Wendlinghausen – Die Geschichte eines lippischen Dorfes

Blick auf Wendlinghausen

Es ist schon etwas Ungewöhnliches, wenn ein Dörflein von der Größe Wendling­hausens sich seiner Vergangenheit erinnert! Große Dinge haben sich hier nicht zu­getragen. Die Menschen, die hier gelebt haben, sind gekommen und gegangen. Ihre Namen stehen nicht im Buch der Geschichte verzeichnet. Immerhin kann Wendlinghau­sen sich rühmen, dass sein Name einem der großen Geister unseres Volkes flüchtig begegnet ist. Goethe, dessen weitgefächertes Interessengebiet sich auch auf Versteinerungen erstreckte, bemerkt einmal, „dass bei Wendlinghausen im Lippischen, zwi­schen Barntrup und Lemgo, in einer Mer­gelgrube am Lühberg 40 Stücke des Strom­bus Gigas, der Riesenflügelschnecke gefun­den sind.“
Vermutlich kann kein anderes lippisches Dorf von der Größe Wendling­hausens sich rühmen, in das Bewusstsein eines Mannes getreten zu sein, der in der Geistesgeschichte der Menschheit solche bleibenden Spuren hinterlassen hat wie Goethe.
Doch unsere Aufgabe ist es nicht, den Spuren derer nachzugehen, die die Weltgeschichte gestaltet haben. Die Bewohner Wendlinghausens gehörten zu den Kärr­nern, die die Weltgeschichte erleiden mussten.
Wenn diese Ausgabe überschrieben ist „750 Jahre Wendlinghausen“ so muss sofort hinzugefügt werden, dass diese Behauptung nicht den Tatsachen entspricht. Wendlinghausen ist älter als die Überschrift vermuten lässt. Vor 750 Jahren begegnet uns zum ersten Mal der Name Wendlinghausen. Daraus ist zu entnehmen, dass es in dieser Zeit einen Ort dieses Namens gegeben hat. Aber die Geschichte
Wendlinghausens reicht weiter zurück. Schon in vorgeschichtlicher Zeit haben hier Menschen gelebt. Sie haben hier ihre Hütten gebaut und aus Stein und Bronze primitive Werkzeuge hergestellt. Das wird durch Funde bestätigt, die in dieser Gegend gemacht worden sind. In den zwanziger Jahren fand der damalige Begaer Hauptlehrer Vietmeier in einem unweit von Wendlinghausen auf dem Blomenstein gelegenen Steinhügelgrab als Grabbeigabe eine Gewandnadel, ein Beil mit Schaft­zwinge sowie einige dünne Blechstücke und einen Nagel. Die Funde stammten aus der Bronzezeit, die von ca. 1750 bis 800 vor Christus angesetzt wird. Offensichtlich waren den Menschen jener Zeit die Toten ebenso wichtig wie die Lebenden, sonst hätten sie ihnen diese Gebrauchsgegenstände nicht ins Grab gelegt.
Die auf dem Blomenstein und an manchen anderen Orten des oberen Begatales gefundenen Gegenstände, die zum Teil schon aus der der Bronzezeit vorausgegangenen Steinzeit herrühren, bestätigen, dass hier in vorgeschichtlicher Zeit Menschen gelebt und gearbeitet, gejagt und ihre Toten in sie überdauernden Grabstätten beigesetzt haben.
Wenn wir hier auf 750 Jahre Wendlinghauser Geschichte zurückschauen, bekommen wir nur ein winziges Stücklein seiner Vergangenheit ins Blickfeld. Der lange Weg von einem vorgeschichtlichen Grab auf dem Blomenstein bis zur ersten urkundlichen Erwähnung des Dorfes ist in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Ungezählte Geschlechter sind gekommen und gegangen, bevor uns der erste namentlich erwähnte Wendlinghauser begegnet.

1. Von der Vorzeit ins Mittelalter

„Actum ab domini incarnationis 1227 feria IV. in ebdomade paschali“, d. h. geschehen im Jahre 1227 nach der Geburt des Herrn am 4. Tage in der Woche nach Ostern“, mit dieser Zeitbestimmung schließt die Urkunde, die den Namen des ersten uns bekannten Wendlinghausers überliefert.
Am 14. April dieses Jahres kam es hinsichtlich verschiedener Besitzungen zu einem Vergleich zwischen dem Bischof Wulbrand von Paderborn und den Grafen Volkwin IV. und Adolph I. von Schwalenberg. Unter den strittig gewesenen Besitzungen befanden sich auch Güter zu Berenthorpe (Barntrup) und die Fischerei zu Bellerbike (Billerbeck). Die beiden Schwalenberger Grafen waren 1225, wenn nicht als Mittäter, so doch als Mitwisser an der Ermordung des Kölner Erzbischofs Engelbert beteiligt gewesen. Als Sühne hatten sie 1228 das Kloster Mariental bei Arolsen und einige Jahre später das Kloster Burg­hagen bei Schwalenberg gestiftet. Letzteres wurde später nach Falkenhagen verlegt, wo es bis zur Reformation bestanden hat. In dem erwähnten Vergleich verbürgten sich mehrere Edle und Ministerialen für die beiden Schwalenberger Brüder. Unter den Bürgen werden aus unserem engeren Raum genannt: Konrad von Byche, (Bega), Johann von Donope (Donop) und Hein­rich von Wendelinchusen. Sie gelobten dem Grafen von Arnsberg, dem Edlen Herrn Hermann zur Lippe und anderen, sich in Paderborn einzustellen, wenn die Schwa­lenberger vertragsbrüchig werden sollten.

Aus den Namen ist zu schließen, dass die drei Bürgen, wenn sie nicht in den genannten Orten ansässig gewesen sein sollten, vermutlich dort Besitzungen gehabt haben. Während die Nachkommen Johann von Donops lange in Donop sesshaft gewesen sind, dort und anderswo Besitzungen hatten und noch heute haben, ist das Geschlecht derer von Bega bereits in der Mitte des 15. Jahrhunderts erloschen. Seine Besitzungen sind in andere Hände übergegangen. Heinrich von Wendlinchusen ist der einzige urkundlich überlieferte Träger dieses Namens geblieben.
Die Ministerialen waren ursprünglich Dienstmannen der Könige und Kaiser. Diese zogen sie zum Kriegsdienst heran und betrauten sie mit der Verwaltung ihrer Besitzungen. Sofern die Ministerialen im Dienste der Kaiser standen, bildeten sie ein Gegengewicht zu dem Hochadel und dessen Selbständigkeitsbestrebungen. Aus dem Stand der Ministerialen, — sie waren wie gesagt, ursprünglich Dienstmannen, — bildete sich in der Folgezeit der niedere Adel.
Es waren nicht nur die Kaiser und Könige, die sich der Ministerialen bedienten. Auch der höhere Adel brauchte zur Verwaltung seiner ausgedehnten Güter Dienstmänner und Ritter, die ihm in den zahlreichen mittelalterlichen Fehden zur Seite standen. In diesem Stand der Ministerialen, der Dienstmänner, haben wir auch den ersten namentlich bekannten Wendlinghäuser zu suchen.
Fraglich ist, in wessen Dienst er stand. Neben den Schwalenbergern, die eines der begütertsten Geschlechter in unserer Gegend waren, hatten auch die Edlen Herren zur Lippe Besitzungen in der später nach ihnen benannten Grafschaft Lippe. Die Schwalenberger leiten ihre Abstammung von dem Sachsenherzog Widukind her. Die Enkel Widukinds, die Brüder Volkwin IV. und Adolph L, teilten sich 1218 in die Linien Schwalenberg und Waldeck. Später kam es zu weiteren Teilungen. Außer der Waldeckschen Linie sind jedoch alle anderen erloschen. Ein Sohn Volkwins wurde als Heinrich I. der Begründer des Sternberger Grafenhauses. Dieses ist von 1250 bis in das erste Viertel des 15. Jahrhunderts im Besitz der Grafschaft Stern­berg gewesen.
Bei dem geringen Bildungsstand der mittelalterlichen dörflichen Bevölkerung ist es nicht verwunderlich dast nur wenig Nachrichten aus dem dörflichen Leben jener fernliegenden Zeit auf uns gekommen sind. Wenn wir die Vergangenheit auf eine Uhr übertragen, dann macht die geschichtliche Zeit vielleicht die letzten 5 Minuten vor Mitternacht aus. Im Blick auf die Wendlinghauser Geschichte geht es nur noch um die letzte Minute. Aber hier sind die ersten Sekunden so grundverschieden von den gegenwärtigen, dass es uns schwer, wenn nicht unmöglich wird, uns in das Leben und Denken jener ersten Wendlinghäuser zu versetzen.
Die nächsten Bewohner des Ortes von denen uns berichtet wird, waren Leibeigene. Die ursprünglich freien Bauern hatten in den unruhigen Zeiten des Mittelalters zum großen Teil ihre Freiheit verloren. Sie waren Leibeigene oder Eigenbehörige geworden. Die einen hatten sich freiwillig in die Eigenbehörigkeit begeben, um von ihrem Leib- oder Grundherrn beschützt zu werden; die anderen waren dazu gezwungen worden.
In Wendlinghausen waren später, außer dem Besitzer des Meierhofes, alle Bauern leibeigen. Der Meier war frei geblieben, weil der Hof ursprünglich zu den Gütern des Klosters Möllenbeck gehörte. Unter dem Krummstab aber, das war die Erfahrung der mittelalterlichen Bauern, ließ es sich besser leben als unter weltlichen Grund- und Leibherren.
Hermann zu Wendlinghausen ist der zweite namentlich bekannte Einwohner des Dorfes. Allerdings gehörte Hermann zu Wendlinghausen im Unterschied zu Heinrich von Wendlinghausen zu der Gruppe derer, über die verfügt wurde. Er zählte zu den „Eygenlüden“, die von einer Hand in die andere übergehen konnten.
Es fällt auf, dass bei den Genannten nur der Taufname erwähnt wird. Das lässt darauf schließen, dass die Zahl der Bewohner noch so klein war, dass dem Taufnamen noch keine weitere Bezeichnung beigefügt werden musste. Erst als die Zahl der Bewohner der Dörfer größer wurde, fügte man dem Personennamen einen Haus­namen hinzu. Letzterer hing nicht an der Person, sondern, wie die Bezeichnung sagt, am Hause. Noch bis in die jüngste Zeit sprach man in unseren Dörfern nicht von Familien- sondern von Hausnamen. Infolge der geringeren Bevölkerungszahl sind in den Dörfern die Hausnamen erst später in Gebrauch gekommen. Für Wendling­hausen finden sie sich zuerst in den Land­schatzregistern. Die ältesten Wendlinghauser Landschatzregister stammen aus dem Jahre 1467/68. Für die dörfliche Familien­forschung sind sie von großer Bedeutung. Sie enthalten die Namen der Bauern, die dem Landesherrn abgabepflichtig waren, sind also die ältesten Namens- und Steuerlisten unserer Dörfer. Sie sind nach den Kirchspielen, das waren die ältesten Verwaltungsbezirke, aufgeführt.
Doch bevor von den an der Schwelle zur Neuzeit stehenden Einwohnern die Rede ist, soll der Dritte in der Reihe der mittelalterlichen Wendlinghauser namentlich bekannte Einwohner genannt werden. Dieses Mal handelt es sich um eine Frau. Am Donnerstag nach Mariens Opferung, am 22. November 1498, tauschte der Knappe Idel Torne seine Leibeigene Ilse Lammerhans zu Wendlinghausen und alle ihre künftigen Kinder „wie man es mit eigenen Leuten zu halten pflegt“, gegen Grete Solhenne zu Dalborn im Kirchspiel Cappel aus. Grete Solhenne war dem Kloster Gronenberg bei Gießen leibeigen. Wie das Antoniterkloster Grünenberg in den Besitz einer Leibeigenen im Kirchspiel Cappel gekommen ist, ist unbekannt.
Es sei hier bemerkt, dass alle von einer leibeigenen Mutter geborenen Kinder leib­eigen wurden. Ebenso wurden die Kinder leibeigen, wenn der Vater leibfrei, die Mutter aber leibeigen war. War der Vater leibeigen, die Mutter aber frei, wurden auch die von ihr geborenen Kinder frei. Eine alte Regel besagte, dass die Kinder der ärgeren Hand oder dem Busen folgten.

Heiratete ein freier Mann eine leibeigene Frau, wurde auch er leibeigen. In diesem Falle galt die Regel: „Trittst du meine Henne, wirst du mein Hahn.“
Nur wenige Nachrichten sind seit den Tagen Heinrichs von Wendlinghausen auf uns gekommen. Finden sich die ersten Aufzeichnungen über die Bevölkerung des platten Landes in den Steuerlisten, so haben es die wenigen auf uns gekommenen Nachrichten aus der Zeit vor 1500 in der Hauptsache mit Käufen und Verkäufen zu tun. Bei Geldgeschäften hielten es unsere Altvorderen schon damals für zweckmäßig, ihre Abmachungen schriftlich zu fixieren. Häufig wurden Geschäfte in der Kirche in Gegenwart des Pastors getätigt. Dieser war gewöhnlich der Einzige, der des Schreibens kundig war. Darum wurde er oft als Zeuge hinzugezogen. Im Jahre 1458 verkaufte Figen, die Witwe des Me-wes Cording, eine Korngülte von einem Molt Roggen und einem Molt Hafer von ihrem Meyerhof in Wendlinghausen. Der Kauf wurde von ihrem Lehnsherrn Heinrich Rebock genehmigt. 1469 verkaufte der Lemgoer Bürger Hans Engelking für 18 Mark Lemgoer Pfennige seinem Bruder Konrad eine jährliche Rente von einem Molt Korn aus seinem Anteil am Wendlinghauser Zehnten. Im selben Jahre bat Bart­hold de Swarte den Edlen Herrn Bernhard zur Lippe, ihm bei der Einlösung eines halben Zehnten aus seinem Wendlinghauser Anteil behilflich zu sein. Im Jahre 1740 stiftete Beneficat Bertold Gotzendorf (Inhaber einer Pfründe) am Paderborner Dom, neben anderen seinen halben Zehnten zu Wendlinghausen mit der Bestimmung, dass nach seinem Tode in den drei Lemgoer Kirchspielskirchen für seine, des Stifters Seele, gebetet werde. Am darauffolgenden Dienstag solle auf dem Rathause jedem gegenwärtigen Armen ein „Bremer“ (vermutlich eine Geldmünze) gegeben werden. Was von den Renten „averlepe“, sollte der Verwahrer des Katharinenaltars in der Marienkirche für seine Mühe behalten.
Das ist alles, was aus fast drei Jahrhunderten mittelalterlicher Wendlinghauser Geschichte an schriftlichen Aufzeichnungen auf uns gekommen ist. Es sind nur ein paar kümmerliche Lichter, die das Dunkel des Wendlinghauser Mittelalters ein wenig erhellen und uns erkennen lassen, dass hier Menschen gelebt und geschafft, gesorgt und gebangt haben. Bleibende Spuren haben sie nicht hinterlassen. Schulen gab es noch nicht. Unter den damaligen Wendlinghausern dürfte keiner des Lesens und Schreibens kundig gewesen sein. Die einzige Kultur­trägerin jener Zeit, die Kirche, befand sich in Bega. Das Dorf war bei Errichtung der Kirchspiele nach Bega eingepfarrt worden. In der auf dem Thie errichteten alten Begaer Kirche sind die Wendlinghauser Kinder getauft worden.
Und wenn ihr im Vergleich zu heute kurzes Leben vorüber war, sind die Toten nach Bega getragen und auf dem rings um das Kirchlein gelegenen Totenacker bestattet worden. So konnten die Lebenden, wenn sie sonntags zur Kirche kamen, ihre Toten besuchen bis auch ihnen hier das Grab geschaufelt wurde. Das Leben der mittelalterlichen Menschen war Mühe und Arbeit. Es war gefährdet durch Krankheiten und Seuchen. Missernten hatten Hungersnöte im Gefolge. Oft genug wurden in den zahlreichen Fehden die Felder verwüstet, die Häuser in Schutt und Asche gelegt. Als in der Mitte des 15. Jahrhunderts, in die Soester Fehde, die Böhmen das Land verheerten, die Sternburg zerstörten, dürfte auf ihrem Wege von Blomberg nach Brake Wendlinghausen nicht verschont geblieben sein. Kiewning schreibt in seiner lippischen Geschichte: „In brutaler Zerstörungswut, die mit jedem Meilenstein wuchs, wälzte sich der böhmische Schrecken auf das letzte lippische Bollwerk, das noch im Wege war, den Falkenberg “ Doch es gelang ihnen nicht, die Burg zu nehmen. „Die lippische Waffenehre war gerettet, aber die lippischen Fluren, dort wo sie die slawische Dampfwalze eingestampft hatte, glichen einer Einöde, aus deren Schlupf­winkel sich die verängstigten Bewohner nur scheu hervorwagten.“

Der älteste Hof in Wendlinghausen, der Meyer­hof. Links das Anno 1724 von Hans Cordt Meier und seiner Ehefrau Catrien Ermgart Midelbegemanns errichtete „Meierhaus“. Quelle: Heimatland Lippe

Sie schonten im Lippischen keine Kirchen noch Altäre, sie raubten die Messgewänder, Kelche und Monstranzen, warfen die Hostien auf die Erde und traten sie mit Füßen, übten auch in den Frauenklöstern schändliche Dinge aus.“ So meldet eine alte Chronik. Die Erinnerung an jene grausame Fehde hat sich dem Volk unauslöschlich eingeprägt. Vor nicht allzulanger Zeit diente der „Böhmann“ noch als Kinderschreck. Erst das 16. Jahrhundert brachte der Land­bevölkerung friedlichere Zeiten.

2. Vom Mittelalter zur Gegenwart

Mit den Landschatzregistern — die ältesten stammen aus dem Ende des 15. Jahrhunderts — beginnt der Zeitabschnitt, den man in herkömmlicher Weise als Neuzeit bezeichnet. Die Einführung der Landschatz­register, die, wie schon früher bemerkt wurde, die ältesten Steuerlisten unseres Landes sind, macht deutlich, dass sich im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Le­ben Veränderungen vollzogen. Das mittel­alterliche Feudal- oder Lehnssystem, das sich nach unten in der meyerstättischen Ordnung der Dörfer fortsetzte, beruhte in erster Linie auf der Naturalwirtschaft. Das Geld spielte kaum eine Rolle. Das änderte sich mit dem Aufkommen der Städte. Doch dauerte es noch lange, bis die Geldwirt­schaft auch auf dem platten Lande größere Bedeutung erlangte. Die Abgaben der Bau­ern bestanden in den Erzeugnissen ihrer Felder und Ställe, sowie in den von ihnen zu leistenden Hand- und Spanndiensten. Sie hatten den Frucht- und Fleischzehnten zu entrichten, hatten Burgfest- und andere Dienste zu leisten. Die Abgaben und Dien­ste richteten sich nach der Größe der Höfe, den Erträgen der Felder und dem Vieh­bestand. Mit dem Ausbau der landes­herrlichen Verwaltung entstanden größere Kosten, die auf die Dauer nicht allein mit den herkömmlichen Naturalabgaben zu tragen waren. So kam es zu den landes­herrlichen Schätzungen, die im Laufe der Zeit immer mehr erweitert wurden. In den Schatzregistern werden nur die Geldab­gaben aufgeführt. Die Naturalabgaben und die Dienste waren durch das Herkommen festgelegt. Die Tatsache, dass der Landes­herr gegen Ende des 15. Jahrhunderts von den Bauern Geldabgaben erheben konnte, lässt darauf schließen, dass das Geld in die­ser Zeit auch auf dem Lande eine größere Bedeutung erlangt hatte. Wenn die Land­bevölkerung ihre meisten Bedürfnisse auch selber befriedigen konnte, so gab es doch dieses und jenes, was nur gegen Geld in der Stadt zu haben war. Das sogenannte 70jährige Privileg, das den Städten zum ersten Male im Jahre 1490 verliehen und in der Folgezeit immer wieder verlängert worden ist, hat zwar das wirtschaftliche und kulturelle Wachstum der Städte geför­dert, hat aber jahrhundertelang die Entwicklung der Dörfer und die freie Ent­faltung der Landbevölkerung gehemmt. Das Privileg besagt, „dass hinfort in den Dörfern keine Ämter, die in der Stadt Lemgo sich befinden, samt allerlei Verkauf, auch des Brauens und Backens Gewerbung, damit man gedenkt, Geld zu erlangen nicht sollen geduldet sondern abgeschafft werden.“ Wenn die Landbevölkerung auch weitgehendst autark war, d. h. sich selber mit Nahrung, Kleidung und Arbeitsgeräten versorgte, so mußte sie doch alles, was über den täglichen Gebrauch hinausging und was man heute wohl als „gehobenen Bedarf“ bezeichnet, in den Städten, und d. h. für die Wendlinghauser in Lemgo kaufen. Das hatte zur Folge, daß ein großer Teil des Geldes der Landbevölkerung in die Städte floß, deren Wohlstand vermehrte, aber die Landbevölkerung in Unmündigkeit und Unwissenheit ließ, zumal sämtliche Bil­dungsmöglichkeiten auf die Städte begrenzt waren. So kam in den Städten das Gerede vom „dummen Bauern“ auf. Dass die Städte ihren Wohlstand zu einem nicht geringen Teil den „dummen Bauern“ ver­dankten, haben sie wohlweislich verschwie­gen.

Zwei Jahrzehnte nach der namentlichen Erwähnung des ersten Wendlinghausers bestätigte Bernhard III. im Jahre 1245 der Stadt Lemgo ihre städtischen Rechte. In den unruhigen Zeiten des Mittelalters ge­währten die mit Mauern und Wällen um­gebenen Städte ihren Bewohnern einen ungleich größeren Schutz, als ihn die Be­völkerung des platten Landes hatte. Weithin herrschte das Faustrecht. Die Leidtragenden waren in erster Linie die Bauern. Wenn sich die Herren stritten, mussten sie die Zeche zahlen. Der sogenannte „ewige Landfrieden“ von 1495 brachte zwar nicht das Ende der Fehden, wohl aber schränkte er sie ein. Das 16. Jahrhundert, das durch die Entstehung landwirtschaftlicher Großbetriebe auf dem Lande zu beträchtlichen Veränderungen und sozialen Spannungen führte, brachte für die Städte eine Zeit hoher wirtschaftlicher Blüte. Davon zeugen noch heute manche alten Lemgoer Bürgerhäuser. Auch das platte Land hatte Nutzen
von dieser Entwicklung. Die Landwirtschaft nahm einen großen Aufschwung. Unter dem Schutz des ewigen Landfriedens brauchte der Landmann nicht mehr zu be­fürchten, daß ihm die Felder verwüstet, die Häuser abgebrannt, die Ernten geraubt und das Vieh weggetrieben wurden. Er kam in den vollen Ertrag seiner Arbeit, so dass er sich auch seiner Verpflichtungen entledigen konnte. Zustatten kam ihm der um diese Zeit sich vollziehende Übergang von der Gold- zur Silberwährung. Die da­mit verbundene Entwertung des Geldes brachte ihm höhere Preise für seine Erzeug­nisse. Verbunden mit dieser wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung war die Entstehung neuer Höfe. Das Dorf konnte schon damals nicht alle seine Kinder ernähren. Da aber noch Boden zur Verfügung stand, wurde dieser gerodet und für den Anbau nutzbar gemacht.
Diese Entwicklung hat sich auch in Wendlinghausen ausgewirkt. Zählte das Dorf im Jahre 1488 15 Kolonate mit 107 Einwohnern, so stiegen diese Zahlen bis 1590 fast auf das Doppelte, nämlich auf 26 Kolonate und 185 Einwohner. Die Ent­wicklung ist in diesem Jahrhundert ge­kennzeichnet durch eine lange Reihe von Jahren des Friedens. Feindliche Ein- und Überfälle, Plünderungen und Brandschatzungen, wie sie im 14. und 15. Jahrhundert an der Tagesordnung gewesen waren, fanden im 16. Jahrhundert nur selten statt. Der Bauernkrieg, der in anderen Gegenden des Reiches blutige Spuren hinterlassen hat, hat die Grafschaft Lippe nicht in Mitlei­denschaft gezogen. Auch der in der Mitte des 16. Jahrhundert vom Kaiser gegen die evangelischen Reichsstände geführte schmal-kaldische Krieg, hat keine nennenswerten Auswirkungen auf Lippe gehabt.
Wenn sich im Laufe des 16. Jahrhun­derts die Zahl der Kolonate und die Ein­wohnerzahl fast verdoppelt hat, ist das nicht auf dem Wege der Erbteilung ge­schehen. Die Bauern konnten ja nicht frei über ihre Höfe verfügen. Sie waren durchweg eigenbehörig. Da jedoch noch unbe­nutzter Boden vorhanden war, konnte man ihn roden und für den Anbau nutzbar machen. Der größte Grundbesitzer, der lippische Graf, förderte diese Entwicklung, brachte sie ihm doch eine Vermehrung sei­ner Einnahmen. Hatte man früher nur die guten Böden bebaut, nahm man jetzt auch weniger gute in Bewirtschaftung. Vermut­lich ist in Wendlinghausen in dieser Zeit die weitere Rodung von Wäldern erfolgt. Die Feldmark wurde zu Lasten der Wälder ausgedehnt. Man brauchte den Boden, wenn sein Ertrag auch nicht allzu groß war. Hinzu kommt, dass durch die Ent­stehung des Gutes die bisher von Bauern bewirtschafteten Flächen kleiner wurden. Der Grund und Boden stand zwar nicht mehr in der Menge zur Verfügung wie bei den mittelalterlichen Rodungen. Darum waren die nun entstehenden Neubauern­stätten kleine und kleinste Wirtschaften. Es waren nicht mehr die großen Meierhöfe, sondern Kötterstätten bis hin zu den Hoppen- und Straßenköttern, die jetzt ent­standen.
Es sollen hier für verschiedene Jahre die Namen der in den Landschatzregistern verzeichneten Bauern mit ihren Abgaben aufgeführt werden. Zum Teil sind diese Namen bis heute in Wendlinghausen erhalten geblieben. Wir beginnen mit den ältesten Registern:

Aus dem Namensregister ist zu ersehen, dass sich die Zahl der abgabepflichtige*» Bauern von 1486 bis 1590 fast verdoppelt hat. Die große Zahl der Straßenkötter, die im Jahre 1618 aufgeführt werden, lässt er­kennen, dass in diesem Jahrhundert viele früher ungenutzte, an Wegen gelegene Län­dereien bebaut worden sind. Die Zahl der „Hausleute“ wie diese Gruppe, die nicht mehr Ländereien als einen Garten bearbei­tete, genannt wurde, hat in den folgenden Jahrhunderten ständig zugenommen.
Da sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr in der Heimat fanden, sind sie als Saison­oder Wanderarbeiter in die Fremde gegan­gen. Das Problem der lippischen Wander­arbeiter, das erst in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts seine Lösung gefun­den hat, hat in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begonnen. Anfangs gin­gen die jungen Männer als Grasschneider nach Friesland, wie damals die Niederlande genannt wurden. Während sich in Deutsch­land der 30jährige Krieg abspielte, began­nen die Holländer mit der Errichtung ihres Kolonialreiches. Dadurch gelangten sie zu einem für die deutschen Kleinstaaten un­vorstellbaren Wohlstand. Die Niederlande waren damals für viele Lipper, was die Bundesrepublik heute für die aus Süd­europa kommenden Gastarbeiter ist. Auch aus Wendlinghausen sind junge Leute nach Holland gegangen. Manche haben dort ge­heiratet und sind hier sesshaft geworden. Aus den Grasschneidern wurden später die lippischen Ziegler. Diese rekrutierten sich in der Hauptsache aus den sogenannten Hausleuten, den nachgeborenen Kindern der Hoppenplöcker und Straßenkötter.
In dem Verzeichnis von 1618 sind die Bauern unterteilt in Vollspänner, Halbspänner, Groß-, Mittel- und Straßenkötter. Die Vollspanner hatten die Dienste mit 4, die Halbspanner mit 3 und die Großkötter mit 2 Pferden zu leisten. Die Straßenkötter waren zur Ableistung von Handdiensten verpflichtet. Aus der Übersicht ist zu er­sehen, dass die Zahl der Straßenkötter im Jahre 1618 ebenso groß war wie die der Bauern.
Inzwischen hatten sich auch die von der Landbevölkerung zu zahlenden Abgaben nicht unbeträchtlich erhöht. Aus dem „Landschatz“ vom Ende des 15. Jahrhun­derts waren verschiedene „Schätzungen“ geworden, die zu bestimmten Terminen erhoben wurden. Wir bringen im folgenden eine Übersicht über die von den Wendlinghauser Eingesessenen im Jahre 1683 zu leistenden Abgaben. Es sei bemerkt, dass zu den regulären Abgaben noch unvorher­gesehene erhoben werden konnten. Heira­tete zum Beispiel eine Tochter aus dem gräflichen Hause, wurde die sogenannte „Fräuleinsteuer“ ausgeschrieben. Sie diente dazu, die Braut mit einer standesgemäßen Mitgift auszustatten.
In der folgenden Übersicht werden nur die im Jahre 1683 regulär gehobenen Ab­gaben aufgeführt.

Zum Verständnis sei bemerkt, dass ein Taler 36 Groschen, ein Groschen 6 Pfennige hatte. 1655 kostete ein Scheffel Roggen 18 Gr. oder 1/2 Thaler, ein 2 pfündiges Roggenbrot 1 Gr., ein Pfund einheimische Butter 3 1/2 Gr., ein Paar Frauenschuhe 18-20 Gr., ein Paar Männerschuhe 24 Gr., eine Zimmeraxt 20 Gr., ein Spaten 9 Gr. Nach der lippischen Taxordnung von 1658 erhielt der Großknecht jährlich 11 Thaler dazu freie Kost und Wohnung. Ein Zimmermeister verdiente im Sommer täglich 9, im Winter 6 Groschen (zuzüglich 4 Groschen für Kost). Ein Maurermeister musste sich mit einem Tagelohn von 9 Groschen ohne Kost, bzw. mit 4 1/2 Groschen mit Kost zufrieden geben. Der Meyer zu Wendlinghausen hatte insgesamt 4 Th. 6 Gr. 4 Pf. zu entrichten. Damit hätte er seinen Großknecht fast 1/2 Jahr entlohnen, ca. 14 Tage einen Maurermeister beschäftigen oder etwa 6 Paar Männerschuhe kaufen können. Brink Kästing hatte den Gegenwert von gut 9 Roggenbroten zu entrichten. Die Abgaben der Hausleute bestanden meistens aus dem sogenannten Rauchhuhn. D. h. jedes Haus, in dem eine Feuerstelle war, schuldete dem Landesherrn ein Huhn. Uns scheinen die damals zu entrichtenden Abgaben im Vergleich zu den heutigen Steuern sehr gering zu sein. Es muss jedoch bedacht werden, dass auch die Einnahmen der Leute ganz minimal waren. Verglichen mit den heutigen Verhältnissen lebten die Leute in einer für uns unvorstellbaren Armut. Wenn der Maurermeister für seinen Tagolohn von 9 Gr. 9 Pfund Schweinefleisch kaufen konnte, versteht es sich von selbst, dass die Leute nicht viel Fleisch gegessen haben.
Wie war es im 17 Jahrhundert um den Viehbestand der Wendlinghauser Bauern bestellt? Wir bringen die Ergebnisse der Viehzählung aus 3 Jahren. Zwei Zählungen fanden vor, die dritte gegen Ende des 30jährigen Krieges statt. Die Zahlen zeigen, wie sich der Viehbestand in dem Jahrzehnt vor dem großen Krieg vermehrt hat.
Die dritte Spalte lässt erkennen, wie verheerend sich der Krieg auf den Viehbestand und damit auch auf die Ernährung der Wendlinghauser Bevölkerung ausgewirkt hat. (In der ersten Spalte wird in Klammern der Viehbestand des Meyerhofes, der in der Gesamtzahl mit enthalten ist, gesondert angegeben.)

Aus der Übersicht ist zu ersehen, dass der Viehbesatz nur sehr gering war. Er stand in keinem Verhältnis zu dem heutigen Bestand. (Es wird darauf hingewiesen, dass das auf dem Gut gehaltene Vieh in obigen Zahlen nicht enthalten ist.) Der Viehbestand richtete sich nach der Futtergrundlage. Die aber war nicht groß. Die Allmenden oder Gemeinheitshuden durften nur mit einer durch das Herkommen festgelegten Zahl von Tieren beschickt werden. Da sie zwar von allen Berechtigten genutzt, aber von keinem gepflegt wurden, war ihr Futterertrag nur gering. Die Straßenkötter, sofern sie Ziegen hielten oder ein Schwein fütterten, mussten das Futter mühsam an den Ackerrainen, an Hecken und Zäunen und in den Wäldern suchen. Bei dem geringen Viehbestand gab es naturgemäß nur wenig Dünger. Das hatte zur Folge, dass auch die Erträge der Äcker und Wiesen nicht groß waren. Wegen des fehlenden Düngers musste ein Teil der Äcker brach liegen. So bewegten sich die Bauern in ihrer Ackerwirtschaft in einem Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gab. Das änderte sich erst, als mit Hilfe des Kunstdüngers die landwirtschaftlichen Erträge in einem Maße gesteigert werden konnten, das den Bauern im 17. und 18. Jahrhundert unvorstellbar war. Bei schlechten Ernten war auch bei den Bauern Schmalhans Küchenmeister. Wie mag es da erst bei den „kleinen Leuten“ ausgesehen haben?! Da es noch keine Kartoffeln gab, bestand die menschliche und tierische Ernährung in der Hauptsache aus den Produkten des Getreides.

Die Birkenallee am Blomensteiner Weg. Quelle: Heimatland Lippe

Der Gemüsegarten hieß allgemein Kohlgarten. Daraus geht hervor, dass in der Hauptsache Kohl angebaut wurde. Andere Gemüsearten waren noch unbekannt oder brachten einen zu geringen Ertrag. Wegen fehlender Verkehrsmöglichkeiten war der Austausch an“ Nahrungsmitteln nur in einem sehr geringen Maße möglich. Die Leute, auch die Mehrzahl der Bürger in den Städten, lebten von dem, was sie selber auf ihren Äckern erzeugten. Sie lebten von der Hand in den Mund. Eine Vorratswirtschaft auf längere Sicht war nicht möglich, weil die Ernten nur den Bedarf für ein Jahr deckten und es kaum Möglichkeiten gab, größere Mengen landwirtschaftlicher Erzeugnisse über Jahre hinaus zu lagern und zu konservieren. Bei dieser Ernährungslage ist es nicht verwunderlich, dass ein großer Teil dörf­licher Streitereien und Prozesse seine Ur­sache in Hude-, Wald- und Weidegerechtigkeiten, im Abpflügen und nächtlichem Hüten auf fremdem Grund und Boden hatte. Abpflügen, d. h. beim Pflügen die Grenzen überschreiten oder die Grenzsteine versetzen, galt als eine der ärgsten Sünden, deren man sich schuldig machen konnte.
Abschließend sei noch eine Übersicht über die Bevölkerungsentwicklung des Dorfes gegeben.

Bis zum Ausgang des letzten Krieges war Wendlinghausen ein rein bäuerlichesDorf. Es gab keinerlei Industrie. Diejenigen, die ihren Lebensunterhalt nicht in der eigenen Landwirtschaft oder auf dem Gut fanden, hatten das schwere Los der Wan­derarbeiter zu tragen. Es begann meistens mit der Schulentlassung und dauerte bei vielen bis zum Beginn des Rentenalters. Manche Männer sind 50 und mehr Jahre als Ziegler in die Fremde gegangen. Ihre Wege führten sie oft sehr weit. Ein alter Wendlinghauser Ziegler erzählte gelegent­lich, dass er bis nach Rußland gekommen sei. Nach dem ersten Weltkrieg fanden viele Wendlinghauser Männer Arbeit auf dem nahegelegenen Sand- und Tonwerk in Dörentrup. In den Jahren nach dem zwei­ten Weltkrieg entstand in Wendlinghausen eine Möbelfabrik. Als sich in den letzten Jahrzehnten in der näheren und weiteren Umgebung Wendlinghausens weitere In­dustrieunternehmen etablierten, fanden alle ehemaligen Wanderarbeiter ihren Le­bensunterhalt in der Nähe. Gegenwärtig gibt es keine Ziegler mehr, die im Frühjahr in die Fremde ziehen und erst im Winter zu ihren Familien zurückkehren. In den Jahren vor dem letzten Krieg hat Wend­linghausen auch eine gewisse Bedeutung als Erholungsort bekommen. Die nahegelege­nen Wälder haben manchen gelockt, seinen Urlaub abseits der großen Straße in die­sem stillen Winkel zu verleben. Die land­wirtschaftlichen Betriebe, die neben dem Gut das Bild des Dorfes geprägt haben, sind auf 4 reduziert.
Wenn das Gut auch bis 1919 nicht nur räumlich, sondern, auch verwaltungsmäßig neben dem Dorf gelebt hat, so hat es doch die Entwicklung des Dorfes mitbestimmt. Darum soll in einer späteren Ausgabe eine kurze Darstellung über seine Entstehung gegeben werden.

3. Geistiges und kulturelles Leben Kirche und Schule

Als der erste namentlich erwähnte Wendlinghauser lebte, entstand aus mehreren nicht sehr weit von Wendlinghausen entfernten Bauernschaften die Stadt Lemgo. Bernhard III. bestätigte 1245 die der Stadt Lemgo von seinem Vater und Großvater verliehenen städtischen Rechte. Hatten sich bis zur Gründung der Stadt die Lebensverhältnisse im Lande kaum unterschieden, so setzte jetzt eine Entwicklung ein, die Dorf und Stadt, Bauer und Bürger je länger je mehr voneinander unterschied und schied. Während das Land der überkommenen Lebensordnung von Sommer und Winter, Saat und Ernte verhaftet blieb, entwickelte die Stadt ihre eigenen Lebensformen und eine dem platten Lande überlegene Kultur. Ausgangspunkt und Mittelpunkt der Stadt war der Markt. Hier entwickelte sich der Kaufmannsgeist, der die Städte zu wirtschaftlicher Blüte führt. Handel und Gewerbe waren den Städten vorbehalten. Von dem 70jährigen Privileg, das den Städten den absoluten Vorrang vor den Dörfern sicherte, war schon die Rede. Der mit dem Boden verbundene und oft genug an den Boden gebundene Bauer lebte in einer anderen Welt als die beweglicheren und wohlhabenderen Stadtbewohner. Die bäuerlichen Lebensverhältnisse vermochten mit der fortschreitenden städtischen Kultur und Zivilisation nicht Schritt zu halten. Kam der Bauer in die Stadt, fiel er meistens schon durch sein Äußeres auf. Hinzu kam, dass der Landmann, ob frei oder unfrei, ob großer Meier oder kleiner Kötter, ohne politische Rechte war. Von den Landständen war er ausgeschlossen. In den wichtigsten, auch ihn betreffenden Entscheidungen hatte er kein Mitsprache- geschweige denn ein Mitbestimmungsrecht. Über die ihm aufzubürdenden Lasten entschieden andere, ohne nach seiner Leistungsfähigkeit zu fragen. Die Obrigkeit war in erster Linie nur an seiner wirtschaftlichen Lebensfähigkeit interessiert, damit er seine Abgaben pünktlich entrichten konnte. Das Leben der Landbevölkerung war ohne geistige Anregungen. Bis ins 17. oder gar 18. Jahrhundert fehlte jegliche Schulbildung. Die Städter blickten mit Geringschätzung auf die Leute vom platten Lande. Wollten diese den Überschuss ihrer Erträge, der meistens nur gering war, verkaufen, mussten sie ihn in die Stadt bringen. Sie durften Getreide und Fleisch, Kohl und Honig, Wolle und Garn erzeugen, durften aber nicht mit ihren Erzeugnissen handeln. Aufs Ganze gesehen befand sich die Landbevölkerung bis in die Zeit der Aufhebung der Leibeigenschaft in einer recht gedrückten Lage.
Die einzige Trägerin von Bildung und Kultur war bis ins 17. Jahrhundert die Kirche. Darum muß in dieser kurzen Darstellung der Wendlinghauser Dorfgeschichte von ihr die Rede sein.
Wendlinghausen hat bis zum Jahre 1968 zu der Kirchengemeinde Bega gehört. Als nach der Christianisierung unseres Landes in den neu errichteten Bistümern im 9. u. 10. Jahrhundert Parochien d.h. die einem parochus, einem Pfarrer zur seelsorgerlichen Arbeit anvertrauten Kirchspiele eingeteilt wurden, wurde Wendlinghausen dem Pfarrer in Bega zugewiesen. Das Kirchspiel Bega, das zu den ältesten Parochien unseres Landes zählt, reichte bei seiner Gründung von Wendlinghausen bis Barntrup, vielleicht sogar bis Sonneborn. Anfangs hat auch das Wendlinghausen benachbarte Donop zum Kirchspiel Bega gehört. Bei der Errichtung des Kirchspiels mögen in diesem weiten Gebiet ein paar hundert Menschen gelebt haben. Im Jahre 1488 gab es in dem Kirchspiel, von dem Donop und Barntrup inzwischen abgezweigt und selbständige“ Kirchgemeinden geworden waren, ca. 82 Kolonate mit etwa 600 Einwohnern. 100 Jahre später belief sich die Zahl der Kolonate auf 133. Die Einwohnerzahl war auf 980 gestiegen. Sie hatte also innerhalb eines Jahrhunderts um 50% zugenommen. Bei dieser sehr langsamen Bevölkerungsvermehrung können es 500 Jahre zuvor nicht viele gewesen sein, die sonntags das Kirchlein in Bega aufsuchten. Dass es in Bega schon zur Zeit unseres ersten Wendlinghäusers eine
Kirche gab, wird durch eine Urkunde aus dem Jahre 1232 bestätigt. Der erste namentlich bekannte Kirchherr, der seine Schritte auch nach Wendlinghausen richtete, war Johann de Warberge. Wendlinghauser Kirchgänger dürften auch zugegen gewesen sein, als ihr Kirchherr seiner Gemeinde eines Sonntags mitteilte, daß die Witwe Sweders Ländereien zum Bau und zur Besserung der Kirche geschenkt habe. Diese Schenkung, der später andere Stiftungen folgten, wurde am Freitag nach Invokavit des Jahres 1397 urkundlich besiegelt. Die Wendlinghauser werden sich in ihrer Beziehung zu der Kirche in Bega nicht von den anderen Kirchspielsleuten unterschieden haben. Sie haben ihre Kinder taufen und unterweisen lassen, haben ihre Toten in Bega bestattet, haben sich sonntags auf den Kirchweg begeben und dem Gottesdienst in Bega beigewohnt. Das ist jahrhundertelang so gewesen. Die Kirche war die einzige Bildungseinrichtung. Hier erfuhren sie manches, was über die tägliche Fron und des Lebens Einerlei hinausging.
Viele Neuigkeiten gab es nicht. Wenn aber einmal etwas Besonderes geschah, wurde lange darüber geredet. Das Einerlei der Wendlinghauser wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts unterbrochen, als durch die umliegenden Dörfer die Kunde lief, daß Heinrich von Braunschweig nach einem blutigen Treffen am Ohrberg bei Hameln von seinem Widersacher, dem lippischen Grafen Bernhard VI., gefangen genommen und auf dem Wege zur Falkenburg eine Nacht in der Hillentruper Kirche verwahrt worden sei. Nachdem er gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wieder freigelassen worden war, zog er bald darauf mit seinen Heerscharen raubend und plündernd durchs Land und steckte die Kirche in Hillentrup, wo er gefangengehalten worden war, in Brand. Bei dem Brande blieb das Ziborium, das Kästchen, in dem die geweihten Hostien aufbewahrt wurden, auf wunderbare Weise erhalten. Bald eilte die Nachricht von dem mirakulösen Ereignis durchs Land, und die Menschen kamen, um an der Stätte dieses wunderbaren Geschehens zu beten. Es müsste seltsam zugegangen sein, wenn nicht auch die Wendlinghäuser den Weg durch das damals noch große Sporkholz unter die Füße genommen hätten, um an dem Ort, wo in der Folgezeit noch mancherlei Wunder geschahen, zu beten. Wenn der Ruhm der Hillentruper Kirche bis nach Rom drang, so dass Papst Eugen im Jahre 1443 allen Gläubigen, die die Kirche besuchten und dort beichteten, einen besonderen Ablass gewährte, dürften die Leute aus der unmittelbaren Umgebung dieser wundertätigen Kirche nicht fern geblieben sein. Gerlach schreibt in seiner Geschichte des Archidiakonates Lemgo: „Die bisher unbekannte Kirche wird von Pilgern überlaufen; Bilder von dem Sakramentswunder werden verbreitet und ziehen neue Scharen herbei. Vor dem Altar legt man nieder Geld, Lichter, Wachs, Wein und alle möglichen Erzeugnisse.“ Die Wallfahrten zu dem wundertätigen Sakrament dürften bis in die Reformationszeit angehalten haben. — Wer will die Wundergläubigkeit vergangener Zeiten tadeln? Ob im säkularen Bereich heute nicht ähnliche Wundergläubigkeit zu finden ist?
Es ist hier nicht der Ort, die mittelalterliche Frömmigkeit, die das Leben der Menschen bestimmt und geprägt hat, im Einzelnen zu schildern. Der Hinweis auf den Wendlinghausen benachbarten Gnadenort Hillentrup mag genügen. Wenn auch keine schriftlichen Aufzeichnungen bestätigen, dass die Wendlinghauser und die übrigen Kirchspielsleute aus Bega nach Hillentrup gewallfahrtet sind, so kann doch mit Bestimmtheit angenommen werden, dass sie sich dem Trend ihrer Zeit nicht entzogen haben.
Die mittelalterliche Frömmigkeit erfuhr im 16. Jahrhundert durch die Reformation eine grundlegende Umgestaltung. War es in den Städten vornehmlich das Bürgertum, das sich der neuen Lehre öffnete, so dürfte es auf dem Lande in erster Linie die Obrigkeit gewesen sein, die sich für die Verbreitung der neuen Lehre einsetzte. Bei dem geringen Bildungsstand der dörflichen Bevölkerung ist nicht anzunehmen, dass sie imstande war, auf Grund ihrer eigenen Erkenntnis und ihres eigenen Urteils sich für die neue Lehre zu entscheiden.
Aber es war das Bestreben der Reformation die Kirchenmitglieder zu mündigen Christen und selbständig urteilenden Menschen zu machen. Luthers Lehre von dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen bezog sich nicht nur auf den Glauben sondern auch auf die Bildung der Christen. Darum war er um die Verbesserung und Ausweitung des Schulwesens bemüht. In den Städten hatte es schon vor der Reformation Schulen gegeben. Wenn auch nicht alle, so dürfte doch ein großer Teil der städtischen Bevölkerung zu Beginn des 16. Jahrhunderts des Lesens und Schreibens kundig gewesen sein. Wenn man bedenkt, dass noch am Anfang des 14. Jahrhunderts nur 7 von 14 Mitgliedern des Domkapitels in Minden ihren Namen schreiben konnten, die anderen aber „nicht den Gebrauch des Schreibens“ hatten, war das ein gewaltiger Fortschritt. Doch die Landbevölkerung lebte in geistiger Dumpfheit dahin. Ihr Wissen dürfte, abgesehen von den religiösen Kenntnissen und Erkenntnissen, die ihr in der Kirche vermittelt wurden, nicht über das hinausgegangen sein, was zur Bewältigung des täglichen Lebens notwendig war. Dieser geistigen Unkenntnis trat Luther mit seiner Forderung nach Errichtung deutscher im Unterschied zu den in den Städten schon vorhandenen lateinischen Schulen entgegen. Es hat zwar noch eine Weile gedauert bis diese Forderung Luthers verwirklicht wurde. Aber 50 Jahre nach Luthers Tode gab es in Bega eine Kirchspielschule. Die ersten Schulen sind überall in den Kirchdörfern eingerichtet worden. Der Unterricht bestand zunächst in der Unterweisung im Glauben. Bibel und Katechismus waren die wichtigsten Bücher.

Gutsinspektor Delfs, Ernst Schlinkmeier und Gärtner Otto Müller vor dem Schlinkhof. Quelle: Heimatland Lippe

Anfangs waren es die Küster, die mit der Unterweisung der Jugend betraut wurden. Schon in der Kirchenordnung von 1538 werden die Küster beauftragt, auf den Dörfern, wo keine Schule ist, die Kinder sonntagsmittags im Katechismus zu unterweisen. Doch hat es noch bis 1606 gedauert bis in Bega die Kirchspielsschule eingerichtet wurde und die Kinder der Gemeinde, sofern die Eltern sie schickten, in den Anfangsgründen des Glaubens und Wissen unterwiesen werden konnten. Die Wendlinghauser Kinder mussten bis zur Errichtung einer eigenen Schule nach Bega kommen. Als im Laufe der Zeit aus dem anfangs freiwilligen und oft nur gelegentlichen Schulbesuch der Kinder je länger je mehr eine Pflicht wurde, empfand man den sehr weiten Schulweg als lästig. Für die Wendlinghauser Kinder betrug der einfache Schulweg immerhin eine Stunde. Er musste im Sommer und Winter, bei Regen und Sonnenschein zu Fuß zurückgelegt werden. Es ist daher verständlich, dass die Wendlinghauser darauf bedacht waren, ihren Kindern das Lesen und Schreiben, das Singen und Beten auf bequemere Weise beibringen zu lassen. Nachdem die Humfelder sich schon 1663 durch Errichtung einer Nebenschule von der Kirchspielssdiule getrennt hatten, strebten auch die Wendlinghauser die Einrichtung einer eigenen Schule an. Aber was den Wendlinghausern zum Nutzen und Heil geraten sollte, gereichte dem Küster in Bega zum Schaden. Denn mit der Errichtung einer Nebenschule war für den Küster eine Schmälerung seiner Einkünfte verbunden. Darum widersetzte er sich den Wendlinghauser Plänen. Am 4. Februar 1722 schrieb das Konsistorium an den Amtmann in Brake, der Küster in Bega habe sich beschwert, „daß ein gewisser Mann zu Wendlinghausen sich unterstünde, Kinder anzunehmen und solche zu informieren, weil aber die Wendlinghauser sich der Schule zu Bega, als wohin sie gehörten, entzögen, auch ihm sein Schulgeld vorenthielten, habe er gebeten, ihm zu dem Seinigen zu verhelfen.“ Der Amtmann wurde vom Konsistorium angewiesen, „obbemeldeten Kerl sowohl dass er sich des Informirens gäntzlich enthalten, als denen eingesessenen, dass sie ihre Kinder nach Bega in die Schule schicken müssen bey nachdrücklicher Straffe andeuten, nicht weniger diese nebst anderen nach der Begaer schule gehörigen zu Bezahlung des dem Küster-rüdtständigen gewöhnlichen Schulgelde anhalten zu lassen.“ Die Wendlinghauser dachten jedoch nicht daran, ihre Kinder dem Küster in Bega zu schicken. 1724 klagte der Küster Stephani, „daß die Wendlinghauser obigem Befehl zuwider, anjetzo ihre Kinder dem Schulmeister in Humfeld schicken.“ „Weilen aber, so schreibt er, dadurch meine Schule geschwächet wird, und mir ohne Schühler schwer fället, den gesang sowohl in den wochenpredigten alß bei vorfallenden leichen zu führen, so bitte gehorsamst Ew. Exzellenz und Hochwohl-geboren geruhen dem Schulmeister zu Humfelde nachdrücklich anzubefehlen, daß er sich der Kinder aus der bauerschaft Wendlinghausen gäntzlich enthalten, und sich mit denenjenigen, so ihm zur Schule verordnet, begnügen zu lassen müsste.“ Dem Humfelder Schulmeister wurde daraufhin bei 10 Taler Strafe untersagt, Kinder aus Wendlinghausen anzunehmen. Doch die bildungsbeflissenen Wendlinghauser ließen sich durch die obrigkeitliche Verordnung nicht einschüchtern. In ihrer am 13. März 1724 aufgesetzten Entgegung heißt es, daß sie ihre Kinder dem Küster nicht schicken könnten, „weilen Er bey informirunge derselben nachlässig ist, maßen er den Sommer über, anstatt dass Er die Kinder informieren sollte, dieselben für sich arbeiten lasset zu geschweigen, dass Er nicht in der Rechenkunst erfahren ist, und dieser uhrsachen wegen, die leuthe in Bega selbst genöthiget sind, ihre Kinder anderwärts in der Rechenkunst instruiren zu lassen.“ Obendrein habe er eigenmächtig das Schulgeld pro Kind von 8 auf 24 Groschen gesteigert. Dazu fordere er noch 2 Groschen für die Beheizung der Schule. Um das Maß seiner Bosheit voll zu machen, habe er vor dem Schulfenster ein Immenschauer errichtet, so daß die Schule kein Licht mehr bekomme.
Als das Konsistorium den Pastor um eine Stellungnahme in diesem Streit ersuchte, stellte dieser seinem Küster ein schlechtes Zeugnis aus. 1725 wurde dem Ridderbusdi in Wendlinghausen bei 10 Taler Strafe erneut untersagt, die Kinder zu unterrichten. Wahrscheinlich ist Ridderbusdi „obbemeldeter Kerl“, dem schon 1722 anbefohlen worden war, „dass er sich des Informirens gäntzlich enthalten sollte.“
Wir sehen, die Wendlinghauser Schulgeschichte, beginnt mit schulinternen Streitereien. Schließlich kam es zu einem Kompromiss. Das Konsistorium gestattete, dass die Kinder doch bis zum 9. Lebensjahre in Wendlinghausen unterrichtet werden könnten, dann aber gehalten seien, die Küsterschule in Bega zu besuchen. Erst 1734 wurde Ridderbusch vom Konsistorium die Genehmigung erteilt, die Kinder in den Anfängen zu informieren, bis sie im Stande seien, nach Bega zu gehen. Somit gibt es seit 1734 eine rechtmäßige Schule in Wendlinghausen. Der erste Schulmeister scheint Ridderbusch gewesen zu sein. Welche Qualifikation er für die Information der Wendlinghauser Jugend aufzuweisen hatte, ist unbekannt. Nicht mehr lange hat er seinen inzwischen legalisierten Schuldienst versehen können. Im März 1738 berichtete der Begaer Pastor dem Konsistorium, dass Ridderbusch verstorben sei.

Blick ins Begatal und auf die es im Norden begrenzende Hügelkette der Sternberger Berge. Quelle: Heimatland Lippe

Er bat um Zuweisung eines geeigneten Nachfolgers. Dieser fand sich in dem Schulmeister Brandt, der aber nicht lange in Wendlinghausen geblieben ist. In den folgenden Jahren scheint der Schulbetrieb eingestellt gewesen zu sein. 1770 wurde Arnold Plöger, nachdem er „im lesen, behten und denen nöthigen Anfangsgründen der Religion geprüfet, auch befunden, dass selbiger, da er fertig lesen, behten und die Anfangsgründe unserer Religion ziemlich gefasset, auch geschriebene Schrift lesen kann“ mit der Unterweisung der Wendlinghauser Kinder beauftragt.
Ein Schulhaus gab es noch nicht. Vermutlich erfolgte der Unterricht in Plögers eigenem oder in einen anderem Hause. Erst unter seinem Nachfolger Holste, den ersten am Seminar in Detmold ausgebildeten Wendlinghauser Lehrer, der 1786 die Schulstelle übernommen hatte, ging man daran, ein Schulhaus zu bauen. Das Amt Brake schrieb an das Konsistorium: „Der Eifer, womit diese guten Leute die Verbesserung ihrer Schule betreiben, verdient, sowie die Sache selbst, alle nur mögliche Unterstützung “ Der Bau war auf ca. 333 Reichstaler veranschlagt worden. 1790 war das erste Wendlinghauser Schulhaus fertig. Als man einige Jahre später eine Industrieschule einrichten wollte, fehlte der nötige Raum. Und zur Erweiterung des Hauses mangelte es an dem erforderlichen Gelde. Doch die bildungshungrigen Wendlinghauser beschlossen, dass jeder, der sich verheiraten wolle, einen Beitrag zur Schulkasse geben solle. „Hiervon ist keiner frei. Weil aber der, dem viel gegeben ist, viel leisten kann und soll, so sind hierin Klassen geordnet, wonach ein jeder bezahlt.“ Die Kolone mußten je nach Größe ihrer Höfe 5, 3, 2 oder l4/i Taler zahlen. Das Gut war davon ausgenommen, denn es bildete neben der Dorfgemeinde einen selbständigen Bezirk; zum anderen hatte der Besitzer schon früher „auf ewige Zeiten“ ein Kapital von 50 Talern gestiftet.
Mit den Zinsen sollte das Gehalt des Schulmeisters aufgebessert werden. Dem Schullehrer wurde die Rechnungsführung über die Hochzeitsspenden übertragen. Ob das erforderliche Geld auf diese Weise zusammengekommen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. 1843 standen erneut Baupläne zur Debatte. Dieses Mal ging es um die Wohnung des Lehrers. Doch erklärten die Schulinteressenten: „Auf die Wünsche der Lehrer dürfe nicht immer Rücksicht genommen werden, solche dächten oft hoch hinaus, wollten nicht bloß Befriedigung der nötigen Bedürfnisse sondern Luxus und unnötige Bequemlichkeiten, zumal wenn solche mit Heiratsgedanken umgingen und eine desto brillantere Partie zu tun, sich einbildeten.“ Der Baurat Merkel besichtigte das Schulhaus. Er schlug statt einer Verbesserung einen Neubau vor. Als sich jedoch kein passendes Gelände fand, begnügte man sich mit einem Anbau.
Fragen wir noch, wo haben wir das erste Wendlinghauser Schulhaus zu suchen? Darauf ist zu antworten, das es an der Stelle des heutigen Oberwinterschen Hauses gestanden hat. Ja, dass dieses noch Teil des alten Schulhauses ist. Nachdem in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das neue Schulgebäude im Siek errichtet worden war, wurde das erste Schulhaus meistbietend verkauft. 1887 wurde das neue Schulhaus durch den Pastor Mors aus Bega eingeweiht. Dieses Gebäude hat 70 Jahre als Schulhaus gedient. Die gegenwärtige gesamte ältere Generation, sofern sie in Wendlinghausen groß geworden ist, hat in diesem Hause das Rüstzeug fürs Leben erhalten. Der letzte, der hier unterrichtet hat, war Lehrer Wolf. 1959 wurde ein neues Schulgebäude in Gebrauch genommen. Es hat nur wenige Jahre als Schulhaus gedient. Nach der Neuordnung der Schulen, verschwand, wie in vielen anderen Dörfern, so auch in Wendlinghausen die Schule. Mehr als zwei Jahrhunderte ist sie ein fester Bestandteil des dörflichen Lebens gewesen.

Der Wendlinghauser Friedhof mit dem Gedenkstein für die Opfer beider Weltkriege. Quelle: Heimatland Lippe

Wenn sie auch nicht an den heutigen Schulen zu messen ist, so hat sie doch das dörfliche Leben geprägt und gestaltet. Unter den im Seminar in Detmold ausgebildeten Lehrern, die hier nicht alle aufgezählt werden können, waren solche, die, wie der Lehrer Begemann, eine ganze Generation erzogen und unterrichtet haben.
Die Schulaufsicht übte bis zu der im Jahre 1918 erfolgten Trennung von Schule und Kirche der jeweilige Pastor in Bega aus. Einer von ihnen, der Pastor Neubourg, wurde 1856 als er sich auf dem Wege nach Wendlinghausen befand, um die dortige Schule zu inspizieren, unterwegs von einem Schraganfall getroffen, der seinen sofortigen Tod bewirkte.
Jahrhundertelang haben Kirche und Schule das Leben der Dörfer geprägt. Auf dem Lande waren sie die einzigen Träger und Vermittler von Bildung und Kultur. Das ist heute anders. Kirche und Schule stehen nicht mehr im Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Die Schulen, um deren Errichtung in den Dörfern sich einst die Menschen bemüht haben, sind sang- und klanglos in den meisten Dörfern aufgelöst
worden. Daß das eine Verarmung des dörflichen Lebens bedeutet, zumal dort, wo sich die Lehrer aktiv für das kulturelle Leben in den Dörfern eingesetzt haben, ist nicht zu leugnen. Fernsehen und Radio, vermögen die unmittelbare Kommunikation zwischen den Menschen nicht zu ersetzen. Es ist sicherlich manches gegen die alte Schule zu sagen. Im Vergleich zu heute hat sie den Kindern nur ein Minimum an Wissen vermittelt. Aber sie hat ihnen manche Lebensweisheiten mitgegeben, die es ihnen ermöglichten, ihr Leben in ihrer Zeit und unter deren Verhältnissen zu bestehen. Der Vorwurf, dass die Schule die Kinder krank mache, ist in früheren Zeiten wohl nie erhoben worden. Doch in unserem Zusammenhang geht es nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit der modernen Schule, sondern um eine, wenn auch nur kurzgefasste Darstellung der alten Dorfschule.
Wenn die Schule aus den meisten Dörfern verschwunden ist, so ist die Kirche, die früher nicht nur räumlich, sondern auch gesellschaftlich in der Mitte des Dorfes und Kirchspieles stand, heute an den Rand gerückt. Zwar hat Wendlinghausen immer am Rand der Kirchengemeinde gelegen. Mehr als 1000 Jahre lag es am Rand des Kirchspiels Bega. Nach der vor einigen Jahren erfolgten Umpfarrung ist es an den Rand der Kirchengemeinde Hillentrup-Spork gerückt. Wenn Wendlinghausen auch von der Begaer Kirche verhältnismäßig weit entfernt war, so haben die Wendlinghauser doch jahrhundertelang ihre Pflichten gegenüber Kirche und Pfarre erfüllt und ihre Rechte wahrgenommen. Zu den Pflichten gehörten die dem Pfarrer zu leistenden Dienste und zu praestierenden Abgaben. Es hat zwar dieserhalb gelegentlich Streitigkeiten gegeben. Die der Kirche und Pfarre in Bega zu leistenden Hand-und Spanndienste kamen manchmal ungelegen. Und die besten Erzeugnisse ihrer Felder und Ställe haben die Wendlinghauser vermutlich nicht immer nach Bega gebracht. Wer will es ihnen verdenken? Es gab in den engen dörflichen Verhältnissen früherer Zeiten viel Zank und Streit. Man stritt sich um alles und jedes. Es wäre sonderbar, wenn es nicht auch dann und wann um die durch das Herkommen festliegenden Abgaben Meinungsverschiedenheiten gegeben hätte. Doch sind diese immer wieder gütlich beigelegt worden. Anders war es, als es um die Rechte der Wendlinghauser an der Kirche und in der Kirche ging.
Die Rechte in der Kirche manifestierten sich für die Kirchspielsgenossen vornehmlich im Besitz der Kirchenstühle. Diese wurden an die Mitglieder der Gemeinde verkauft und waren vererbbar. Der Erlös wurde zur Erhaltung und Verbesserung des Kirchengebäudes verwandt. Bei den Kirchenstühlen ging es nicht nur um die Nutzungsrechte sondern auch um das Prestige ihrer Besitzer. Schon 1663 war zwischen Reineke Rieken aus Stumpenhagen und dem Schmied Hoyer ein Streit um einen Kirchenstuhl entbrannt. Die Tochter des Schmiedes Hoyer hatte, nachdem sie den Rieke aus Stumpenhagen geheiratet hatte, weiter einen Platz in dem Hoyerschen Kirchenstuhl beansprucht. Das war dem Hoyer „praejudizirlich vorgekommen“ und er versuchte, seinen Verwandten die Benutzung des Kirchenstuhls zu verwehren. Das führte zu einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung zwischen den beiden verwandten Familien. Erst 1711 wurde entschieden, dass Rieke keinen Anspruch auf den Kirchenstuhl habe.
Am heftigsten hat der sogenannte „Begaer Kirchentumult“ die Gemüter bewegt. Dieser wurde Anlass zu einem jahrelangen Prozess, den die Wendlinghauser und Sommerseiler Bauernschaften gegen den Pastor und die Kirchendechen in Bega geführt haben. Der Streit, der mit Ausdauer und Erbitterung von 1681 — 1683 geführt worden ist, wurde erst entschieden, nachdem zwei Juristenfakultäten ein Rechtsguthaben abgegeben hatten.
750 Jahre Dorfgeschichte Wendlinghausen. Wir brechen ab. Wer vermöchte nachzuzeichnen, was das Leben der 40 – 50 Generationen umschließt, die dieses Dreivierteljahrtausend Wendlinghauser Geschichte gestaltet und erlitten haben! Im Blick auf den Strom der Geschichte gilt wohl, was der weise Prediger des Alten Testamentes mit den Worten sagt:

Alle Wasser laufen ins Meer,
doch wird das Meer nicht voller;
an den Ort, dahin sie fließen,
fließen sie immer wieder.
Alles Reden ist so voll Mühe,
daß niemanddamit zu Ende kommt.
Was geschehen ist,
eben das tut man hernach wieder,
und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.
Geschieht etwas, von dem man sagen
könnte: „Siehe, das ist neu?“
Es ist längst vorher auch geschehen in
den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
Man gedenkt derer nicht,
die früher gewesen sind,
und derer, die hernach kommen;
man wird auch ihrer nicht gedenken
bei denen, die noch später sein werden.

Heimatland Lippe: Friedrich Wiehmann