Woher hat der Wolfsberg seinen Namen ?

Blick vom Hermannsdenkmal auf dem Teutberg in Richtung Nordwesten über den Teutoburger Wald. Arminia aus der deutschsprachigen Wikipedia, via Wikimedia Commons

So wenig einladend sein Name auch klingen mag, der Wolfsberg im Landschaftsschutzgebiet Langes Tal, östlich der Gemeinde Schlangen, hat Jahr für Jahr, wenn sich über seinen Hang ein farbenfroher Teppich blühenden Lerchensporns hinzieht, ungezählte Naturfreunde zu Besuch. Auch im Sommer und selbst im Winter lockt die landschaftliche Schönheit dieses Gebietes — von Kohlstädt aus
Südosten liegend — viele Besucher. Und wenn der Name „Wolfsberg“ fällt, mögen die Gedanken manches Wanderers zurückgehen in jene „finstere Zeit“, als hier in einsamer Wildnis die Wölfe ihr Unwesen trieben.
Ja, es hat in Lippe Wölfe gegeben. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts fielen sie noch in die Randdörfer des Teutoburger Waldes ein. 1613 zerrissen sie dem Holzhausener Bauern Meier in einer Nacht 40 seiner besten Schafe. Bis etwa 1835 wurde in Lippe nach Wölfen gejagt.
Für die meisten Heimatfreunde bestand und besteht seit langem kein Zweifel über den Ursprung des Namens „Wolfs­berg“ Heinrich Schwanold führt ihn in seiner Schrift „Unsere’Ortsnamen“ (1923) auf Isegrim zurück. Otto Rehme ist in seinem im Juli 1962 in „Heimatland Lippe“ erschienenen Beitrag „Tiere und menschliche Körperteile in unseren Flurnamen“ der gleichen Ansicht, und schließlich fanden wir diese Auffassung in einigen heimatkundlichen Zeitungsartikeln.

Das jahrhundertealte „Eisenloch“ auf dem Wolfsberg in der Nähe der GemeindenKohlstädt und Schlangen.

Wir haben eine andere Deutung anzubieten: Bei der Lektüre einer sehr gewissenhaft zusammengestellten Abhandlung über die Geschichte der Eisenerzeugung unter der Überschrift „Luppenfeuer und Wolfsöfen in der Egge“ von H. Neuheu­ser (in „Eggegebirgsbote“ Nr. 138, März 1960) stießen wir auf die folgenden Sätze: „Die große Zahl der alten Schmelzstätten bestätigt, daß der hiesige Bergbau vor 1600 schon sehr bedeutend gewesen sein muss, und dass die gewonnenen Erze auch an Ort und Stelle im Walde verhüttet worden sind. Hieran erinnert heute noch der .Wolfsberg‘ (nordöstlich von Altenbeken), der seinen Namen den kleinen Schmelzöfen, den sogenannten Wolfsöfen, zu verdanken hat.“

Diese Sätze weckten unseren „Forscher­drang“ Wir fragten die schon etwas älteren Einwohner in Schlangen. Einige entsannen sich: Ja, auch auf dem Wolfs­berg bei Schlangen habe man in alter Zeit Eisenerz aus der Tiefe geholt, das hätten jedenfalls die Leute früher erzählt. Wil­helm Drawe und Simon Bauerkämper wussten es genauer: Auf dem Wolfsberge gab es „Eisenlöcher“; eines ist noch zu sehen, die anderen haben sich im Laufe der Zeit angefüllt und sind nur noch an­deutungsweise zu erkennen.
Wir fanden, was wir suchten, auf dem Großen Wolfsberg (er ist der Nachbar des Kleinen Wolfsberges): Auf der Höhe des Berges entdeckten wir das „Eisenloch“, notdürftig eingezäunt, die Öffnung kreisrund, bleiches, teilweise mit Moos bedecktes Gestein fasst es ein. Unsere Messungen ergaben einen Durchmesser von 1,50 Metern und eine Tiefe von 5,50 Metern. Eine erstaunliche Tiefe, wenn man bedenkt, dass Laub, Geäst und Steine im Laufe der Jahrhunderte darin verschwunden sind. In der Umgebung des Loches sind Mulden und kleine Hügel geblieben aus jener Zeit, in der hier auf dem Wolfsberg mit Mühe Eisenstein aus der Tiefe geholt und gleich in Wolfsöfen verhüttet wurde.
Für uns wurde die Vermutung, dass jene Öfen bei der Namensgebung Pate gestanden haben könnten, beim Studium der Literatur zu größerer Gewißheit. Hier nur ein Ausschnitt aus dem 1954 erschienenen Werk „Bergbau im Lande Lippe“ von Erich Kenter: „Am 3. Februar 1365 versetzte Junker Simon mit Konsens sei­ner Frau Ermgard seinen Hagen zu Kohl­städt mit den Smeden (Schmieden) und gestattete, daß die ,Yseren Smede* auf seinem Grund ,Yserenstein‘ (Eisenstein) graben und in seinem Walde und Holze ,kolen‘ (Kohlen brennen) durften, soviel sie zu der Schmiede bedurften. ,Dat Ysern‘ zu Kohlstädt wird weiter 1410 erwähnt. 1535 besuchte Simon die ,Iserenmesters‘, Zimmerleute und Schmiede auf der Eisen­schmelzhütte. Im ,Lippischen Intelligenzblatt‘ 1783 wird ein alter Schacht eines vormaligen Eisenbergwerkes, das ,Eisen-loch‘ beschrieben. Auch Brandes erwähnt 1832 dieses ,unter sich gehende Loch‘ Der Schacht liegt am Großen Wolfsberg süd­östlich Kohlstädt im Turon. Die Eisenkuh­len bei der Kleinen Egge, wo schon vor 1537 Bergbau getrieben wurde, sowie der Bergbau auf dem Bockern bei Berlebeck, wo 1607 ein alter Schacht aufgewältigt wurde, dürften gleichaltrig mit dem Eisen­loch sein.“

In der unmittelbaren Umgebung des „Eisenloches“ erinnern Mulden und kleine Hügel an die „Yseren Smede“

Wie ging nun die Verhüttung an Ort und Stelle in den Wald-Smeden vor sich? Die im Anfang noch recht einfachen Schmelzöfen in unmittelbarer Nähe der Schürfstellen waren Herdfeuer in pfan­nenartigen Vertiefungen, Luppenfeuer ge­nannt. In dem HolzkohlenFeuer wurde das Metall auf dem Eisenstein niederge­schmolzen. Was sich bildete, war die Luppe (auch Wolf, Stück, Bals, Bramme genannt), ein Eisenklumpen, der von einer Schlackenkruste umhüllt war, die noch viel Eisen enthielt. Die Mängel dieses Schmelz­verfahrens suchte man durch Erhöhung der Herde zu kleinen Schachtöfen zu ver­ringern.

Diese Schachtöfen, manchmal mannshoch, waren jene Wolfsöfen, die bei der Namensgebung des Wolfsberges bei Schlangen und Kohlstädt Pate gestanden haben könnten. Ein Blasebalg sorgte für die Zufuhr der beim Schmelzvorgang notwendigen Luft. In Altenbeken mussten so­gar Frauen die Blasebälge treten, eine wahrhaft sklavische Arbeit.
Wenn auch der direkten Gewinnung des Eisens in Luppenfeuern und Wolfsöfen bedeutende Mängel anhafteten — es ging stets ein großer Prozentsatz des Metalls in den Schlacken verloren, außerdem war Holzkohle in Mengen erforderlich —, so ist der Wolfsofen des Mittelalters doch der Vorgänger der gewaltigen Hochöfen.
Zurück zu unserer Frage: Woher hat nun der Wolfsberg bei Schlangen seinen Namen? Ist Isegrim dafür verantwortlich zu machen oder geht er zurück auf die Wolfsöfen der „Yseren Smede“? Könnten nicht auch die mit „Wolf“ bezeichneten Eisenklumpen dem Berg seinen Namen ge­geben haben? Was meinen die Heimat­freunde Lippes dazu? Eine Beantwortung der Frage nach dem Ursprung jener lippi­schen Flurnamen, die auch den „Wolf“ „im Schilde führen“, könnte uns der Lö­sung vielleicht einen Schritt näherbringen.

Heimatland Lippe: Heinz Wiemann