zimmerleuteHolzverarbeitende Handwerke

Zu den unentbehrlichen und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein in den meisten lippischen Dörfern mehrfach vertretenen Handwerken gehörten die des Zimmermannes und des Tischlers. Viele lippische Zimmerer waren gleichzeitig Tischler und verübten diese Arbeit meist im Winter, wenn der Hausbau und sonstige Außenarbeiten ruhten. Manche arbeiteten auch als Stellmacher, wie umgekehrt viele Stellmacher auch Tischlerarbeiten annahmen. Eine Spezialisierung der Handwerke im Hinblick auf die ausschließliche Ausübung nur eines einzigen Berufes als Vollerwerb ist eine relativ rezente Entwicklung, die in dem uns interessieren den Zeitraum zwischen 1850 und 1950 allenfalls in den Städten Lippes eingesetzt hatte. In den Dörfern waren dagegen die Grenzen zwischen einzelnen Handwerksberufen wie auch zwischen Handwerk und Landwirtschaft oder anderen Berufssparten fließend. Das Einkommen eines Handwerkers war in den meisten Fällen so gering, daß er von seinem eigentlichen Hauptberuf nicht leben konnte und auf den Zuerwerb aus der Landwirtschaft angewiesen blieb.

Zimmerleute auf dem Weg zur Arbeitsstelle mit zugeschnittenen Brettern, die auf einem zweirädrigen Holzkarren transportiert wurden.

Viele von ihnen arbeiteten zeitweise auch als Tagelöhner beim Bauern oder saisonweise als Ziegler. Daher sind die Ergebnisse der Gewerbezählungen des 19. Jahrhunderts, in denen Tischler, Zimmerer und Stellmacher gesondert aufgeführt sind, mit der gebührenden Vorsichtzu interpretieren. Sie sind dennoch recht aufschlußreich hinsichtlich der allgemeinen Entwicklungen, die sich im Tischler- und Zimmererhandwerk erkennen lassen: während die Zahl der Tischlereibetriebe zwischen 1861 und 1950 von 256 Betrieben mit 454 Beschäftigten (Meister und Gesellen ohne Lehrlinge) auf 665 mit 1440 Beschäftigten kontinuierlich auf mehr als das Zweieinhalbfache anstieg, ist die Zahl der Zimmereibetriebe im gleichen Zeitraum um ca. 65 % von 368 mit 780 Beschäftigten (Meister und Gesellen ohne Lehrlinge) auf 132 Betriebe gefallen.1vgl. dazu Statistische Mitteilungen über die Gewerbebetriebe im Lippischen. In: Lippischer Kalender 1863, D 2 – G 2; Handelskammer Detmold, 50 Jahre Handwerkskammer Detmold, 1950, S. 39. Die statistischen Angaben zur Zahl der Handwerksbetriebe in der Statistik des Deutschen Reiches aus den Jahren 1875, 1882, 1895 und 1907 weisen ebenfalls eine kontinuierliche Abnahme der Zimmererbetriebe und eine ständige Zunahme der Tischlereibetriebe aus.  Verantwortlich für diesen Schrumpfungsprozeß war in erster Linie der Rückgang der Fachwerkbauweise in Lippe seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Obwohl auch noch zu Beginn unseres Jahrhunderts Fachwerkhäuser errichtet wurden und der Zimmermann nach wie vor zu den unentbehrlichsten Handwerkern beim Hausbau zählte, war der Umfang der für ihn anfallenden Arbeiten gegenüber der früher üblichen Fachwerkerrichtung schon um die Jahrhundertwende erheblich zurückgegangen. Zudem waren die Bauhandwerker stets in besonderem Maße den Schwankungen der wirtschaftlichen Konjunktur ausgesetzt. In Kriegsund Notzeiten, wie sie früher so oft eintraten, in Zeiten der Inflation oder hoher Arbeitslosigkeit gingen Aufträge für neue Häuser sofort drastisch zurück und gefährdeten damit die Existenz vieler Zimmereibetriebe – ein Prozeß, an dem sich bis heute wenig geändert hat. Die Tischler dagegen waren derlei Nachfrageschwankungen nicht in so extremer  Weise ausgesetzt, da sie früher viele Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs herstellten, die immer und teilweise ganz unabhängig von der jeweiligen wirtschaftlichen Lage benötigt wurden: Möbel, Kinderwiegen, Kisten und Leitern, landwirtschaftliche Geräte, Hausrat und natürlich immer auch Särge.

Um 1900, in einer Zeit des ökonomischen Aufschwungs, gab es offenbar sowohl für Tischler als auch für die Zimmerleute reichlich zu tun. Die Statistiken über die Anzahl der

Zimmerei Diekmann in Hörstmar, 1925. Die Zimmergesellen (rechts) schneiden das Holz mit der Bogensäge zu.

Handwerke, die in den einzelnen lippischen Dörfern vertreten waren, fassen beide Berufssparten zusammen, so daß man nur ein allgemeines Bild der Situation erhält. Zumindest aber wird deutlich, daß fast überall in Lippe wenigstens ein Zimmermann oder Tischler im Ort ansässig war, in vielen Dörfern aber auch gleich mehrere. So hatte etwa Wörderfeld um 1900 bei ca. 400 Einwohnern fünf Tischler/ Zimmerer im Ort, Laßbruch im Extertal hatte sechs, Lüdenhausen im Kalletal gar acht Tischler/Zimmerer bei wenig mehr als je 750 Einwohnern. In einigen Dörfern findet sich eine auffällige Konzentration dieser Handwerke, die weniger auf die Einwohnerzahl und wachsende Nachfrage als auf die reichen Holzvorkommen dieser Gegend zurückzuführen ist. Hiddesen etwa hatte schon 1867 zehn Tischler/Zimmerer, bis 1900 waren sechs weitere hinzugekommen. Schwalenberg zählte um 190017 Tischler/Zimmerer, in der heutigen Gemeinde Dörentrup fanden sich zur selben Zeit allein in den vier Orten Schwelentrup, Humfeld, Bega und Wendlinghausen insgesamt 27, hinzu kamen 19 in Spork.2Staatsarchiv Detmold, L79, Fach Nr. 1; Adressbuch fürdas Fürstenthum Lippe, Detmold 1901, zitiert in: Peter Steinbach, Lippes Eintritt in das Industriezeitalter 1976, Anlage   Ähnliche Konzentrationen fanden sich damals auch in und um Schöttmar, Detmold, Blomberg, Lemgo, Augustdorf, Kalldorf und Schlangen. Teilweise sind dies heute noch die Zentren der lippischen Möbelindustrie.

Die Arbeit des Zimmermanns war bis in die 20er Jahre unseres Jahrhunderts hinein harte Knochenarbeit. Der größte Tei des am Bau verwendeten Holzes mußte mit Axt, Beil und Säge in mühevoller Handarbeit bearbeitet werden. Der Zimmermann Wilhelm Richter berichtete, daß noch um 1920 nahezu alles Holz ohne elektrische Maschinen zugeschnitten wurde.3vgl. „Aus der Arbeitswelt unserer Väter: Ein Zimmermann erzählt“. In: Kirchengemeinde Brake 90, Juni/Juli 1984  Günstig gelegene Betriebe in der Nähe von Flußläufen konnten allerdings die Wasserkraft ausnutzen und ließen ihr Holz in Sagemühlen zuschneiden. Im übrigen aber mangelte es an Maschinen. Die meisten Zimmereibetriebe waren um diese Zeit noch nicht mit technischen Hilfsmitteln ausgerüstet, weil dazu das Kapital – wie damals überall im Handwerk – fehlte. Zum Handwerkszeug eines Zimmermanns gehörten neben Äxten und Sägen auch Bohrer, Zieheisen, Winkeleisen und Reißmaß. Hobel waren zwar üblicherweise auch Teil der Ausrüstung, doch das Hobeln galt eigentlich als charakteristische Tischlerarbeit.

Wurde ein Gebäude auf einem Bauernhof errichtet, so stellte der Bauer das benötigte Holz normalerweise aus  eigenen Beständen zur Verfügung. Für Kötterhäuser wurde in früherer Zeit oftmals ein Teil des Balkengefüges aus Abrißhäusern verwendet, um die Kosten für das teure Eichenholz so niedrig wie möglich zu halten. Eichenholz wurde beim Hausbau in großen Mengen verwendet, weil alle Ständer, Balken und Sparren aus diesem Holz sein mußten. Früherhieß es, beim Bau müsse soviel Eichenlohe (Rinde) abfallen, daß davon der Zimmermann bezahlt werden könne.4vgl. Wilhelm Hansen, Hauswesen und Tagewerk im alten Lippe, 1984, S. 40. Eichenlohe wurde vor allem zum Gerben benötigt.

Behauen von Balken mit der Axt.

Sollte neues Holz verwendet werden, so suchte der Bauer zusammen mit dem Zimmermann geeignete Stämme aus. Das geschah meist in den Wintermonaten vor Beginn des geplanten Neubaus, damit das Holz lange genug abgelagert werden konnte, bevor es dann trocken verzimmert wurde. Die Bäume sollten bis spätestens Mitte Januar gefällt sein, da sonst das Holz nicht mehr im selben Jahr zum Bauen geeignet war. „Fabian Sebastian läßt den Saft in die Bäume geh’n“, besagt eine alte Bauernregel. Damit ist der 20. Januar gemeint, an dem das Fest der (zwei!) Heiligen Fabian und Sebastian gefeiert wird.5siehe Karl Wehrhan, Hausbau und Zimmermann, o. J., S. 1

Der Zimmermann fertigte zunächst den Bauriß an, nach dem alle Teile des Hauses und des Dachstuhls zugeschnitten wurden. Erfahrene Zimmerleute kamen allerdings auch ohne Zeichnung aus, denn die Bauweise war im wesentlichen trotz gewisser Unterschiede in Größe und Ausstattung die gleiche. Das Holz wurde, sobald es geschlagen war, zum Zimmerplatz gefahren. Karl Wehrhan berichtet, daß immer auch ein Stück gestohlenes Holz – manchmal bei Nacht und Nebel aus dem Walde geholt – verwendet werden mußte. Bevor mit der Bearbeitung begonnen werden konnte, wurden die Stämme auf Gestelle gezogen, damit sie von allen Seiten zugänglich waren. Für Ständer, Sparren und Riegel nahm man unterschiedlich dicke Stämme, aber die als Ständer vorgesehenen Hölzer hatten in der Regel durchgehend dasselbe Maß und wurden jeweils aus einem einzigen Stamm herausgehauen. Dazu wurde zuerst mit der Axt eine Schneise in die Rinde geschlagen, bis das helle Holz sichtbar wurde. Dann legte man auf diese Stelle eine geschwärzte Schnur, die an beiden Seiten des Stammes straff gespannt wurde, hob sie in der Mitte hoch und ließ sie auf das Holz zurückschnellen. Auf diese Weise entstand eine „schnurgerade“ Linie; der Zimmermann nannte das „abschnuren“. An dieser Linie wurde dann erst mit der Axt, anschließend mit dem Beil entlanggehauen, bis eine gerade Fläche entstand. Auch bei der Bearbeitung der Balken, Sparren und Querhölzer wurde auf dieselbe Art verfahren.6Eine genaue Beschreibung der einzelnen Arbeitsvorgänge beim Behauen der Hölzer findet sich bei Hinrich Siuts, Bäuerliche und handwerkliche Arbeitsgeräte in Westfalen, 1982, S. 256: siehe auch „Aus der Arbeitswelt unserer Väter: Ein Zimmermann erzählt“, 1984  Bretter für Decken und Fußböden wurden mit großen Dielensägen (Schrotsägen) in senkrechtem Schnitt über einer Sägekuhle gesägt7vgl. Hans Peters, Altes Handwerk – Bäuerliches Brauchtum, 1962, S. 11, dort auch nähere Hinweise zu den Werkzeugen , lediglich Giebelbretter wurden nach Möglichkeit aus dem Stamm herausgekeilt, denn aufgekeilte Bretter waren wetterbeständiger als solche mit poröser Sägefläche.8vgl. Hansen, 1984, S. 40

Zuschneiden von Brettern mit der Schrotsäge auf dem Bauplatz in einer provisorisch angelegten Sägekuhle, 50er Jahre. Alle beim Hausbau benötigten Bretter, Bohlen, Dielen und Riegel mußten von Hand gesägt werden.

Nachdem alle Hölzer bearbeitet waren, wurden sie „abgebunden“, d.h. auf dem Bauplatz in waagerechter Lage probeweise zusammengefügt, mit Löchern für die Holznägel versehen und durchnumeriert.9vgl. Wehrhan, S. 4  Erst wenn alle erforderlichen Teile fertiggestellt waren, konnte mit der Errichtung des Ständerwerkes begonnen werden.10Zur Konstruktion der lippischen Bauernhäuser vgl. Josef Schepers, Haus und Hof westfälischer Bauern, 1960, S. 47 ff,, 367-394  Das Balkengefüge der Fachwerkwand wurde mit Riegeln und Krummständern verstärkt. Quer auf die Ständer kam dann das Rähmholz, auch „Luchtstrang“ genannt, auf das in charakteristisch lippischer Bauweise die mächtigen Dachbalken „aufgerähmt“ wurden. Die Rähmhölzer legte man entweder oben auf die Ständer auf und befestigte sie mit Zapfen o.ä., oder sie wurden in die Ständer eingehälst und „kragten“ dann an der Giebelseite mit dem Balkenkopf aus den Ständern heraus. Das gleiche machte man dann mit den zwischen Giebel- und Dachbalken angebrachten Stichbalken. Diese aus dem Giebelbalken auf ganzer Front herauskragenden Hölzer waren bei einigen größeren Bauernhäusern mit geschnitzten Ständern als Stützen, den sogenannten Knaggen, versehen. Auf das Rähmholz kamen zuletzt die Fußfetten, welche die Dachsparren trugen. Das Dreieck zwischen Giebelbalken und Dachsparren wurde in Lippe traditionellerweise meist verbrettert, nur bei relativ wenigen Bauernhäusern war dieser Teil ausgefacht. Um die Stabilität des Balkengefüges zu erhöhen und ein Verschieben der Balken zu verhindern, wurden in den rechten Winkel zwischen Ständer, Rähmholz und Dachbalken schrägstehende, geschwungene Streben eingesetzt. Diese „Kopfbänder“ waren auch am Haustor angebracht und dort besonders reich verziert oder bemalt. Dasselbe galt für den quer über der großen Tür befindlichen Torbogen, in den in den meisten Fällen neben den Namen des Besitzers des Hauses auch das Baujahr und ein Segensspruch eingeritzt wurden. Gelegentlich war der Name des Zimmermeisters ebenfalls aufgeführt. Die „Nierndür“ entsprach in ihrer Höhe und Breite stets den Abmessungen eines vollbeladenen Erntewagens11vgl. Hansen, 1984, S. 38  denn die Ernte wurde zum großen Teil im Haus gelagert und zu diesem Zweck mit einer Seilwinde direkt vom Wagen, der auf die Deele gefahren wurde,auf den Boden gehievt. Kötterhäuser hatten eher niedrige Türen, große Höfe mit entsprechend großen Ackerwagen in aller Regel auch immer sehr hohe Haustore. Alles Holz am Bau wurde ohne Verwendung von Metall ausschließlich mit Zapfen und Holznägeln durch Verkämmungen, d.h. ineinandergreifende Ausschnitte, miteinander verbunden, verzapft oder verkehlt. An den Außenwänden des Hauses sowie in den Stallungen standen die dort verwendeten Nägel bzw. Holzpflöcke am oberen Teil ca. 5-10 cm vor. Sie dienten sowohl zum Aufhängen von Sensen, Leitern, Dreschflegeln und Stricken als auch als Nistplätze fürSchwalben.12siehe Karl Wehrhan, Haushebung oder Hillebille im Lippischen, 1934, S. 228 Wilhelm Hansen berichtet dazu, daß es damals in Lippe üblich war, die beim Hausbau benötigten großen Mengen an Holznägeln in Nachbarschaftsarbeit herzustellen. Alle Nachbarn halfen mit, damit die große Nageltonne voll wurde.13siehe Hansen, 1984, S. 40

War die Arbeit der Zimmerleute schließlich beendet, so fand das noch heute übliche Richtfest mit dem traditionellen Hillebille-Klopfen statt. Es wurde immer dann gefeiert, wenn das Dachgerüst errichtet war, denn von nun an konnte das Haus nur noch weiter ausgebaut werden, aber nicht mehr wachsen: die wesentlichen Ausmaße waren erreicht.14vgl. Herbert Sinz, Das Handwerk, 1977, S. 104  Je nach Größe des Hauses und den finanziellen Möglichkeiten des Bauherrn wurde anläßlich dieses Ereignisses ein Fest gegeben, an dem alle, die am Bau mitgearbeitet und geholfen hatten, sowie Freunde, Verwandte und Nachbarn teilnahmen. „Lustige Hillebille“, wie es sie noch zu Anfang unseres Jahrhunderts gab, waren richtige Dorffeste, zu denen jeder im Dorf durch den festlich gekleideten Festbitter wie zu ein.qcWiochzeit eingeladen wurde, etwa mit einem Spruch wie dem folgenden:

Bevor die Errichtung des Fachwerks beginnen konnte, wurden alle Teile fertig zugeschnitten und auf dem Bauplatz probeweise zusammengefügt. Im vergangenen Jahrhundert erfolgte der Aufbau noch ohne besondere technische Hilfsmittel und ohne Verwendung eines einzigen Stahlnagels. Alle Ständer, Querriegel und Balken waren so ineinander verzapft, verkehlt oder gehalst und durch Kopfbänder abgestützt, daß sie ein stabiles, die Jahrhunderte überdauerndes Fachwerk bildeten.

Ich lade euch ein zur Haushebung auf Wickmanns Hof. Es gibt Rampen, Reis und Zwetschgen. Die Rinderwurst ist abgemessen, Messer und Gabel nicht vergessen.15vgl. Landfrauenverein Detmold (Hrsg.), Detmolder Landfrauen erzählen, 1986, S. 292  Zum Richtfest wurden Kuchen, Stuten und Butterbrote gereicht, die manchmal von den Nachbarsfrauen selbst mitgebracht oder zumindest mitvorbereitet wurden, denn allein konnte die Frau des Hauses die umfangreichen Vorbereitungen der Haushebung nicht bewältigen: zu manchen Richtfesten erschienen bis zu 200 Gäste. Für Kaffee, Schnaps und Bier hatte in jedem Fall der Bauherr zu sorgen. Nachdem die Hillebille abgeschlagen war, begann dann das eigentliche Fest mit Trinken, Gesang und Tanz entweder auf dem Hof oder im nächstgelegenen Wirtshaus. Gelegentlich spielte sogar eine Kapelle auf. Die „kleinen Leute“ begannen das Richtfest weniger aufwendig, immer aber wurden die Arbeiter und all die zahlreichen Helfer aus der Nachbarschaft für ihre Mühen in irgendeiner Form mit Essen und Trinken belohnt. Bezahlt wurden nur die Handwerker, während die Mitarbeit von Nachbarn, Freunden und Verwandten prinzipiell unentgeltlich war, da sie freiwillig geleistet wurde, obschon sie unentbehrlich war. Da es keine Maschinen, Aufzüge oder Kräne gab, waren viele Arbeitskräfte erforderlich, die „mit anpackten“ und dafür sorgten, daß Holz und Baumaterial herangeschafft wurden, die Baugrube ausgehoben, Steine für die Grundmauern geschleppt, Balken hochgezogen und Dachziegel angereicht wurden. Die traditionelle Nachbarschaftshilfe kam beim Hausbau besonders zum Tragen. Ohne diese Hilfe hätte die Arbeit – und nicht nur beim Hausbau – nicht bewältigt werden können. Die Verpflegung während dieser Zeit oblag dem Bauherrn. Dazu gehörten nicht nur die Mahlzeiten, sondern auch das tägliche Quantum Schnaps von etwa einem halben Liter pro Person, der selbst gebrannt wurde und in großen Fässern im Keller lagerte.

Ein eigenes Haus zu bauen, hat in Lippe seit jeher eine besondere Bedeutung gehabt und war Traum und Lebensziel der vielen Einlieger und Kleinstbauern, die jahrhundertelang ohne eigenen Grund und Boden oder als Straßenkötter in kleinen, heruntergekommenen Häusern in äußerst beengten Wohnverhältnissen gelebt hatten. Es nimmt daher nicht wunder, daß gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Auslaufen der Ablösezahlungen und zunehmend einfließenden Geldüberweisungen durch die in der Fremde weilenden lippischen Wanderarbeiter vor allem Zieglerfamilien versuchten, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Das Richtfest bedeutete für sie deshalb mehr als nur den feierlichen Abschluß der Zimmererarbeiten.

Das Zeichen für die Beendigung der Arbeit der Zimmerleute war das Einschlagen des letzten Nagels über dem großen Eingangstor, der gelegentlich besonders gekennzeichnet war, mit einem Blumensträußchen geschmückt und mit guten Wünschen für den Hausherrn und die Hausfrau eingeschlagen wurde. Nachdem in Anwesenheit der Gäste der letzte Dachsparren errichtet worden war, wurde die mit bunten Bändern geschmückte Richtkrone vor den Giebel genagelt. Die Anfertigung dieser Krone war, wie alle Teile der Haushebung, von der Tradition genau vorgegeben. Die Krone bestand meist aus Birken- oder Tannenzweigen und war mit Blumen und Bändern verziert.16Zur Haushebung und besonders der Hillebille vgl. Karl Wehrhan, Haushebung oder Hillebille im Lippischen, 1934, S. 227: Fritz Platenau. Erinnerungen, 1973, S. 17-20  Bis etwa zur Jahrhundertwende war es üblich, für jeden Handwerker ein Taschen- oder Handtuch daran zu hängen, in das ein Geldstück eingebunden war. Auch die Lehrlinge erhielten ihr Tuch. Die Krone wurde von den Kronenjungfrauen zusammen mit einer Flasche Schnaps und einem Gedicht den Handwerkern übergeben. Danach begann das Hillebilleklopfen, das stets in luftiger Höhe auf der obersten Balkenlage unter der Richtkrone stattfand, angeführt von Zimmer- und Maurermeister, die den

Wiederaufbau eines Fachwerkhauses in den 1950er Jahren; Einschlagen der Holznägel mittels einer Zimmermannsaxt mit Schlagbolzen. In Lippe war es lange Zeit üblich, daß die beim Hausbau benötigten Holznägel vor Baubeginn vom Bauherrn selbst und mit Hilfe seiner Nachbarn von Hand geschnitzt wurden.

Takt Vorgaben. Geklopft wurde zu viert, zu sechst oder mit mehr als sechs Personen, ähnlich wie beim Dreschen „im Spanne“. Tischler und Maurer saßen zu diesem Zwecke in zwei Reihen mit einer langen Bohle in der Mitte, auf die dann abwechselnd ihre Äxte, Beile und Hämmer niedersausten. Je nach dem jeweils vorgegebenen Takt lautete das Kommando dann „teohäope“ oder auch „oininnetanner“. Dann wurde „einer für den Bauherrn“ angeschlagen und danach zunächst eine Pause eingelegt, in welcher der Zimmermeister oder der älteste Geselle den Richtspruch aufsagte. Der Sprecher stand dabei neben der Richtkrone. Fritz Platenau hat einen solchen Spruch in seinen „Erinnerungen“ festgehalten:

Gar manches Haus durch Maurers Hand erbaut im Holz- und Steinverband, das müssen wir, wie’s hier geschehn mit Ständern und Gebälk versehn.
Und wär das Haus auch ganz aus Stein, so müssen sie ja obendrein es unserer Arbeit anvertraun, daß wir das Dach darauf erbaun; weswegen man den Zimmermann beim Baue nicht entbehren kann.
Er setzt nach alter Ordnung Lauf, dem Baue erst die Krone auf, weil immer mit dem Dachgerüst der Aufbau erst vollendet ist.
Ein gleiches was auch hier geschah:
Es steht das Haus gerichtet da,
auf dem das Ehrenzeichen prangt.
Nun sei vor allem Gott gedankt, der uns ein Schutz und Helfer war bei jeder drohenden Gefahr, daß keiner je zu Schaden kam, der teil an diesem Baue nahm.
Der Bauherr und die Seinen all sie leben hoch ja allzumal!
Nochmal ein Lebehoch, wie sichs gebührt all denen, die den Kranz geziert!
Auch den Baumeister nicht vergessen, der gezeichnet hat und gemessen, und der den Grundriß ausgetragen, wir alle wollen Dank ihm sagen!
Zum Schlüsse dieser Rede dann: ein Hoch dem Maurer und Zimmermann!

Zimmermannsreden auf Richtfesten enthielten bisweilen zotige Sprüche -1822sah sich die lippische Regierung deshalb sogar veranlaßt, ein Verbot „anstößiger Zimmermannsreden“ zu erlassen. Die Reden sollten fortan vor Beginn des Richtfestes der Obrigkeit zur Genehmigung vorgelegt werden. (Landes-Ver- ordnungen des Fürstenthums Lippe, 7. Bd„ 1833, S. 89)

Nachdem der Richtspruch aufgesagt war, wurde reihum Schnaps eingeschenkt, anschließend warf der Sprecher das Glas mit der linken Hand über die linke Schulter vom Dach herab: Scherben sollten Glück bringen. Zerbrach das Glas nicht- so glaubte man -, dann ruhte auf dem Haus kein Segen. Danach wurde nochmals „einen for de Kranzjungfern“ und „einen for dat ollgemeune Handwerkerpack“ geklopft, bevor das eigentliche Fest begann.

Nicht immer waren die Richtsprüche so besinnlich wie der hier ausgesuchte. Es hat Zeiten gegeben, da waren zotige Sprüche und üble Scherze der Zimmermeister und -gesellen keine Ausnahmen, so daß bisweilen gar die Obrigkeit einschritt: 1822 verordnete die Fürstlich-Lippische Regierung, daß fortan alle Zimmermannsreden zur Genehmigung vorzulegen seien, um „Anstößigkeiten und unpassende, ärgerliche Gegenstände“ daraus zu verbannen.17Landes-Verordnungen des Fürstenthums Lippe, 7. Band, Lemgo 1833, S. 89  Auch die Haushebungen als solche wurden verschiedentlich gesetzlich eingeschränkt, teilweise ganz verboten, wenn auch ohne großen Erfolg, weil, wie es hieß, durch diese Gelage „der herrschende Hang zum Saufen und Schwelgen“ genährt würde.18Verordnung wegen der Hochzeiten, Kindtaufen und Hausbührungen von 1783. In: Landes-Verordnungen der Grafschaft Lippe, 3. Band, 1789, S. 79. Das Verbot von 1770 wurde in dieser Verordnung teilweise wieder aufgehoben. Haushebungen waren seit 1770 offiziell verboten: vgl. Landes-Verordnungen der Grafschaft Lippe, 2. Band, 1781, S. 384

Die Errichtung einer Scheune in der Größe von 12 x 30 m dauerte – um einmal ein Beispiel zu nennen – ca. vier Wochen, wenn etliche zusätzliche Hilfskräfte daran mitarbeiteten und zwei bis drei Zimmerleute auf dem Bau anwesend waren.19Nach Angaben von Siuts, 1982, S. 256 Es war üblich, daß die Zimmerer, wenn sie auf einem Bauernhof arbeiteten, ebenso wie die freiwilligen Helfer beim Bauern in Kost waren. Die Löhne waren noch in den 20er Jahren extrem niedrig. Gearbeitet wurde wenigstens 60 Stunden die Woche, von morgens etwa 6 Uhr an „bis… abends die Bauersfrau zum Essen rief“.20„Aus der Arbeitswelt unserer Väter: ein Zimmermann erzählt“, 1984

Ähnliches gilt für die auf der Baustelle beschäftigten Tischler. Sie hatten all die Arbeiten auszuführen, bei denen gehobelt, geleimt und ggf. gedrechselt werden mußte, sofern diese Aufgaben nicht von den Zimmerleuten mit übernommen wurden. Dazu gehörten Fußboden- und Deckenbretter, Wandverkleidungen, Fußleisten, Treppen und Geländerpfosten. Darüber hinaus fielen aber für einen Tischler während des ganzen Jahres Reparaturen im bäuerlichen Bereich an. Die Tischler übernahmen Ausbesserungsarbeiten sowohl an Ackerwagen und hölzernen Geräten für die Landwirtschaft als auch in Ställen, Scheunen und Wohnhäusern. Zu diesem Zweck arbeiteten sie dann direkt vor Ort auf dem Hof und wurden dort auch verpflegt, wobei die Bauern das benötigte Holz meist selbst stellten.

Hillebille-Schlagen in Kreienberg bei Schwalenberg, um 1933. Die „Kronenjungfrau“ übergibt den Handwerkern die Richtkrone zusammen mit einer Flasche Schnaps.

War ein Bauer gestorben, so kam es nicht selten vor, daß das für den Sarg benötigte Holz von der Familie des Verstorbenen geliefert wurde. Viele lippische Bauern begannen noch zu Lebzeiten, Eichenholz zu lagern, das für ihren eigenen Sarg bestimmt war. Der Tischler durfte dann nur dieses Holz verwenden. Manche stellten sich sogar schon den fertigen Sarg auf den Boden, um sicherzugehen, daß er ihnen gefiel.

Tischlerei Tellbüscher in Lage, um 1920. Das zur Verarbeitung vorgesehene Holz mußte gut abgelagert sein – vor allem solches, das zur Herstellung von Möbeln benötigt wurde. Die Tischler hatten daher immer einen größeren Vorrat an Holz in oder außerhalb ihrer Werkstatt gelagert.

Anders war es bei sonstigen Auftragsarbeiten, die in der eigenen Werkstatt ausgeführt wurden. Dort hatte der Tischler auch immer große Stapel Holz gelagert, das in der Regel auf dem Stamm aufgekauft und nach dem Zuschneiden der Bretter ca. zwei bis vier Jahre abgelagert werden mußte. Das galt insbesondere für Eichenholz, das z.T. noch längere Lagerzeiten benötigte, bevor es zu Möbeln verarbeitet werden konnte. Vor 1880 wurden die Bretter noch von Hand gesägt, später brachte man das aufgekaufte Holz mit dem Pferdefuhrwerk zur Sägemühle und ließ es dort zuschneiden.23vgl. Siuts, 1982, S. 258-262

Zur Ausstattung einer Tischlerwerkstatt gehörten immer eine oder mehrere Hobelbänke, Rauhbänke zum Aushobeln von Türrahmen, vier bis fünf verschiedene andere Hobel und wenigstens ebensoviele Sägen, Winkelmaße, Hämmer, Bohrer und Schraubzwingen. Mit Ausnahme der Eisenteile wurden alle Werkzeuge selbst hergestellt. Dasselbe gilt für die benötigten Holznägel, die stets aus dem gleichen Holz angefertigt wurden, aus dem das Werkstück war. Zum Leimen nahm man Knochenleim, der auf dem Ofen erhitzt wurde.

Noch in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stellten die lippischen Tischler auch die in den Privathäusern benötigten Möbel selbst her. Dazu zählten Tische, Stühle und Bettgestelle, aber auch Truhen, Kinderwiegen und alle Arten von Schränken. Serienweise produzierte Möbel, wie sie ab 1898 in der Firma des gelernten Tischlers und späteren „Hofmöbelfabrikanten“ Ernst Hilker in Detmold24vgl. Erich Kittel, Heimatchronik des Kreises Lippe, 1978, S. 533-534  und wenig späterauch in anderen lippischen Möbelfabriken hergestellt wurden, kamen in der Folgezeit in immergrößeren Mengenaufden Markt und verdrängten die zwar handwerklich wertvolleren, aber auch teureren Einzelanfertigungen. In den 30er Jahren wurden schon über wiegend industriell hergestellte Möbel von der Bevölkerung gekauft, so daß die meisten kleinen Tischlereien die Anfertigung von Möbeln aufgaben und sich auf Bautischlerei, Laden- und Innenausbau oder Restauration spezialisierten oder selbst zur Serienproduktion übergingen und ihren Betrieb entsprechend umrüsteten. Bezeichnend für Lippe ist, daß viele Betriebe der lippischen Möbelindustrie aus solchen kleinen ehemaligen Tischlerwerkstätten hervorgegangen sind.

Arbeit mit Spannsäge und Rauhbank in der Tischlerei. Die Herstellung von Möbeln in Einzelanfertigung, wie sie noch im 19. Jahrhundert üblich war, wurde zunehmend aufgegeben. Die Tischlereien spezialisierten sich auf solche Arbeiten, die sich nicht in Serienproduktion bewerkstelligen lassen: Bautischlerei, Laden- und Innenausbau oder Restauration.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die von den lippischen Dorftischlern hergestellten Möbel noch aus massivem Holz. Tische, Stühle, Anrichten und „Pottbretter“ zum Aufreihen des Eßgeschirrs waren meist aus Eiche. Das Verarbeiten von Edelholzfurnieren war zwar in Deutschland schon seit Jahrhunderten bekannt, wurde aber in den Dörfern wenig praktiziert, da die kostbaren Hölzer für Bauern und „kleine Leute“ unerschwinglich und der Transport auch zu aufwendig gewesen wäre -zumal in einem verkehrsmäßig so wenig erschlossenen und abgelegenen Fürstentum, wie es Lippe um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch war. Selbst in den lippischen Städten zeigte das Möbelhandwerk eine ausgeprägte Vorliebe für die einheimischen Holzarten. Während es in anderen deutschen Städten in den vornehmen Bürgerhäusern längst Möbelstücke aus Mahagoni- oder Kirschbaumfurnier gab, haben die Lipper seit jeher Eichenholz vorgezogen. Die wenigen Intarsienmöbel waren denn auch überwiegend Importwaren. Intarsienbetriebe waren in Lippe kaum vorhanden. Einer der wenigen Betriebe dieser Art, allerdings erst 1948 gegründet, war der von Joseph Kleinschmidt in Hiddesen, der 30 Jahre später als letzter Intarsienschneider der Bundesrepublik galt.25siehe Joseph Kleinschmidt und Heinz Wiemann, Rio-Palisander für Schwalenberger Schwalbe I. In: Heimatland Lippe, 77, 12, 1984

Stuhlfabrik Eduard Krone, Blomberg, um 1898. Die Firma wurde 1880 gegründet und war als eine der ersten lippischen Möbelfabriken mit modernen Maschinen (Hobel und Fräse) ausgestattet. Bei einer Belegschaft von 25 Mitarbeitern wurden damals 300 Stühle pro Woche produziert.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung um die Jahrhundertwende stieg im Zuge des Baubooms auch die Nachfrage nach Möbeln an. Weil Eichenholz jedoch damals noch sehr lange Lagerzeiten hatte, da es die heute üblichen Trockenkammern noch nicht gab, traten schon bald Engpässe bei der Holzbeschaffung ein. Eine Folge der Verknappung war, daß die Preise für das schon immer recht teure Eichenholz weiter anzogen. Aus Kostengründen ging man daher gegen Ende des Jahrhunderts mehr und mehr dazu über, Eichenholzfurniere zu verwenden. Dabei werden dünne Eichenplatten auf das Kernholz des Werkstücks – früher meist Tannenholz – geleimt. Nicht nur Möbel, sondern auch Bilderrahmen, Uhrenkästen und anderer Hausrat wurden auf diese Weise hergestellt, während die in der Landwirtschaft benötigten, ebenfalls vom Tischler hergestellten Gebrauchsgegenstände wie Schemel, Schneideladen und Futterkrippen weiterhin aus massivem Eichenholz angefertigt wurden. Vor Einführung geeigneter Maschinen zur Holzverarbeitung mußten Furnierhölzer von Hand gesägt werden und hatten dann eine Stärke von bis zu 5 mm (heute verwendete Furniere haben dagegen durchweg eine Stärke von 0,6 mm). Nicht zuletzt wegen der mühsamen Bearbeitung, wodurch sich die Anfertigungszeit verlängerte und daher der Preis für solch ein Möbelstück kaum niedriger war alsfür ein Teil aus massivem Holz, war die Verwendung von Eichenfurnieren in der Möbelherstellung kaum gebräuchlich.Das änderte sich, als mit Hilfe von Maschinen Furniere fabrikmäßig und damit zu erheblich niedrigeren Preisen hergestellt werden konnten. Eine der ersten Furnierschälmaschinen wurde 1886 von dem Blomberger Kommerzienrat Bernhard Hausmann aufgestellt. Er war es auch, der wenige Jahre später (1893) als erster ein Verfahren zur Herstellung von Buchensperrholzplatten entwickelte. Damit war die Grundlage für eine weitere Verbilligung von Möbeln geschaffen.26vgl. Kittel, Geschichte des Landes Lippe. 1957, S. 395-396

Um dieselbe Zeit gehörten Möbel noch zur Aussteuer einer Frau, die am Tage der Hochzeit auf dem Brautwagen nebst anderem Hausrat zum Haus des Bräutigams gefahren wurden. Der Umfang der Mitgift war gestaffelt und hing vom sozialen Status der Familie der Braut ab. In einem Entwurf zu einer Landesverordnung aus dem Jahre 1790 war festgelegt, wieviel einer Tochter bei der Hochzeit mitzugeben sei. Die Tochter eines Vollmeiers erhielt demnach wertmäßig mehr als das 20fache dessen, was ein Hoppenplöcker seiner Tochter mit in die Ehe geben konnte. Dazu zählten an Möbeln (für ein Mädchen von einem Vollmeierhof): ein Bettspann (=zwei Bettgestelle), ein Tisch, zwölf Stühle, ein Kleiderschrank und eine Truhe. Oft wurden zusätzlich kostbare Anrichten mit Regalen für Prunkteller, gedrechselten Säulen sowie Türen mit Einlegearbeiten mitgegeben. Die Tochter eines Hoppenplöckers erhielt dagegen lediglich zwei Bettgestelle und eine Kiste zum Aufbewahren von Kleidern.27vgl. Staatsarchiv Detmold I, 77 a R.R., Fach 114, Nr. 1

Die Sitte, Möbel mit in die Ehe zu bringen, hatte einen durchaus praktischen Grund: sie dienten als Ersatz für den vom Altbauern in die Leibzucht mitgenommenen Hausrat. Zu Beginn unseres Jahrhunderts hatte sich die finanzielle Situation auch der Einlieger und Straßenkötter so weit gebessert, daß ihre Töchter einen „vollen“ Brautwagen mit in die Ehe bringen konnten. Bargeld wurde nach wie vor kaum verschenkt, doch versuchte man, eine möglichst vollständige Möbelausstattung zusammenzubringen. Dazu gehörten: sechs Stühle, zwei Bettgestelle, ein Wäsche- und ein Kleiderschrank, ein Tisch und ein „Stubenschrank“. Hinzu kamen Eimer, Töpfe und Koffer. Nach Angaben des Zieglers Heinrich Adam kostete so ein Brautwagen 1912 ca. 218 DM einschließlich aller Möbel. Wenn man bedenkt, daß zu dieser Zeit noch die meisten Möbel vom Tischler in Handarbeit angefertigt wurden, gewinnt man einen Eindruck davon, wie niedrig die Arbeitslöhne im Handwerk waren. Sie lagen trotz langer Arbeitszeiten in jedem Falle unter den Akkordlöhnen für Ziegler, die 1911 etwa 10 DM pro Tag betrugen.

Die meisten Möbelstücke eines Brautwagens waren noch um die Jahrhundertwende und bis zum Ersten Weltkrieg Einzelanfertigungen, die vom Tischler nur auf Bestellung angefertigt wurden. Eine der wenigen Ausnahmen waren die damals sehr beliebten und auch in andere Teile des Deutschen Reiches exportierten „Blomberger Stühle“ aus einerdervielen BlombergerTischlereien und Möbelfabriken, wie etwa aus der Stuhlfabrik Eduard Krohne, Fa. Ramm & Co., Brede und Schwarz, Stoß & Co. oder Zoschke & Vesting.

Die Firma Krohne wurde bereits 1880 gegründet und war anfangs ein reines Handelsgeschäft. Erst später kam die Fertigung von Stühlen hinzu. Ausgerüstet mit den ersten Maschinen zur Holzverarbeitung (Hobel und Fräse) wurden hier Ende des vorigen Jahrhunderts bei einer Belegschaft von 25 Mann ca. 300 Stühle pro Woche produziert.28vgl. August Bünte, Die Stadt Blomberg, 1953, S. 16-17: Ernst Thelemann, Chronik der Stadt Blomberg, 1969, S. 104: „Export Blomberger Stühle blühte bereits vor 200 Jahren“. In: Unsere lippische Heimat 95, 1988, vom 23. April

Belegschaft der 1895 gegründeten Blomberger Stuhlfabrik Brede & Schwarz (sitzend der Firmengründer Hermann Brede), im Jahre 1896. Die Herstellung von Stühlen hat in Blomberg eine lange Tradition. Um die Jahrhundertwende wurden Blomberger Stühle in alle Teile des Deutschen Reiches geliefert.

Die Stuhlfabrikation als Sonderform der Möbelherstellung hat in Blomberg eine lange Tradition. Schon um 1780 gingen von hier große Lieferungen an Stühlen nach Münster und Osnabrück29vgl. Paul Wendiggensen, Beiträge zur Wirtschaftsgeographie des Landes Lippe, 1931, S. 166-167 . Um 1830 exportierte Blomberg jährlich geschätzte 400 Dutzend Stühle im Wert von 6000 Talern bis weit nach Westfalen, Hessen und Hannover hinein30Lippisches Magazin für vaterländische Cultur und Gemeinwohl, 1835, Nr. 10, S. 152-153 , als in anderen lippischen Orten noch ausschließlich für den lokalen Bedarf produziert wurde.

Insgesamt gesehen hat sich das Tischlerhandwerk jedoch auch in den übrigen Teilen Lippes als außerordentlich flexibel erwiesen. Es gehört zu den wenigen alten Handwerken, die ihre Stellung im Wirtschaftsleben trotz aller technischen und wirtschaftlichen Wandlungen bis heute behaupten konnten. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war sicherlich die Tatsache, daß nach wie vor viele Holzarbeiten,  insbesondere im Innenausbau, in „Hand-Arbeit“ ausgeführt werden müssen und nicht, oder nur zum Teil, durch industriell gefertigte Massenwaren ersetzt werden können, wie dies bei so vielen anderen Handwerksprodukten der Fall ist. Andererseits hat es das Tischlerhandwerk aber auch verstanden, sich den technischen Erfordernissen der Neuzeit anzupassen und unrentabel gewordene Produktionszweige – wie etwa die Möbelherstellung – rechtzeitig aufzugeben. Um den erhöhten Anforderungen in technischer, aber auch kaufmännischer Hinsicht entsprechen zu können, wurden beispielsweise in Detmold seit 1880 Abendkurse für Tischler angeboten. Im Jahre 1893 entstand aus dieser Schule die Tischlerfachschule Detmold, die zunächst sechs bis zwölfmonatige Fortbildungskurse durchführte, später den Lehrplan um neue Stoffgebiete wie Betriebswirtschaft und Innenarchitektur erweiterte und 1953, 60 Jahre nach ihrer Gründung, schon ein sechssemestriges Studium anbot.31vgl. Tischlerfachschule Detmold, 60 Jahre Tischler-Fachschule Detmold. 1953, S. 5 ff.  Aufgrund dieser Anpassungsfähigkeit an veränderte Wirtschafts- und Produktionsbedingungen einerseits und seiner Unersetzbarkeit andererseits hat das Tischlerhandwerk in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs stets in besonderer Weise prosperiert. Das traf bereits – wie die statistischen Angaben zeigen – auf die Gründerzeit zu, während das Zimmerhandwerk zur gleichen Zeit wegen Änderungen des Baustils rückläufige Tendenzen aufwies. Auch die 30er Jahre nach dem Ende der Weltwirtschaftskrise bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges brachten dem Tischlerhandwerk eine relativ gute Auftragslage. Vor allem aber nach 1948 kam den Tischlern der steigende Lebensstandard und der enorme Nachholbedarf der Bevölkerung zugute. so daß die Zahl der Tischlereien sprunghaft anstieg: allein zwischen 1948 und 1950 gingen bei der Handwerkskammer Detmold insgesamt 121 Anträge auf Eintragung in die Handwerksrolle ein – mehr als in jedem anderen Handwerk.32siehe Handwerkskammer Detmold, 50 Jahre Handwerkskammer Detmold, 1950, S. 39

Quelle: Landleben in Lippe 1850 – 1950