Von Hexen und Zauberern

Wehe dem, der in den Ruf kam, eine Hexe oder ein Zauberer zu sein! Schreckliche Qualen und einen grausamen Tod konnte ein solches Gerücht zur Folge haben. Mehrere hundert unschuldige Menschen sind in unserm kleinen Lande dem Hexenwahn zum Opfer gefallen. Auch im lippischen Norden, in Lüdenhausen, Kalldorf, Langenholzhausen, Varenholz, Erder, Stemmen, Almena, Henstorf, Göstrup und Talle, hat man Frauen zu Hexen oder Zauberschen, Männer zu Hexenmeistern gemacht. Wer in den Akten von den wahnwitzigen Anklagen und den unmenschlichen Folterungen liest, dem sträuben sich die Haare. (Viele der Mitteilungen über die Hexenverfolgung in Nordlippe verdanke ich Herrn Dr. Karl Meier-Lemgo, einige Prozesse habe ich selbst in den Akten verfolgt.) Es ist uns heute unverständlich, wie selbst gelehrte Herren an diese aller Vernunft hohnsprechenden Dinge geglaubt und die Verfolgung der Zauberei als ein Gott wohlgefälliges Werk angesehen haben.

Von G. Franz - S. Alfing: Hexenjagd und Zaubereiprozesse in Münster. Waxmann Verlag, 1994 ISBN 3-893-25287-8, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6793616

Von G. Franz – S. Alfing: Hexenjagd und Zaubereiprozesse in Münster. Waxmann Verlag, 1994 ISBN 3-893-25287-8, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6793616

Als in den Jahren 1588/89 der Hexenprozeß gegen die Witwe Mußlücke und ihre Tochter Grete aus Lüdenhausen verhandelt wurde, da schrieb der hochgelehrte Lüdenhauser Pastor Jacob Cato, der in Wittenberg bei dem Reformator Philipp Melanchthon studiert hatte und in Lippe „durch Ausbildung und Tugend glänzte“, an die hochgelehrten Räte des „Peinlichen Gerichts“ in Detmold, sie möchten doch um Gottes und ihres christlichen Gewissens willen ein Einsehen haben. In seinem Kirchspiel sei die Abgötterei und teuflische Zauberei so eingerissen und nehme derartig überhand, „daß dieselbe so viel möglich abgeschaffet und ausgerottet werde, damit des Teufels Reich also zerstreuet und die armen Untertanen davor gerettet werden mögen!“ Zu seinem großen Wohlgefallen und dem seiner ganzen Gemeinde bekannten die armen Frauen auf der Folter ihre teuflischen Werke und fanden den Tod durch Schwert oder Feuer.

Auch in unserm Kirchspiel hat der Hexenwahn sein Unwesen getrieben. Man fluchte sich gegenseitig „den Teufel ins Leib“ und warf mit Scheit Worten wie „Teufelinne“ und „Zaubersche“ um sich. Überall gab es Klatsch und böses Geschwätz, schnell konnte da jemand verdächtigt werden und in üblen Ruf kommen.

So machten die Leute in Westorf eine Zeitlang um Süllwolds Hof einen großen Bogen herum, hatten doch Lästermäuler die ganze Familie in Verruf gebracht, und eines Tages hatte eine bekannte Klatschbase auf die Deele geschrieen, die Süllwoldsche sei ein teuflischer Sack, der Alte ein Zauberer und Hexenmeister, der Sohn ein „spisser Deubel“, und die Tochter sei aus dem Teufel geschüttet. Bald sollte ihr wohl die glühende Flamme aus dem Halse schlagen. Ein anderer verbreitete, die Süllwoldsche habe sein Kind verzaubert, daß es gestorben wäre. Süllwold brachte die Lästermäuler zur Anzeige, konnte aber doch nicht verhindern, daß man in der Dunkelheit vor seinem Fenster „Deubel“ und „Nachtmahr“ rief.

In Brosen wurden Schulkinder von anderen Kindern als Hexen bezeichnet, mit Steinen beworfen und mit Knüppeln gejagt. Die alte Saaksche war als Zauberin verschrieen. Sie hätte ihr Leben lang eine Uiße auf der Lippe sitzen gehabt, sagte man von ihr. Ihr Sohn, der die Verleumder zur Rede stellte, wurde geschlagen, zur Erde geworfen, mit Füßen getreten und als Hexenmeister und Hexensohn gescholten. Auch Saaks machten Anzeige, aber alle Zeugen sagten aus, es sei allgemein bekannt, daß die alte Saaksche die Zauberkunst verstände. Keiner der Lästerer wurde bestraft, und die Familie konnte von Glück sagen, daß das ganze Geschwätz keine weiteren Folgen hatte. In Lemgo wäre die alte Frau sicher auf die Folter gekommen.

In Bentorf wurde eine Bettlerin an den Pfahl gebunden, weil sie andern die fallende Sucht und den Teufel in den Leib geflucht hatte. Johann Hegers Frau war die Dorfhexe. Sie sollte der Stuckmannschen was in die Milch gegeben haben, wovon diese gestorben sei. Der Bauerrichter sagte, die Stuckmannsche habe ihn noch in ihrem Letzten gebeten, er sollte doch zur Hegerschen gehen und sie bitten, ihr „den Hueck“ zu segnen. Doch die Hegersche habe gesagt, es sei kurz vorher ein Planetenleser in Stuckmanns Hause gewesen, der hätte gesagt, der Stuckmannschen sei „vergeben“ worden, sie könne nicht wieder gesund werden. Aber die Hegersche könne den Hueck segnen, und der Bauerrichter wußte den Segen auch.

Er lautete:

Hueck, stond stille!
Diu säst nich keilen un nich schwellen!
Als Maria tat,
da sie den Herrn Christum geboren hat.
Im Namen des Vatters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“

Die Hegersche bekam 4 Taler Strafe, doch diesen Wahn und Aberglauben bekämpften Kirche und Staat lange vergeblich. Schon Pastor Mandelsen hatte berichtet, daß die Leute bei Zauberern und Wickern Rat holten, wenn ihnen das Vieh krank sei. Und jetzt zog „der Wickerklaus“ durch die Dörfer mit Segnen und Wahrsagen. Der Pfarrer war machtlos dagegen und war vielleicht selbst noch in den Wahnvorstellungen seiner Zeit befangen.

Einmal aber hat auch im Hohenhauser Kirchspiel eine Frau die schrecklichen Folgen des Hexenwahns erleiden müssen.

Grüninger 1516, Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten

Auf der Stätte der heutigen Försterei in Dalbke wohnte ums Jahr 1610 der Kleinkötter Ludeke zum Dalbeck, Sproß eines abgefundenen Sohnes vom Dalbker Meierhofe. Von einem Garten, 1½ Morgen Land, zwei Kühen und ein paar Gänsen ließ sich nicht leben. So tagelöhnerte er auf den Dalbker Höfen. Seine Frau Engel war ein fixes Weib. Sie hielt die Hauswirtschaft gut in der Reihe, spann fleißig und kaufte unter der Hand für einen Herforder Händler in den umliegenden Ortschaften das Garn auf. Das war ein einträgliches Geschäft und brachte ihr im Laufe der Zeit manchen harten Taler ein. Auf den Bauernhöfen aber war das bare Geld oft recht knapp, und manche Bauersfrauen machten bei EngelzumDalbeck eine kleine Anleihe, ein, zwei und auch mehr Taler, wie’s grade kam. Sie waren ja doch gut dafür und zahlten diese kleinen Plückeschulden meist mit gesponnenem Flachsgarn wieder ab. Man fand später bei ihr ein langes Verzeichnis mit 33 Schuldnern in Selsen, Rafeld, Brosen, Hohenhausen, Westorf, Echternhagen, Bentorf, Dalbke und Langenholzhausen, Summen von 1 bis 47 Talern. Ihr gesamtes Guthaben betrug 269½ Taler, eine bedeutende Summe in jener Zeit.

Engel ging auf den Bauernhöfen aus und ein, schwatzte hier und schwatzte da, führte auch mitunter absonderliche Reden und sagte manch unbedachtes Wort, wenn sie in Eifer oder Wut geriet.

Einen besonderen Haß hatte sie auf ihren Nachbarn, den Bauern Hans zum Dalbeck, geworfen. Der hatte sie einmal schwer beleidigt, das konnte sie ihm nicht verzeihen.

eine Zaubersche, immer noch toller macht. „Ich habe ihn noch nicht gebrühet, aber ich will ihn noch brühen!“

Doch was hilft ihr alles Toben? Wie ein unheimliches dunkles Gewittergewölk zieht sich über ihrem Haupte das immer lauter werdende Gerücht zusammen: „Engel zum Dalbeck ist eine Zaubersche!“

Noch einmal geht der Bauer Hans ans Gogericht und schildert, von Zeugen unterstützt, wie das Weib ihm immer wieder Böses an den Hals gewünscht habe und wie ihm darauf all die Jahre hindurch nichts wie Kreuz, Jammer und Unglück widerfahren sei und wie jedermann sie für eine schlimme Zaubersche halte. So kommt die Sache nach Detmold ans Peinliche Gericht!

Mit Geschick und Gründlichkeit stellt der gräfliche Fiskal, Dr. Wilhelm Sobbe, alles erreichbare Material gegen die „peinlich Angeklagte“ Engel, Ludeken zum Dalbecks Hausfrauen, in einer langen Anklageschrift zusammen. Da hört man denn auch noch weitere böse Werke von ihr, hat sie doch nicht nur dem Hans zum Dalbeck, sondern auch seinem Nachbarn Johann Klemme einstmals Übles gewünscht, was denn auch gleich eingetroffen ist. Klemme hatte ihre Kühe aus seiner Weide getrieben, sie aber hatte ihm zugerufen: „Du Schelm, dagegen soll dir etwas widerfahren, das sollst du gewahr werden!“ Und als er dann in der folgenden Nacht nach Vlotho gezogen ist, da ist ihm ein Schlagbaum, den er hat auftun wollen, unvermutet auf den Leib gefallen und hat ihm den Rücken entzweigeschlagen. Andere Leute haben ihn wieder nach Hause bringen müssen. Toll war ja auch die Sache mit dem neunzehnjährigen Simon Engelke aus Bentorf gewesen. Der hatte vor einigen Jahren für sie gepflügt, und als sie ihm zu essen gebracht, da hat sie ihn zum Zaubern verführen wollen und gesagt, sie wolle ihm eine Kunst zeigen, die sollte ihm sein Leben lang guttun. Aber er müßte auf einen Sonntag vormittag zu ihr kommen, wenn sie allein wäre. Und wenn er auch eines Edelmanns Tochter begehrte, so sollte sie ihm werden.

Am 19. November 1614 fand in der gräflichen Kanzlei zu Detmold das Zeugenverhör statt, und alle vierzehn Zeugen bestätigten die Angaben des Fiskals und sagten, daß Engel zum Dalbeck von allen Leuten für eine Zaubersche gehalten würde. Nur der Amtmann Jost Wulff aus Varenholz fügte nachdenklich hinzu: „Ob es aber wahr ist, das weiß nur Gott allein!“ Am schwersten wog wohl die Aussage der Alheid Stock aus Brosen, die mit der Angeklagten noch vor einem Jahr über das Gerücht gesprochen und sie getröstet hatte: „Wenn du unschuldig bist, dann will ich Gott bitten, daß er dir aus solch böser Nachsage helfen möge!“ Da habe die Angeklagte zornig geantwortet, und die Augen hätten ihr dabei im Haupt geflackert wie eine Kerze: „Will Gott mir nicht helfen, so mag mir der helfen, der mir’s zugesagt hat!“

Vergebens verteidigte Dr. Henricus Berchman die Angeklagte in einer langen, gelehrten Schrift, in der er herausstellte, daß alle Zeugen nur das Gerücht bestätigten, aber keiner bestimmt sagen könne, daß die Angeklagte „eine wahre, ohn- zweifelige Zauberinne sei“. Die Juristenfakultät Marburg hatte geraten, die Angeklagte wieder auf freien Fuß zu setzen und weitere Erkundigungen einzuziehen. Im Bewußtsein ihrer Unschuld verlangte Engel die Wasserprobe. An einem Strick gehalten, warf man die Hexen aufs Wasser. Gingen sie unter, so galten sie als unschuldig, schwammen sie aber, so hielt sie der Teufel fest, dem sie sich ergeben hatten. Und alle haben sie geschwommen, die mit der Wasserprobe sich losmachen wollten. Zu fest hielt sie ein wahrer Teufel am Seil!

Man sandte die Akten an die Universität Helmstedt, von der am 10. Mai 1615 der Bescheid kam, „daß Angeklagte mit scharfem peinlichem Verhör und Frage der bezichtigten Zauberei wegen zur Erkundigung der Wahrheit wohl könne und möge belegt werden“.

Am 22. Mai wurde sie zur Tortur geführt. Man verwarnte sie, sie möge bekennen und ihren Leib schonen. Sie aber beteuerte ihre Unschuld. Man zeigte ihr die Folterwerkzeuge, die der Henker vor ihr ausgebreitet hatte, die gräßlichen Beinschrauben mit den eisernen Zähnen, die sich ins Schienbein eindrückten, daß der Knochen krachte, und sich ins Fleisch gruben, daß das Blut spritzte. Man hielt ihr die neunschwänzige Katze vor die Augen, die Peitsche mit den verknoteten Ledersträngen, die Haut und Fleisch zerfetzen würde. Man wies auf die Leiter, an der sie emporgezogen würde, die Hände nach hinten verschnürt und ein Eisengewicht an den Füßen. Beim Hochziehen würden ihr die Arme aus den Gelenken gekugelt werden. Ob sie nicht doch lieber bekennen wolle, ehe der Henker die Hand an sie lege. Doch sie schüttelte den Kopf, obwohl sie zitterte an allen Gliedern. Ein Wink des Richters, und der Henker packte sie, riß ihr die Kleider vom Leibe und schnallte sie auf den Marterstuhl. Hier das Protokoll der Folterung, wie es der Schreiber festhielt:

„Darauf sie mit der Beinschrauben allgemächlich angegriffen worden.

Bleibt bei vorigem Verleugnen.
Mit der andern Beinschraube zur Schärfe angegriffen worden.
Bleibt bei vorigem Verleugnen.
Aufgezogen und mit Ruten gestrichen.
Bekennet ebenfalls nichts.
Zum andernmal mit beiden Beinschrauben angegriffen.
Beruft sich auf ihre Unschuld und bittet um Gnade.
Zum andernmal aufgezogen und gestrichen.
Bleibt bei vorigem Verleugnen.
Nach Verlauf von anderthalb Stunden zum drittenmal mit beiden Beinschrauben
angegriffen, aufgezogen und wieder gestrichen worden.
Bleibt nach wie vor bei vorigem Verleugnen.“

Wie tot schleift man Engel zum Dalbeck in ihr Verlies im Backhaus zurück. Bewußtlos, lahm und aus vielen Wunden blutend liegt sie auf dem Schrägen. Als nach Stunden die Wachsoldaten hereinkommen, hebt sie ein wenig den Arm und verlangt mit röchelnder Stimme zu trinken. Man flößt ihr etwas Wasser ein, aber man sieht, daß ihr Hals entzwei und ganz braun angelaufen ist. Dann spricht sie mit vergehender Stimme wohl zehnmal hintereinander: „Zu Mitternacht um 12 Uhr muß ich sterben!“ Tönnies, der Schlüter, sucht sie zu trösten: „Nein, Engel, Ihr werdet noch nicht sterben. Ihr könnt Euch ja noch wieder aufrichten!“ Sie hat aber nur noch röchelnd gesagt, was sie denn da eben getrunken hätte. Es wäre ihr, als wollte sie bersten.

Am andern Tage vermerkte der Schreiber in der Akte: „Am 23. Mai hat man diese Zaubersche im Backhaus tot gefunden!“

Engel zum Dalbeck war zu Tode gefoltert worden! Aber noch nach langer Zeit erzählten sich im Kirchspiel Hohenhausen die Leute, der Teufel habe ihr den Hals umgedreht!

Quelle: K. Meier – Hexenglaube und Hexenverfolgungen in Lippe

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