde in die Miete gefahren oder auch wohl untergepflügt. Wir waren immer froh, wenn Stroh verkauft wurde.

„Ich war einer der ersten Treckerfahrer.“ Friedrich Reineke von der Domäne Fahrenbreite bei Brake um 1930 auf seinem Trecker – einem Modell der zwanziger Jahre – noch ohne Gummibereifung.

Dann kam eine neue Zeit. Ich wurde einer der ersten Treckerfahrer Wenn die Arbeit mit dem Trecker getan war, wurde er auf dem Felde stehen gelassen. Mit der Handkurbel wurde der Trecker angeworfen. Das dauerte nach einer kalten und feuchten Nacht bis zu einer halben Stunde. Der alte Trecker im Vergleich zu einem von heute mit seinen Knöppen war wie eine Nuckelpinne zu einem Mercedes. Was war nun die schwerste Arbeit?
300 Zentner auf den Buckel nehmen und auf den Wagen bringen? Rüben mit dem Rübenheber herausmachen und 400 Zentner auf den Wagen schmeißen? Oder Garben aufladen und abladen? Ich weiß es nicht! Ich habe alles gemacht!

Quelle: Lippe Anno dazumal, Friedrich Reineke (83 Jahre), Brake