Was Rotkreuzarzt Dr. med. Wilhelm Macherey am Ende des letzten Krieges in Barntrup erlebte

Am 4. April 1945 endete für Barntup der zweite Weltkrieg mit der Besetzung durch amerikanische Truppen. Kreidezeichnung von Ernst Schlomer

,Am 31. März 1945 brachten in kurzer Zeit feindliche Jagdbomber die Stadt an den Rand des Ruins. Durch diesen schweren Jaboangriff am Ostersonnabend wurden 7 Zivilpersonen im Innern der Altstadt und 3 deutsche Soldaten in der Großen Twete durch Bombenvolltreffer getötet. Von den 450 Häusern erlitten 9 einen Totalschaden und 240 Häuser wurden mehr oder weniger beschädigt. 25 Jahre sind seitdem vergangen. Um für die Nachwelt sicherzustellen, was damals in Barntrup und seiner näheren Umgebung geschah, sammelte der Chronist Berichte, Erzählungen, Briefe und Umfragen und führte Rundgespräche über den Angriff und die Kriegsereignisse.
In das damalige Kriegsgeschehen war neben der Feuerwehr das Deutsche Rote Kreuz sehr stark verzahnt. Am 30. Dezember 1958 fand darum im Kneipp-Sanatorium „Haus Extertal“ abends ein Rundgespräch statt mit dem Arztehepaar Dr. med. Macherey. An der Unterhaltung nahmen außerdem teil der Schwiegervater Dr. Machereys, der ehemalige Abgeordnete des Landtages von Baden-Württemberg Altkreisrat Karl Joseph Rößler, sowie der ehemalige Segelfluglehrer Franz Böger und Oberstudienrat Heinz Rohmann mit ihren Frauen.
Ergänzt von Frau Gisela Böger und Frau Maria Rohmann, die 1945 auf dem Restgut der Domäne Herborn wohnten, berichtete Dr. med. Macherey von seinen Erlebnissen als Arzt und seinem Einsatz im Dienste des Deutschen Roten Kreuzes. Nach Schluß des Rundgesprächs wurde ein Protokoll abgefaßt und von Gesprächsteilnehmern unterschrieben. Dr. med. Macherey erzählte:

„Es war Karsamstag und der 31. März 1945. Als DRK-Arzt hatte ich die ärztliche Versorgung der Segelflieger in den Kriegsjahren übernommen und nun dem Leiter der Segelflugschule Oerlinghausen zugesagt, seine Schüler über Ostern zu betreuen. Ich rief morgens noch mal in Oerlinghausen an und erfuhr, dass die feindlichen Panzer schon vor der Stadt standen, man mich aber — wie verabredet — erwartete. Ich zog also meine DRK-Uniform an, ließ mein Auto sicher in der Garage stehen und holte statt dessen das Motorrad hervor. Schon stand ich gestiefelt und mit gepacktem Rucksack im Eingang zu meiner Praxis, die damals noch in der Hamelner Straße 10 war, und nahm mit etwas gemischten Gefühlen Abschied von meiner Familie — denn niemand wußte, was die Ostertage in Oerlinghausen bringen würden — als das Telefon schellte. Man rief mich zu einer Frau in Eschenbruch, die einen Herzanfall hatte. Ich schob mein Motorrad wieder zur Seite, holte das Auto heraus und fuhr los.
Während ich nun in Eschenbruch mit der Untersuchung meiner Patientin beschäftigt bin und gerade ihren Puls fühle, höre ich in einiger Entfernung eine starke Detonation und unmittelbar darauf auch Fliegergeräusche. Ich stürze aus dem Haus und sehe doppelrumpfige Flugzeuge in immer neuen Angriffen Barntrup anfliegen. Ich höre Bombendetonationen und Maschinengewehrgeknatter von dort her. Bald steigt auch schon Rauch über Barntrup auf. Ich schätze, dieser Angriff hat über eine Stunde gedauert.
Sobald die Knallerei in Barntrup aufhört, springe ich ins Auto und fahre zum nächsten Telefon (Reinshof in Hiddensen). Meine Bemühungen um eine telefonische Verbindung mit meiner Wohnung bleiben allerdings ohne Erfolg. Die Leitungen sind wohl zerstört. In eilender Fahrt jage ich daraufhin nach Hause. Als ich beim Cafe Waldhaus um die Ecke biege, sehe ich Barntrup vor mir liegen. Dicker Rauch quillt auf, die ganze Stadt scheint in Flammen zu stehen. Bald fahre ich am ersten zersplitterten Telefonmasten vorbei. Kurz vor der Straßenabzweigung, die ins Bellenbruch führt, liegen zwei tote Pferde am Wege — nur Menschen treffe ich nicht. Die Straßen sind ausgestorben. In der Stadt selbst hängen überall abgerissene Leitungsdrähte, Dachziegel liegen auf der Straße, aber die Häuser, an denen ich auf meinem Wege zur Wohnung in der Hamelner Straße vorbeikomme, stehen wenigstens noch.
Ich überzeugte mich davon, dass meine Familie wohlbehalten und nur mit dem Schrecken davongekommen war und ging sofort daran, das Rote Kreuz zu alarmieren. Denn die Menschen kamen aus ihren Kellern hervor, und die ersten Patienten verlangten nach einem Arzt. Ich schickte einen DRK-Mann mit dem Motorrad nach Bad Pyrmont. Er sollte von dort aus den Lemgoer Krankentransport telefonisch nach Barntrup rufen und ebenfalls nach Oerlinghausen Bescheid geben, dass ich nicht kommen kann. Dann wurde ich von Haus zu Haus gerufen, um erste Hilfe zu leisten. Es waren sehr, sehr viele Verletzte, fast in jedem Haus lag jemand, eine genaue Zahl kann ich nicht angeben. Einigen konnte ich auch nicht mehr helfen, sondern nur noch den Tod feststellen, so bei einem Mann, der bei Schaper lag.
Meine Praxis hatte sich inzwischen mit Menschen gefüllt, und ich wurde dringend gebraucht. Mit einigen Helfern ging ich an die Arbeit. Aus der Fülle der Schwer- und Leichtverletzten entsinne ich mich besonders an einen Schwerverletzten mit einem Armdurchschuß und an einen Soldaten mit einem Bauchschuß, dessen Blut die Liege in meinem Behandlungsraum in kurzer Zeit durchtränkte — wir hatten kaum Hände genug, all die Not zu lindern. Eine besondere Schwierigkeit ergab sich aus der Tatsache, dass die Wasserleitung zerstört war. Jeder Tropfen Wasser, den wir noch vorrätig hatten, wurde sparsamst eingeteilt. Für die notwendigen Gipsverbände nahm ich Pyrmonter Wasser aus meiner Speisekammer, um die Gipsbinden damit zu tränken. — Der Schwerverletzte starb.

Alt-Barntrup. Kastanienecke am „Niederen Tor“. Zwischen „Alter Post“ und „Tante Doris“. Quelle: Heimatland Lippe

Bald erschien der Krankenwagen von Lemgo. Ich packte als ersten den Mann mit dem Armdurchschuß hinein und Frau Reinsch mit ihrer Mutter, die ebenfalls schwer verwundet war. Noch mehrmals konnte ich auf diesem Wege Verwundete nach Lemgo ins Krankenhaus schaffen. Es war schon spät am Abend, als endlich der letzte Patient versorgt war und die Praxis verließ. Hier sah es inzwischen aus wie auf einem Schlachtfeld. Wir räumten noch lange auf und versuchten mit dem wenigen Wasser alles so gut wie möglich zu reinigen.
Während des Abends hatte es einen weiteren Angriff auf Barntrup mit 4 weiteren Bombenfällen gegeben. Wir hatten uns in unserer Arbeit nicht darum kümmern können, doch hatte ich den Entschluss gefasst — sobald Zeit dafür sein würde — die Frauen und Kinder meiner Familie und Freunde aus dem brennenden Barntrup zur Segelfliegerschule Herborn in Sicherheit zu bringen. Diesen Entschluss setzte ich nun in derselben Nacht noch in die Tat um.
Der Ostermorgen brach an. Es war unfreundliches Nieselwetter. Ich versorgte meine Patienten und sah nun erst richtig, welcher Schaden am Vortag angerichtet worden war. Die feindliche Front rückte immer näher, und es wurde Befehl gegeben, die Stadt zu evakuieren. Frauen und Kinder zogen an diesem und an den zwei nächsten Tagen — ihre notwendigste Habe zumeist auf Handwagen verpackt — auf Gehöfte und in Häuser, die außerhalb der Stadt lagen. Viele Menschen verkrochen sich, kopflos geworden, irgendwo in den umliegenden Wäldern. Es waren traurige Bilder, die ich auf meinen täglichen Praxisfahrten zu sehen bekam. Ein Teil der Bevölkerung blieb auch in der Stadt zurück. Ich hielt noch jeden Tag meine Sprechstunde ab. Außer den eigenen Patienten versorgte ich viele verwundete Soldaten, die auf dem Rückzug waren.
Durch diese Soldaten erfuhren wir Genaueres über die Lage der Front und über die Kämpfe dort. Wie immer in solch unruhigen Zeiten liefen mit Tatsachenberichten viele Gerüchte und „Parolen“ durch die Bevölkerung. Aber durch Ausfragen vieler durchziehender Menschen konnte man sich doch ein ungefähres Bild von der wirklichen Lage machen.
Außer den Soldaten, die von der Front kamen, gab es aber auch Gruppen, die noch zum Einsatz geschickt wurden. Während der Nächte zwischen dem 1. und 4. April lagerten in der Segelflugschule am Herborn Volkssturmgruppen, meist etwa 16 jährige jungen, die von hier aus jenseits der Weser in den Kampf eingesetzt werden sollten. In der Schule waren Strohlager, auf denen die Jungen kampierten, doch konnte selbst auf diese Weise nicht für alle Platz geschaffen werden, und während einer Nacht waren es z. B. 40—50 Mann, die in Gruppen draußen zusammensaßen, sangen und darauf warteten, dass sie für 2—3 Stunden das Strohlager beziehen durften, ehe es in den frühen Morgenstunden weiterging.
Von den vielen Menschen und Schicksalen, mit denen ich in diesen Tagen in Berührung kam, ist mir noch ein leitender Herr der Buna-Werke in Marl-Hüls in Erinnerung, der mit seinem Kameraden am Montag bei mir Zuflucht suchte. Er stellte seinen alten, klapprigen Fordwagen, vollgepackt mit wichtigen Dokumenten und Papieren, bei mir sicher. Beide halfen mir, tüchtig Wasser zu schleppen — vom „Grünen Jäger“ her, dem alten Gasthaus am Treffpunkt von B 66 und B 1 — denn die Wasserleitung war natürlich noch nicht wieder in Ordnung gebracht und der Bedarf an Wasser groß. Unmittelbar vor dem Einzug der Amerikaner zogen auch die beiden weiter, um ihre kostbare Fracht über die Weser zu retten.
Am 4. April verkündete das immer lauter werdende Grollen des Geschützdonners das Naherücken der Front. Immer mehr verwundete Soldaten kamen durch Barntrup. Bis nach Mittag gab es Arbeit für mich in der Praxis. Dann konnte ich endlich gegen 14.30 Uhr mit dem bereitstehenden Auto Barntrup verlassen. Auf einem Umweg durchs Bellenbruch, Alverdisser Straße kam ich zum Herborn. Beim Aussteigen sah ich, dass eines der Gebäude auf Mönchshof lichterloh brannte — wie sich später herausstellte, war es eine Scheune, die in Brand geschossen worden war.
Im Fliegerlager hatten etwa 100 Menschen Zuflucht gesucht, zumeist Frauen und Kinder aus Barntrup, aber auch ein paar verwundete Soldaten hofften, hier wenigstens für einige Stunden eine ruhige Bleibe zu finden. Sie alle lagerten am sichersten Platz des Hauses in der großen Flugzeughalle an den dicken Außenmauern entlang.
Ich selbst zog in meiner DRK-Uniform auf den höchsten Punkt in der Umgebung, den Windmühlenturm, um von dort aus die Ereignisse in Barntrup zu beobachten. Von der Stadt her war das Geknatter von Maschinenpistolen zu hören. Und dann sah ich auch schon, wie sich der erste Panzer ganz langsam durch die Hamelner Straße in Richtung „Grüner Jäger“ schob. In kurzen Abständen folgten etwa zehn weitere Panzer, dann gab es einen fürchterlichen Knall, und für ungefähr ½ Stunde blieben alle Fahrzeuge, die ich sehen konnte, regungslos stehen. Später hörte ich vom Schneider Hammerich das Gerücht, Kinder hatten durch eine Panzerfaust einen Panzer „hoch gehen lassen“, und so wäre die Straße blockiert worden. Was in Wirklichkeit los war, habe ich nicht in Erfahrung bringen können.
Bei mir am Turm tauchten plötzlich ein Offizier und zwei SS-Männer auf, die Läufe ihrer Maschinenpistolen waren noch warm. Sie hatten sich — immer schießend — zurückgekämpft und bestätigten mir, dass in Barntrup der Amerikaner eingezogen war. Nach einer kurzen Rast mussten die drei weiter. In den Zug der Panzer war inzwischen wieder Bewegung gekommen. Ich sah nun auch am Bahnhof Sonneborn die ersten Panzer in Richtung Hameln durchrollen. Ich zählte: 1, 2, 3, 4 . . . Bei 300 hörte ich auf, denn ein Ende dieses gewaltigen Zuges war nicht abzusehen. — Ich versteckte meine Pistole und ging zum Fliegerlager zurück, um Bericht zu erstatten: Barntrup war endgültig vom Feinde besetzt!
Gegen 18 Uhr machte ich mich mit meiner Schwägerin und einer DRK-Schwester auf den Weg zur Stadt, denn vermutlich wurde dort ärztliche Hilfe gebraucht. Wir schlugen uns quer durch die Felder. Unterwegs wurden wir von einem feindlichen Aufklärer gesichtet. Wir versteckten uns hinter einer Feldscheune am Brudereichenweg. Das Flugzeug umkreiste ein paarmal die Scheune, flog dann aber schließlich in Richtung Sonneborn davon, und wir konnten unseren Weg fortsetzen. Wir kamen sicher ins Bellenbruch, das völlig menschenleer lag. Wir nahmen den Feldweg am Sägewerk vorbei zur Alverdisser Straße. Von der Post aus sahen wir bei Kaufhaus Fischer noch immer Panzer von Westen kommend vorbeirollen. Wir erkannten aus dieser Nähe die großen, weißen Sterne, die sie als amerikanische Fahrzeuge kennzeichneten. Hin und wieder wagten sich schon Menschen auf die Straße. Ein einzelner stand heftig gestikulierend und grüßte mit lautem Rufen: „Unsere Befreier!“ Die Amerikaner schienen von alledem keine Kenntnis zu nehmen. Auch uns beachtete niemand von ihnen, als wir an ihren Panzern vorbei durch die Hamelner Straße zu meiner Praxis gingen.
Hier stand noch alles so, wie ich es vor ein paar Stunden verlassen hatte. Zwar hatte man von draußen her ins Haus hineingeschossen, Dreck lag herum, und noch heute habe ich Bücher, die damals von den Geschossen beschädigt wurden. Ich hatte nicht lange Zeit, mich umzusehen, denn ich musste gleich meine ärztliche Tätigkeit aufnehmen. Ich wurde zu einem Mann im „Deutschen Haus“ gerufen, der sich selbst in den Mund geschossen hatte. Er war sehr schwer verletzt und musste dringend ins Krankenhaus. Ich versuchte, ein Rot-Kreuz-Auto der Amerikaner anzuhalten, und gleich der erste Versuch gelang. Ich machte dem Fahrer klar, um was es sich handelte, der holte sofort eine Trage, lud meinen Verwundeten auf und transportierte ihn offen auf dem Kühler sofort ins Krankenhaus. Ich versorgte noch einige Patienten innerhalb der Stadt, meist waren es Verwundete, und wurde dann zu einem Kranken in Mönchshof gerufen. Als Transportmittel holte ich mein seit langer Zeit nicht mehr benutztes Fahrrad aus der hintersten Garagenecke, band meine Arzttasche darauf und fuhr dem immer noch gleichmäßig rollenden Zug der Panzer entgegen in Richtung Bega. Niemand nahm Notiz von mir.
In Mönchshof fand ich einen sehr schwer verwundeten SS-Mann vor. Eine Gruppe von der Waffen-SS hatte in dieser Gegend versucht, den Feind aufzuhalten. Außer einer ersten Hilfeleistung konnte ich nicht viel für den Schwerverletzten tun, er musste ebenfalls ins Krankenhaus. Und wieder war es ein amerikanischer Rote-Kreuz-Wagen, den ich anhielt und der den Verwundeten sofort wegbrachte. Da ich mit meinem Verbandszeug nun einmal zur Stelle war, bat man mich noch, einem Pferd zu helfen. Diesem war bei dem Feuergefecht zwischen der SS und den anrollenden Panzern ein Stück aus der Unterlippe gerissen worden, das nun lose herunterhing. Ich nähte es wieder an, und das Pferd, die tragende Stute Este, brachte nicht nur 14 Tage später ein schönes, gesundes Fohlen zur Welt, sondern hat auch noch jahrelang auf Mönchshof treue Dienste getan. (Als die anrückenden Amerikaner vom Kuhstallboden und aus dem Park von Mönchshof MG-Feuer bekamen, kehrte die Panzerspitze um, drehte hinter der Steinkes-Bega und beschoss, verstärkt anrückend mit 7 Panzern, Kuh- und Pferdestall und Düngerschuppen. Dabei zerriss eine feindliche Granate die ganze Giebelwand des Pferdestalles, tötete dabei den alten Hektor, traf ein zweites Pferd am Auge und riss der Stute Este ein Stück von der Unterlippe ab).
Eine andere Geschichte von dem gleichen Tage ist mir noch deutlich in der Erinnerung. Ich wurde zu einem jungen Mädchen in Selbeck gerufen. Wieder schwang ich mich auf mein Fahrrad und machte mich auf den Weg. Ich fand eine Patientin vor, die ein Panaritium hatte, das dringend geschnitten werden musste. Ich hatte kein Betäubungsmittel bei mir, und es fehlte auch die Zeit, erst nach Barntrup zurückzufahren, um es zu holen.
Das Mädchen biss die Zähne aufeinander und ließ die äußerst schmerzhafte Operation über sich ergehen. Bei dieser Fahrt nach Selbeck begegneten mir auf der Straße dorthin aus Richtung Detmold kommende Panzer, während ich auf meinen täglichen Praxisfahrten in diesen ersten Tagen nach der Besetzung auf der Alverdisser Straße keine Panzer traf.
Der ereignisreiche 4. April, der Mittwoch nach Ostern, ging seinem Ende zu. Spät abends kam ich zur Ruhe. Während der ganzen Nacht hörte ich das Vorbeirollen der Panzer unter meinem Schlafzimmerfenster in der Hamelner Straße, und auch am Morgen des nächsten Tages rollten sie noch immer, Panzer auf Panzer.
Bei einem Krankenbesuch, den ich an diesem 5. April auf Höhensonne machte, sah ich Zerstörungen, welche die deutsche Artillerie angerichtet hatte. Sie hatte vom Extertal aus in der Nacht vom 4. zum 5. April den Feind bei Dörentrup beschießen wollen. Die Schüsse lagen jedoch zu kurz und hatten Sachschaden auf einem Anwesen auf der Hohensonne verursacht Verletzte Menschen hatte es zum Glück nicht gegeben.
Um meine Patienten gut versorgen zu können, setzte ich mich so schnell wie möglich mit dem Stadtkommandanten in Verbindung und erhielt die Erlaubnis, die Praxis auszuüben und die Berechtigung, mit dem Wagen zu fahren. Ich befestigte an einem Besenstiel eine Rote-Kreuz-Flagge vorn am Auto und fuhr so unbehindert meinen Bezirk ab . . . Als Verantwortlicher für den Krankentransport erwirkte ich auch in Lemgo ein entsprechendes „Out off limits“.
Ich konnte immer wieder beobachten, dass das Rote Kreuz respektiert und voll anerkannt wurde.
Ganz besonders freut es mich, sagen zu können, dass der Einsatz des Deutschen Roten Kreuzes gut klappte. Die Frauen betreuten in diesen Nachkriegswochen die Ostflüchtlinge, die in immer neuen Transporten kamen und in der Trappenschen Fabrik und in der „Roten Schule“ untergebracht wurden. Sie wurden bekocht, die Kranken gepflegt usw., bis Platz geschaffen war, sie in Privatwohnungen einquartieren zu können oder bis sie, einem anderen Ziel entgegen, weiterzogen.
Als Barntrup einen französischen Kommandanten bekam, erkundigte sich dieser sofort nach der Behandlung der französischen Kriegsgefangenen, deren ärztliche Betreuung mir während der Kriegsjahre oblag. Er kam daraufhin zu mir, um mir seine Anerkennung über die gute Versorgung der Gefangenen, die im Sinne der Genfer Konvention behandelt wurden, auszusprechen.

Barntrup vor dem Angriff vom Ostersonnabend 1945.
Westeingang zu „Nieder» Tor“. Quelle: Heimatland Lippe

Als Zeichen seines Dankes gab er mir Benzin und Oel — eine große Kostbarkeit zu der Zeit, die mir dann in meiner Praxis wieder sehr zugute kam. Durch meine ärztliche Tätigkeit kam ich auch mit zahlreichen einquartierten Soldaten zusammen. Im großen und ganzen muss ich sagen, dass die Unterhaltung von Seiten der Amerikaner und Franzosen fast immer propagandistisch gefärbt war. Allerdings merkten die meisten im Laufe einer sehr kurzen Zeit, dass die Vorstellungen, die sie von Deutschland und den Deutschen mitgebracht hatten, nicht so ganz den Tatsachen entsprachen, und sie bildeten sich ihre eigene, richtigere Meinung. Ich konnte immer selbst feststellen — und auch meine vielen deutschen Patienten aller Stände und Schichten bestätigten es mir, dass der Feind, wenn man ihm höflich und bestimmt entgegentrat, sich ebenso anständig verhielt.
Dass es natürlich auch Ausnahmen gab, ist selbstverständlich, so habe ich z. B. in meinem Praxisbereich etwa ein halbes Dutzend Vergewaltigungen verzeichnet. Doch Gott sei Dank waren solche Vorfälle Ausnahmen.
Durch meine enge Verbindung mit der früheren Segelflugschule und meine täglichen Besuche dort erlebte ich auch die Ereignisse hier mit. Es gab dort ein reges Kommen und Gehen.
Die Menschen, die hier vor dem einrükkenden Feind Unterschlupf gesucht hatten, kehrten allmählich wieder in ihre eigenen Häuser zurück, zumal es in Barntrup hieß, die nicht bewohnten Häuser würden von den einquartierten Soldaten belegt werden. Aber einige Familien, Ausgebombte aus dem Westen und Ostflüchtlinge, blieben außer den Familien der Angestellten der Schule am Herborn wohnen. Nun erschienen dazu noch häufiger Soldaten — auf allen abgelegenen Gehöften habe ich diese Tatsache beobachtet — die für eine Nacht unterkrochen, etwas zu essen oder Zivilzeug erbaten und am nächsten Tage frisch gestärkt — versuchten, ein Stück weiter in Richtung Heimat voran zu kommen.
Weit unangenehmere Gäste waren die Unzahl zwielichtiger Gestalten, die diese unruhigen Zeiten ausnutzten, um sich zu bereichern. Zum Glück dauerte diese Plage am Herborn nicht lange, weil die Amerikaner und Engländer auf dem Saalberge eine Funkstation errichteten und in der Flugzeughalle am Windmühlenturm einige Nahaufklärer mit entsprechendem Personal unterbrachten. Solche Besatzungssoldaten waren in dieser Zeit für die einsam wohnenden Frauen und Kinder der beste Schutz gegen all die herumziehenden Wegelagerer.
Im Juli belegte dann ein englischer Club unsere alte Fliegerschule, und seine Mitglieder ließen sich von deutschen Fluglehrern in die Anfangsgründe der Segelfliegerei einführen. Auf sportlicher Basis trafen sich hier Sieger und Besiegte. Nach 2 Jahren löste sich der Club auf, und die Militärregierung veranlasste die Sprengung der Flugzeughalle und des Windmühlenturmes als „militärische Objekte“. Die Halle flog auch in die Luft, aber die Sprengung des Turms konnte noch in letzter Minute verhindert werden. Aber noch heute sind — wenn auch sehr verwittert und inzwischen unleserlich geworden — die Reste der Sprengnummer zu erkennen, die in großen, weißen Buchstaben dem Turm aufgemalt war“.

Quelle: Heimatland Lippe 11/1970, von Louis Knese