Von Beguinen, Klosterdamen und verborgenen Schätzen

Detmolder Weg um 1890. Im Vordergrund die Marienkirche. Hinte die zwei Türme gehören zu St. Nicolai.

Das Beguinenhaus ist wohl eine der ältesten Stiftungen der Stadt Lemgo; es wird schon in einer Urkunde aus dem Jahre 1285 erwähnt, … ist dann wohl im Laufe der Jahrhunderte etwas heruntergekommen, denn jetzt ist es der letzte Unterschlupf für alte, arbeitsunfähige Jungfrauen der niederen Stände. Auf uns Kinder übte es eine große Anziehungskraft aus. Es kam uns vor wie das Häuschen der sieben Zwerge im Märchen; denn auch hier war alles für sieben Personen zugeschnitten. Nur daß es dort wahrscheinlich etwas friedlicher zugegangen war wie im Beguinenhause, wo oft wahre Amazonenschlachten geliefert wurden.

Beguinenhof an der heustraße um 1900.

Aber wenn man das baufällige Häuschen im Schutze seiner alten Bäume in dem kleinen Grasgarten liegen sah, so glaubte man eine Stätte friedlichen Behagens zu erblicken, und dieser idyllische Eindruck wurde noch verstärkt, wenn man während eines zufälligen Waffenstillstandes das gemeinsame Wohnstübchen mit den sieben winzigen Fenstern betrat. Da saßen die Beguinen, meist schon uralte Weiblein, einmütig hinter ihren Spinnrädern, jede auf dem ihr zukommenden Fensterplatz. Man konnte schon immer draußen wissen, woher der Wind wehte. War die „Entente Cordiale“ ungetrübt, so ergötzten sie sich am gemeinsamen Gesang, und der Chor der dünnen, zitterigen Altweiberstimmen, vom Schnurren der Räder begleitet, war von eigenartiger Wirkung. Das Repertoire war sehr vielseitig und entsprach der jeweiligen Stimmung. Wir hörten am liebsten die alten Spinnstubenlieder, die alle mindestens 27 Verse hatten und die jedesmal gewissenhaft heruntergesungen wurden.
Aber das gute Einvernehmen war meistens nur von kurzer Dauer, und das war erklärlich, denn bei den engen Raumverhältnissen gab es der Reibungsflächen gar viele. Außer den Wohnstübchen enthielt das Häuschen nur noch eine Kammer mit sieben Betten und eine Küche mit altmodischem Herd, über den sich ein mächtiger Rauchfang wölbte. An den Herd hatten alle gleichen Anspruch, aber jede kochte für sich, in ihrem eigenen Töpfchen, und da die Beguinen schließlich auch nur Menschen und keine Engel waren, durfte man sich nicht wundern, daß hierbei die Gegensätze oft heftig aufeinanderplatzten. Bei einem unserer Besuche gerieten wir gerade in eine handgreifliche Auseinandersetzung. Es handelte sich um den „Prött“ (Kaffeesatz), der sehr geschätzt wurde, und die Wogen des Kampfes gingen schließlich so hoch, daß ihnen das Streitobjekt dabei um die Ohren flog.

Kamin von 1612, früher Mittelstraße 36.

Kamin von 1612, früher Mittelstraße 36.

Die Einkünfte einer Beguine waren nicht übermäßig hoch, außer freier Wohnung und freiem Holz erhielt sie jede Woche einen Silbergroschen. Davon konnte man selbst in jenen billigen Zeiten nicht existieren, und da das Spinnen auch nicht viel einbrachte, waren die Bewohnerinnen des Häuschens mehr oder weniger auf die Mildherzigkeit ihrer Mitbürger angewiesen. Auch wir hatten einen Schützling im Beguinenhause, den unsere Mutter schon bei ihrer Heirat übernommen hatte. Beguinensöffken, wie sie allgemein genannt wurde, war schon bei der ersten Frau unseres Großvaters, der „seligen Madam“, Dienstmagd gewesen und bezeigte noch immer große Anhänglichkeit an unser Haus. Jeden Mittag erschien sie, angetan mit dem kattunenen Kragenmantel und der großen Haube, der Amtstracht der Beguinen, mit ihrem Henkeltopf und holte sich das Essen für Mittag und Abend. Sie war für ihr hohes Alter — niemand und sie selbst am wenigsten konnte angeben, wieviel Jahre sie zählte – noch merkwürdig frisch und temperamentvoll und erhob jedesmal laute Klage über die Schlechtigkeit und Bosheit ihrer Genossinnen, die ihr nichts gönnten. Wenn sie uns dann die blauen Flecken oder das geschwollene Auge zeigte, das sie im Kampf der Meinungen davongetragen hatte, so tat sie uns immer herzlich leid, und wir glaubten ihr gern, daß sie die verfolgte Unschuld war und nie zuerst anfing.
Von Zeit zu Zeit erschien Beguinensöffken in ganz besonders feierlichem Aufzug und bat, zur „jungen Madam“ geführt zu werden. Unter Tränen unaussprechlicher Rührung erbat sie sich dann ein „büschen Heu für den Sarch“, damit sie doch nicht auf bloßen Hobelspänen liegen müsse. Unsere Mutter möge doch dafür Sorge tragen, daß sie dermaleinst keinen „Näsendrücker“ (flachen Armensarg) bekomme, „da sin eck bange vor“, versicherte sie wieder und wieder … Beguinensöffken weinte überhaupt gern und viel.

Allmählich kamen wir denn auch dahinter, was es mit der oft unerklärlichen Traurigkeit auf sich hatte, daß nämlich ihre Tränen am reichlichsten flössen, wenn sie zu tief ins Schnapsglas geschaut hatte und vom sogenannten heulenden Elend ergriffen war. Doch wenn ihr meine Mutter deswegen Vorstellungen machte, beteuerte sie jedesmal mit unzähligen Eiden, daß sie „nur ein kleines Dröppchen vors Zahnweh“ genommen habe .. .

Ein tragisches Verhängnis wollte es, daß Beguinensöffken infolge ihrer unseligen Leidenschaft dem gefürchteten Näsendrücker nun doch nicht entging. Das Delirium tremens brach plötzlich so heftig bei ihr aus, daß sie nach Detmold ins Krankenhaus überführt werden mußte. Wir hörten erst wieder von ihr, als sie schon begraben war, und zwar von Armen wegen in einem flachen Sarg. Lange Zeit habe ich mir schwere Gedanken gemacht, ob sie nun am Jüngsten Tage mit eingedrücktem Nasenbein werde erscheinen müssen.
Den vielen Kirchen, Kapellen, Klöstern, Siechenhäusern, geistlichen und weltlichen Bruderschaften und Stiftungen nach zu urteilen, von denen man in alten Urkunden lesen kann, muß Lemgo einstmals eine äußerlich sehr fromme Stadt gewesen sein . . . Zwei Kirchen, deren Ursprung auf Anfang und Ende des 13. Jahrhunderts zurückzuführen ist, sind noch wohlerhalten und der Stolz der Stadt. Auch die Klöster sind z. T. noch vorhanden, aber schon seit Jahrhunderten anderen Zwecken nutzbar gewesen; denn in Lemgo wurde schon früh die Reformation eingeführt. So war z. B. unsere Töchterschule in dem früheren Augustiner-Canonessenkloster untergebracht, und viele romantisehe Geschichten wußten wir uns von dem alten Nonnenkloster zu erzählen. Da war im Erdgeschoß, unsern Augen deutlich sichtbar, die Stelle, wo einst eine Nonne bei lebendigem Leibe eingemauert worden war, weil sie einen Mönch des nahen Franziskanerklcsters geliebt hatte, wie die Sage ging.

In dem einstigen Johanneskloster auf der Legge befand sich damals auch noch eine der aus alter Zeit übriggebliebenen Stiftungen, kurzweg „Kloster“ genannt, eine Zuflucht für ältere Jungfrauen und Witwen, Töchter ehemaliger Bürger der Stadt. Das Kloster war etwas vornehmer, aber nicht so interessant wie das Beguinenhaus für uns Kinder. Es enthielt getrennte Wohnungen, eine jede bestand aus Stube, Küche und Ziegenstall, und die Klosterplätze waren sehr begehrt, obgleich man beim Eintritt 50 Taler bezahlen und den Genossinnen einen solennen Schmaus geben mußte. Dafür hatten die Klosterdamen außer der freien Wohnung allerlei kleine Einkünfte und Rechte, unter anderem einen besonderen Kirchenstuhl, auf den sie sehr stolz waren.
Nachdem unsere Freundin im Beguinenhaus gestorben war, beglückten wir Kinder das Kloster bisweilen mit unsern Besuchen, denn unsere Schneiderin wohnte dort. Solch schaurigschöne Hexengeschichten gab es freilich dort nicht zu hören; man lebte mehr in der Gegenwart, und von dem weitabgewandten Sinn, der sich sonst wohl hinter Klostermauern findet, war hier nichts zu verspüren. Die Klosterdamen nahmen im Gegenteil lebhaften Anteil an dem Tun und Lassen ihres Nächsten und waren überhaupt den irdischen Freuden durchaus nicht abgeneigt. Die schwere Klosterpforte wurde so schlecht bewacht, daß sogar Amor und Hymen hatten hindurchschlüpfen können und nun mit den minder Bejahrten ihr Wesen trieben. Nur die Erwägung, daß die eingezahlten fünfzig Taler beim Verlassen des Klosters verlorengingen, arbeitete dem Einfluß dieser beiden frechen Eindringlinge wirksam entgegen.

Blick auf Stift und Kirche St. Marien in der Heustraße um 1920. - Vorn im Bild: Wohnhaus der Stiftsdamen, erbaut 1860, abgebrochen 1969.

Blick auf Stift und Kirche St. Marien in der Heustraße um 1920. – Vorn im Bild: Wohnhaus der Stiftsdamen, erbaut 1860, abgebrochen 1969.

Um so freudiger war es zu begrüßen, als sich endlich einmal eine über diese schnöden Berechnungen hinwegsetzte und dem Zuge ihres Herzens folgte. Wir Kinder nahmen lebhaften Anteil an diesem frohen Ereignisse, aber vergeblieh suchten wir zu ergründen, worin die Anziehungskraft dieser späten Braut, unserer langjährigen Hausschneiderin, bestand, denn weder war sie schön noch hervorragend liebenswürdig, dafür aber beinahe ganz taub. Und doch hatte sie, wie weiland Frau Penelope, die Auswahl unter den Freiern. Erst viel später wurde uns klar, daß ihre guten Einnahmen – sie war die beste Schneiderin der Stadt und verdiente für damalige Begriffe viel Geld – sie ihren Bewerbern so anziehend erscheinen ließen. Sie war sich auch ihres Wertes vollauf bewußt und griff durchaus nicht mit beiden Händen zu, sondern überlegte lange und gründlich, wer der Glückliche sein sollte, wobei wir ihr mit guten Ratschlägen zur Seite standen. Schließlich entschied sie sich für einen soliden Schuhmachermeister, der Doht hieß und in der Helle wohnte, und bald hieß es im ganzen Städtchen: „Der Tod kam ins Kloster, holte sich eine Nonne und brachte sie in die Hölle.“ Aber trotz aller üblen Prophezeiungen fiel die Ehe so gut aus, daß die junge Frau zu versichern pflegte, sie fühle sich auch in der Helle wie im Paradiese.
Außer den öffentlichen Gebäuden sind der Stadt noch eine ganze Anzahl Patrizierhäuser aus der Zeit ihres Glanzes verblieben, an die sich allerlei Sagen knüpften und die -früher wenigstens – auch ihren Genius Loci besaßen. Unser Haus z. B., das schon auf manches Jahrhundert zurückblicken konnte, beherbergte nach Beguinensöffkens Aussage einen Geist in grauem, flatternden Gewände, der mit Ketten klirrend nachts umging. Wir haben leider nie etwas von ihm bemerkt, aber die Alte konnte beschwören, daß er ihr erschienen war und ihr zugewinkt hatte, ihm zu folgen, wahrscheinlich, um ihr den Schatz zu zeigen, dessen Hüter er war und den einst die Witwe eines reichen Ratsherrn vor den Horden des münsterschen Bischofs1Gemeint ist die sogenannte Münstersche Invasion des Bischofs von Galen im Jahre 1675. vergraben haben sollte. Aber Beguinensöffken hatte Angst bekommen und geschrieen, da war er verschwunden. Nachträglich bereute sie ihren Mangel an Mut um so mehr, als sie fürchten mußte, daß der Schatz nun in die unrechten Hände fallen würde. Jedesmal, wenn eine bauliche Veränderung in unserem Hause vorgenommen wurde, war sie von der Angst besessen, daß die Handwerker sich seiner bemächtigen könnten, und ihr Verdacht richtete sich besonders gegen einen Maurermeister, der viel bei uns gearbeitet hatte und der nach ihrer Meinung viel zu schnell reich geworden war.
Von all diesen Schätzen, die der Volksglaube in verschiedenen alten Häusern verborgen wähnte, kam natürlich nie etwas an das Tageslicht, aber diese Überlieferungen verliehen ihnen einen eigenen Nimbus. Das war im besonderen Maße bei dem alten feudalen Braker Schloß der Fall. Nur der eine Flügel des mächtigen alten Baues ist noch bewohnbar, dort befindet sich im Erdgeschoß das Verwaltungsamt und darüber die Wohnung des ersten Beamten2Das Schloß wurde inzwischen renoviert. Von 1932 bis 1972 befand sich dort der Sitz der Kreisverwaltung Lemgo.

Im Klosterhof St. Loyen um 1935

Für uns Kinder war es das größte Vergnügen, in dem alten Schloß umherzustöbern. Der Hauch vergangener Größe und Herrlichkeit, der es umgab, zog uns mächtig an, und unsere lebhafte Einbildungskraft machte es zum Schauplatz aller möglichen romantischen Geschehnisse. Natürlich war es auch nicht geheuer darin. Erwiesenermaßen hatte die weiße Frau von jeher ihr Wesen darin getrieben, und glaubwürdige Zeugen, z. B. die alte Kindermuhme der derzeitigen Schloßbewohner, bekundeten, daß sie in der Nacht, als die jüngste Tochter der Familie geboren wurde, erschienen war. Diese Tatsache verlieh der also Geehrten bei ihren Mitschülerinnen großes Ansehen; denn es war ja klar, daß sie zu großen Dingen ausersehen war. Zu jener Zeit schienen sich die Geister in den alten Turm zurückgezogen zu haben, allwo sich gar seltsame Dinge begaben. Festverschlossene Türen waren über Nacht plötzlich aufgesprungen, und schauerlich klagende Töne waren gehört worden – besonders in den stürmischen Herbstnächten.

Die größte Anziehung des alten Schlosses war indessen der unterirdische Gang, der, wie die Chronik meldet, von der einstigen Schloßkapelle ausging und unter dem Altar der Nikolaikirche in Lemgo mündete. In Kriegszeiten hatte der Gang oft wichtige Dienste geleistet, war aber nun schon lange verfallen. Jedoch konnten wir das nicht glauben, und in dem uns eigenen Forschungsdrange versuchten wir den verschütteten Eingang freizulegen, um die nach unserer Meinung verborgenen Schätze zu entdecken.

Begabrücke zwischen Schloß Brake und Lemgo. Um 1930.

Als wir aber bei diesem Unternehmen allerlei Knochen zutage förderten, verließ uns der Mut, und wir verzichteten endgültig auf die Hebung des Schatzes.

Unter solchen Eindrücken und Einflüssen wuchs unsere Generation heran, und wenn die vielen Hexen- und Gespenstergeschichten, mit denen man sozusagen großgezogen wurde, auch manche Verwirrung in den jugendlichen Köpfen anrichteten, so trug doch andrerseits das Bewußtsein, eine solche alte, an Schicksalen reiche Vaterstadt zu besitzen, dazu bei, schon früh den Sinn für Geschichte und Romantik in uns zu wecken, das Gefühl der Zugehörigkeit und die Liebe zur Heimat zu stärken. In der nüchternen Großstadt kennt man dergleichen nicht, denn wer in seinen Jugendjahren von einer Mietskaserne in die andere ziehen mußte, kann nicht bodenständig werden. Das alte Familienhaus aber, in dem wir geboren und groß geworden sind, bleibt uns immer Heimat, auch wenn das Leben uns weit fort, in völlig veränderte Verhältnisse verschlagen hat. Die Erinnerung an sie ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Solch eine Rückkehr in die Heimat, sei sie auch nur im Geiste geschehen, erfrischt Herz und Gemüt, gleich Antäus schöpfen wir aus der Berührung mit ihr neue Kraft zum Kampf ums Dasein, der da draußen soviel härter und unerbittlicher geführt wird.

Quelle: Entnommen der Artikelfolge „Aus einer kleinen Stadt“ von D. Theopold in der „Lippischen Post“, 61. Jg., Nr. 237, 238 und 240 (Oktober 1908).

 

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