Von Valckenhagen nach Falkenhagen

Evangelisch-reformierte Klosterkirche Falkenhagen und Kapitelsaal. By Tsungam (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons. By Tsungam (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Beschwerlicher Weg durch sieben Jahrhunderte ( Ein Beitrag von 1972)

Etwa auf halbem Wege von Schwalenberg nach Polle bietet sich uns zur Linken der freundliche Anblick zweier imposanter Gebäudekomplexe: der beiden Kirchen zu Falkenhagen!
Die Ausmaße dieser Gotteshäuser lassen den Ortsfremden sogleich die Frage stellen, wie es in diesem offensichtlich doch recht kleinen Dorf zu zwei so stattlichen Sakralbauten gekommen sein könnte. Bei einer Antwort wäre weit auszuholen. Genauer gesagt: Es wäre bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurückzugehen, in jene Zeit, in der das von dem Grafen Volkwin von Schwalenberg („graven thom Swalenberghe“) gegründete Zisterzienser-Nonnenkloster Burghagen (vermutlich zwischen Schwalenberg und Rischenau gelegen) im Jahre 1247 nach VALCKENHAGEN verlegt wurde. Die Beweggründe für die Klosterstiftung sind nicht zweifelsfrei geklärt worden. In der landesgeschichtlichen Literatur wird überwiegend die Auffassung vertreten, daß es sich hier um ein sog. Sühnekloster gehandelt habe. Graf Volkwin sei, so heißt es, an der Ermordung des Erzbischofs Engelbert von Köln beteiligt gewesen und von den Reichsfürsten angewiesen worden, als Sühneleistung ein Kloster zu bauen. — Die jetzige Kirche der evangelisch-reformierten Gemeinde Falkenhagen dürfen wir als die Nachfolgerin der im 13. Jahrhundert an dieser Stelle entstandenen Klosterkirche ansehen.
Die Ruhe, die uns beim Gang über den schattigen Kirchplatz umgibt, könnte vergessen lassen, daß die Stille klösterlicher Abgeschiedenheit im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gestört wurde, daß also weder die „frommen Frauen“ des Zisterzienserordens noch die nur einige Jahre hier ansässig gewesenen Augustiner-Mönche oder die ihnen nachfolgenden Kreuzherren von den Auswirkungen politischer oder konfessioneller Auseinandersetzungen ihrer Zeit verschont blieben. Das durch Schenkungen und Stiftungen reich gewordene Kloster wurde in der Eversteinschen Fehde (1404—1409) völlig zerstört; die Nonnen flüchteten in das ordensverwandte Kloster Brenkhausen bei Höxter. Wenn es so scheinen mochte, als ob mit dem Einzüge von Augustinermönchen „neues Leben aus den Ruinen blühen würde“, so hatte sich der Bischof von Paderborn, der diese Männer an die verwüstete Klosterstätte zu Falkenhagen gerufen hatte, in dieser Erwartung getäuscht. Schon nach kurzer Zeit wanderten sie in andere Klöster ihres Ordens ab. Daß es ihnen für ihre Aufbauarbeit an Tatkraft und Ausdauer gefehlt hatte, mochte der Administrator der Diözese Paderborn nicht gern eingestehen; er beschönigte den Weggang dieser Einsiedler-Mönche mit der Begründung, daß sie an anderer Stelle „ruhiger und brünstiger dem allmächtigen Gott dienen konnten“. Erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts wird es im verfallenen Klostergemäuer wieder lebendig. Mit allen Rechten und Privilegien ausgestattet, übernahmen die Kreuzherren, ein während der Kreuzzüge in Palästina gestifteter geistlicher Ritterorden, das verwaiste Falkenhagen.
Den geschichtlichen Aufzeichnungen über diesen Vorgang entnehmen wir:

„In dem jare Christi dusent verbunden twe und dertich hebben de patres des hilligen Cruzesordens dat olde wöste vorvallen closter Valckenhagen angenommen …“

Kloster Falkenhagen. Kupferstich von Elias von Lennep, um 1663/66.

In ihrer Aufbauarbeit ließen sich die neuen Herren weder von Plünderungen des Klosters durch böhmische Soldateska während der Soester Fehde (1447) noch durch eine Feuersbrunst im Jahre 1479 entmutigen. Fleiß und Ausdauer der Mönche paarten sich mit der Bereitwilligkeit zu Spenden und Schenkungen, die von der hohen Geistlichkeit mit großzügigem Ablaß belohnt wurden. — Die Einführung der Lehre Luthers in der Grafschaft Lippe bedeutete auch für das Kloster Falkenhagen einen Wendepunkt in seiner vielhundertjährigen Geschichte.

Wenn auch die persönliche Überzeugung der Mönche geschont wurde, wenn auch ihr Aufenthalt im Kloster nicht gestört wurde und es ihnen sogar gestattet war, „Privat“-Got-tesdienste zu halten, so ließ die Lippische Rcformations- und Kirchen-Ordnung vom Jahre 1538 doch keinen Zweifel daran, daß das aufsichtführende Consistorium bemüht war, die neue Lehre auch im Kloster zur Geltung zu bringen. In der Ausdrucksweise der damaligen Zeit lautete das:

„So schollen die Mönche thom Valckenhagen aller ergerlichen unehrliche Leventh affsteilen, und alle affgodderyn affdon, sich der Ordination gemeß halten …“

Im Verlaufe des Reformationsjahrhunderts wurde von den eigens eingesetzten Visitatoren mehrfach geprüft, ob sich die Mönche gemäß der Gräflichen Kirchenordnung verhielten. Weder für die lippische Regierung, noch für die kirchliche Obrigkeit in Paderborn mögen die Berichte über diese Visitaionen Erfreuliches enthalten haben. Nach und nach verringerte sich die Zahl der Mönche. Einige von ihnen entsagten dem katholischen Glauben und traten zum reformierten Bekenntnis über, von einem erfahren wir, daß er als Schenkwirt in Rischenau endete, von einem anderen, daß er in verschiedenen Dörfern als Schweinehirt diente, von einem dritten, daß er sich lange als „Vagabunde“ herumgetrieben habe.

Das evangelische Pfarrhaus vom Jahre 1509 in Falkenhagen

Von der „Stille klösterlicher Abgeschiedenheit“ konnte, wie schon diese knappen Darstellungen aus der Falkenhagener Geschichte erkennen lassen, nie längere Zeit hindurch die Rede sein. — In der Erkenntnis, daß das Kloster mehr und mehr zu einer Stätte des Ärgernisses geworden sei, entschloß sich Bischof Dietrich im Jahre 1596 zur Aufhebung des Klosters und zur Teilung der Güter mit dem Grafen zur Lippe. Den Paderborner Anteil nahmen die Jesuiten „in würk-lichen habhaften Besitz“, der lippische Teil der Klostergüter fiel an den Grafen Simon VI. Nach seinem Tode (1613) erhielten die Jesuiten auch diesen Teil der Falkenhagener Güter. Auf Grund der Bestimmungen des Westfälischen Friedens forderte Lippe nach 1648 die Herausgabe des früher innegehabten Teils der Klostergüter. Wie nicht anders zu erwarten, widersetzten sich die Jesuiten diesem Verlangen und ließen es auf Gewalt ankommen. Wie es bei der „Gewaltanwendung“ zuging, entnehmen wir einem Bericht über die Vorgänge am 2. Aug. 1649:

„ . . . Als sie nun noch nicht gehen wollten, ist dreyen Soldaten anbefohlen worden, sie anzugreifen und aus der Kirche zu trecken oder zu tragen, worauf die Soldaten den einen zur Kirchen naus geführet, und wie sie fürn Altar gangen, und den andern angreifen wollten, hat er dem einen Soldaten den Hut vom Kopf geschlagen und gesaget: was er da thdte, ‚ man müste fürm Altar den Hut abnehmen …“

Die weitere Entwicklung der Verhältnisse in Falkenhagen im einzelnen nachzuzeichnen, hieße, den bis zur Aufhebung des Jesuitenordens (1773) währenden Streit zwischen der lippischen Regierung und dem Bischof von Paderborn — mit seinen oft recht unerfreulichen Begleiterscheinungen — nach 200 Jahren (!) noch einmal ans Licht zu ziehen: hieße aber auch, mit den streitenden Parteien „außer Landes“ zu gehen und die Auswirkungen kurfürstlicher, kaiserlicher und päpstlicher Entscheidungen auf Falkenhagen kennenzulernen. So reizvoll es wäre, anhand des uns zugänglichen Schrifttums nicht nur die mannigfachen Probleme kirchen- und landesrechtlicher Art aus heutiger Sicht zu würdigen, sondern auch die große Zahl bedeutender — und weniger bedeutender Persönlichkeiten, die irgendwie mit Falkenhagen befaßt waren, an uns vorüberziehen zu lassen, wir wollen uns wieder den Baulichkeiten zuwenden, die unsere Aufmerksamkeit erregt hatten. Nach unserem Weg in die Vergangenheit kehren wir also wieder in die ehemalige Klosterkirche zurück, Richtiger: Wir kehren dahin zurück, wo wir den Kern der ersten Klostersiedlung vermuten dürfen, wo vor über 700 Jahren ein Probst

Blick in das Innere der evang.-ref. Kirche zu Falkenhagen

Wilhelm von Sumersele (Sommersei) Gottesdienste abhielt und die Sakramente spendete, wo die Zisterzienserinnen nach strengen Ordensregeln lebten und wirkten, wo, Jahrhunderte später, der Klostervorsteher Heinrich von Bochold die jetzige Kirche erbaute und damit sein über 3 Jahrzehnte langes Wirken in Falkenhagen zu einem krönenden Abschluß gebracht hatte, als er am 4. Mai 1945 starb. — Wenn wir schon von der Ruhe des Kirchplatzes, des ehemaligen Totenhofs der Mönche, sehr beeindruckt waren, um wieviel mehr umfängt uns im Kirchinnern jene Stille, die das Verweilen in diesem Gotteshaus zum tiefen Erlebnis zur Andacht werden läßt! Die majestätische Erhabenheit des weiten, hohen Raumes ergänzt sich mit der „erdhaften Schwere“ des dunklen Holzgestühls und der Emporen zu einem Gesamtbilde, das dem Verlangen nach Geborgenheit ebenso gerecht wird wie dem Wunsche, Auge und Sinn aufwärtszurichten…
Von zwei Kirchen war zu Beginn unserer Falkenhagen-Rückschau die Rede. Wenn wir die zweite, die katholische, erst jetzt erwähnen, so deshalb, weil sie verhältnismäßig spät im Geschichtsbilde von Falkenhagen sichtbar wird. Als „steinern Gebäu der Jesuiten“ im Jahre 1695 errichtet, erregte das Gotteshaus den Unwillen der lippischen Regierung; sie untersagte ihren Landeskindern — unter Androhung einer Strafe von 5 Goldgulden —, die „papistische Kapelle“ zu betreten. Aus der damaligen „Jesuiten-Residenz“, die in einem oberen Stockwerk die Wohnungen der Geistlichen enthielt und im Erdgeschoß als „Kirche“ eingerichtet war, ist durch Wegnahme der Zwischendecke längst ein Sakralbau entstanden, der bei aller Einfachheit seiner äußeren Formen weihevolle Atmosphäre schafft. Bei der Suche nach einem Ausdruck, der die Stimmung des Besuchers wiederzugeben vermöchte, kommt uns das Wort Friedrich Hölderlins zu Hilfe: — „heilig nüchtern“! — Am Beispiel der beiden Falken-hagener Kirchen wird deutlich, mit wie unterschiedlichen Mitteln das, was mit „entrückender Wirkung“ zu bezeichnen wäre, erreicht werden kann. War es in der Kirche der evang.-reformierten Gemeinde das durch hohe Buntglasfenster nur spärlich einfallende Tageslicht, mit dem die Verbindung zum „Draußen“, zur Alltags-Umwelt nahezu aufgehoben war, so wird hier, in der katholischen Kirche, das durch eine Vielzahl von Fenstern einströmende Licht zum beredten Ausdruck dafür, daß eine den ganzen Raum durchdringende Helle die nahe Beziehung zur Außenwelt, aus der wir kommen und in die wir wieder zurückkehren, unterstreicht.
Die Menschen im heutigen Falkenhagen sind stolz auf ihre beiden Kirchen! Wir müssen es genauer sagen: Auch die in Rischenau, in Elbrinxen, Sabbenhausen, Wörderfeld, Köterberg, Hummersen und Niese lassen sich gern auf „ihr“ Falkenhagen ansprechen. Sie alle wissen um den langen, beschwerlichen Weg, den ihre Vorfahren um christlicher Überzeugung, um christlicher Anschauung willen zu gehen hatten. — An einigen Stationen dieses Weges haben wir in unserer geschichtlichen Rückschau haltgemacht. Daß es nicht ausnahmslos freundliche Stationen waren, tut dem friedlich-anmutigen Bilde, das sich mit dem heutigen Falkenhagen darbietet, nicht den mindesten Abbruch! —
Den vielen hundert Teilnehmern an der Feier zur Erinnerung an die Klostergründung vor 725 Jahren bot sich — im Anschluß an den Fastgottesdienst am 18. 6. 1972 — die Gelegenheit, dieses „friedlichanmutige Bild“ in sich aufzunehmen. Die es noch nicht wissen sollten: denn: Falkenhagen — es ist mehr wert als den flüchtigen Blick des Vorüberfahrenden!

Quelle: Heimatland Lippe 07/1972 – von Konrad Küppers