Von Bernictorp zu Barntrup

Alt Barntrup, Kreidezeichnung von Ernst Schomer

Wer vom Steinberg oder aus der Vogelschau auf das südöstliche Gebiet unserer Gemarkung Barntrup herabsieht, gewahrt einen Fahrweg, der von der Bundesstraße 66 gegenüber der neuen katholischen Kirche abzweigt und nach Südosten auf die Bundesstraße 1 zugeht, genau da einmündend, wo die Pyrmonter Chaussee sich mit dieser wichtigen Fernstraße verbindet. Dieser Gemarkungsweg heißt „Schratweg“ oder im Volksmunde „Schrotweg“, auch auf der Gemarkungskarte von 1883. Es ist ein alter Fahrweg, wahrscheinlich einer der ältesten mit, der „schräg“ durch die Felder auf die Straße nach Pyrmont einer- und Blomberg andererseits zuläuft (schrat, schrot = schräg, Richteweg).
In alter Zeit war dieser Weg von reichen und hohen Hecken umsäumt. Heute sind nur noch Teilstücke vorhanden und deuten den Verlauf des Weges an. Beginn und Ende führen ziemlich gradlinig auf- einander zu. In der Mitte jedoch ist eine große Einbuchtung, die nach Süden zwei große, rechteckige Gemarkungsfeldstückc von besonderer Bedeutung anzeigt.
Beide Feldstücke sind fast ganz mit hohen Hecken aus Haselbüschen, Weiß- und Schwarzdorn, Hainbuchen, Hagebuttensträuchern, Holunder und Hartriegel begrenzt, und nur nach Süden zu ist das eine Stück offen. Wie in die Landschaft hineinprojiziert sehen die zwei Heckenrechtecke aus und lassen den Forscher etwas Besonderes vermuten. Und dem ist auch so.
Seit alter Zeit führen diese beiden Feldstücke im Volksmundeden Namen „Aule Kerken“ oder „Alte Kerke“. Auch das Kataster weist diesen Flurnamen aus als „Alte Kirche“, und der Name in Verbindung mit den ältesten urkundlichen Nachrichten über Barntrup mag uns einen Hinweis geben, wo in alten Zeiten das „alte Barntrup“ gelegen hat.
In einer Urkunde vom 20. September 1317 (Vigil. Matthei), die nur in einer beglaubigten Abschrift vorhanden ist, hören wir zum erstenmal von dem Ort Barntrup. Es handelt sich bei der Nachricht darum, dass sich Barntrup — in der Urkunde steht „Berrentorpe“ — kirchlich selbständig macht und von der Mutter- kirche Bega getrennt wird, mit der es bis dahin als „Kapellengemeinde“ verbunden war. Durch den Bischof Dietrich von Paderborn wird die Kirche zu Barntrup von der zu „Bige“ (Bega) geschieden und soll in Zukunft für sich durch einen eigenen Pfarer (plebanus) als besondere Gemeinde verwaltet werden. Diese kirchliche Selbständigmachung Barntrups finden wir in den Lippischen Regesten bei Falkmann und Preuß unter Nr. 632. Es heißt da in der Urkunde von 1317, daß Simon (I), Edelherr zur Lippe, beurkundet und bekannt gibt, dass der Ritter Conrad von Billerbeck den vierten Teil seiner Güter zu Heyentorpe (Quartam suam partem bonorum in Heyentorpe) mit allen seinen Einkünften in Gewächsen und Früchten (in fertura seu fructibus) an die Kirche zu „Berrentorpe“ und zur Gründung der Pfarrstelle (ad ecclesiam in Berrentorpe et ad plebanationem) geschenkt hat.

Graf Simon bewilligt diese Schenkung und schenkt das „Eigentum“ dieser Billerbeckschen Güter (proprietatem quoque dictorum bonorum) für den Priester (ad casum sacerdotis ecclesiae memoratae). Wenn hier von Eigentum gesprochen wird, handelt es sich bei den Ländereien offenbar um Lehngüter, und Simon fühlt sich als der eigentliche Besitzer, der bei dem Schenkungsvorgang sein Recht als Grund- herr gegenüber seinem Lehnsmann Conrad von Billerbeck ausübt. Die Flurstücke der Billerbeckschen Schenkung von 1317 stellen das Kern- stück des kirchlichen Grundvermögens dar.
Es liegt nach weltlichem und geistlichem Kataster im Süden unserer Barntruper Gemarkung verstreut „auf dem hohen Felde“, „auf der Reckede“, „im oberen und niederen Felde“, „in der Flüthe“, „im Wiethe“ und „inner aulen Kerken“.
Der Name „Aule Kerke“ ist offenbar ein ganz alter Flurname und zeigt die Stelle an, wo die „Ur-Barntruper“ siedelten. In der Rückerinnerung der späteren Geschlechter diesen Namen führend, nannte die Siedlung sich vorher „Berrentorp“ — „Berninctorp“ oder „Berlinctorp“, wie die Urkunden ausweisen.
Schon im 14. Jahrhundert ist diese älteste Siedlung hier im oberen Begatale ausgegangen. Sie begegnet uns aber noch in einer Urkunde 1359 als „Alten-Berlinctorpe“. Zwischen 1317 und 1359 nämlich entsteht auf dem „Thornesberg“, dem Hügelrücken, der sich von Osten nach Westen in das obere Begatal hineinschiebt, ein neues „Berninctorp“, das planmäßig als Siedlung auf der höchsten Stelle des 189 m hohen Bergrückens angelegt wurde und den alten Kern des heutigen Barntrup bildet. Wodurch die Verlegung aus der Talebene auf den Bergrücken veranlasst wurde, können wir nur vermuten. Es ist an zunehmen, dass der Graf von Sternberg als Grundherr des „Alten-Berlinctorpe“ dabei mitspielte. Wenn er in Lemgo einritt, ins lippische Territorium, mag in ihm der Wunsch entstanden sein, die größten Siedlungen seiner Grafschaft ähnlich aufzubauen, und so finden wir denn auch eine auffallende Übereinstimmung im Straßenbilde der alten Kernanlagen der damaligen Flecken Barntrup, Bösingfeld und Alverdissen. Die Ähnlichkeit in der Anlage dieser drei Altsiedlungen der Grafschaft Sternberg untereinander und weiter mit der Altstadt Lemgo zwingt zu dem Schluss, dass ein bestimmtes Schema bei den Sternberger Siedlungen vorgelegen haben muss.
Finden wir 1317 in der ältesten noch vorhandenen Urkunde den Namen „Berrentorpe“, so wechselt in den späteren Ar- chivalien der Name und wir stoßen auf „Bemme-„, „Berink-„, „Berlinc-„, „Bern-„, „Berren-“ und „Barntorpe“ und 1496 in derselben Urkunde „Berentorpe“ und „Barntrup“. Da uns die Entstehung des Namens Barntrup und seine Deutung beschäftigen soll, lassen wir noch einmal zum Studium der Namensentwicklung die Namen in den Archivalien Revue passieren mit den verschiedenen Formen:

 1317 Berrentorpe
 1353 Berninctorpe
 1357 Berlinctorpe
 1370 Bernynctorpe
 1376 Berntorpe, Berninctorpe und Berlincktorpe in einer Urkunde
 1391 Beringdorpe
 1391 Berninctorp
 1397 Berynctorp und Berninctorp in einer Urkunde
 1400 Beringtorpe
 1403 Bernynctorp
 1457 Barntorpe
 1462 Berntorppe und Barntrup
 1479 Berntorp
1496 Berentorp und Barntrup

Wir sehen, die Vorsilbe wird im Volks- munde abgewandelt und von den Beamten in die Urkunden übernommen und in den späteren Jahrhunderten als „Barnclorff“ und „Barntorff“ verhochdeutscht, und dieser Name kommt im 18. Jahrhundert zu alleiniger Geltung. Der Kupferstich des Elias van Lennep aus dem Jahre 1663, der die alte Burg in der Stadtkrone zeigt, trägt den Namen „Barndorff“.
Wie ist nun der Name Barntrup zu deuten? Wohl nur patronymisch. Das heißt, die ersten Siedler und Nachbarsiedler haben nach des Vaters Namen die Gründung benannt. Bering- oder Berning- oder Berlink- oder Berndorf ist das Dorf des Bering oder Berning, d. h. Nachkomme des Bero oder Berno, d. h. Bernhard. Dieser Name kam im lippischen Raum ja häufig in jener Zeit vor. Schon Preuß „Bauliche Alterthümer des Lippischen Landes“, 2. Auflage, Detmold 1891, hat S. 89 in einer Fußnote auf diese Bedeutung hingewiesen.
Wir wissen nicht, wer dieser erste Berning gewesen ist, nach dem Berninctorp benannt worden ist, noch wissen wir, wann er gelebt hat. Er Muss zu der Siedlung ein besonderes Verhältnis gehabt und als erster Sippenhäuptling zwischen dem heutigen „Schratweg“ und der Beganiederung im Gebiet der „Aulen Kerken“ gewohnt haben.
Einige Forscher haben den Namen Barntrup auch anders zu deuten versucht, aber unseres Ermessens kaum einleuchtende Deutungen gefunden. So schreibt der alte Johann Piderit aus Blomberg in seiner 1627 in Rinteln erschienenen Lippischen Chronik: „Bardendorff . . . hat den Nahmen, als es sich lest ansehen, von der Bardis, welche der Teutschen Priester und Sangmeister gewesen sein, Bardorum Pagus, en Dorf und Wohnung der Barden.“ In ausführlichen Darlegungen ergeht sich dann Piderit darüber, „was das Amt und Stand der Barden bey den gar alten Teutschen gewesen sei“. Dieser Pideritschen Deutung vermögen wir nicht zu folgen.

  • Hier am Schratweg lag Alt Barntrup
 

Schon an der alten Namensform der Siedlung, nämlich „Berninctorp“, scheitert diese Wortableitung. Ein anderer Chronist erklärt Barntrup als von Bärentrup herkommend. Diese Deutung finden wir in der handschriftlichen Chronik von Feuerbach, dessen Chronik im Staatsarchiv Detmold liegt. Es handelt sich bei Feuerbach aus Lügde um Joh. Pyrmontanus, der 1597 gleichfalls eine Abhandlung über den Stammbaum der Edelherrn zur Lippe schrieb.

Die Deutung Barntrup mit Bärentrup zu erklären klingt auch an, wenn man in späteren Jahrhunderten manchmal um das Wappen Barntrups zwei Bären als Schildhalter findet. Auch das hat nichts zu sagen. Man findet solche Bären auch auf den beiden Torpfeilern des Eingangs zum Lippehof im Rampendahl in Lemgo, heute Gymnasium. Sie standen ursprünglich an der Brücke, die über den Schloßgraben in Brake ins Schloß führte.
An dieser Stelle soll noch erwähnt werden, dass auf der Suche neuerer Forscher nach den Zügen der Langobarden auch in unserer Gegend Nachfragen gestellt wurden, ob nicht Barntrup etwas damit zu tun haben könnte mit „Langobarden“. Nun, auch diese Forschungen verliefen im Sande. Für uns erklärt sich einhellig Barntrup „patronymisch“, d. h. nach des Vaters Namen genannt. Weist die Vorsilbe auf Bernhard hin, so die Nachsilbe „thorp“, „trop“, „trup“ auf eine Siedlung. Heute bezeichnen wir als „trup“ eine größere ländliche Siedlung, früher aber wurde sie auf ganz kleine Siedlungen angewandt, und solcher gab es in alter Zeit eine Menge um Barntrup herum. Sie sind als „Wüstungen“ eingegangen oder in „Neu-Berninctorp“ aufgegangen. Archivalisch stoßen wir auf die Siedlungsnamen „Ossentorp“, „Tensinctorp“, „Hemelinctorp“, „Heddelinctorp“, „Heyentorp“, „Oyentorp“ und „Bredenkamp“.
Vielleicht dürfen wir aus der Endsilbe „trup“ etwas auf das Alter Barntrups schließen. Die Forscher nehmen an, daß die Dörfer auf „felde“ und „rod“ aus Karolingischer und späterer Zeit stammen, die Orte auf -trup und -hausen aber bei uns älter sein können. Und so dürfen wir uns vorstellen, dass das alte Barntrup unten in der Begagemarkung im Raum der „Aulen Kerke“ zur Zeit Karls des Großen schon Jahrhunderte bestanden haben mag.
Dieses Alten-Berninctorp war in dem Gemarkungsraum entstanden, in dem schon gegen Ende der Bronzezeit Siedler ansässig gewesen waren, wie die Erdhügelgräber im „Frettholz“ und an der „Gaffel“ anzeigen. Und so möchten wir denn, ohne unserer Phantasie zu sehr Raum zu geben, vermuten, daß schon ins Gebiet der „Alten Kerke“ früh in vorkarolingischer Zeit ein erster Siedler angelockt wurde, hier sein Haus und seinen Hof zu errichten in dem vom „Laufnacken“ (237,3 m) über das „Frettholz“ (217,3 m) und die „Alte Kerke“ (196,6 m) bis zur Begatalsohle sich sanft nach Südwesten hinab- schiebenden Gelände, das zur Viehzucht und zum Ackerbau einlud.

Der erste Siedler teilte vielleicht seinen Hof im Alter mit seinen Söhnen und Schwiegersöhnen, dem ursprünglichen Rodungsland immer neues zufügend. Waldboden wurde urbar gemacht zwischen „Rauhen Hang“ und „Steinberg“ einer- und dem „Wied“ und Beilenbruch andererseits und Neuland gewonnen und dann wieder an die Nachkommen aufgeteilt und so immer zu gutem alten, kultivierten Lande neue-. Rottland angegliedert. So vergrößerte sich das urbare Ackerland durch neugewonnenes Land immer mehr. Zuerst ein Hof, waren es bald zwei, drei und mehr, und es entstand schließlich in einem größeren Zeitraum auf diese Weise aus einem Ursprungshof eine ganze Siedlung und daraus durch Teilung, Heirat und Zuzug ein größeres Dorf, mehr oder weniger geschlossen, in dem oberen Begatal vor der Süd- und Südwestsonne auf fruchtbarem Lößboden ausgebreitet und auf den Bergzug zwischen „Winterberg“ und „Riechenberg“ blickend.
Jahrzehnte und Jahrhunderte werden dann Siedler den Wald, der in ältester Zeit sich rings um „Alt-Berlinctorp“ ganz nahe heranschob, weiter zurückgedrängt haben, um Acker- und Weideland zu gewinnen. So wird auch die Rodungssiedlung „Osterröden“ entstanden sein und der „Rauhe Hang“ = Rodungshang dahinter, Flurnamen, die noch heute an jene Vorgänge und Zeiten erinnern.
Wenn dann im breiten Tal die Siedler aus „Alten-Berninctorpe“ nach Osten in die Morgensonne schauten, werden sie von den benachbarten „Osterrödern“ gesprochen haben, die östlich von ihnen gesiedelt hatten, und wenn sie die Gewitterwolken im Westen über dem Berghang aufsteigen sahen, jenem sich von dem Hauptbergzug ins Tal hineinschiebenden Berge, dann werden sie vom „Westerberg“ geredet haben, weil er westlich von ihnen lag. So können wir uns die Entstehung jener uralten Flurnamen „Osterröden“ und „Westerberg“ erklären. Der Name „Westerberg“ kommt schon in den Urkunden von 1357 und 1376 vor, jenen alten „Holzbriefen“, die uns berichten von dem Kauf des Heyentorper Holzes vom Sternberger Grafen Heinrich V . durch die Altbürger Barntrups, eben jener „Berninc-torper“.

Wir wissen, dass im Raum um das heutige Barntrup auf dem Hügelrücken in alter Zeit im Tal und an den Hängen viele solcher Siedlungen entstanden sind. Als „Alten-Berninctorp“ entstand, lag ihm gegenüber, so vermuten wir, an der anderen Seite zwischen oberem Begalauf und dem Waldrand am Steinberg „Bredenkamp“ und jenseits in der Niederung zwischen dem heutigen „Kälbertal“, „Stromberg“ und „Bellenbruch“, etwa da, wo vor Jahrzehnten und Jahrhunderten früher schon eine Ziegelei sich befand, das alte „Ossentorp“. Vielleicht haben die Siedler Ossentorps vorwiegend Rindviehzucht in den nördlichen Talebenen betrieben und so musste ihre Siedlung den Namen „Ossen-“ Ochsentorp hinnehmen. Mag sein, dass die Berninctorper zahlreiches Schweinevieh zur Mast in die weiten Wälder trieb.
Vielleicht haben die Bewohner der anderen Siedlungen unser „Alt-Berlinctorp“ so genannt, vielleicht auch der erste Ansiedler sich Bero oder Berning. Lassen wir einmal unserer Phantasie Spiel, so kommen wir zu folgenden Überlegungen und Deutungen aus der Wortentwicklung.
Der erste Bering oder Berning baute Haus und Hof auf jenem schon mehrfach erwähnten Gelände, das ihn nährte und trug. Solch guten Ackerboden nennt man auch wohl „Börde“ (Soester Börde, Magdeburger Börde). Sollte etwa Bering, Bernig, Berning, auf das Zeitwort „beren“ = tragen zurückgehen, so könnte man vermuten, dass Ansehen und Stellung dieses ersten Siedlers zusammenhinge mit seinem Grund und Boden, der ihn nicht nur nährte und trug, sondern nach dem ihn auch seine Nachbarsiedler benannten.
Der erste Bering oder Berning machte wie seine Nachkommen hier oben im Begatal Waldland „urbar“, das heißt, er machte Land ertragreich = urbar. Die Nachsilbe „bar“ in fruchtbar und anderen Worten weist auf denselben Vorgang hin: fruchtbar = Frucht tragend, dankbar = Dank tragend, wunderbar = Wunder tragend. Die Silbe „bar“ weist auf das Zeit- wort „beren“ = tragen, das in unserer Sprache sich zu einer weitverzweigten Wortsippe verbreitet hat. Wir finden es in „gebären“, das ursprünglich nur „tragen“ heißt und im Plattdeutschen im „bürn“. Die Haushebung oder „Hiusbürnge“ war bei uns im Exter- und Begatal in den Jahrhunderten, da nur dann und wann einmal ein Haus errichtet wurde, ein großes Fest. Auch im Englischen begegnet uns „to bear“ = tragen, hervorbringen, „gebären“. So regt der Name Berninctorp oder Barntrup zu mancherlei Überlegungen an.

Vielleicht war die Rodungsarbeit des Ur-Berninctorpers anfangs nicht leicht, als er begann und seine Familie klein war. Da war dem Ahn das Roden vielleicht eine „Bürde“ oder Last, die er trug. (Die „Bürde“ oder das „Getragene“ wurzelt auch in „beren“ oder „bar“.) Wenn er am „Steinberg“ oder „Rauhen Hang“ oder im „Grisenhagen“ jagte, traf ihn manch- mal auch ein Missgeschick. Vielleicht wurde auf der Wildschweinjagd ein Jagdgenosse vom Keiler angenommen und musste verletzt auf einer „Bahre“ aus Ellern geflochten, vom „Laufnacken“ heimwärts zur „Berninc-Siedlung“ getragen werden. Träger = bearer trugen die Tragbare durchs Frettholz zu den Holzhäusern der Bernings. (Wir sehen, wie fruchtbar die Sippe des Wortes „beren“ in unserer Sprache ist.)
Zur Zeit der Schneeschmelze spendeten die Quellbäche der Bega aus dem Frett- holz, aus dem Rauhen Hang, vom Steinberg und aus den nahen Kämpen reichlich Wasser für Mensch und Vieh. Man holte und trug es herbei (mit dem „einber“ = Eimer), da man nicht ganz unten am Begabach wohnte, sondern etwas höher auf dem „fruchttragenden“ Plateau der „Aulen Kerke“. Manchmal aber herrschte auch Mangel, wenn die Jagd mager ausfiel. Dann hatte man nichts zu „tragen“. Man musste Mangel leiden und entbehren (entbehren: en-beren; die Silbe „en“ verneint).

Heute kreist oft ein königlicher Greifvogel über diesem Gebiet, wo die Alt-Berningtorper wohnten: der rote Milan. Er kommt vom Winterberg, wo er horstet, und segelt, ein König der Lüfte, lautlos begatalabwärts, immer aber einige große Schleifen über dem Hügelrücken ziehend, auf dem Neu-Berningtorp oder Neu-Barntrup liegt. Die Vorfahren dieser großen Gabelweihe waren sicher auch schon in jenen grauen Zeiten da. In den fischreichen Gewässern und Bornen stolzierte hier oben auch der Fischreiher, der uns heute nur kurze Zeit als Gast am Kolkteich und an der „Weißen Kuhle“ bei Mönchshof erfreute. Damals war neben ihm hier oben bei Alt-Berninctorp und auch an den Sumpiteichen bei Wierborn, dem alten Wirbenne, noch ein anderer Stelzgänger, der Storch, Freund Adebar, anzutreffen. Er ist bei uns hier vergessen, genau wie sein Freund, der Kiebitz, der einmal bei Mönchshof und Wierborn ein regelmäßiger Gast war, so häufig, daß ein Teich, Weg und Kamp noch heute im Kataster und Volksmund an ihn erinnert als „Pivitsteich“, „Pivitsweg“, „Pivitskamp“.

Auch Freund Adebar, der Storch, der aus unseren Teichen und Lebensbrunnen die kleinen Kinder bringt, wie die Märchenmüttcr erzählen, gehört mit seinem Namen zu unserer Sprachfamilie der „bar“ und „beren“. Adebar ist der Schatzträger und Glücksbringer, denn in der ersten Silbe steckt das altdeutsche Wort „od“ ( = Besitz, Allod, Schatz, Glück) und in der Endsilbe begegnet uns „bar“ in der Bedeutung von „tragen“.

Wenn wir bedenken, dass in dem Flur- und Siedlungsnamen „Bernincstorp“ und „Barntrup“ das alte deutsche Wort „be- ren“ und „bar“ steckt, in dem Sinne von „tragen“, „heben“ und „hervorbringen“, so dürfen wir am Schluss unserer Betrachtung sagen, dass in diesem Sinne der Name unserer Stadt zu allen Zeiten den Einwohnern Verpflichtung sein sollte, Bürden der Vergangenheit und Gegenwart zu tragen, aber nicht stille zu stehen, sondern Neues schaffend fortzuschreiten in die Zukunft!

Quelle: Heimatland Lippe 01/1963