Auf 100 Einwohner kamen 25,3 Ziegen

Der Ziegenzucht wird leider noch lange nicht die Beachtung geschenkt, die sie verdient. Ja! von vielen wird der Name „Ziege“ oder „Ziegenbock“ nur mit Verachtung in den Mund genommen.

Trotzdem lässt es sich nicht leugnen, dass die Ziegenzucht für den kleinen Mann von der größten Bedeutung ist. Man hat das in vielen Gegenden auch schon eingesehen und sucht daher die Hebung der Ziegenzucht in jeder Weise zu fördern.

Die Ziege ist sozusagen die Kuh des kleinen Mannes und hat für das Wohlergehen eines großen Teils unserer ärmeren Bevölkerung eine sehr große Bedeutung.

Kleinere Landwirte, der Arbeiter und der kleinere Gewerbetreibende leben hauptsächlich von Brot, Mehlspeisen und Kartoffeln, da tägliche Fleischnahrung zu teuer sein würde. Hier bildet gewöhnlich die Milch und die Milchprodukte der Ziege die billigste Quelle, um die zur Ernährung notwendigen Fleisch und Blut bildenden Bestandteile zu ersetzen. Die Ziege ist es, die ihrem Besitzer die einzige Milch zur Ernährung der Kinder und zum Haushalte giebt. Es ist also leicht einzusehen, dass die Ziege die Volksernährung und dadurch die Produktivität eines Staates zu beeinflussen vermag.

Die Hütejungen von Bentorf mit ihren Lieblingen. Um 1925.

Die Wichtigkeit der Ziegenzucht geht schon daraus hervor, dass dieselbe in den letzten Jahrzehnten nicht unerheblich zugenommen hat. Im Jahre 1892 waren im Deutschen Reiche vorhanden 3091287 Ziegen, in Lippe 32543. Es kommen also auf 100 Einwohner 25,3 Ziegen. Nach den statistischen Berichten sind überhaupt im Fürstentum Lippe berechnet auf Flächeninhalt und auch auf Einwohnerzahl die meisten Ziegen vorhanden. Schon aus diesem Grunde wäre es angebracht, der Ziegenzucht mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als wie bisher geschehen ist. Nimmt man z. B. an, der Milchertrag einer Ziege würde durch bessere Fütterung und Pflege jährlich um 10 Liter gesteigert, — so würde dies einer Mehrproduktion von 325430 Liter Milch entsprechen.

In den letzten Jahren hat man begonnen, die Ziegenzucht in bessere Bahnen zu lenken, indem man Saanenziegenböcke einführt, um das vorhandene Zuchtmaterial zu veredeln. In dieser Beziehung hat namentlich der Ziegenzuchtverein Lage bahnbrechend gewirkt.

Infolge der unrationellen Aufzucht, Pflege und Fütterung ist nicht nur eine große Zahl der hiesigen Ziegen sehr klein und von mangelhafter Körperkonstruktion, sondern auch der Milchertrag ist sehr gering, sodass eine große Anzahl Ziegen jährlich kaum 300 Liter Milch giebt. Diese starke Degeneration ist aber nicht allein auf obige Ursachen zurückzuführen, sondern auch hauptsächlich auf die mangelhafte Züchtung. Man hat seit Jahren Inzucht getrieben und gerade in dieser Beziehung die einfachsten Regeln der Züchtung ganz außer Acht gelassen.

Rezept aus „Lippischer Volkskalender“, 1867.

Die Ställe der Ziegen sollen hell sein und müssen gelüftet werden können, daher dürfen Fenster nicht fehlen. Zugluft dagegen ist zu vermeiden. An Standraum rechnet man pro Ziege ca. 2 Quadratmeter. Im Winter ist für die nötige Wärme ca. + 6 Grad C. zu sorgen. Außerdem muss im Stalle eine Raufe oder Krippe vorhanden sein. Letztere muss möglichst sauber gehalten werden. Wenn es möglich ist, sollen die Ziegen frei herumlaufen, namentlich die Jungen. Der Stall muss möglichst rein und trocken gehalten werden. Fehlt Stroh zur Einstreu, so müssen Baumlaub, Moos, Kiefernnadeln als Einstreu verwendet werden.

Es giebt im allgemeinen wenig Gewächse für welche die Ziege eine ausgesprochende Vorliebe besitzt. Sie frisst im Freien alles Mögliche. Vor allem ist die Ziege sehr empfindlich gegen nasses und kaltes Futter. Daher ist letzteres zu meiden. Das beste Futter bildet im Winter das Heu, ferner erhalten dieselben Roggen- und Haferstroh. Ein vorzügliches Futter bilden auch die getrockneten frischen Triebe der Eiche, des Haselstrauches und der Birke. Außerdem werden verabreicht Runkelrüben und Kartoffeln, alle möglichen Abfälle aus der Küche und Garten. Es muss aber darauf geachtet werden, dass die Futtermittel nicht verdorben sind. Bei dieser Pflege wird sie die höchsten Erträge geben. Hoffen wir, dass sich die Ziegenzucht von Jahr zu Jahr in Lippe mehr und mehr hebt zum Wohle des kleinen Mannes.

Dr. Haßler, Direktor der landwirtschaftlichen Schule Lage, 1899