Wo lag das älteste Detmold?

Blick von norden auf Detmold

Die erste Erwähnung Detmolds geschieht anläßlich der Schlacht gegen die Sachsen im Jahre 783 im Raum von Detmold — in loco, qui Theotmalli vocatur — am Osninggebirge. Der Schlachtort — der Ort welcher Theotmalli genannt wird — kann sich daher wohl kaum auf den Raum einer kleinen Siedlung erstreckt haben. Vielmehr dürfte es sich wohl um das Gebiet des Gerichtssprengels, also den Gau Theotmalli, handeln. Auch bei Lemgo ist ja der Name des Gaues — Limego — auf die darin gegründete Stadt übergegangen.

Der Name Detmold — Theotmalli, 1060 Thietmalli, 1123 Dethmelle — bedeutet Volksmal, also Volksgericht — und Tagungsplatz. Schon früh wurde auf die Nähe der Volksburg (gleich Teutoburg) auf der Bergkuppe der Grotenburg hingewiesen. Am Abhang der Nordostseite liegt der kleine Hünenring, im Südosten die Höfe auf der Spreckenburg mit alten Wall- und Knickresten — das alte Bertelwyk? (Wiek als Zufluchtsort). Die Lage des Thiesplatzes konnte von Herbert S t ö w e r ermittelt werden. Es handelt sich nicht, wie O. Preuß (Lipp. Flurnamen) meint, um eine einen weiten Blick gewährende Fläche am Fuße der Grotenburg, sondern nach den Angaben der Salbücher um ein Wiesental neben Wantrups Holz mit einem kleinen Bachlauf, wahrscheinlich den oberen oder mittleren Teil des sogen. Bruches des Gutes Wantrup. 1723 war der Thiesplatz ein Hudekamp von 4 Scheffelsaat 3 Metzen, J853 war das Ackerland „der Thiesplatz“ neben dem Holz gelegen fast 6 Scheffelsaat 7 Metzen groß, darin befand sich ein als Wiese genutztes Siek von 2 Metzen Größe. Schon O. Preuß sucht „hier den Platz der Volksgerichtsstätte, von der das nahe Detmold den Namen trägt.“ Um einen dörflichen sogen. Thieplatz kann es sich nicht handeln; diese lagen meist im Mittelpunkt von Ortschaften und nicht an der Waldgrenze einer damals nur aus wenigen Einzelhöfen bestehenden Ortschaft. Der Name des Gutes Wantrup — zirka 1380 Wamelynchtorp — läßt auf sächsische Besiedlung schließen.

Wenn ein Gau die Bezeichnung Thietmelligau — Volksgerichtsplatzgau — erhielt, muß es schon eine Malstätte von besonderer Bedeutung gewesen sein — vielleicht das Obergericht eines ganzen Stammes.. Auch verkehrsmäßig günstig lag der Thiesplatz unweit alter Straßen wie der von Paderborn über die durch die Falkenburg geschützten Pässe (Gauseköte und Alter Postweg) nach Norden und der von Höxter über Horn nach Lage und Bielefeld sowie der nach Lippstadt führenden alten Straße im Schutze der alten Volksburgen.

Der Chronist Alb. Krantz schreibt (um 1520), Karl der Gr. habe nach der Sachsenschlacht von 783 auf dem Berge Osneggi aus Dankbarkeit für den durch Gottes Hilfe errungenen Sieg eine Kapelle zur Hl. Hilfe erbaut. Merkwürdig ist, daß sich keine kirchlichen Grundstücke auf dem sog. Königsberge finden, dessen Name gern mit dem Frankenherrscher in Verbindung gebracht wird. Wahrscheinlicher ist aber, daß die Kapelle in der Nähe des Thiesplatzes am Fuß der Grotenburg gelegen hat. Dort besaß die Pfarre zu Heiligenkirchen noch im 18. Jahrh. dicht beim Thiesplatz ein wenig oberhalb auf dem Feld „Auf dem gr. Ort“ und „Auf den Dornen“ Grundstücke in einer sicher aus altsächsischer Zeit stammenden Feldmark, in welcher sonst nur die beiden Altbauern Köllermeier und Wantrup Landbesitz haben. Karl der Gr. pflegte ja gern heidnische Versammlungsstätten durch Kirchbauten in christliche Kultstätten umzuwandeln. Auf jeden Fall deuten auch die außergewöhnlichen Schutzheiligen der Heiligenkirchener Kirche Cosmas und Damian auf Karl den Gr. als den Gründer der Kapelle hin, welcher auch das Kloster Liesborn mit den Reliquien dieser beiden Heiligen ausgestattet hat. Da jedoch die Kapelle Heidenoldendorf ein merkwürdig in eine andere Parzelle eingekapseltes Grundstück auf der Höhe des Hiddeser Berges in der Nähe des alten Lippstädter Weges besaß, bestünde noch die Möglichkeit, daß Karl der Gr. zunächst auf dieser Berghöhe die Kapelle zur Hl. Hilfe erbaut hätte. Nach einer von Clostermeier erwähnten mündlichen Überlieferung soll die Schlacht auf dem Detmolder Stadtbruch stattgefunden haben. In diesem Fall hätte Karl besser von dieser Höhe die Schlacht leiten können als vom Königsberg.

Dann wäre die Kapelle zur Hl. Hilfe auch hier am ehesten zu suchen. Nach einer Zerstörung durch die Sachsen könnte Karl dann nach deren endgültiger Niederwerfung die neue Kapelle auf dem Thiesplatz des Gaues erbaut haben.

Heiligenkirchen wird zum erstenmal in der Zeit von 1015 bis 1036 erwähnt, als ein paar Brüder ihr Eigentum zu Halogankircan und ein dortiger armer Mann einen Hof und 20 Äcker der Kirche zu Paderborn übergeben. Nach dem Baubefund des Kirchturm (s. Dr. Gaul in Dorfkalender 1950 S. 65) wird die Heiligenkirchener Kirche zwischen 1200 und 1240 errichtet sein. Etwa zur selben Zeit dürfte auch der Ausbau des eigentlichen Kirchdorfes erfolgt sein. Eigentümlich ist auch der Name Heiligenkirchen für ein Dorf, dessen alte Höfe nach Flurform und Namen sicher aus altsächsischer Zeit stammen. Ganz offensichtlich verdrängt der Name einer Kirche einen alten Ortsnamen, welcher wahrscheinlich auf die Ortschaft Detmold übergegangen ist.

Auch Detmold muß schon in früher Zeit eine Kirche gehabt haben. Die älteste und urkundliche Nachricht besagt, daß etwa 1015—1036 Bischof Meinwerk dem Priester Waldier die Kirche zu Thietmelli mit 6 Pflügen und einem Pferd auf Lebenszeit übergibt. Die Detmolder Kirche war dem Hl. Vitus — dem Patron der Abtei Corvey nach 836 — geweiht. Dr. Gaul scheint in seinem Aufsatz über die Dorfkirchen in Lippe (Dorfkalender 1950 S. 69) einen Rest aus dieser frühmittelalterlichen Zeit in der Westmauer der Detmolder Kirche zu vermuten. Wir hätten also im Theotmalligau zwei aus ältester Zeit stammende Kirchen in größter Nähe.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1952 – Von Helmuth Riemann